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  • Noah Kahan bringt uns mit „The Great Divide“ vertrauten Folk aus Nordamerika

    Noah Kahan bringt uns mit „The Great Divide“ vertrauten Folk aus Nordamerika

    Nach dem Erfolg von „Stick Season“ ist Noah Kahan zurück mit einem neuen Album und bleibt seinem Folk-Sound bemerkenswert treu. Mit „The Great Divide“ liefert er einen Wiedererkennungswert, statt größer oder lauter zu werden und verarbeitet darin den Bruch zwischen Herkunft, Erfolg und Beziehungen – so ehrlich wie immer. 

    The Great Divide – in der erweiterten Version The Last of the Bugs inklusive der vier Bonustracks „Lighthouse“, „Orbiter“, „Staying Still“ und „A Few Of Your Own“ – fühlt sich weniger wie ein Neustart an, sondern eher wie eine Weiterentwicklung dessen, was Noah Kahan ohnehin schon außergewöhnlich gut kann: Geschichten erzählen, die sich einerseits sehr spezifisch und persönlich, andererseits aber auch universell und sehr relatable anfühlen. Die Mischung scheint genau richtig zu sein und hat seit dem Release unfassbar viele Menschen erreicht.

    In der Ruhe liegt die Kraft

    Was direkt auffällt: Dieses Album nimmt sich Zeit. Viel Zeit. Gerade einmal vier der insgesamt 21 Songs bleiben unter vier Minuten und die Tracks wirken durch ihre Länge wie Gespräche, Erinnerungen oder Gedanken, die sich langsam entfalten dürfen, statt schnell vorbeizuziehen, wodurch das Album etwas Tagebuchartiges mitführt.

    Klanglich bleibt Noah Kahan klar in seiner Komfortzone (die ebenfalls auch meine ist, aka Folk) und das ist natürlich keineswegs negativ gemeint! Eine gute Mischung aus Singer-Songwriter-Melancholie und folkigen Gitarrenklängen machen das Album sofort als typisch Noah Kahan erkennbar. Wer Stick Season mochte, wird sich hier direkt zuhause fühlen. Gleichzeitig hört man aber, dass The Great Divide größer gedacht ist. Produziert von Gabe Simon und Aaron Dessner wirken manche Songs cineastischer, weiter und emotional aufgeladener, wobei der Sound reduziert genug bleibt, um Kahans Storytelling den Raum zu geben, den es verdient hat.

    Home Sweet Home

    Auch thematisch bleibt Noah Kahan dort, wo er am stärksten ist: zu Hause. Oder genauer gesagt: bei der komplizierten Beziehung zu dem Ort, aus dem man kommt. Vermont ist auch auf The Great Divide allgegenwärtig – nicht nur geografisch, sondern emotional. Wetter, Jahreszeiten und Natur werden wie auch auf dem vergangenen Album hier erneut zu Metaphern für mentale Zustände, Beziehungen und Veränderung und gerade diese Bildsprache macht Kahans Musik so besonders. Der Übergang vom Sommer in den Herbst (oder auch in die Stick Season) wird bei ihm nie nur meteorologisch erzählt, sondern steht fast immer für emotionale Verschiebungen, die auf dem Album erzählt werden.

    When The Seasons Change

    Besonders eindrücklich gelingt das direkt im Opener „End of August“. Der Titel sagt schon alles. Der Song fühlt sich an wie die letzten warmen Tage vor einem emotionalen Absturz und beschreibt eine seltsame Mischung aus Nostalgie, Lebendigkeit und unterschwelliger Angst vor dem, was kommt. Die Zeile „The minute that September hits, I’m goin’ off my medicine“ knüpft dabei direkt an Kahans wiederkehrende Auseinandersetzung mit mentaler Gesundheit an. Wie schon auf Stick Season wird der Wechsel der Jahreszeiten zu etwas Beängstigendem und der Übergang in die dunklen Monate wird zum Sinnbild für Isolation, Depression und das Gefühl, sich selbst zu verlieren.

    Relatable Stories To Tell

    Das emotionale Zentrum des Albums bleibt jedoch der Titeltrack „The Great Divide“. Hier verarbeitet Kahan die Distanz zu einem ehemaligen Freund und reflektiert darüber, wie sich Beziehungen über Jahre verändern können, bis irgendwann kaum mehr übrig bleibt als gemeinsame Erinnerungen, die einen verbinden. Besonders schmerzhaft wirkt dabei die Erkenntnis, dass Verbindungen manchmal nicht an einem großen Streit zerbrechen, sondern an kleinen Verschiebungen, Schweigen und Entfremdung. Der Song greift das Gefühl auf, dass man eigentlich nie so richtig weiß, wann Freundschaften vorbei sind, wann ein letztes Mal ein letztes Mal ist und man sich langsam voneinander entfernt und entfremdet. Es ist genau diese Art von emotionaler Ehrlichkeit, die Kahan so stark macht: Er schreibt nie über Schmerz, als hätte er Antworten darauf, sondern lässt seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf.

    Auch „Downfall“ gehört zu den sehr starken Momenten des Albums. Der Song beschreibt die widersprüchliche Erfahrung, jemanden gehen zu lassen, gleichzeitig aber insgeheim zu hoffen, dass diese Person scheitert und zurückkommt. Dieses unangenehme Gefühl von Liebe, Besitzanspruch und Unsicherheit formuliert Kahan unangenehm ehrlich. Statt romantischer Selbstlosigkeit zeigt er vor allem die weniger schönen Seiten emotionaler Bindung.

    Through Other Peoples‘ Eyes

    The Great Divide lebt von Perspektivwechseln. „Porch Light“, geschrieben aus der Perspektive seiner Mutter, gehört zu den emotionalsten Songs der Platte, wobei er hier reflektiert, wie sich Ruhm und Distanz auf die Familie auswirken. Das Porch Light symbolisiert hier den Hoffnungsschimmer, dass Noah zurückkehrt – seine Mutter ist für ihn da und signalisiert, er hat immer einen Platz zuhause.

    „Oh, when my weight left the room, did you take a deep breath?

    Mit Songs wie „23“ oder „Willing and Able“ bewegt sich Kahan erneut zwischen Nähe und Distanz, Sucht, emotionaler Abhängigkeit und Selbstzweifeln. Immer wieder kreist das Album um dieselbe Kernfrage: Wie hält man Beziehungen aufrecht, wenn sich Menschen verändern oder wenn man selbst nicht mehr genau weiß, wer man geworden ist?

    4/21

    Die vier Bonustracks von The Last of the Bugs fühlen sich dabei keineswegs wie Resteverwertung an. Besonders „Lighthouse“ fügt sich thematisch nahtlos in Kahans Blick auf Heimat und Veränderung ein, während „Orbiter“ eine Liebeserklärungen auf dem Album liefert. „Staying Still“ bringt dagegen eine fast ironische Leichtigkeit hinein, obwohl auch hier Verlustangst und Distanz mitschwingen.

    Noah Kahan Halbportrait

    Das Album ist unterm Strich emotional vielseitig, einige Themen (Heimat, Weggehen, emotionale Entfremdung) wiederholen sich jedoch, stehen aber auch für das Markenzeichen Kahans. Wer also auf eine komplette Neuerfindung nach Stick Season gehofft hat, wird hier nicht auf seine Kosten kommen.

    Aber vielleicht ist genau das der Punkt: The Great Divide will keine musikalische Revolution sein. Stattdessen ist es ein Album über Zwischenräume: zwischen Zuhause und Aufbruch, Vergangenheit und Gegenwart, Nähe und Distanz. Noah Kahan bleibt der Erzähler kleiner, zutiefst menschlicher Gefühle und beweist erneut, dass gerade das Persönliche oft am universellsten wirkt. The Great Divide klingt wie eine lange Autofahrt zurück in eine Heimat, die sich verändert hat – oder vielleicht nur man selbst.


    Fotos: Patrick McCormack

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  • Berge, Sonne, gute Laune satt: So war das Zermatt Unplugged Festival 2026

    Berge, Sonne, gute Laune satt: So war das Zermatt Unplugged Festival 2026

    Die Hälfte vom April ist bereits vorbei und damit auch das diesjährige Zermatt Unplugged Festival. Die Schweizer Idylle am Fuße des Matterhorns beherbergte dieses Jahr wieder zahlreiche Künstler:innen aus Pop, Folk und elektronischer Musik, die auf 17 Bühnen rund 120 Konzerte spielten.  

    Das Festival ging dieses Jahr in die 17. Runde, wobei eine meiner liebsten Bühnen aus den Vorjahren durch fehlendes Sponsoring gestrichen wurde, leider. Dafür ist ein anderer Liebling von mir noch da gewesen: der Riffelberg. Was schreit mehr Konzert als ein Skigebiet auf über 2500m überm Meeresspiegel?
    In knapp 30 Minuten ist man mit der Gornergratbahn von Zermatt auf den Riffelberg gefahren und kann Openair-Konzerte in der Sonne auf einem Liegestuhl mit Blick aufs Matterhorn genießen. Dort habe ich mir Tors und Vincent Lima anschauen dürfen und das waren auf jeden Fall zwei meiner Highlights der Woche.

