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  • Dramatischer Realismus: „Prelude to Ecstasy“ von The Last Dinner Party

    Dramatischer Realismus: „Prelude to Ecstasy“ von The Last Dinner Party


    Prelude to Ecstacy heißt das Debütalbum der britischen Band The Last Dinner Party. Der Titel verspricht eine Flucht vor der Realität – hält das Album dieses Versprechen? 1815 war ganz Europa in Folge des größten Vulkanausbruches aller Zeiten unter einer Decke der Dunkelheit verborgen. In dieser apokalyptisch scheinenden Zeit schuf Mary Shelley eine der ersten gotischen Novellen, besser bekannt als Frankenstein. The Last Dinner Party tun es ihr auf zeitgenössischer Art und Weise gleich.

    Das heutige apokalyptische Setting äußert sich im Sterben unseres Planeten und im Tod der Wahrheit. Im postfaktischen Zeitalter scheint nichts mehr real zu sein. Vielmehr besteht unsere Welt aus deep fakes, fake news und AI. The Last Dinner Party wirken dem entgegen mit etwas, was diese Dunkelheit durchbricht: Ehrlichkeit.

    Inspiriert durch Romantik, Gotik und einen Hang zum Grotesken schaffen die fünf Musikerinnen mit Prelude to Ecstacy ihren eigenen Frankenstein. Dabei halten sie an der Ästhetik des Ursprungs fest. Auch die Musik bedient sich an Stilmitteln einer enormen Dramatik, Theatralik und eines Surrealismus aus vergangen Zeiten. Die Lyrics hingegen könnten aktueller nicht sein. In ebendieses Bild passend: Das Album wurde aufgenommen in einer umgebauten Kirche.

    Der erste Akt

    Schlägt man die Definition von Präludium nach, so stoßt man auf folgende Beschreibung: Ein oft frei improvisiertes musikalisches Vorspiel oder eine fantasieartige selbstständige Instrumentalkomposition. Mit einer solchen findet sich ein dramatischer Einstieg in das Bühnenwerk Prelude to Ecstacy. Erster Akt.

    Die Atmosphäre des Anfangs geht in den darauffolgenden Songs keinesfalls verloren. Während Titel und Track von Burn Alive nur vor Spannung und Tiefe strotzen, wirkt Caesar on a TV Screen zuerst wie ein groteskes Trauerspiel, verwandelt sich aber nach gut einer halben Minute in ein kräftig theatralisches Stück Popmusik und kommt am Ende zu einer Art musikalischem Showdown.

    The Feminin Urge trägt die Stimmung mittels James-Bond-Gedächtnis-Gitarre weiter. Mit On Your Side und Beautiful Boy findet die Dramaturgie des ersten Aktes in schmerzlich träumender, vor allem wunderschöner Manier sein Ende. Zum Einsatz kommen hier neben klassischer Bandbesetzung – wie im Intro von Prelude To Ecstacy – klassische Instrumente.

    „I wish I could be a beautiful boy“


    Der zweite Akt

    Gehüllt in einem himmlischen Stimmennebel und begleitet von einer Kirchenorgel beginnt die zweite Hälfte des Albums mit dem choralähnlichen Gjuha. Der Übergang zum rockigen Popsong Sinner ist phänomenal und unterstreicht einmal mehr, wie sehr Prelude To Ecstasy als Gesamtwerk zu betrachten ist. My Lady of Mercy nimmt diese poppige Gelassenheit auf, wandelt sie jedoch im Laufe des Songs in sich aufbauende (und damit endlich wiederkehrende) Dramatik um.

    Portrait of a Dead Girl verwirrt zuerst, indem das Klavier einen 6/8-Takt vorgaukelt. Beim Einsetzen des Schlagzeugs wird aber klar, dass es sich hier um einen 4/4-Takt und eine triolische Spielweise des Klaviers handelt (und damit wäre der Musiktheorie-Bildungsauftrag erfüllt). Spannend wird es auch beim darauffolgenden Song, der der Bekannteste des Albums sein dürfte.

    „And I will fuck you like nothing matters“


    Nothing Matters verbindet alles, wofür dieses Album, seine Dramaturgie und Ästhetik stehen. Das Künstlerische mit kleinen musikalischen Verweisen an klassische Musik (Orgel, Harfe) verbunden mit zeitgenössischem, kraftvollem Rock. Dazu feministische Perspektive und apokalyptische Endzeitthematik. Sogar ein Gitarrensolo hat dieser sehr, sehr gute Song und ist damit zumindest einer der Höhepunkte des Albums.

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    Prelude To Ecstacy findet mit dem grandiosen Schauerspiel Mirrors ein bedrückendes Ende. Ist das Wort Dramatik schon viel zu oft in diesem Text gefallen, wird aber jene nun aus allen vorangegangenen Songs extrahiert und in einem großen Finale der Melancholie endgültig freigesetzt. Es verläuft sich allmählich in einer ekstatisch solierenden Gitarre über sinfonischen Streichern und verblasst langsam („I fade away“). Schließlich endet es, wie es anfing: mit orchestraler Instrumentalmusik.

    Mit Prelude To Ecstacy schaffen The Last Dinner Party ein perfektes Debütalbum und kreieren durchdacht einen einzigartigen Stil, der die Urform von Kunst und Schönheit mit Spannung und Hyper-Realismus vereint. Die Kombination aus Vergangenheit und Gegenwart gelingt der britischen Band in ihrer Musik und ihren Texten hervorragend. Das Album ist zum Reinhören unter diesem Artikel verlinkt.

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  • Shooting Star Naomi Sharon besingt auf „Obsidian“ mit viel Symbolik die Liebe

    Es ist kein Revival, sondern eine Reinkarnation. Naomi Sharon belebt die schönste Frauenstimme der jüngsten Vergangenheit wieder, und zwar die von Sade. Mit geschlossenen Augen und gespitzten Ohren hört man den Unterschied kaum. Doch der Sound ist ein neuer. Naomi Sharon holt die Musik Sade‘s in die Gegenwart und mischt die bezaubernde Klangfarbe ihrer Stimme mit modernen und sinnlichen Produktionen. 

