Der Titel ist Programm. Mit ihrem neuen Album FRECH veröffentlicht die Berliner Hyperpop-Künstlerin Mariybu ein Album, das provoziert und keine Angst davor hat, anzuecken. In den Songs geht es um alltäglichen Sexismus, von Catcalling über dumme Kommentare und Online-Hass bis hin zu Machtverhältnissen und Selbstermächtigung. Satirisch, lustig, wütend und empowernd liefert FRECH maximale Unterhaltung.
Kurz vor Albumrelease sprach sie mit uns über fragile Männer-Egos, Doppelmoral und darüber, warum das Patriarchat manchmal die beste Inspiration liefert.
Mariybu im Interview
Leonie: Du kommst ja gerade frisch von der Tour mit Blond. Wie war das und wie geht’s dir?
Mariybu: Ich bin irgendwie noch sehr beseelt. Ich kann gar nicht glauben, dass es nur eine Woche war. Ich bin auch echt, würde ich sagen, richtig sad, weil die ja noch weiterfahren. Und ich war ja quasi ein Drittel der Tour dabei.
Ich bin auch müde, sehr müde, weil ich den letzten Abend natürlich voll auskosten wollte mit einem Teil vom Team und danach sehr lange wach war. Ja, aber mainly bin ich eigentlich einfach richtig happy, weil es so eine krass schöne Tour war.
Dein neues Album FRECH ist politisch, queer, gesellschaftskritisch, feministisch, provozierend, we love to see it. Wie fühlt sich das für dich an, dass das jetzt raus in die Welt geht?
Endlich kommt dieses Album raus und alle können alles hören. Auf der anderen Seite fühlt es sich auch an wie: Krass, was? Das kommt jetzt schon raus? Ich bin doch gar nicht bereit. Aber ehrlich gesagt fühlt es sich genau richtig an.
Es ist schon so viel Gutes passiert, dass ich mir vom Album-Release gar nicht mehr groß etwas erwarte. Ich bin einfach froh, dass es draußen ist, weil alles, was jetzt schon passiert ist, mehr ist, als ich mir hätte wünschen können. Ich bin für dieses Jahr gefühlt schon komplett bedient (lacht).
Wie schön eigentlich, richtige Selbstverwirklichung. Und mega auch, dass du mit dem Prozess zufrieden bist.
Dann lass uns doch gleich mal reingehen. In der ersten Line und in der Opening Line bezeichnest du dich ja schon selber als Bitch und Fotze. Wer oder was ist für dich eine Bitch und hat sich der Begriff für dich schon immer empowernd angefühlt?
Früher war der Begriff für mich etwas ganz anderes. Eine Bitch war für mich eine hinterhältige, gemeine, übertrieben zickige Frau. Das war auf jeden Fall eine Beleidigung.
Was ich auch krass finde: Ich wurde das erste Mal mit sieben schon als Fotze beleidigt. Und das ist ultra früh, wenn ich heute darüber nachdenke. Ich weiß noch genau, dass mir das nicht aus dem Kopf gegangen ist. Ich musste jeden Tag daran denken, dass dieser Junge das vor der gesamten Klasse zu mir gesagt hat.
Dass das irgendwann ein empowernder Begriff wurde, ist erst im Laufe des Erwachsenwerdens passiert – das ist ja mittlerweile auch eine Bewegung. Als ich das erste Mal SXTN gehört habe, war das so der Moment, wo es bei mir angefangen hat. Am Anfang konnte ich mir das kaum anhören, weil ich dachte: ‚Ach du Scheiße, was sagen die da?‘
Aber dann habe ich gemerkt, wie gut es sich anfühlt, mitzusingen und sich diese Begriffe zurückzuholen und habe immer mehr angefangen, mich auch selbst so zu bezeichnen.
Für mich ist Bitch mittlerweile eher etwas anderes geworden. Wenn mir jemand sagt: ‚Boah, du siehst aus wie eine Bitch‘, dann denke ich eher: ‚Hm, danke.‘ Das ist für mich eher sassy, strong, schlau, gewitzt – und auch irgendwie hübsch. Es hat für mich einfach positive Attribute bekommen.