    Riffelberg
    Riffelberg

    85 Franken well spent

    Abgesehen davon ist unten in Zermatt natürlich jedes Jahr auch wahnsinnig viel los. Zutritt zu den meisten Bühnen gibt es mit dem Unplugged-Pass, der für die ganze Festivalwoche gültig ist. Den gibts für 85 Schweizer Franken, was ich mehr als gerechtfertigt finde für fünf Tage Konzerte! Daneben gibt es jeden Abend jeweils drei Konzerte von bekannteren Künstler:innen, die mit separaten Tickets zugänglich sind. Dieses Jahr waren das u.a. Tom Odell, Emilie Sandé, Herbert Grönemeyer, Rea Garvey, Mighty Oaks und Placebo. Hier waren die Mighty Oaks definitiv meine Favoriten der Woche.

    Außerdem bietet das Festival noch zwei weitere Locations, die ebenfalls separate Tickets erfordern, dort zusätzlich aber noch ein Abendessen inkludiert ist. Ich selbst war nicht da, finde das jedoch ganz schöne Angebote, die auch immer sehr gut ankommen bei den Besucher:innen. Während die einen also beim Konzert dinieren, gibts für die anderen jede Menge kulinarischer Möglichkeiten im Taste Village, dem Herzstück des Festivals. Dort befindet sich ebenfalls eine Open-Air Bühne, die vor allem am Nachmittag und in den frühen Abendstunden bespielt wird. Hier habe ich mir z.B. Rhys Lewis, MUPANI, Matthew Mole, Sarah Julia und The Great Stoyan Duo angeschaut. Alle waren wirklich top und haben super Stimmung verbreitet. Das Lineup bestand (wie jedes Jahr) aus Künstler:innen, die neben Englisch und Deutsch auch Songs auf Französisch und Schweizerdeutsch zu präsentieren hatten, wodurch sich eine super spannende Mischung ergibt.

    Taste Village
    Bühne im Taste Village

    Früh da sein lohnt sich

    Im Taste Village gibts ein Konzert zum Mittag, was meist überschaubar besucht ist, da viele in der Mittagshitze auch noch anderswo verweilen. (Ja, 12 Grad auf über 1000m Höhe sind auf jeden Fall krass warm.) Zum nächsten Konzert um 16:45 Uhr ist dort jedoch schon wahnsinnig viel los. Wenn man also einen Sitzplatz haben möchte, sollte man nicht allzu spät erscheinen. Auch bei den anderen Unplugged-Locations lohnt sich ein früher Gang zum Konzert. Viele Venues bieten meist nur Platz für rund 100 Gäste und man sollte sich im Vorfeld gut überlegen, wo man hin möchte. Spontanität ist hier ein bisschen unangebracht, vor allem zum Wochenende hin. Zwei Locations bieten außerdem einen Restaurantbetrieb, wo man höchstens noch einen Tisch reservieren kann, um einen garantierten Platz fürs Konzert zu bekommen.

    All That Jazz

    Wo man auch noch einen Tisch reservieren kann: im Jazz Club! Ronnie Scott’s in Anlehnung an den echten Londoner Kult Jazz Club wird extra zum Festival hergerichtet und befindet sich in einem der ältesten Hotels in Zermatt. Besonders gut besucht sind dort jedes Jahr die Jam Sessions am Mittwoch und Freitag, für die sich Künstler:innen des Festivals selbst anmelden können und dann einen Song covern, entweder mit dem Jazz Ensemble, alleine oder mit anderen Künstler:innen zusammen. Niemand weiß also, wer kommt oder was einen erwartet. Dieses Jahr war ich am Mittwoch dort, da man (anders als am Freitag) noch reelle Chancen hat, reinzukommen, da das Festival wie erwähnt zum Wochenende hin stärker besucht ist. Das Jazz Ensemble selbst war sehr cool, muss ich sagen, und sie haben sehr gute Stimmung verbreitet. Gejammt haben in der Mittwochsession Sorvina, Matthew Mole, Mnerva und die Künstler:innen der Mountain Academy. 

    Ronnie Scott's Jazz Club zum Mittwochsjam
    Ronnie Scott’s Jazz Club zum Mittwochsjam

    Setzt euch ans Lagerfeuer…

    Die Mountain Academy ist ein Newcomerprogramm, genauer eine Art Coaching & Songwriting-Camp im Rahmen des Festivals. Das ist eigentlich ziemlich cool, weil man die Chance bekommt, unbekannte Musiker:innen zu erleben und diese die Möglichkeit haben, vor Publikum zu spielen. Am Campfire im Taste Village hat man jeden Tag die Möglichkeit, sich die Newcomer:innen anzuschauen. Meine Favoritin war Keza – eine Schweizerin mit afrikanischen Wurzeln, der es ganz viel Spaß gemacht hat, zuzuschauen, weil sie einfach so viel Leichtigkeit in ihrer Stimme hatte.

    Manchmal gibt es am Campfire auch Pop-up Konzerte. Ich habe leider nichts gefilmt, aber dieses Jahr hat dort auch jemand ein Konzert gegeben, der nur selbstgebaute Instrumente benutzt hat. Er hat z.B. auf einem Skateboard gespielt oder auf einem Messerblock und gesungen hat er in einen Telefonhörer. Das war ziemlich witzig und beeindruckend zugleich. Also definitiv ein Wochenhighlight.

    Tanzen ohne Ende

    Dass das Festival sehr viel Abwechslung bietet, ist kein Geheimnis. Wer tagsüber lieber in den Bergen Skifahren möchte, kann in den späten Abendstunden noch auf seine Kosten kommen. Neben dem Unplugged-Pass gibt es für 30 Franken außerdem einen Nightpass, mit dem man das Zermatter Nachtleben unsicher kann. Das Festival bietet nach den Hauptkonzerten ab 22 Uhr mehrere Spots zum Tanzen an. Gut besucht waren die Vernissage und (das erste Mal dabei dieses Jahr) das Streetside, wo es auch noch bis morgens etwas warmes zu Essen gibt, für alle, die sich mal eine Pause vom Dancefloor gönnen möchten. Besonders empfehlen kann ich die Hotdogs in der Vernissage.

    Daneben gibt es außerdem noch das Manud und meinen liebsten Hotspot: das Unique Hotel Post aka das Pöstli. Neben einer eigenen Hotelbar bot das Pöstli auf drei Floors allerlei Musik: Ob 90er/2000er oder der DJ von nebenan unten im Gewölbekeller – hier war für alle etwas dabei. Die Location hat jedenfalls einen besonderen Platz bei mir erlangt in den letzten Jahren. Ich muss zugeben, so ganz weiß ich auch nicht warum, aber das Pöstli hab ich ziemlich ins Herz geschlossen. Dazu ist auch das Hotelpersonal mega lieb und ich bin einfach sehr gern dort. Einen Besuch im Pöstli, sei es zu den Unplugged Konzerten oder zum Tanzen bis in die Nacht, kann ich allen empfehlen.

    Zermatt = Herzig

    Was ich an diesem Festival außerdem besonders liebe, ist die Atmosphäre. Das Zermatt Unplugged ist schwer vergleichbar mit anderen Festivals. Zum einen natürlich, weil es im April in der Schweiz stattfindet – logisch, da fällt Zelten schon mal aus. Zum anderen aber auch, weil das Publikum nicht die typischen Festivalgänger:innen sind. Vielleicht sind Ort und Zeit auch hier dieselben Gründe, weshalb das so ist. Es fällt jedenfalls auf, dass so gut wie alle Altersklassen dabei sind und das Publikum auch dieses Jahr sehr bunt gemischt war. Allgemein ist es sehr entspannt und man befindet sich durchaus in einer recht gelassenen Atmosphäre. Niemand drängelt, niemand pöbelt, niemand muss bei irgendwem in der ersten Reihe stehen.

    Apropos Menschen – ich möchte außerdem erwähnen, dass das Festivalteam aus so lieben Seelen besteht, die auch in stressigen Situationen nicht den Überblick verlieren. Ebenfalls die Securities sind super nett. Dazu möchte ich auch den Auf- und Abbau und die Liebe zum Detail hervorheben, da sich alle neben den Bühnen auch viel Mühe mit der Deko im Ort geben und alles immer sehr (wie die Schweizer:innen sagen würden) herzig ausschaut. Beim Festival wird viel mit Holzoptik gearbeitet und diese gibt dem ganzen eine gewisse heimelige und gemütliche Atmosphäre, die ich ganz, ganz toll finde. 

    Eingang/Ausgang Taste Village
    Eingang/Ausgang Taste Village

    Ich war dieses Jahr zum dritten Mal dort und es wird definitiv nicht mein letztes Mal gewesen sein. Wer auch dabei sein möchte, kann es sich gern schon Mal für nächstes Jahr in den Kalender schreiben – es lohnt sich!

    Die Wartezeit bis April 2027 könnt ihr euch so lange mit der offiziellen Playlist der diesjährigen Unplugged Acts vertreiben:

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  • „Be the Challenger“ – Luca Fogale fordert im vierten Studioalbum sein eigenes Selbst heraus

    „Be the Challenger“ – Luca Fogale fordert im vierten Studioalbum sein eigenes Selbst heraus

    Neues Jahr, neuer Folk aus Kanada: Luca Fogale legt mit Challenger einen eindrucksvollen Start in 2026 hin und liefert eine intime Kollektion von Songs, die berühren und uns ein Stück weit Einblicke in die Persönlichkeit des Singer-Songwriters gewähren. Ganz nach seinem Prinzip „every word matters to me” wirkt jede Zeile bewusst geschrieben, jede Pause bedacht gesetzt. Fogale veröffentlicht Songs nur dann, wenn sie für ihn einen Mehrwert für die Welt haben – und dies merkt man dem Album an. 