    Definition of Love

    Obsidian steht für Klarheit und Positivität. Dem aus abkühlender Lava entstehenden Glas werden schützende Kräfte vor negativen Schwingungen nachgesagt, sowie die Fähigkeit toxische Energien zu reinigen und Chaos zu klären. Das Resultat: die Bedeutung der Liebe. Bei maximalem Verstand besingt Naomi Sharon auf ihrer Lead-Single ihre persönliche „Definition of Love“. Über einer meditativen Soundfläche mit plätscherndem Wassergeräuschen gleitet die raumeinnehmende Stimme der Sängerin begleitet von Hallfahnen durch die erste Strophe und den ersten Refrain, ehe der einsetzende Beat rhythmischen Halt gibt. Die Drums sind minimalistisch und dennoch prägnant, dank des geschickt eingesetzten Delays. Der sich ohne Gesang etablierende Beat sowie die anschließend gekonnt gesetzte Kunstpause geben Raum zum Durchatmen und Gedanken schweifen lassen.

    Mit der Klarheit, die die musikalische Komposition auszeichnet, beschreibt Naomi Sharon auch ihre Gefühle: „All I see, all I know, is that you are the definition of love“, und bringt ihre Ekstase mit den Worten „Heaven’s in your eyes, let me follow“ zum Höhepunkt. Die mantraartige Wiederholung dieser Zeile sowie der Zeile „Won’t rest ‚til I know for sure, won’t rest ‚til I know“ manifestieren den Wunsch nach Liebe und unterstreichen die Bestimmtheit ihrer Gefühle. Nach eigenen Aussagen deutet die Sängerin die Liebe von innen heraus und setzt die Liebe zu sich selbst als Maßstab.

    If this is Love

    Aus dem klaren Verlangen nach romantischer Intimität entwickelt sich deren Verneinung: „If this is love, then I don’t want it“. Im Sinne des Albumtitels klären sich auf dem zweiten Song des Albums die persönlichen Wünsche auf und stoßen daraus resultierend toxische Energien ab. Dies alles geschieht erneut über durch plätscherndes Wasser angereicherte Klangflächen und zurückhaltender Percussion. Die Bedeutungsschwere der sich wiederholenden Refrain-Zeile wird durch die zweite Stimme verstärkt. Aus der Verneinung der Liebe ergibt sich wiederum eine Bejahung. Die Ablehnung einer unzureichenden Liebe umreißt stärker die gewünschte Hingabe.

    Nahtlos fließt das Album weiter zum darauffolgenden Song „Another Life“, der sich mit der Kompliziertheit der Liebe auseinandersetzt. Der bereits etablierte Sound der niederländischen Sängerin mit karibischen Wurzeln breitet weiter seinen Radius aus. Die Stimme schwebt durch einen endlosen Klangraum, bis der signifikante Bass Orientierung bietet. Am Ende stehen erneut im Kreise laufende Zeilen im Fokus: „Love is a wicked game, still we play it“ bzw. „Don’t let your love run out“.

    Versiegte Romantik

    „Myrrh“ beginnt mit einer neuen Klangfarbe. Naomi Sharon besingt eine weitere Facette der Liebe über eine gezupfte Gitarre, die dieses Mal von Anfang rhythmische Struktur bietet. Der Klangraum bleibt allerdings riesig. Eine zurückhaltende Klangatmosphäre und weich gesetzte Delays erschaffen einen Raum zum Träumen. Die besungene nicht erfüllte Liebe wird dabei gekonnt durch die Refrain-Zeile „Kiss like myrrh, sweet perfume, ancient love fills the room“ auf den Punkt gebracht. Das vor langer Zeit für Parfüm verwendete Harz des Myrrhe-Strauchs versprüht einen Geruch, der ebenso an altertümliche Zeiten wie an die versiegte Liaison erinnert.

    Drake Summer Mixtape Vibes

    Mitte des Albums werden die Tracks tanzbarer. „Time and Trust“ gibt einen ersten Vorgeschmack, ehe der gemeinsame Song „Push“ mit dem nigerianischen Sänger Omah Lay die weichen und emotionalen Töne Sharons mit modernen Afrobeats und Amapiano Einflüssen verbindet. „Holding in Place“ treibt das Tempo weiter an und würde sich neben Songs wie „Get it Together“ oder „Passionsfruit“ nahtlos in das 2017 veröffentlichte Mixtape „More Life“ von Drake einordnen, ein Song, der im Winter Wärme spendet und im Sommer die Karibik nach Hause holt. Es ist kein Zufall, dass die Künstlerin bei Drake’s Label OVO unterschrieben hat. Eine Kollaboration würde nicht nur klanglich Sinn machen und den in Belanglosigkeit ertrinkenden kanadischen Rapper wieder etwas Spannung verleihen. „Extacy“ ist ein weiteres Puzzlestück, das Überschneidung mit Drakes Musikkatalog aufweist: Vocal-Samples, gedämpfte Drums und viel Platz für die Stimme. Und im Mittelpunkt steht erneut eine prägende, sich stets wiederholende Zeile: „It’s so easy to go, it’s so hard to come home“.

    Aus den verhallten Träumen in die klare Realität

    Auf „Lucid Dreamer“ gewinnt Sades Einfluss auch innerhalb der Produktionen. Funkelnde Keys und in Hall getränkte Percussion begleiten die träumende Stimme Naomi Sharons. Der dazu gehörende Kalenderspruch lautet dieses Mal: „If you’re not there, there’s no luxury worth living“. Dabei verrät der Titel bereits alles. Der Song ist ein Traum von sinnlicher Nähe, der sich so real anfühlt, dass er echt sein könnte. Es bleibt die Frage, was hören wir, wenn wir luzid träumen? Diesen Song!