Ich mag es auch, damit zu spielen. Der Song „Dein Ideal” zum Beispiel besteht nur aus Hate-Kommentaren. Und da geht es genau um dieses: ‚Ja, okay, ich bin eine Bitch – und jetzt?‘
Einfach um zu zeigen: Ihr könnt uns damit nicht beleidigen. Diese typisch weiblichen Attribute werden ja schnell negativ gelesen – emotional wird dann direkt zu zickig und so weiter. Und ich finde es wichtig, das umzudrehen und diese Begriffe neu und positiver zu besetzen.
Voll, das ist ja auch eines der zentralen Themen im Album. Würdest Du sagen, dass das den kreativen Prozess als zentrale Inspiration gestartet hat, oder hattest Du dabei mehrere Faktoren?
Ich glaube, für mich war bei diesem Album das Hauptding, dass ich voll anders an alles rangegangen bin. Vorher war ich irgendwie direkter und habe das nicht so auf die Schippe genommen.
Jetzt ist alles sehr ironisch und satirisch. Das ist für mich ein Mittel, um die Kraft aus diesen Beleidigungen und diesem Hass rauszunehmen.
Natürlich waren dumme Typen sozusagen der Hauptantrieb für dieses Album. Aber ich finde es auch geil, weil ich mit deren Kommentaren Geld machen kann. Ich lebe davon, dass diese Pisser mir Inhalt geben und dadurch so viele Sachen viral gegangen sind.
Ich erlebe den Scheiß so oder so, dann kann ich jetzt auch darüber schreiben und irgendwie Geld damit machen. Danke für die Inspiration.
Ja, sehr iconic auf jeden Fall. Und speaking of annoying men in den Kommentaren, du hast ja auch einen Release an einem besonderen Tag. Willst du dazu kurz was erzählen?
Ich habe mir gedacht: Welcher Tag im Jahr wäre perfekt für mein Albumrelease? Der Herrentag! Der Tag, an dem mich Männer ganz besonders nerven und Catcalling ganz oben steht.
An dem Tag könnte ich doch mal Männer ärgern, mein Album rausbringen und mich über die lustig machen. Und dann hat sich alles irgendwie gefügt, auch mit dem Cover-Art und dem Würstchengrillen – Männertag eben.
Ja, frech von dir, ne?
Ey, das meinte so ein Typ auch zu mir. Er hat irgendwas gesagt, ich habe irgendwas kritisiert, und dann meinte er: ‚Das ist ganz schön frech von dir.‘ Und ich so: ‚Gut, dass du’s sagst.‘
Ich glaube, so nenne ich mein Album. Und ja, danke. Perfekt.
Wie würdest du dein Album in drei Wörtern beschreiben?
Frech, schnell, lustig.
Und welchen Eindruck möchtest du bei Hörer*innen hinterlassen, die das Album einmal ganz durchgehört haben?
Ich möchte auf jeden Fall, dass es eine Journey ist und sich vor allem FLINTA-Personen empowert fühlen. Cis-Männer sollen es schon funny finden, aber das Lachen soll ihnen manchmal auch im Hals stecken bleiben.
Spätestens beim vorletzten Song soll dann eher ein wirklich ernstes Gefühl entstehen – Trauer oder auch Wut. Ich möchte aber mit dem letzten Song nochmal alle zum Lachen bringen und irgendwie so einen sanften Ausklang schaffen. Der letzte Song ist so ein bisschen dafür da, alle wieder rauszuholen, wie in einer Therapie, sie einzufangen, zurückzuholen und so ein bisschen in den Arm zu nehmen.
Und der Einstieg ist halt wirklich da, um erstmal alle zu catchen. Ich will, dass die Leute das Gefühl haben, sie haben etwas gelernt und mitgenommen, aber auch einfach Spaß hatten. Ich hatte extrem viel Spaß dabei, dieses Album zu machen, es war so witzig. Das steht an erster Stelle, weil ich denke, dass man, wenn man Spaß hat, auch offener dafür ist, wirklich zuzuhören.
Ich habe in deinen Pressematerialien gesehen, dass du als Pionierin des Genres Fotzenmusik beschrieben wirst. Wo siehst du Fotzenmusik denn in der Zukunft hingehen?
Ich bin noch voll dabei, mich da so dazuzuzählen, weil dieses Fotzenmusik-, Fotzenrap-Ding gefühlt erst seit einem halben Jahr offiziell existiert. Ich glaube, es gibt das vielleicht schon länger, wenn man die Early Days von SXTN mit reinbezieht, aber es hat sich nochmal sehr verändert, vor allem auch mit Ikkimel als Figur.