    Nach dem Motto „in der Ruhe liegt die Kraft” ist Challenger eher leise als laut gestaltet und Fogale bleibt somit seinem bisherigen Sound treu. Er schrieb die Songs in ruhigen Zwischenmomenten des Tourlebens, oft zurückgezogen in einer kleinen Hütte in British Columbia. Diese Abgeschiedenheit hört man der Platte an: Sie wirkt wie ein emotionaler Rückzugsort. Neben sanften Worten findet sich auf dem Album gleichzeitig ein Drang zur Konfrontation und Selbstreflexion. Challenger ist eine Sammlung, deren Funktion es nicht ist, ein Statement zu setzen, sondern Raum für Fragen und Auseinandersetzungen zu bieten. Es geht um Gedanken zur eigenen Vergangenheit, erlernte Muster und die Frage, wer man eigentlich werden möchte.

     „I will not give up, I do not fear death”

    Im Opener „Everything“ spricht sich Fogale selbst Mut und eine gewisse Verpflichtung zum Wachsen zu. Mit Zeilen wie „all of the light that you never could see, it flows in your veins” und „I know what it’s like, feeling everything, feeling nothing” wird der Reflexionsprozess, dem das Album folgt, eröffnet.

    „Could I begin? / Could we begin?”

    Los geht es mit der Frage des Neuanfangs. Wie kann man sich neu entfalten, sich neu entwerfen und was passiert, wenn alles Bekannte einen verlässt? Als erste Single vom Album findet sich „Begin„– ein Song, der sich diesen Gedanken aussetzt. Sanfte Gitarren tragen eine existenzielle Selbstbefragung, die im Refrain von einem „I“ zu einem kollektiven „We“ kippt und seine Nächsten miteinbezieht. Im Zentrum stehen der Wunsch nach Erneuerung und die sehnsüchtige Flucht aus Gleichgültigkeit. 

    „hold on for all that lasts”

    Auch im nächsten Song schwanken zwei Perspektiven hin und her: der Drang, alles bewahren zu wollen und die Erkenntnis, dass nichts bleibt. „For“ ist gleichzeitig eine Reflexion über Zeit und Vergänglichkeit als auch eine Erinnerung an Dinge, die wichtig sind und an denen man festhalten sollte. Kleine Chöre im Hintergrund verleihen dem Song etwas Hymnisches übers Menschsein, während sich die Lyrics zwischen Ehrgeiz und Demut bewegen.

    „cause too often these days, I can’t see the use, I lose track of the road, I lose sight of the truth, oh I’d be lost, I’d be lost without you”

    Was jedoch immer währt, ist Liebe. Der nächste Track, „Lost Without You”, ist ein zarter, klaviergetragener Liebessong über das Angenommenensein, und darüber, wie schwer es ist, Liebe zu akzeptieren, wenn man sich selbst noch nicht vollständig annehmen kann. Liebe, die ihm entgegengebracht wird, bietet Luca hier Schutz und Spiegel zugleich. Der Song beinhaltet die Zeilen „But you see me for all I am“  und „I’m trying to do my part, oh I’m trying with all my heart” und spendet somit Hoffnung, sich durch Augen anderer selbst klarer sehen zu können, auch wenn man es im Moment vielleicht noch nicht schafft. 

    „can you forget all that you know and find some truth and release control to reconcile all that we are”

    Von Akzeptanz handelt auch der nächste Song. „Hymn” ist ein Track über das Loslassen. Was passiert, wenn man Kontrolle abgibt? Bei diesem fast schwebenden Song steht Fogales Stimme im Vordergrund, begleitet von spärlichen Gitarrenklängen. Die Lyrics kreisen um die Schönheit der Stille und das Finden von Sinn im Kontrollverlust und bieten eine meditative Pause innerhalb des Albums. 

    „Some things can change without warning, others get taken away. It’s hard to feel strong in these moments, it’s hard to know what we can take. Some times you carry on hoping, others your spirit can break.”

    Loslassen ist auch Thema des sechsten Songs. „Ashes” thematisiert die Erlaubnis, loszulassen und zu fühlen. Luca Fogale zeigt sich verletzlich und bricht mit den Texten starre Männlichkeitsbilder auf. „Love carries all of us home” sind die Backgroundvocals, die sich zwischen den Strophen und in der Bridge befinden und zentral für diesen Song. „Ashes” handelt von Verlust und Trauer, wobei Liebe das ist, was zusammenhält und Zeit alle Wunden heilt. Es ist einer dieser Tracks, die mitten im Album stehen und sich als emotionaler Mittelpunkt herauskristallisieren.

    „leave the past in the past, it doesn’t have to be your truth, it doesn’t define you”

    Der nächste Song zieht das Tempo leicht an. „Define You“ ist ein empowerndes Stück über Identität und Selbstdefinition. Es dient als Erinnerung, dass Schmerz und Vergangenheit nicht definieren müssen, wer man ist. Der Song ist eine Hymne für einen Freund, dem man eine Orientierung mit auf den Weg gibt, die er einst verloren hat. „I know that you see yourself in the way I see you now, I have always known deep in your heart, there is a light that won’t ever burn out”. Der Song dient als Ermutigung, nach vorn zu schauen und sich nicht von den Sachen definieren zu lassen, die man sich nicht im Leben ausgesucht hat.

    „when everything is cold and I cannot find my way and the light is dying, oh, you are my horizon”

    Das Tempo wird auch im Song „Horizon” gehalten. Schlagzeug und Gitarre treiben den Track voran und der Refrain öffnet sich in helle Klangflächen. „Wherever I am, a vision of you makes the darkness fall away in all the times I’ve reached toward a hiding place, you never let me go, no and through your eyes I watch myself become who I’m supposed to be” – Fogale beschreibt Liebe hier als Orientierungspunkt, wobei der Song eine Liebeserklärung an seine:n Partner:in und an das Leben, das diese Liebe ermöglicht hat, darstellt.

    „you are right where you’re meant to be”

    Nach dem instrumentalen „Relief“ folgt „Daniel’s Theme“, der kürzeste Track des Albums. Der Song ist ein Porträt eines archetypischen Mannes, der trotz Narben mit Güte und Stärke durchs Leben geht, und gleichzeitig eine Erinnerung daran, dass unser eigener Schmerz nicht bestimmen muss, wie wir anderen begegnen.

    „you are not what came before, you are an unending form”

    Der Titeltrack „Challenger“ startet mit einem Gitarrenintro und ist ein ganz besonderer Song, da der Sänger ihn seit fast fünf Jahren mit sich trägt. Fogale ruft im Track dazu auf, transgenerationalen Schmerz abzulegen und erlernte Zyklen zu durchbrechen, um sein Potenzial auszuschöpfen und vollständig in sich hinein oder sogar über sich hinaus zu wachsen: „Hold them close and break the chain, kill the rage and kill the shame”. Identität wird als etwas Veränderbares beschrieben, das man herausfordern kann und der Song fasst das Album thematisch in sich zusammen.

    „may you find what you’re looking for, may this world be an open door and may your love lead you on, now and evermore”

    Der finale Song des Albums ist „Yours.“ Der Track schließt das Kapitel als Ehrung unserer Anstrengungen und mit der Schönheit, menschlich zu sein. Er reduziert sich zum Ende auf ein leises Klavier mit den Lyrics: „This life is yours. So for all your worth, be the challenger”. Ein Kreis schließt sich – vom inneren Zweifel des Openers zur Selbstermächtigung am Ende.

    Luca Fogale. Foto: Brandon Artis

    Insgesamt dient Challenger als Auseinandersetzung mit dem, was nicht mehr dient, und mit dem Mut, loszulassen. Das Album wirkt wie ein zusammenhängender Gedankengang, in dem sich Selbstreflexion, Wachstum und ein leiser Kampf gegen das Stagnieren gegenseitig ergänzen. Luca Fogale hat eine Kollektion geschaffen, die sich anfühlt wie ein stiller Dialog mit sich selbst, und in dem sich viele Menschen wiederfinden können.

    Im April geht Luca Fogale mit Band auf Tour und macht auch in Berlin, Hamburg, München und Köln Halt. Für unter 30 Euro bekommt man nicht nur neue Songs, sondern einen Querschnitt durch vier Alben voller feinfühliger Lyrics. Kurz gesagt: unbedingt hingehen!


    Fotos: Brandon Artis / Nettwerk Music Group

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  • Ein Abend voll Selbstbewusstsein und Sinnlichkeit: so war Naomi Sharon am 24.11.2025 in Berlin

    Ein Abend voll Selbstbewusstsein und Sinnlichkeit: so war Naomi Sharon am 24.11.2025 in Berlin

    Mina und Miranda, Schüler*innen der Evangelische Schule Berlin Zentrum, berichten von ihrem Konzertabend mit Naomi Sharon.