    Das Ende des Albums hält noch eine Überraschung bereit. Der Hall verschwindet aus den Songs und es bleiben bescheidene Gitarren und die im Vergleich zurückhaltend effektierte Stimme. „Regardless“ und „Hills“ geben aufgrund der klanglichen Zurückhaltung noch mehr preis und fassen die verschiedenen Facetten des Albums zusammen. Die aktuelle Single „Nothing Sweeter“ führt den eingeschlagenen Weg weiter und kommt ebenfalls nur mit einer Gitarre aus, deren Akkorde und Melodien kaum schöner sein könnten.

    Ein Netz aus roten Fäden

    Naomi Sharon zeichnet ihren persönlichen Klang mit besonderer Klarheit. Warme Bässe ergänzen sphärische Flächen und erschaffen neue Dimensionen für eine ewig wachsende Stimme. Zentrales Element der Songs sind dabei immer sich im Refrain und Outro wiederholende Zeilen, die inhaltlich die Essenz des Liedes in sich tragen und als eine Art Mantra die eigenen Gedanken und Gefühle manifestieren. Dass dieses Album, dass sich in aller Ausführlichkeit mit der Liebe und dessen Reflektion beschäftigt, „Obsidian“ heißt, deutet darauf hin, dass der Heilungsprozess während der emotionalen Aufarbeitung im Vordergrund steht.

    Naomi Sharon zieht ihren roten Faden nicht nur durch ihre Songs, sondern auch durch ihren in blau & und schwarz gehaltenem Instagram-Feed bis hin zum Albumnamen. Diese besondere Homogenität ist ein Beweis ihrer künstlerischen Fähigkeiten und lässt fast vergessen was die Tracks auf dem Album auch sind: einfach verdammt schöne Songs.

    Was noch viel schöner ist, ist Naomi Sharons Konzert in Berlin Anfang April, das allerdings schon ausverkauft ist. Aber wer weiß, vielleicht wird die ein oder andere Karte noch frei.

  • FLUKES sind süchtig nach „Blauem Licht“

    FLUKES sind süchtig nach „Blauem Licht“


    Der Song wie ein einziger Rausch, ein Titel, der viel bedeuten kann und Musik, die einen von der Party nach Hause trägt: Die vierköpfige Hannoveraner Indie Band FLUKES veröffentlichen ihren neuen Song Blaues Licht.

    Zu Beginn ein liegender Synthie, eine angedeutete Gitarre. Die Strophe setzt nach sehr kurzem Intro beinahe plötzlich mit klarem Gesang und prägnanten Drums ein. Fast gesprochen, steht der Gesang direkt im Vordergrund und findet sich perfekt in den vorerst atmosphärischen, trotzdem stark treibenden Refrain ein


    „Einfach vor den Latz geknallt“

    Kurzer Break, dann der Refrain. Die Synthies werden stärker, die Gitarre lebendiger, beide nehmen ein Lasso und ziehen dich auf die Tanzfläche. Die eintönige Melodie des Gesangs steigt gleich mit ein und pflanzt einen Ohrwurm, der sich zum Glück nicht so schnell entfernen lässt.

    „Shalala die ganze Zeit verrinnt in deinen Händen,

    Süchtig nach blauem Licht
    Shalala die ganze Nacht allein in dein‘ vier Wänden,

    Süchtig nach blauem Licht“


    In der zweiten Strophe will der Gesang mehr. Er wird intensiver, nuancierter und arbeitet sich steigernd bis zum nächsten Refrain heran. Unmittelbar danach bricht dann ein verzerrtes Gitarrensolo aus, was den Rausch im Song auf die Spitze treibt. Und dann kurz Ruhe. Blaues Licht beruhigt sich und lässt dich durchatmen, ehe es dich mit einem letzten Ohrwurmchorus und offenem Ende in die Nacht entlässt.

    Irgendwo zwischen The Strokes und Von wegen Lisbeth

    Und nun zur Band: FLUKES sind ein vierköpfiges Indie-Gespann und stammen aus Hannover. Die Bandmitglieder verbindet eine lange Freundschaft und sie fühlen sich bei Themen wie Jugendliebe oder Grow-Up-Struggles zuhause.

    Ihre Musik beschreiben sie selbst als Zusammenspiel von melancholischen Gitarren-Lines, Wohlfühl-Synthies und treibenden Schlagzeug-Beats stets charakterisiert durch Nostalgie und gleichzeitigem Blick nach vorn. Genau das ist in „Blaues Licht“ gut zu hören. Zu ihren Inspirationen zählen The Strokes, Bilderbuch und Von wegen Liesbeth. In naher Zukunft dürfen wir uns über weitere neue Singles, eine EP und eine kleine Tour von FLUKES freuen. Reinhören und dabeibleiben lohnt sich also!

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  • Leifs Jahresrückblick: Der Soundtrack, der jedes meiner Weihnachten bestimmt

    Leifs Jahresrückblick: Der Soundtrack, der jedes meiner Weihnachten bestimmt


    Alle Jahre wieder kehrt im Dezember die unvermeidbare Weihnachtsstimmung ein. Zwar hat sich über die Jahre hinweg eine Menge verändert und ein Weihnachten ist nie, wie das andere, trotzdem bleibt eine Sache bei mir immer gleich: Der Soundtrack. Deshalb möchte ich an dieser Stelle gar nicht in das turbulente Jahr 2023 zurückblicken, sondern über ganz besondere Weihnachtsongs schreiben. Von einigen habt ihr definitiv noch nicht gehört.


    Ein festgeschriebenes Ritual

    Vermutlich liegt es an Nostalgiegefühlen aus der Kindheit, warum gerade dieses eine Kompilationsalbum bei mir jedes Jahr aufs Neue rauf und runterläuft. Mit dem weihnachtlichen Schmücken des ganzen Hauses spätestens (!) gegen Ende November läutet meine Mutter traditionell die Weihnachtszeit ein. Das ist ein festgeschriebenes Ritual. Aber schon kurz vorher wusste ich als Kind, dass der besinnliche Zauber innerhalb der Folgeminuten erweckt werden müsste. Denn ich sah es. Das auf dem Phonoschränkchen drapierte, dunkelblaue, mit Sternen versehene CD-Hardcover. In der Mitte ein großer, nach Coca-Cola aussehender Weihnachtsmannkopf mit Sonnenbrille und oben der knallige Schriftzug: BRAVO Rock Christmas. Von diesem Augenblick wussten alle im Haus, dass bis zum Ende des Jahres kein Radio mehr gehört, sondern die Einstellung der Stereoanlage auf CD bleiben würde.