Also das Ding ist halt: Fotze sagen und diese Art von Musik machen, das mache ich seit sieben Jahren. Deswegen ist das für mich jetzt nicht so etwas mega Neues. Neu ist eher, dass es jetzt so die breite Masse erreicht.
Es ist natürlich mega geil, dass Ikkimel da jetzt so eine Riesenreichweite hat und das so breit verteilt. Deswegen denke ich mal, wird das immer weiter wachsen. Das merkt man ja auch gerade, wie viele FLINTAs Fotzenrap machen.
Ich hoffe einfach, dass das dazu beiträgt, dass wir uns wirklich den Platz nehmen, der uns zusteht – und vielleicht irgendwann in Richtung 50-50-Verteilung gehen.
Du trägst ja auch deinen Teil dazu bei und empowerst Leute mit deiner Musik. Hast du einen Song auf dem Album, mit dem du besonders connectest oder der dir sehr am Herzen liegt?
Das ist wirklich schwierig, aber ein Song der für mich doll heraussticht, war von Anfang an „Nicht alle Männer.” Er hat eine ganz andere Produktion, ich hatte sowas noch nie versucht. Und es war auch so ein bisschen ein Risiko, weil ich auch dachte: Wird dieser Song überhaupt ankommen? Das hat gar nichts mit meinem sonstigen Musikstil zu tun. Und der Text ist mir halt voll wichtig, weil ich auch mit meiner Mom beim Schreiben viel geredet habe. Und ja, es hat mir irgendwie voll viel bedeutet, da auch so ihre Geschichte mitzuerzählen und die von meiner Oma – also generationsübergreifend diesen Song zu machen.
Und dann auch noch mit Ebow zusammen, von der ich seit acht Jahren Fan bin. Ich glaube, in dem Song kommen einfach so viele emotionale und aufregende Sachen für mich zusammen, dass das schon auch mein Baby ist. Und es ist echt schön, dass der so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, oder immer noch bekommt.
Da hattest du ja auch ein sehr cooles Release-Datum. (Die Single erschien am 08. März, dem feministischen Kampftag.) Gab es denn im Schreibprozess vorher, auch generell bei dem ganzen Album, irgendwelche Momente oder Lines, die zu dir gekommen sind, die dich selber überrascht haben?
Jeder Song, ich schwöre. Es ist voll oft so, dass ich anfange, einen Text zu schreiben, und mir denke: Wo geht der Song hin? Ich habe keine Ahnung, was schreibe ich hier gerade überhaupt?
Das ist so ein bisschen wie Psychoanalyse, wo man einfach frei assoziiert und gar nicht weiß, wie die Dinge zusammengehören. Und dann merkt man am Ende: Krass, dieses Thema beschäftigt mich übelst doll.
Manche Songs auf dem Album waren aber auch Konzept. Bei „Alphafeminist” habe ich einfach gesammelt, was da für Kacksachen kommen.
„Schlaflied” war für mich auch spannend, weil das ein völlig anderer Sound ist. Ich habe mit „Guten Abend, gute Nacht” angefangen und war so: Was soll das für ein Song werden? Und dann ist halt das daraus geworden.
Ich glaube, das hat mich am meisten überrascht. Also wirklich eine Mischung aus Trust the Process, Therapiesessions und Konzepten.
Du möchtest (mit deiner Musik) ja auch Banden kreieren und mit FRECH passiert das auf jeden Fall durch die Kollaborationen. Du hast schon ein bisschen erzählt, aber wie hast du Ebow und 6euroneunzig denn kennengelernt? Also wie sind die Kollabs entstanden und wie war der Prozess mit allen für dich?
Also 6euroneunzig kenne ich schon länger, wir haben ja auch vorher schon zusammen ein Feature gemacht, „Pussypop” auf der EP von 6euroneunzig. Es war irgendwie klar, dass wir irgendwann mal einen Song zusammen machen. Dann haben wir uns letztes Jahr im Studio getroffen und uns direkt übelst gut verstanden.