    Intimität ab der ersten Sekunde, es ist klar: das wird ein Abend der nachklingt. Am 24.11.2025 tritt Naomi Sharon mit ihrer „The Only Love We Know“-Tour im Columbia Theater in Berlin auf. Sie füllt das gemütliche Theater mit ihrer meditativen Energie und schafft eine intime Atmosphäre.

    Die niederländisch-karibische Sängerin hatte ihren Durchbruch mit ihrem Debütalbum „Obsidian“ und hat mittlerweile fast 2 Millionen monatliche Hörer*innen. Zum Verwechseln ähnlich mit Sade hat auch Naomi Sharon eine unglaublich schöne, selige Stimme und arbeitet viel mit akustischen Gitarren-Sounds, welche sie mit modernen Elementen in die Gegenwart holt. Mit ihrer in diesem Jahr neu erschienenen EP ,,The Only Love We Know“ tourt sie durch Europa und Amerika und singt mit einer spirituellen Stimmung über Selbstliebe.

    Minimalismus mit maximaler Wirkung

    Gegen 20 Uhr ist das Columbia Theater gefüllt mit rund 800 Menschen, die an der Bar sitzen, sich unterhalten und gespannt auf Naomis Performance warten. Bevor sie auf die Bühne tritt, eröffnet Jessy Blakemore den Abend mit mehreren ihrer warmen und herzlichen Songs, die einen stimmungsvollen Einstieg bieten.

    Die Bühne ist leer bis auf ihre Begleitung am DJ-Pult, eine weiße Beleuchtung und Nebel. Aus den Boxen ist für das Publikum bereits der erste Song zu hören, alle jubeln. Naomi tritt in einem ihrer epischen, weißen Latex-Outfits aus dem Nebel hervor und schenkt dem Publikum ein verzauberndes Lächeln.

    Ohne ein Wort beginnt sie mit ihrem Song „Bittersweet“, der auch ihre neue EP eröffnet. So startet sie mit einer selbstbewussten Energie und ihren im Wind der Ventilatoren wehenden Haaren in den Abend. Nun folgen überwiegend ruhige Songs wie „Hills“, der von einer akustischen Gitarre begleitet eine sinnliche Stimmung schafft. Das Publikum wiegt im Wind hin und her und singt mit, wo es nur kann.

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    Mit „Myrrh“ trifft uns Naomi direkt ins Herz. Ihre samtige Stimme füllt den Raum mit einer beeindruckenden Klarheit. Mit Lichtern, die auf dem Publikum wie Wasser schimmern, fließen vermehrt Tränen. Der minimalistische Bühnenaufbau und die One-Woman-Band geben Naomis Stimme die verdiente Aufmerksamkeit.

    Zwischen Liebe und Unabhängigkeit

    Mit „Definition of Love“, die Lead Single aus ihrem Debutalbum, leitet sie schon fast einen kleinen Stimmungswechsel ein. Spätestens ab dem Refrain fangen alle an mitzuwippen. Ziemlich textsicher wird das Publikum in den Mantra-ähnlichen Zeilen: „Heavens in your eyes, let me follow“ mit denen Naomi ihren Wunsch nach Liebe manifestiert.

    Danach geht es direkt weiter mit „If This Is Love“. In dem Song entwickelt sich aus dem Wunsch nach Liebe eine Ablehnung ihr gegenüber. Auch jetzt animiert sie das Publikum, die Zeilen: „if this is love, then I don’t want it“ mitzusingen. Insgesamt hält sie sich viel an die Albumstruktur und sagt wenig bis gar nichts zu ihren Songs. Dies empfinden wir aber nicht als negativ, da die Songs sehr gut für sich stehen.

    Langsam werden die Songs immer tanzbarer. Bei „Push“ tanzt Naomi sogar selbst extravagant mit und unterstreicht ihre weiche Stimme mit modernen Afrobeats. „Holding in Place“ treibt das Tempo weiter an. Spätestens jetzt tanzen wirklich alle mit und singen: „nothing. I give that boy nothing.“

    Mit „Celestial“ leitet sie noch einmal eine ruhigere Stimmung ein, welche sie dann aber mit „Time and Trust“ wieder auflöst. „Time And Trust“ ist zurzeit ihr beliebtester Song und schafft es fast, den Sommer an diesem kalten Novemberabend ins Columbia Theater zurückzubringen.

    Eine spirituelle Stimmung

    Es gibt keinen Moment in dem das Publikum so richtig abgeht, da Naomi Sharon die meditative und emotionale Stimmung fast durch das gesamte Konzert hält. Stattdessen tauchen Songs wie „Calm Waters“, mit seinen Naturgeräuschen und einem entspannten Beat den Abend in eine spirituelle Atmosphäre. Zu „Soft Like Dawn“ holen alle im Publikum ihre Lichter heraus und mit Wassergeräuschen im Hintergrund werden wir zu einem schwimmenden Lichtermeer.

    In ihrer neuen EP spricht Naomi vermehrt Themen wie Selbstliebe und Weiblichkeit an. Sie ist die erste Frau mit einem Vertrag bei Drake’s Label „OVO Sound“ und setzt damit ein Zeichen in einer männlich dominierten Musikbranche.

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    Energie, die den Raum füllt

    Ihr letzter Song „Another Life“ fasst das Konzert perfekt zusammen. Es gibt einen schönen schwebenden Klangteppich, einen prägnanten Beat und natürlich wieder ein Mantra, das allen im Kopf bleibt: „Don’t let your love run out“. Auch diese Zeile wäre der perfekte Abschluss, wenn es nicht eine noch perfektere Zugabe gäbe.

    Ein Gospelchor singt: „That’s the way the story goes, that’s the only love we know“. Obwohl der Chor nicht anwesend ist, wird die gewünschte Stimmung durch die Energie des Publikums noch ein letztes mal hervorgehoben.

    Beseelt in die Nacht

    Die ruhigere Atmosphäre hat uns zu Anfang überrascht, da wir kraftvollere Beats und einen stärkeren Bass erwartet hatten. Doch von Naomi Sharons Performance waren wir schnell beeindruckt. So haben wir das Columbia Theater nach 60 Minuten beseelt verlassen.

    Unsere gemeinsamen Favoriten waren „Myrrh“ und „Time and Trust“. So gegensätzlich sie auch sein mögen, haben wir uns in „Myrrh“ mit seinem minimalistischen Aufbau und der dadurch herausstechenden starken Stimme sofort verliebt. „Time and Trust“ hat uns einfach den Sommer zurück ins graue Berlin geholt und uns unseren Alltag für einen Moment vergessen lassen.

    Nach einem Konzert ohne viel Interaktion beendet Naomi den Abend mit dem Appell:

    „That may be the only love you know but that doesn’t mean that that’s the love you deserve. It means that there’s more out there for you to have or receive.“

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  • Blair Davie erinnert uns, wie schön die Liebe klingt

    Blair Davie erinnert uns, wie schön die Liebe klingt

    Newcomer*in Blair Davie kehrt im Herbst 2025 mit First And Last zurück – einer gefühlvollen EP über die Liebe in all ihren Phasen. Am 8. Oktober erschienen, reiht sich ein herzerwärmender Song an den nächsten. In sechs wunderschönen Tracks erzählt Blair eine Story vom ersten Herzklopfen bis zum Für-immer-Gefühl. Mit First And Last hat das schottische Ausnahmetalent eine Sammlung geschaffen, die berührt und uns daran erinnert, wie Liebe sich anfühlt und wie sie klingt, wenn man sie wirklich zulässt.


    Wenn du vergessen hast, wie sich Liebe anfühlt – First And Last erinnert dich daran. 

    Blair Davie ist eines der wenigen Talente, bei dem man beim Hören der Songs direkt gute Laune bekommt. Man hört förmlich die Freude am Songwriting und Singen in jedem Wort, und diese positive Energie überträgt sich von der ersten Note an. So wirkt auch diese EP absolut authentisch. Der Opener setzt den Ton für die gesamte EP: verletzlich und ehrlich, träumerisch und sanft. Ganz ohne Filter. Bei „Coming Back Babe“ ist die rohe Power von Blairs Stimme sofort spürbar. Als kraftvollstes Instrument entsteht zwischen Sounds ähnlich Adele und Bruce Springsteen (wie Blair selbst sagt) ein intensiver Sound, gefüllt mit verliebten Textzeilen. 

    impulsiv, unvernünftig, wunderschön

    Blair singt vom Davonlaufen, von Freiheit und der Sehnsucht nach einem Für immer zu zweit.

    „you and me runnin‘, never coming back, babe“ 
    „two hearts in a black car and we drive away“ 

    Im Zentrum steht die Flucht ins Glück, weit weg von allem, fokussiert auf eine gemeinsame Zukunft, immer mit dem beflügelten Gefühl vom Verliebtsein, das mitschwingt. 