    Bares für Rares

    Spätestens in der ersten Weihnachtszeit nachdem ich von zuhause auszog, war ich mir um den Verlust dieses wertvollen Stücks Musik bewusst. Dieses Album brauchte ich also unbedingt selbst. Problem nur, dass ich keinen CD-Player, sondern lediglich einen Plattenspieler hatte. Denn der Gebrauchtmarkt war voller CDs, niemand aber schien eine Vinyl des Albums zu besitzen, geschweige denn loswerden zu wollen. Durch ein Angebot „eines der größten Online-Bestelldienste“ aber die Gewissheit: Dieses Album gibt es in Plattenform. Allerdings unheimlich teuer, weil selten (120€ während der Wintersaison – bekloppt!). Knauserig wie ich bin, habe ich mich von dem Preis so lange abschrecken lassen, bis auch das einzig verfügbare Exemplar aus den Anzeigen verschwunden war.

    Es dauerte einige Monate – ich gab die Hoffnung längst auf – da erblickte ich ein weiteres Exemplar im Internet. Dieses Mal wesentlich günstiger als das letzte. Das war meine Chance. Ich schlug zu und hatte somit Mitten im Hochsommer eine Weihnachtsplatte gekauft. Ein wenig hat es sich angefühlt, wie die Nadel im Heuhaufen gefunden zu haben. Das nächste Weihnachten konnte kommen.


    Eine Mischung aus Klassikern und purem Gold

    Wer bis hierhin gelesen hat, ist sicherlich an dem Soundtrack interessiert. Tatsächlich finden sich sehr viele Klassiker, wie Last Christmas, Driving Home for Christmas, White Christmas oder Do They Know It’s Christmas? auf dem Album. Zwar sind sie auf gar keinen Fall aus einer guten Weihnachtsplaylist wegzudenken, hier lassen sich die Juwelen aber einmal mehr zwischen den bekannten Hits finden.

    Viele traditionelle Lieder zeigen sich im Gewand der 80er. Schöne Beispiele sind da Little Drummer Boy von New Kids On The Block, Have Yourself A Merry Little Christmas von den Pretenders und Mike Oldfields rockige Fassung von In Dulci Jubilo. Hier trumpft aber vor allem Silent Night von Bros mit einer unfassbar guten Gesangseinlage auf. Bei 2:38 geht einem selbst beim Zuhören die Luft aus.

    Das Herzstück von BRAVO Rock Christmas ist meiner Meinung nach Another Lonely Christmas von Prince. Richtig gelesen. Prince, der aus den 80ern nicht wegzudenken ist, hat einen Weihnachtssong geschrieben. Nach Weihnachten hört sich der Song aber nun wirklich nicht an und auch der Text erzählt eher eine tragische Geschichte, als dass er von Schnee, Santa und Geschenken handelt. Die fast beängstigende Virtuosität von Musik-Genie Prince, der alles an dieser Produktion selbst gemacht hat, verleiht dem Song seine ganz eigene Besinnlichkeit. Nur ein einziges Mal live aufgeführt, ist dieser Song in meinen Augen also ein wirkliches Goldstück.


    Wo Rock draufsteht, ist auch Rock drin

    Dafür Gary Glitters Another Rock and Roll Christmas und Joys of Christmas von Chris Rea Paradebeispiele. Letzterer Künstler ist somit übrigens als einziger doppelt auf dem Album vertreten. Jeder kennt erwähntes Driving Home for Christmas, Joys of Christmas jedoch ist relativ unbekannt. Als gitarrenlastiger Blues-Rock Song bildet er den krönenden Abschluss des Soundtracks und ist als Rausschmeißer perfekt platziert. Der Song hört sich meines Erachtens nach genau dem Moment an, in dem man sich befindet, wenn man den Heiligen Abend gerade hinter sich gebracht hat. Leicht bis stark angetrunken, vollgegessen und allein draußen spazierend ein letztes Mal in die klare Sternennacht schauen und die Nachwirkungen des Weihnachtsstresses spüren, ehe es in den sich taub anfühlenden Zeitraum zwischen den Jahren geht.

    Da leider nicht alle dieses Album auf CD besitzen – auf Platte sowieso nicht – und es das Album nicht zum Streamen gibt, habe ich eine Playlist erstellt damit jede*r die Reise durch den besten Weihnachtssoundtrack aller Zeiten antreten kann. Für Fans von Klassikern, Rockmusik und 80er ist BRAVO Rock Christmas definitiv ein Tipp zum Reinhören.


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  • Lucas‘ Jahresrückblick: Auf der Suche …

    Lucas‘ Jahresrückblick: Auf der Suche …

    Dieses Jahr war ich auf der Suche, ohne so richtig anzukommen. Viele verschiedene Genres, Artists, Singles und Alben sind durch meine Ohren geflogen, ohne dass so richtig viel hängengeblieben ist. Das müsste eigentlich gar nicht schlimm oder erwähnenswert sein, fühlt sich aber ein wenig wie eine erste musikalische Midlife Crisis an. Komme ich langsam in ein Alter, in dem mich nichts mehr überrascht, in dem mich nichts mehr von neuem begeistert? Die gute Seite daran ist allerdings, mir fällt meine musikalische Jahresauswahl ungewöhnlich leicht. Hier kommt eine Entdeckung für jeden Monat des Jahres 2023, die sich auf der Suche nach neuen Favourites doch in meinem Ohr festgesetzt haben.