Und irgendwie war dann auch direkt klar, dass wir uns gegenseitig zurückfeaturen, weil wir einfach so eine gute Zeit hatten. Wir haben super harmoniert und super zusammen geschrieben. Das war voll nice, weil die beiden voll klar ihre Meinung sagen und ich auch voll klar meine Meinung sage. Aber niemand fühlt sich davon angegriffen.
Mit Ebow: Ich wusste gar nicht, ob sie überhaupt mit mir einen Song machen will. Ich habe sie dann einfach gefragt und sie hatte sofort übelst Bock. Das war richtig geil.
Ich freue mich einfach voll, dass die Features auf dem Album wirklich auch Friends sind. Das ist richtig schön.
Eine Sache, die ich noch sehr cool finde, auch bei deinen Lyrics auf dem Projekt, ist, dass du Machtverhältnisse und Geschlechterrollen komplett umdrehst, um sie zu kritisieren. Natürlich auch überspitzt – aber manchmal vielleicht gar nicht so doll.
Ich habe das Gefühl, man hört dann immer diesen Satz: ‚Das ist ja dann auch Sexismus, nur andersrum.‘ Was ist dein Take dazu?
Ja, erstmal kann man über sowas eigentlich nur lachen. Und ich glaube, Sexismus andersrum gibt es per Definition halt gar nicht.
Ich habe ja auch Cis-Männer als Friends. Niemand davon würde auf die Idee kommen, sich von so einem Text angegriffen zu fühlen. Also wie tief musst du gesunken sein, dass dich so ein Text angreift?
Wenn du dich angegriffen fühlst, dann bist du halt wahrscheinlich genau das Problem. Dann bist du gemeint. Genau das kenne ich ja auch von mir selber: Als ich das erste Mal mit eigenen rassistischen Narrativen von mir konfrontiert wurde, war ich auch direkt so: ‚Nee, auf gar keinen Fall‘ und habe mich übelst angegriffen gefühlt.
Das sind genau die Momente, in denen du merkst: Es geht um mich. Deswegen denke ich bei den Typen, die sich davon angegriffen fühlen: Ja, es geht um euch. Hoffentlich wirkt das dann wenigstens als kleiner Wake-up-Call.
Hast du von deiner Seite aus noch etwas, was du gerne teilen möchtest, was Leser*innen sehen sollen, wissen sollen, wie sie dich erinnern sollen, oder generell etwas, das dir einfach irgendwie auf dem Herzen liegt?
Ich kann es mir natürlich nicht verkneifen, noch Werbung für meine Tour im September zu machen.
Ich habe halt zwei Jahre lang live gespielt, ohne überhaupt etwas veröffentlicht zu haben, viel auf Demos. Das war für mich auch politische Arbeit, einfach auf der Bühne zu stehen, politische Musik zu machen.
Und erst danach habe ich angefangen, Sachen rauszubringen. Deswegen bin ich so richtig eine Live-Musikerin durch und durch. Und ja, es ist für mich total schön, dass das Album jetzt rauskommt.
Ich freu mich auch schon sehr auf die Tour, wie cool! Dann habe ich noch eine letzte Frage an dich. Wann warst du das letzte Mal so richtig frech?
Was mir direkt einfällt: Ich schicke manchmal Typen aus der ersten Reihe, die mir eklig vorkommen, von der Bühne aus nach Hause. Das habe ich schon öfter gemacht. Die stehen dann in der ersten Reihe, mitten vorne, bewegen sich nicht, filmen von unten, auch unter den Rock.
Und da weißt du schon: Die sind nicht hier, weil sie Fans sind. Dann unterbreche ich manchmal einfach Songs und sage: ‚Du störst mich, ich fühle mich nicht wohl hier, geh bitte nach Hause.‘ Und wenn du nicht gehst, mache ich nicht weiter.
Das sind auf jeden Fall so richtig gute Momente, in denen ich mich auch echt frech fühle.
Hier geht es zu den Tickets für die FRECH-Tour:
24.09.2026 Köln
26.09.2026 FFM
27.09.2026 Göttingen
02.10.2026 Leipzig
03.10.2026 Wien
04.10.2026 München
08.10.2026 Hannover
09.10.2026 Karlsruhe
10.10.2026 Freiburg
11.10.2026 Zürich
16.10.2026 Hamburg
17.10.2026 Bremen
18.10.2026 Münster
07.11.2026 Berlin