    Dass das größte aller Abenteuer in der Liebe liegt, wird auch im nächsten Song hörbar.  „Crashing The Car“ ist ein Track darüber, jemanden so intensiv zu lieben, dass alles andere nebensächlich wird – sogar das Leben selbst:

    „if we end up crashing the car, I’m happy we made it this far
    „darling, I know in my heart, it’s a beautiful way to go into the dark if I die wherever you are“  

    Der Song erzählt von Hingabe und der Bereitschaft, intensive Liebe zuzulassen, sodass sie dem Tod entgegensteht. Trotz der etwas düsteren Metapher ist dieser Song eine weitere poetische Liebeserklärung, wobei außerdem auch ein Gefühl von Hoffnung durch den optimistischen Gedanken auf ein Wiedersehen im nächsten Leben mitschwingt: „If you asked me, I’d leave the whole world behind. If we meet in another life, then it’s alright“.  

    Im Kontrast dazu folgt im nächsten Song die Freude über das Leben zusammen. „What a Life“ erzählt vom Gefühl, jemanden zum ersten Mal in die eigene Welt mitzunehmen – ins Zuhause, in Erinnerungen, in das, was man liebt und wo man herkommt. 

    there ain’t no taste of home down the telephone, so welcome to my little slice of something called paradise“

    Zwischen den Zeilen klingt Blair Davies Herkunft aus Perth, Schottland an und es scheint fast so, als würde die Liebe die Heimat in neuem Licht erscheinen lassen.

    „all the streets sound like they’re singing now that I‘ve got you in it  – what a life“

    Die Zeilen erwecken den Eindruck, als würde Blair die Welt durch eine rosarote Brille sehen – aber eine, die ganz ehrlich getragen wird, ohne Kitsch, einfach aus purer Freude.  

    Mit Freude geht es auch in den nächsten Track. „Wouldn’t Be Right“ ist ein weiterer Feel-Good-Song über Zufriedenheit mit dem, was man hat, auch wenn nicht immer alles einfach ist. Es braucht nicht die neuesten und teuersten Sachen, solange man eins hat: die Liebe.

    „I know that it’s worth it all the days that you’re mine“
    „it might not be perfect all of the time, but with any other human, no it wouldn’t be right“

    Trompeten- und Gitarrenklänge ziehen sich durch den Song und geben dem Ganzen einen sehr glücklichen Folk-Vibe. Euphorisch und ehrlich singt Blair darüber, dass es am Ende nur darauf ankommt, jemanden zu haben, mit dem sich alles richtig anfühlt, egal, wie chaotisch das Leben gerade ist.

    Der Titeltrack verdichtet das zentrale Motiv der EP: ewige Liebe, die bleibt. Als Herzstück des Projekts fasst „First And Last“ vieles alles aus den vorangegangenen Songs zusammen. Blair macht deutlich, was es heißt, jemanden so sehr zu lieben, dass diese Person zur Hauptfigur im eigenen Leben wird. Nicht aus Selbstaufgabe, sondern aus Vertrauen und Nähe:

    „you’re the protagonist in my little life“

    Es geht um das Gefühl, jemanden gefunden zu haben, bei dem man ankommen darf. Für immer. 

    „from hellos to goodbyes, every morning, every good night – I’m all yours, you’re all mine, till the end of time“

    Der Song fühlt sich an wie eine musikalische Umarmung und transportiert Wärme, Hingabe und ein Versprechen für immer. Ähnlich weiter geht es im letzten Song, wobei es zum Abschluss nochmal kraftvoll wird: „Butterflies“ ist eine Ballade über Liebe, die nicht vergeht, über Schmetterlinge, die nicht wegfliegen. 

    „these butterflies don’t ever fly away“

    Blair singt von einer Liebe, bei der das Kribbeln im Bauch nicht verschwindet, sondern zu etwas Beständigem wird. Eine Liebe, die wächst, die reifer, tiefer, echter wird. Außerdem singt Blair von einer Liebe, die bedingungslos ist – davon, dass man sich für jemanden nicht verändern muss, weil man genau so geliebt wird, wie man ist. Diese Zeilen feiern Akzeptanz, Vertrauen und ermutigen zur Selbstannahme: „You can change but you don’t have to for me: I love you now matter what“. Butterflies bildet ein sanftes, aber kraftvolles Ende einer EP, wobei eine Mischung aus Klavier- und Gitarrenklängen Blairs unverwechselbare Stimme tragen. 


    Eine Ode an die Liebe

    First And Last ist kraftvoll, mutig und herzerwärmend. Zwischen Intimität und Euphorie zeigt Blair Davie eine beeindruckende Entwicklung, sowohl erzählerisch als auch emotional: „It’s a love story from first moment you meet that person, falling head over heels for them and then how that love grows and grows with everything you go through together“, so Blair selbst über das Projekt.
    Die EP lässt einen das Leben kurz vergessen und erinnert gleichzeitig daran, warum es so schön ist, zu fühlen, zu vertrauen, zu lieben. Sowohl musikalisch als auch persönlich hat Blair Davie bereits einen großen Entwicklungsprozess hinter sich und wir sind gespannt, wohin die Reise weitergeht.

    Fotos: MOTHER ARTISTS

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  • Nahbar, ehrlich, leise stark: philine über das Leben im Hier und Jetzt

    Nahbar, ehrlich, leise stark: philine über das Leben im Hier und Jetzt

    Mit der am 05. September 2025 erschienenen EP The Truth of Living in Reality gelingt philine eine Kollektion, die nicht nur ihre persönliche Geschichte erzählt, sondern die Gefühle einer ganzen Generation einfängt. Sie zeigt, dass man nicht immer alle Antworten braucht. Manchmal reicht es, ehrlich hinzuschauen, zu fühlen und im Moment zu sein. In sechs Songs widmet sie sich den großen und kleinen Fragen des Lebens in den 20ern: Beziehungen, Selbstfindung, Veränderung, Verletzlichkeit und der Akzeptanz des Hier und Jetzt. Mit rohen Emotionen, sanften Gitarrenklängen und kleinen Chören hier und da schafft sie ein Soundbild zwischen Melancholie und eindringlicher Intimität. Ihre Lyrics sind nahbar und ehrlich.


    The truth of living in reality – Fazit: It’s not always easy. 

    Selbst habe ich mich oft in den Songtexten wiedergefunden, weshalb mich die EP schon beim ersten Hören abgeholt hat. Die 20er sind die Zeit des Lebens, wo die meisten von uns viel Veränderung erfahren, sich (neu) entdecken, hinterfragen: Wer bin ich eigentlich und was will ich vom Leben? Philine verarbeitet diese Ambivalenz, das Schwanken zwischen Sicherheit und Unsicherheit, Wissen und Nichtwissen.

    Die EP überbringt die Botschaft, sich nicht mehr im Traum verlieren zu wollen, keine Scheu vor der Wahrheit, vor dem Leben im Moment zu haben. Manchmal muss man über seinen Schatten springen und der Realität ins Auge sehen, denn auch schwierige Momente lassen uns wachsen. 

    Den Anfang macht „waste a life“, in dem philine singt, wie sehr sie sich danach sehnt, nicht länger vor dem Moment davonzulaufen, sondern das Leben im Hier und Jetzt genießen zu wollen, statt es aus Angst vor der Zukunft zu verpassen.

    „I’ve already spent a few years crying over what I wanted, missing out on all the parts that were in front of me“

    Sie reflektiert den Gedanken, zu lernen, dass die Freude über Gutes größer sein kann als die Angst, es wieder zu verlieren. Sie erkennt: „I‘m always scared of losing“ und „I don’t wanna waste a life like this“. Im Song singt sie über ihre Vergangenheit, dass sie schon immer so war, sich vieles nicht getraut und Spaß verpasst hat, immer mit der Angst, zu versagen. 

    „If you think it’s gonna happen, then it’s what you get“

    Sie erkennt, sich und ihren Blick auf die Dinge ändern und nicht mehr auf Negatives fokussiert sein zu wollen, denn eine positive Einstellung bringt auch positive Dinge mit sich. Der Song vermittelt die Botschaft, nicht mehr allem hinterherrennen zu wollen, sondern im Moment zu leben und sich über das zu freuen, was da ist. Mit sanften Gitarrenklängen entfaltet der Song eine Wärme, die sich direkt überträgt.

    Auch ihr zweiter Song „ten years time“ vermittelt die Message: lebe im Moment. Sie singt zuerst über die Hin- und Hergerissenheit zwischen dem aktuellen Leben und zukünftigen Fragen, diesmal aus der Perspektive einer Beziehung. Der Song handelt von partnerschaftlicher Zukunft, Fragen nach Schwangerschaft, Liebe selbst. Philine findet keine Antworten auf diese Fragen im Song, denn auch hier ist das Fazit: Heute ist wichtiger als die Zukunft, wobei der Refrain als Plädoyer fürs Hier und Jetzt gilt: „right here in the moment’s where the magic is (…) forget about ten years time“.  


    Ein Storytelling, das im Stillen trifft

    Der dritte Song ist mein persönlicher Favorit und bildet meiner Meinung nach den Kern der EP, da er zwei Perspektiven gegenüberstellt und philines inneren Konflikt widerspiegelt. „The devil’s advocate“ erzählt auf der Suche nach Orientierung von einem Kampf zweier Seiten: „There’s one believing in a purpose, the other one is nihilistic“. Sie fragt im Song nach dem Sinn im Leben, nach der richtigen Perspektive und so trifft Reflexion auf innerliche Zerrissenheit: „to all that we know there’s an opposite“

    I can’t pick a side and just go with it

    Die Unsicherheit bleibt, beide Stimmen haben ihre Daseinsberechtigung. Wie weiß man, ob das Leben einen höheren Sinn hat oder unser Dasein zum reinen Zeitabsitzen dient? „I just can’t figure out what’s the narrative“ Die Frage nach Bedeutung vs. Sinnlosigkeit bleibt, immer mit der Rücksicht, dass jede:r die Welt auf eine eigene Weise sieht: „cause my reality is just what I perceive, so who am I to judge the things that you believe?“.