    Januar: maïa – tristesse

    Das Jahr hat vielversprechend mit einer neuen Entdeckung angefangen. maïa trifft mit ihrem Song „tristesse“ sowie ihrer Debüt-EP „tatendrang und todmüde“ genau die musikalische Sitmmung, die ich liebe: leicht depressiv. Die zarte Stimme verschmilzt mit den organischen und zugleich modernen Produktionen. Mein Tipp: maïa wird sich durchsetzen. Die junge Künstlerin ist in ihrer künstlichen Erscheinung zu besonders, um ignoriert zu werden.

    Februar: BENEE – Green Honda

    Ganz abrupt wurde ich aus der Melancholie des Winters herausgerissen, als BENEE „Green Honda“ veröffentlichte. Meine Lieblings-Neuseeländerin hat ihre ADHS-Type Personality in Form eines Songs veröffentlicht. „Green Honda“ klingt wie ein tiefergelegtes neongrünes Auto mit Heck-Spoiler (ausgesprochen „Schpoiler“) und Bodenbeleuchtung, das ohne Rücksicht auf Verluste über den Nachbarsgarten driftet. Falls du ein Gartenzwerg bist: watch out!

    März: Oliva Dean – Dive

    Der Frühling hatte noch gar nicht so recht begonnen, da sind dank Olivia Dean bereits die ersten Schmetterlinge im Bauch umhergeflogen. Mein Celebrity Crush der letzten zwei Jahre hat die erste Single ihres Debütalbums „Messy“ im März veröffentlicht. Noch nie bin ich so geduldig und mit so viel Vorfreude den langen Single-Marathon mitgelaufen wie bei diesem Album. „Dive“ ist für alle Girls da draußen mit rosaroten Brillen und für alle, die es ab und zu im Herzen sein wollen (ich).

    April: Dominic Fike – Dancing In The Courthouse

    Der Sommer begann in diesem Jahr sehr früh. Dominic Fike hat mit „Dancing In The Courthouse” die perfekte Caprio-Hymne sowie das schönste Musikvideo des Jahres releast. Auf Dominic Fike ist am Ende immer Verlass. Auf jeden unbedeutenden Song folgt ein Hit zum Mitsingen. Wo auch immer Dominic Fike in den USA lebt, dort scheint es immer warm zu sein. Anders kann ich mir den perfekten Sommersong im April nicht erklären. 

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    Mai: Jorja Smith – Little Things

    Bevor Olivia Dean mein kleines Teenie-Herz eroberte, war Jorja Smith die unangefochtene Nummer eins. Dabei kann man noch immer auf ihre musikalische Schönheit vertrauen. Die engelsgleiche Stimme der Britin bezaubert immer wieder mit besonderen Momenten. Man muss ihr nur ein wenig Zeit geben. Jorja Smith ist wie Opa’s Bollo. Mit jeder Stunde, die sie länger auf dem Herd steht, schmeckt sie besser, nur mit Musik halt. Umso mehr man Jorja Smith hört, … ihr wisst schon!

    Juni: Olivia Dean – Messy

    Weil ein Song nicht ausreicht, um den vollen Umfang meiner grenzenlosen Liebe für Olivia Dean auszudrücken, betone ich hier erneut wie toll diese Frau und ihre Musik sind. Alles ist ein bisschen kitschig, aber ich falle voll darauf rein und bereue nichts. Wenn Olivia Dean mir vom Paradis vorsänge während ein Bär an meinem Körper knabbert, mich würde es nicht stören. Kurz: „Messy“ ist ein ganz tolles Album. Einziger Schwachpunkt: Nach dem langen Single-Marathon gab es auf dem Album gar nicht mehr soo viel zu entdecken. Aber das ist mir jetzt auch egal, solange mir mein YouTube-Algorithmus weiterhin regelmäßig neue fantastische Live-Auftritte von Olivia Dean vorschlägt.

    Juli: MAVICA – sometimes a person never comes back (but that’s okay)

    Im Juli dachte ich kurz, ich wäre ein A&R, der das nächste große Ding entdeckt hat. Auf TikTok wurde mir ein ca. 5 Sekunden langes Video angezeigt, das mit einem Song unterlegt war. Sofort war ich hooked. Wenn normalerweise auf TikTok der einzige gute Teil eines Songs zum Trend wird, während der Rest Trash ist, wurde ich dieses Mal eines besseren belehrt. „sometimes a person never comes back (but that’s okay)“ ist so unglaublich schön, dass ich leider vermute, dass diese kleine Indie-Künstlerin nie wieder einen so schönen Song releasen wird. Aber das ist okay! Ein Meisterwerk für die Ewigkeit ist mehr als ich zu träumen wage.

    August: Victoria Monét – How Does It Make You Feel?

    Die amerikanische Soul und RnB Sängerin aus dem Dunstkreis von Ariana Grande hat sich schon lange von ihrer Star-Freundin emanzipiert und verkörpert einen Sound der modern ist und zugleich die Wurzeln des Souls und Disco honoriert. Das im August erschienene Album „JAGUAR II“ entdeckt noch mehr musikalische Genres als der Vorgänger und kehrt dennoch immer wieder zu Victoria Monét’s Markensound zurück: anspruchsvolle Pop-Vocals auf tanzbaren Instrumentals mit einem Funken Disco & Glamour. 

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    September: Levin Liam, Miksu/ Macloud – Mann vom Fach

    Für den September gilt die gleiche Regel wie bei meinem Fahrschein. Die ersten paar Tage des neu angefangenen Monats darf ich noch mit der alten Karte fahren. Die erste Single der Kollaboration zwischen Miksu/ Macloud kam zwar erst Anfang Oktober raus, aber mit Sicherheit habe ich mich im September schon darauf gefreut, als auf TikTok der Song bereits intensiv beworben wurde. Wer hätte gedacht, dass das noch vor kurzem Most-Mainstream-HipHop-Producer-Duo Miksu/ Macloud mit dem aktuell Most-Indie-Up-And-Coming-Artist Levin Liam zusammenarbeiten würde. Das Ergebnis ist allerdings unbestechlich. „Mann vom Fach“ überzeugt schnell, ebenso wie die gemeinsame EP „neue Ufer“. Der darauf veröffentlichte Song „so k.o.“ ist die vermutlich schönste Deutsch-Pop-Ballade des Jahres. No cap!