    Der nächste Song greift ebenfalls eine Zerrissenheit auf. „Heavy“ beschreibt die eigene Desorientierung in einer schwierigen Phase, nicht zu wissen, wohin mit sich und das Gefühl zu haben, für andere „zu viel“ zu sein. „Every word feels like rejection and I don’t wanna lie so I bore you with silence but believe me, I try to make sense of the sadness“. Philine äußert, selbst zu leiden und singt über innere Schwere und das Ringen um Leichtigkeit: „When did it get so heavy, and how do I get it light?“. Sie singt über ihre Gefühle in einer schweren Zeit und zeigt sich von einer sehr verletzlichen Seite. 

    Auch im folgenden Lied der EP, „josie“, spürt man pure Emotionen und eine Spur Verletzlichkeit. Sie reflektiert ihre letzte Beziehung und nutzt den Song, um Klarheit zu bekommen – etwas, das sie von ihrer Partnerin nie bekam: „I’d love to get closure but you’re not gonna give it, I know that“. Sie singt darüber, dass die Beziehung sie verändert hat und arbeitet die Fehler auf. Zusätzlich beschreibt sie den Wunsch, mehr gewollt zu haben, aber nicht viel entgegen gebracht bekommen zu haben. „When I told you, you were my first real love, then you asked for space and you broke that trust“. Sie zeigt sich sichtlich verletzt und versucht, ihre Wunden im Song zu verarbeiten. Sanfte Klänge treffen hier erneut auf unverblümte Ehrlichkeit.



    Zwischen Schmerz und Stärke

    Ein emotionaler Schmerz zieht sich ebenfalls durch die Lyrics des letzten Songs. „New year’s eve“ ist ein Track über den schmalen Grat zwischen Liebe und Verrat. „I used to trust you more than me, but everything changed since new year’s eve“. Philine singt von Veränderung, von einem Bruch von Nähe und Vertrautheit. Dabei hinterfragt sie auch ihr eigenes Verhalten. Hätte sie etwas vermeiden oder retten können? Hätte sie sich schützen können? „Maybe I should’ve been much clearer, I should’ve set more boundaries.“ Selbstzweifel machen den Song nahbar und ihre Offenheit berührt. 

    Musikalisch setzt philine auf fragile Klänge, die Raum für ihre Texte lassen. Passend zum Cover, das sie verschwommen im Sonnenuntergang zeigt, entfaltet sich zwischen melancholischer Sanftheit und catchy Indie-Melodien eine EP, die wie eine Momentaufnahme wirkt.

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  • Alehlokapi bricht mit alten Gewohnheiten auf „Erase Replace“

    Alehlokapi bricht mit alten Gewohnheiten auf „Erase Replace“

    Leider kennen wir fast alle das Gefühl sich verfangen zu haben: in alten Denkmustern und in ungewollten Routinen. Das hat für mich häufig bedeutet, dass ich in Beziehungen und Freundschaften meine eigenen Bedürfnisse hintenangestellt habe – bewusst oder unbewusst. Das zu überwinden kostet Kraft und erfordert zunächst ersteinmal sich dieser alten Gewohnheiten bewusst werden. Alehlokapis Debütalbum Erase Replace beschäftigt sich mit genau all dem, holt uns aus dem rauschenden Alltag und bricht mit alten Mustern.

    Das am 29.08.2025 erschienene Album hat mich direkt angesprochen. Alehokapis Stimme in „MMB„, die „call me out on my bullshit“ singt, war der Köder und ich der Fisch, also wurde ich voll in dieses Album gezogen. Danach bin ich tief in die Lyrics getaucht. Dabei ist mir aufgefallen, dass der Song ein mir sehr bekanntes Gefühl widerspiegelt: ich merke nicht, dass ich mich im Kreis drehe und hoffe, dass mir jemand sagt, wenn ich mich gerade wieder in schlechte Denkmuster begebe.

    Das Debütalbum besteht aus acht Songs und einem Bonustrack. Alehlokapis Stimme zeigt ihre Wandelbarkeit zwischen verletzlich und kraftvoll und mit Rap- und Gesangsparts. Im Outro erinnert ihre Stimme beispielsweise an die von Ariana Grande und Alehlokapi beweißt, dass ihre Stimme genauso wandelbar ist.

    Ihren Musikstil würde Alehlokapi zwischen FKA Twigs, Jorja Smith und James Blake verordnen. Ihren Soundbeschreibt sie selbst mit Neo-Soul, Contemporary R&B und Alternative Pop. Dabei kann man jedoch innerhalb der Songsbemerken, wie sich Alehlokapi von Genre-Grenzen löst. Produziert hat die Künstlerin das Album mit Timm Weber und das Mastering des Albums übernahm Friedrich Störmer.


    In 8 Tracks mit der Angst brechen und die eigene Stimme finden
    . Credits Yonas Tegegne

    Startend mit „Silence“ wird uns die Angst vor Ablehnung lyrisch beschrieben und musikalisch untermalt. Sie führt dazu die eigenen Bedürfnisse zurück zustellen.

    Das findet sich auch in den Lyrics wieder: „Keeping my silence for being loved“. Ich mag besonders, dass die Musik einerseits so verletzlich klingt, durch das Piano, aber andererseits auch so selbstbewusst und mutig durch den Bass wirkt. Nach eineinhalb Minuten kommt ein Break, nachdem man kein Piano mehr hört und der Beat eher vorantreibenden und treibend klingt. Das Verletzliche (Klavier) tritt zur Seite, damit der Bass und die Drums mehr Raum haben, der Song wirkt dadurch auch lauter. Vielleicht, weil man nicht mehr „silent“ bleibt?

    Ich finds außerdem sehr cool, dass die Songs Bezug aufeinander nehmen: Der zweite Track „More“ ist verlangsamt, mit einem Loop wird die Songzeile „more“ in tieferer Stimme immer wieder wiederholt. Eventuell könnten das den Anfang der Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse sein.

    Der dritte Track „BoomBoomBooom“ nimmt die Soundwelt von „More“ auf. Er wandelt sich jedoch weiter und die tiefen langsamen verzerrten Vocals von „More“ werden leiser. Wenn bei 0:51 die Drums wegfallen, hören wir die Chorusmelodie, die danach nicht mehr so leicht zu vergessen ist- zumindest für mich. In den Lyrics schreibt Alehlokapi von dem Wunsch wahrgenommen zu werden und der Sehnsucht nach Nähe. Die Angst eigene Bedürfnisse zu äußern, die in Silence so präsent war, ist nicht mehr da. Stattdessen befreit sie sich von dieser Angst und lässt die Gefühle und Nähe nun zu:

    Well u crossed my mind boy a thousand time today /
    in my thoughts my fantasy what are u doing in my head anyway/ my muse, my constant reverie“


    Von unerfüllten Erwartungen und dem Mut einer Person alle Seiten von sich zu offenbaren

    DRIVE-BY“ ist durchzogen von ruhelosen, stolppernden Drums. Der Beat untermalt die innere Unruhe und Angetriebenheit, die man hier fast am eigenen Körper fühlen kann. Er ist eine Momentaufnahme von Stress, Geldnot und Trauer um eine verlorene Freundschaft.

    Darauf folgt „Your Name“ mit Regensounds, die zunächst einen starken Kontrast darstellen und fast eine mediative Wirkung nach der Ruhelosigkeit spenden. Es geht um Selbstschutz, Abgrenzung und einen möglichen Weg, mit der Enttäuschung unerfüllter Erwartungen umzugehen. Für mich spiegelt das Auf und Ab des Albums gut den Prozess wieder, den man durchelbt, wenn man alte Gewohnheiten brechen muss. Man zurück geworfen, man geht wieder nach vorne.

    MMB“ steht für „Make My Bed“. Er handelt von der Notwendigkeit von Verletzlichkeit, damit man sich selber wandeln kann.

    „call me out on my bullshit / call me out on my lies“ und „you see through my eyes“

    zeigt eine Beziehung, in der ehrlich mit Fehlern umgegangen wird. Eine Liebe in der Nähe möglich ist, weil nicht versucht wird eine vermeintlich perfekte Fassade aufrecht zu erhalten.


    Erase Replace und so Selbstbestimmung gewinnen

    Der Titeltrack „Erase Replace“ startet mit sanften Klängen: einem mellow Klavier und mellow Drums. Er steht für den Wandlungsprozess, der im Album beschrieben wird. Alte Denk- und Verhaltensmuster werden überschrieben, das Motto ist sprichwörtlich „Erase Replace„. Man fühlt sich als würde man aus dem Schlaf eines passiven Lebens aufwachen und die eigene Selbstbestimmung wiedererlangen.

    Das „Outro“ klingt durch die Streicher wie ein Moment der Erleuchtung, der Klarheit. Angst und Euphorie treffen aufeinander und Alehlokapi findet ihre Stimme.