    Oktober: Mustafa – Name of God

    Kommen wir von dem schönsten Deutschen Song des Jahres zum schönsten englischsprachigen Song des Jahres. Die erste Single zum kommenden Album „Name of God“ übertrifft all meine Erwartungen. Ich hatte nämlich erwartet, dass es nicht möglich ist noch mehr so schöne Songs zu schreiben, wie es Mustafa auf seinem ersten Album getan hatte. Doch er hat mich eines besseren belehrt. „Name of God“ steht ganz oben auf der Liste meiner Lieblingssongs 2023. Nothing more to say!

    November: The Kid Laroi – BLEED

    Justin Bieber 2.0 hat mich ebenfalls sehr positiv überrascht. Statt glatter Radio-Hits wie „Stay“ featuring Justin Bieber 1.0 sind die aktuellen Singles eher Indie-Pop Songs. Die durchschnittliche Songlänge von 1,51 Minuten und die stadionesken Ohrwurm-Melodien deuten zwar immer noch auf ein hohes Hitpotenzial mit Erfolgsgedanken hin, berühren aber dennoch auch die ab und zu stark geschundene Seele.

    Dezember: Bee Gees – OG Keemo, Levin Liam

    Den Abschluss macht mein Artist of the Year: Levin Liam. Weil ich Olivia Dean bereits im letzten Jahr neu entdeckt habe, steht Levin Liam auf der Pole Position. Wer so leichtfertig zwischen Rap und gefühlvollen Melodien, zwischen Bangern und Balladen und zwischen Punchlines und poetischen Zeilen hin und her hüpft, hat ganz viel Liebe verdient. Das dies bereits der Fall ist, haben seine letzten Konzerte bewiesen. In Berlin war die Stimmung mega! In Hamburg ebenfalls (wenn wir TikTok trauen können). Levin Liam wird mit seiner Vielseitigkeit und charakteristischen Stimme die Deutsche Pop-Landschaft ganz schnell erobern. Trust me!

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  • Annas Jahresrückblick: Wie ich versuche, mich mit Wohlfühlsongs zu therapieren

    Annas Jahresrückblick: Wie ich versuche, mich mit Wohlfühlsongs zu therapieren

    Wieder einmal sitze ich vor einer leeren Seite in WordPress und soll jetzt hier mein musikalisches Jahr 2023 zusammen. Ich sag’s wie’s ist: Das fällt mir nicht leicht – es ist doch so verdammt viel passiert. Deswegen öffne ich erst einmal Spotify und spiele meinen Nr. 1 Comfort-Song ab: „Motion Sickness“ von the one and only Phoebe Bridgers. Der Song war nicht umsonst mein meistgehörter Song des Jahres laut Spotify Wrapped. Warum ich stolz darauf bin und was das mit meinen beiden vergangenen Jahresrückblicken zu tun hat – dazu gleich mehr.

    Wagen wir doch aber zu Beginn einen Blick in die Vergangenheit. Was habe ich die letzten beiden Jahre so gehört? 2021 – da war die Illusion meines perfekten Indie-Musikkonsums noch intakt. Auf der Eins war, wie ungefähr auch alle zehn Jahre davor schon, The Neighbourhood. In dem Jahr ist mir aber auch zum ersten Mal so richtig bewusst geworden, dass ich zu wenig Musik von Flinta Acts höre. Die danach selbst auferlegte Frauenquote für meine Playlists hat sich dann 2022 gleich durchgesetzt. Denn da entthronte BROCKHOFF meine heißgeliebten Indie-Boys (die ja mittlerweile auch ganz zurecht sehr umstritten sind, darauf werde ich hier aber nicht eingehen).

    Aber weil es immer noch sehr nötig ist, möchte ich auch in diesem Jahr wieder mit den ganzen tollen Frauen reden, die mich in diesem Jahr begleitet haben. Und ja, es wäre mir natürlich noch lieber, wenn auch da noch mehr Diversität in der Repräsentation der Flinta-Artists wäre, aber das wird jetzt mein neuer Vorsatz für’s nächste Jahr.


    Ein Song für alle Gefühlslagen

    Ich habe eine Schwäche für zarte Frauenstimmen auf rockigen E-Gitarrensounds. 2023 hat mir da mal wieder guten Content geliefert, mich aber auch alte Lieblinge wiederentdecken lassen. So zum Beispiel der oben bereits erwähnte Song „Motion Sickness„. Ehrlich gesagt ist der Hype um Phoebe Bridgers lange Zeit spurlos an mir vorbei gezogen, weil ich mich einfach gar nicht mit ihr beschäftigt hatte. Zum Glück hat sich das in diesem Jahr geändert, denn selten hat ein Song so viele Emotionen gleichzeitig in mir ausgelöst wie „Motion Sickness„. Ich höre den Song, wenn ich traurig bin, wenn ich glücklich bin, wenn ich überfordert bin, wenn ich Sehnsucht nach etwas, jemandem oder einer Situation habe. Egal wann und wie, der Song hilft einfach.

    credits gehen an @deutschband.memes auf Insta

    Nachdem im letzten Jahr meinen Artikel mit einer Lobhymne auf BROCKHOFF begonnen, möchte ich euch jetzt THALA ans Herz legen. Auch sie ist quasi der Inbegriff meiner Schwäche für zarte Frauenstimmen auf rockigen E-Gitarren. Dass sie allerdings auf Platz eins meiner meistgehörten Artists in diesem Jahr landen würde, hätte ich selbst nicht gedacht. Das könnte aber auch daran liegen, dass sich THALA-Songs perfekt für genau die gleichen Gefühlslagen eignen, wie Phoebe Bridgers. Eine weitere Künstlerin, die ich an dieser Stelle natürlich auch nicht vergessen darf: Blush Always. Ebenfalls eine wunderschöne Frauenstimme, die im Vergleich zu THALA nochmal mehr das Bedürfnis nach Rocksongs stillt.