    Anstehende Konzerte

    Wer Alehlokapis Debütalbum live erleben möchte, ist herzlich eingeladen zur Releaseparty am 06. September nach Leipzig ins noch besser Leben zu kommen. Tickets findet ihr hier.

    Und hier könnt ihr das Album streamen!

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    Fotocredit: Karine Bravo und Yonas Tegegne

  • Djo’s „The Crux“ ist ein Wimmelbild von dir und mir

    Djo’s „The Crux“ ist ein Wimmelbild von dir und mir

    Spätestens seit dem internationalen Erfolg von „End of Beginning“ aus seinem Debüt Album „Twenty Twenty“ verzehrt sich Joe Keery Bild von „Steve“ aus Stranger Things zu Djo. Der Song erreichte Platz 1 der Spotify Charts und erzählt von Kerrys tiefer Verbundenheit mit Chicago. In der Stadt begann er seine Musik unter dem Namen Cool Cool Cool zu performen und traf andere Musikmachende und trat der Band Post Animals bei. Außerdem wurde er dort für Stranger Things gecasted. Djos Leben spielte sich in dieser Stadt ab, dort endete der Anfang seiner Karriere. Diese Nostalgie, die diese besonderen Orte aus unseren Leben in uns auslösen, ist ein universelles Gefühl, das weltweit – bewiesen durch „End of Beginning„- Anklang findet. Nach so einem Erfolg entsteht häufig der Druck den Erwartungen des Publikums gerecht zu werden. Findet Djo nochmal den Weg in unsere Lieblingssongs?

    Leben ist Gemeinschaft

    The Crux“ hängt wie ein Ohr am Kopf an dem Hotel, das am Ende der Straße thront. Im Kontrast zur Hektik und Fluidität der Personen auf der Straße, strahlt „The Crux“ Ruhe aus. In der Koproduktion mit Adam Thein, schafft Joe Kerry ein Album. Es handelt natürlich auch von seiner eigenen Geschichte. Djo rückt in den Vordergrund, dass das eigene Leben aus mehr besteht als einem Selbst. Es seien genauso all die Leute, Freundschaften und Bekanntschaften, die es stetig verändern. Angefangen habe es jedoch wie die meisten Pop-Songs: Mit einer Liebesgeschichte. Beziehungsweise ihrem Ende. In diesem Album spürt man wie die Liebe oft als Allegorie verstanden werden kann. Oft sind, meiner Meinung nach, Lovesongs auf andere Lebensbereiche übertragbar und entfalten so neue Perspektiven.

    „Ein gemischtes Popcorn bitte.“

    Die Songs sind vielfältig, dennoch finden sie einen gemeinsamen Kern. Er entsteht durch den „kollaborativen Geist der Musik“, der die Songs durch Beiträge seiner Familie und Freunden zusammenhält. Betrachtet man das Hotel als Film, der zwischen der Perspektive der verschiedenen Hotelgäste springt, fällt es leicht sich in die Song einzufühlen. In Zusammenarbeit mit Neil Krug entwarf Djo die Darstellung des Hotels, mit ihren vergänglichen Gästen, die sich im emotionalen oder spirituellen Umbruch befinden.

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    „Es ist eine Art Schuss an alle, die versuchen, dem Zeitgeist zu entsprechen.“

    Die erste Single, die veröffentlich wurde, ist „Basic Being Basic„. Auf eine humorvolle, aber auch gestochen scharfe Art kritisiert Djo eine Person, die versucht sich von anderen abzuheben. Durch den krampfhaften Versuch anders zu sein, wird man ironischerweise, basic. „What an empty epitaph that is“, Joe Keery merkt an, wie leer der Grabstein, das Vermächtnis, ist, das diese Person hinterlassen wird. Denn nachher würde keiner mehr über Oberflächlichkeiten wie das „picture of your plate“ vom 25.03 sprechen.



    Inspiriert von dem Pop der 60er- und 70er- Jahre

    Charlies Garden“ ein Track des Albums referriert auf den The Beatles Song „Octopus Garden“ von . Gleichnamig publizierte Djo eine Playlist mit Songs, die ihn zum Album inspirierten. Darunter Musiker wie Stevie Wonder, Marvin Gaye und Bee Gees. Die Klänge dieser Jahrzehnte schimmern im Album immer wieder durch, aber finden dabei ihren ganz eigene Note. So scheint „Charlies Garden“ viel mehr eine Hommage an The Beatles im gesamten zu sein, als allein an „Octopus Garden„. Mit „Charlie“ ist Charlie Heaton gemeint sein. Er hat das Intro für den Song eingesprochen. Außerdem gibt es in „Delete Ya“ eine Referenz zu ihm und der Serie Stranger Things: „Team up with Charlie, take these kids for a ride„. Das erinnert stark an die Serie Stranger Things, in der Charlie Heaton einen der Hauptcharaktere Jonathan Byers den großen Bruder von Mike (Finn Wolfhard) spielt.

    Ausbrechen, Hoffen und Weitergehen

    In „Link“ wird das Bild einer Person gemalt, die den gängigen Weg verlässt. Das Lyrische-Ich spürt den Kontrast zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Erfüllungen. Potion erzählt von Einsamkeit und Hoffnung: „I’m countin‘ on love/When the book is in the final chapter/ Man, it’s always sad to go“. „Fly“ klingt für mich nach einer anderen Version von „The Long And Winding Road“ von The Beatles. Während Djo’s Lyrisches-Ich „must fly/ Fly away from her“, will McCartney‘s „Ich“ zurück zu ihrer Tür. Wer auch bald vor eurer Tür steht ist Djo, denn:

    Djo – Back On You Tour

    Meine Ohren sind begeistert und deshalb freue ich mich mitteilen zu können, dass Djo eine fette Welttournee für 2025 angekündigt hat. Auf der Djo – Back On You Tour wird Post Animal als Support bei allen Tourdaten in Nordamerika, Großbritannien und der EU auftreten. Als Keery nach Chicago zog trat er der Band bei. Ab dem 1. Juni touren sie gemeinsam durch Europa, beginnend in Dublin. Das Album könnt ihr seit dem 04.04.2025 überall hören. Also keine Zeit verlieren und hier hören:

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  • Moon Mirror: 30 Jahre Nada Surf

    Moon Mirror: 30 Jahre Nada Surf


    Es ist ein kalter Dezemberabend, einer der letzten in 2024. Die Hamburger Markthalle ist bis in die letzte Ecke gefüllt und von der Kälte draußen ist absolut gar nichts mehr zu spüren. Kurz vor Weihnachten kommen Nada Surf mit ihrer Welttournee nach Deutschland. Das amerikanische Indierock-Urgestein hat zuvor im September ihr aktuelles Album mit dem Titel „Moon Mirror“ veröffentlicht. Die langersehnte Veröffentlichung ist das erste Nada Surf Album seit vier Jahren und markiert das 30-jährige Jubiläum ihrer Debütsingle. Auf dem Konzert wurden neue Songs und alte Klassiker der Band zum Besten gegeben.


    Beginn mit einem Klassiker

    Wer an Nada Surf denkt, bekommt vermutlich ganz unfreiwillig einen Ohrwurm ihres größten Erfolges „Inside of Love“. Klar, dass dieser Song dann in der Setlist nicht fehlen darf. Zunächst war es allerdings überraschend, dass der Abend mit diesem eigentlichen Höhepunkt eröffnet wurde. Wer jetzt glaubt, das Pulver sei damit direkt verschossen gewesen: weit gefehlt. Der Fokus sollte damit im weiteren Verlauf auf den neuen Songs liegen.

    „Moon Mirror“ zeigt vor allen Dingen eines. Die Band ist sich und ihrem Klang treu geblieben. Nada Surf schaffen es einerseits ein vertrautes Klangbild zu schaffen, das aussagt: „Wir sind immer noch die Indierock-Helden, die ihr kennt und liebt“. Andererseits klingen sie damit nicht redundant oder eintönig. Dieses Album dürfte also Neuentdecker sowie Fans der ersten Stunde gut gefallen.


    Der Song auf „Moon Mirror“, der den Spagat zwischen neuem Stoff und familiärer Gewohnheit am besten abbildet, ist „New Propeller“. Sanft und träumerisch startend nimmt der Song nach einer Minute Fahrt auf und klingt durch Einsetzen der gesamten Besetzung wie das Gefühl der Freiheit, wenn man an einem lauen Sommerabend durch ein Kornfeld spaziert. Zeitweise ist auch genau das im Musikvideo zu sehen. Stark an den eingangs genannten Hit „Inside of Love“ erinnernd, reiht sich „New Propeller“ perfekt in die nach optimistischer Melancholie klingenden Diskographie der Band ein.

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    Schon immer träumend philosophisch

    Sänger und Songwriter Matthew Caws ist bekannt dafür, Philosophien des Lebens in seinen Songs zu verarbeiten. Dabei strebt er kontinuierlich nach mehr, sucht Lösungen und spricht in einer die Natur und Umwelt darstellenden Bildsprache. Auch im Titelsong „Moon Mirror“ hält er sich auf diese Art den Spiegel vor und begibt sich auf die Suche nach einem Freund – oder zumindest nach etwas Vertrautem. Dieses findet er im Spiegel des Mondes und gibt uns nicht nur mit dem Song, sondern mit dem ganzen Album unseren eigenen „Moon Mirror“.