    Das Spiderman-Meme beschreibt die drei Künstlerinnen schon ziemlich gut. Denn die Musik von allen drei geht perfekt ineinander über und trotzdem könnte ich auf keine der dreien in meinen Playlists verzichten. Es ist ein Kosmos, in dem ich mich einfach direkt wohlfühle.


    Mal wieder ein gutes Jahr für Newcomer*innen

    Aber was wäre eine gute Playlist schon bitte ohne ein,zwei nischige Newcomer*innen? Meine diesjährigen Empfehlung sind eindeutig: OSTARA, Ottolien und Moritz Ley.

    OSTARA sind Amélie und Annika, zwei Schwestern und (mal wieder) hauchzarten, verzaubernden Stimmen, die mich immer wieder in ihren Bann ziehen. Vor allem schaffen die beiden es deutsche Textpassagen wie pure Poesie klingen zu lassen. Man bekommt das Gefühl einen direkten Einblick in ihre unausgesprochenen Gedanken zu bekommen.

    Zu den Ottolien möchte ich an dieser Stelle gar nicht so viel schreiben, denn das Duo bekommt in ein paar Tagen noch ihre Würdigung in unserer Newcomer*innen-Playlist. Wer mich aber schon ein bisschen verfolgt, kennt die beiden Liebmäuse aber sowieso schon. Ihre Musik macht vor allem eins mit mir: Mich zurück in meine allerliebste Studien-Stadt Hannover versetzen.

    Auch Moritz Ley dürfte der untoldency-Gemeinde schon ein Name sein. Der Lockenkopf aus Hamburg ist in diesem Jahr so richtig mit neuen eigenen Songs durchgestartet und erfüllt alle Sehnsüchte deutschen Indie-Pops. Mir hat es der Song „Rosarot“ besonders angetan. Zum ersten Mal habe ich den Song beim Musikvideodreh gehört, aber dann gleich die volle Dröhnung: Einen ganzen Abend lang haben wir in dem verschwitzten, kleinen Kellerraum eines Studentenwohnheims dazu getanzt. Wer das Musikvideo ganz genau anschaut, könnte mich dort eventuell entdecken.

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    Neben dem ganzen deutschsprachigen Krams habe ich aber natürlich auch noch zwei fremdsprachige Songempfehlungen parat. Der erste Song hat mich auf meinen Roadtrip durch Island begleitet und deshalb einen ganz besonderen Platz in meinem diesjährigen Musikherz: „Sólblóm“ von BRÍET. Der zweite Song ist – wie könnte es auch anders sein – ein schwedischer: „Hela Tiden“ von Patino war eine Empfehlung meiner schwedischen Freundin, die mit der Band befreundet ist. Denn auch wenn ich großer Fan der deutschen Newcomer*innen-Szene bin, können unsere Nachbarländer da genauso gut mithalten.


    NNDW for the win

    Etwas verwundert hat mich mein laut Spotify meistgehörtes Genre: Neue Neue Deutsche Welle. Denn unter den Top 5 Songs war kein einziger dieses Genres vertreten. Trotzdem haben mich natürlich Artists wie Traumatin, easy easy, Serpentin, Paulinko und Nils Keppel auch in diesem Jahr begleitet. Dass die Szene immer weiter wächst und gedeiht, macht mich einfach nur glücklich.

    Kommen wir zu der krönenden Kategorie „Album des Jahres“. Würde man mich fragen, welches Album ich momentan am meisten höre, dann würde ich ohne nachzudenken sagen können: „Goldie“ von Goldroger. Hätte man mich das gleiche vor ein paar Monaten gefragt, wäre es vermutlich „Volcano“ von Jungle gewesen. Noch ein paar Monate früher wäre es vermutlich „SOAMI“ von Amilli gewesen. Aber wenn ich wirklich ehrlich bin, dann ist es „GUTS“ von Olivia Rodrigo.

    Ja, ich gebe zu, das ist nicht gerade das coolste Album und eigentlich bin ich auch ein bisschen zu alt um ein Teenie-Idol wie Olivia Rodrigo zu feiern, aber ihre Musik ist einfach zu gut, um sie nicht rauf und runter zu ballern – und deswegen stehe ich dazu. Aber schaut euch auch einfach mal diese krasse Frau an: Slay Queen einfach!

    Alle Songs und Artists zu erwähnen, die mich durch das Jahr gebracht haben, würde den Rahmen sprengen, deswegen habe ich euch noch ein paar Songs, die ich trotzdem wärmstens empfehlen kann, in eine Playlist gepackt und wünsche euch ganz viel Spaß beim Hören:

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    Fotocredit: Larissa Hofmann

  • Eves Jahresrückblick: back to the dark side

    Eves Jahresrückblick: back to the dark side

    Und schon wieder ist ein weiteres Jahr vorüber. Ich will jetzt nicht zu sehr in die Melancholie verfallen, aber etwas anderes geht mit diesem Artikel auch zu Ende: Meine Zeit bei untoldency. Schweren Herzens muss ich unserem Magazin zum Abschied winken. Denn schon seit einiger Zeit finde ich einfach keinen Platz mehr, um mich dem Schreiben in dem Maße zu widmen, wie ich mir und das Team es sich wünschen würde. Aber so ist es nun mal, der Alltag wird immer stressiger und man kommt seinen eigenen Hobbys gar nicht mehr hinterher. Hiermit also… meine letzten Worte (vorerst):

    So chaotisch wie das letzte Jahr und das zuvor, so geht es auch weiter. Viele neue Erfahrungen, aber auch viele unerwartete Veränderungen. Dieses Jahr ist so schnell an mir vorbeigezogen, dass es mir richtig schwergefallen ist, alles, was passiert ist, zu rekonstruieren. Auch mein musikalisches Jahr war von vielem Neuen gezeichnet. Jeden Freitag pack’ ich mir alle erdenklichen Releases in meine Playlist und haste mich diese bis zum folgenden Release Friday durchzuarbeiten. Aber trotzdem haben sich so einige Stammgäste in mein Spotify Wrapped eingeschlichen…