    „Come down, help me make it clearer
    I’ve been waiting for you, moon mirror“


    Zurück in Hamburg wurde das Set für einen kurzen Moment unterbrochen. Matthew steht allein vorne am Mikro, holt einen gefalteten Zettel aus seiner Hosentasche und liest ihn vor. Auf Deutsch. Mit sympathischer und humorvoller Weise kündigt er den nächsten Song an: „In Front of Me Now“. Der etwas kräftigere Popsong hat dabei eine Botschaft, die nach einem guten Vorsatz für das neue Jahr klingt. Konzentriere Dich auf das, was vor Dir liegt und fokussiere Dich auf die eine wesentliche Sache.

    „Moon Mirror“ ist schon jetzt ein neuer Klassiker der New Yorker Indierockband Nada Surf. Reinhören ist in jedem Fall lohnenswert, darum ist untenstehend das Album verlinkt!

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  • Leifs Jahresrückblick: Wiederentdeckte Dauerbrenner und eine Menge Regen

    Leifs Jahresrückblick: Wiederentdeckte Dauerbrenner und eine Menge Regen


    Das letzte Zwölftel des Jahres 2024 ist angebrochen und mit ihm kommt die kalte dunkle Jahreszeit. Eine Jahreszeit, die zuhause gemütlicher macht, Besinnlichkeit und Beisammensein verspricht und für viele Menschen Tradition bedeutet. So ist es etwa bei untoldency Tradition, in dieser Zeit das musikalische Jahr in einem Jahresrückblick Revue passieren zu lassen.

    Denke ich an 2024 zurück, wird mir bewusst, dass es ein Jahr war, in dem ich vor allem eines noch weniger hatte als je zuvor: Zeit. Wer kennt es nicht? Einen geraumen Anteil der Zeit frisst die Arbeit oder die Uni, das Lernen und Sachen, die einfach gemacht werden müssen. Das, was wohl die meisten nachvollziehen können, hat mich persönlich in diesem Jahr stark eingeholt. Der Wert der Zeit, die ich ganz ohne Verpflichtungen und nur für mich hatte, stieg in diesem Jahr ins Unermessliche. Da ist sie wieder, die Inflation.

    Deshalb ist es auch hier in den letzten Monaten ziemlich ruhig um mich geworden. Aber anstatt über ein Problem zu lamentieren, welches ohnehin fast alle haben, komme ich nun auf meine besonderen musikalischen Highlights von 2024 zu schreiben. Viel Spaß mit meinem Jahresrückblick!


    Mein Album des Jahres

    Anfang des Jahres – ich habe hier darüber geschrieben – kam das Debütalbum Prelude to Ecstasy von The Last Dinner Party und hat meine Welt ein wenig aus den Fugen gerissen. Die kraftvollen Lyrics, der pulsierende Pop aber vor allem der Klassik- und Renaissancebezug im Instrumental und in der Gesamtästhetik haben es mir sehr angetan. So sehr, dass die Songs „Sinner“, „Nothing Matters“ und „On Your Side“ allesamt in meinen Go-To Playlists gelandet sind und (zumindest außerhalb der Weihnachtszeit) bis heute täglich von mir gehört werden. Von der Band konnte ich 2024 gar nicht genug bekommen und hoffe, dass 2025 die Sehnsucht nach mehr stillt.

    Spulen wir vor zum Sommer. Zu einem Jahresrückblick gehören ja bekanntlich nicht nur Neuentdeckungen, sondern auch Bekanntes, Liebgewonnenes oder Wiederentdecktes. Außerdem sind es doch am Ende die Erlebnisse, die in Erinnerung bleiben. Deshalb möchte ich auch über die einzigartigen Konzerte schreiben, die Mitte 2024 besuchen konnte.


    Was ist, wenn wir beide wie Hannover sind?

    Eines davon war das Seventyfive Festival in meiner Heimat, die Grafschaft Bentheim (ja, auch da können gute Konzerte stattfinden). Im Charme eines Speditionsgeländes hat mich vor allem ein Künstler wieder in den Bann gezogen: Thees Uhlmann. Schon seit Jahren, taucht er hier und da immer mal wieder in meinen Hörgewohnheiten auf, allerdings vergaß ich ihn in der letzten Zeit ein wenig. Die fast erloschene Glut wurde an jenem Tag folglich zu einem lodernden Feuer entfacht. Auch, wenn ich für gewöhnlich kaum deutschsprachige Musik höre, vermag mich die von Thees Uhlmann mittlerweile so tief emotional zu berühren, wie keine andere.

    Ein Beispiel. Die Stadt Hannover – dort, wo ich wohne – hat in diesem Jahr eines seiner berühmtesten Wahrzeichen „verloren“. Der sogenannte Telemoritz ist ein in Stadtzentrumsnähe stehender Fernsehturm, der verziert mit drei großen Volkswagenlogos über die Häuser Hannover wachte. Er war mit seiner VW-Werbe-Charakteristik nicht von der Skyline wegzudenken. In dem Song „Was wird aus Hannover“ besingt Thees Uhlmann diesen Turm mit folgenden Worten:


    „Am Bahnhof steht ein Turm, der für Nutzfahrzeuge wirbt
    Du warst wie ein Sturm, den niemand hört und spürt“


    Vom mittlerweile baufälligen Turm, der seit 2004 unter Denkmalschutz steht, wurden im Juli dieses Jahres die Werbeschilder abgehangen. Der triste Anblick dessen und die Emotionalität, die der Uhlmannsche Soundtrack in mir erweckt, haben mich zu jener Zeit möglicherweise ganz kurz zum Weinen gebracht. So viel zu meiner persönlichen Bauwerktristesse von 2024.


    Ins Wasser gefallen

    Eigentlich wollte ich über das erwähnte Festival bei untoldency berichten. Neben Thees Uhlmann hätte auch einer seiner norddeutschen Kollegen spielen sollen, dem ich einige Tage vorher in seiner Heimatstadt Braunschweig lauschen durfte: Axel Bosse. Nach einer unfassbar tollen Darbietung auf der Volksbank BraWo Bühne, habe ich der Show vom sympathischen Headliner Bosse auf dem Seventyfive Festival voller Vorfreude entgegengefiebert. Dazu kam es allerdings nicht, denn das Konzertgelände musste schon frühabends aufgrund von Unwetterwarnungen und straken Regenfällen geräumt werden. Mitten im Sommer fiel Norddeutschland sich selbst zum Opfer.

    Mein absolutes und unangefochtenes Highlight des Jahres hingegen, ist eine Show der Superlative, die seines gleichen sucht. Gemeint ist Coldplay, die ihre „Music Of The Spheres World Tour“ in diesem Jahr nach Deutschland gebracht haben. Auch dort hat es Anfangs durch das offene Stadion wie aus Badewannen gegossen. Die Bühne wurde über eine Stunde lang im Sekundentakt von der Crew mit Wischern abgezogen und von enormen Wassermassen befreit, was natürlich innerhalb von Augenblicken wieder hinfällig war. Diese Show fiel aber nicht ins Wasser – ganz im Gegenteil. Der Regen wurde von der Band atmosphärisch genutzt und auch die Energie der Fans konnte dem schlechten Wetter trotzen. Er schien einfach dazuzugehören, hat das Erlebnis eindrücklicher und die Band trotz Weltruhm noch sympathischer und nahbarer gemacht. Alle tanzten gemeinsam im Regen.


    And It Was All Yellow

    Kurz zusammengefasst war das Konzert knappe 3 Stunden lang ein Hit nach dem anderen, nur Banger aneinandergereiht. Niemals ging die Energie verloren. Die Chance, sich auszuruhen nahm man sich gern selbst. Die phänomenale Lichtshow gab der umwerfenden Kulisse den Rest. Jeder Mensch aus dem Publikum hat für das Konzert ein ferngesteuertes Leuchtarmband bekommen, das nonstop choreographiert in verschiedenen Farben zum Leuchten und Blinken gebracht wurde. So war zum Beispiel die gesamte Arena beim Song „Yellow“ in einem leuchtenden gelb getaucht. Kein Wunder, dass dieses Konzert für lange Zeit unübertrefflich für mich bleibt.

    Das Musikjahr 2024 schließe ich ab mit einer meiner alltime favourites Alternative Band aus den frühen 2000ern. Nada Surf brachten in diesem Jahr ihr neues „Album Moon Mirror“ heraus. Eine Demonstration der neuen Songs habe ich mir im Dezember auf einem ihrer Konzerte in Hamburg geben lassen. Aber darauf werde ich im neuen Jahr zu schreiben kommen. Es sei an der Stelle vorerst nur Folgendes erwähnt: Sie sind sich treu geblieben. Es geht doch nichts über einen Cliffhanger am Ende. Hört Euch das Album bis dahin am besten schonmal an.

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    Am Ende des Jahresrückblickes bleibt nur noch zu sagen: Ich wünsche Euch allen von Herzen besinnliche Festtage, egal was und wie ihr feiert und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2025. Nehmt Euch die eingangs beschriebene, kostbare Zeit, die Euch die Tage zwischen den Jahren geben. Man liest sich!