    Back to the dark side

    Ich hatte ja schon angeteasert, dass das Jahr von vielen Veränderungen geprägt war. Die einen positiv, die anderen eher weniger. Und weil mich Veränderungen extrem überfordern, verliere ich mich lieber in Erinnerungen an so wie es mal war. Auch musikalisch hat es mich somit in die Vergangenheit katapultiert. Hier spielten alle meine geliebten Hardcore Bands von vor 10 Jahren (wow ich klinge hier wirklich alt) die Hauptrolle. Jetzt wo alle um einen herum heiraten und Kinder kriegen, spiel’ ich dann lieber wieder 16 sein und höre Bands wie Movements, Bring Me The Horizon, Seahaven und Citizen. Mein absolutes Highlight dieses Jahr: Meine allerliebste Band in dem Genre Balance and Composure hat nach 6 Jahren wieder eine Single veröffentlicht. Andere honorable mentions wären hier cleopatrick und Sperling.

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    Eine neue Ära

    Neben den alten Bekannten aus meiner Hardcore-Zeit hab ich dieses Jahr eine Riesen-Neuentdeckung gemacht. Dank geht raus an Josy. Sehr late to the party, aber veliebt hab ich mich 2023 in Sleep Token. Beschreiben kann ich die Musik sehr schlecht, denn die Band, die völlig anonym auftritt, kombiniert gefühlt jedes erdenkliche Genre so gekonnt miteinander, dass jeder einzelne Song für unendliche Überraschungen sorgt. Man nehme bloß „The Summoning“ …mein absoluter Favourite.

    Ich weiß noch genau, wie ich reagiert hab, als ich den Song zum ersten Mal gehört hab. Auf Empfehlung einer Freundin hab ich frühs auf dem Weg zur Arbeit im Zug auf Play gedrückt und mich erstmal richtig erschrocken. Auf den Metal-achtigen Start hab ich mich überhaupt nicht vorbereitet. Ich muss sagen, dass ich von den ersten Sekunden etwas abgetan war, den aus der Zeit, wo ich das gehört hab, bin ich schon lange raus. Doch in den 6:35 Minuten wird man auf eine völlig verrückte Reise mitgenommen. Von Metal, zu leisen Klängen, über Rap bis hin zu Erotik – es ist alles dabei. Hört selbst rein!

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    Neue neue (deutsche) Welle

    Obwohl mein Leben hier in Belgien sich beinahe ausschließlich in Englisch abspielt, bleib’ ich meinem Heimatland musikalisch treu. Meine Lieblingsentdeckung hier war TYM – ein Mix aus Elektro, New Wave, Pop und ordentlich Experimentierfreude. Neben TYM brachten mich auch SERPENTIN, Saiya Tiaw, NILS KEPPEL, SKUPPIN, TEMMIS und GAST an regnerischen Tagen zum Nachdenken (Weiterer Gedanke: Wieso schreiben sich eigentlich so viele New Wave Artists mit Großbuchstaben?)

    International konnten distraction4ever, Death Bells, King Krule und The Drums mein New Wave-Herz erobern.

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    Leichte Kost

    Aber es war nicht alles so schwer verdaulich… Auch ein paar leichte Klänge haben sich in meiner Listening History zurückgefunden. Ein Wiederholungstäter hat sich dieses Jahr natürlich wieder einen Platz unter meinen Lieblingskünstler:innen gesichert: The amazing Gus Dapperton. Kleine Empfehlung hier: Wenn ihr die Chance habt ihn und seine Band live zu sehen, kauft euch ein Ticket. Es war eine der most wholesome Shows, die ich dieses Jahr besuchen durfte 🙂


    Und eine weitere Neuentdeckung darf hier natürlich auch nicht fehlen: die Girls von The Beaches. Ich hatte das Glück die Power-Ladies live zu sehen und bei der Souveränität und Coolness prompt den Wunsch gehabt, selbst eine Girlband zu gründen.


    Ich bin raus

    Und das war’s auch schon! Mit diesem Artikel, mit diesem Jahr und leider auch mit meiner Zeit bei untoldency. Ich möchte mich bei Jule und Anna für die schöne Zeit bedanken und die Möglichkeit, meine chaotischen Gedanken halbwegs verständlich runterzuschreiben und das Wort „melancholisch“ viel zu oft zu tippen. Aber auch für den Mut, dieses Magazin auf die Beine zu stellen und es gemeinsam mit dem tollen Team zu dem gemacht zu haben, was es jetzt ist: ein Safespace für alle Musikliebhaber:innen.

    Danke für die schöne Zeit und auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen!

    Jetzt bleibt mir noch ein wenig Eigenwerbung für die dazugehörige Playlist zu machen: Hört rein!


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  • Willow Parlo im Interview: »Das Ziel war, ihm einen Song zu widmen, den er selber gerne gemocht hätte«

    Willow Parlo im Interview: »Das Ziel war, ihm einen Song zu widmen, den er selber gerne gemocht hätte«

    Musik, voller Leichtigkeit, Hoffnung und träumerischer Nostalgie, die dir hilft loszulassen und ein Gefühl von Wärme schenkt: So klingen die Songs von Willow Parlo. Die Band aus Hamburg veröffentlichte mit „Silver Screens“ im vergangenen Jahr ihren ersten Song und landete damit direkt auf dem Radar aller Indie-Newcomer*innen-Liebhaber*innen. Jetzt legen die vier Musiker nach und veröffentlichen am 8. Dezember ihre nächste EP „See U Whenever„. Warum diese so anders klingt als die erste EP, was die Band inspiriert hat und warum „My Fathers Eyes“ der persönlichste Song – der Lieblingssong der Band – ist, verraten sie im Interview.

    Willow Parlo im Interview

    Anna: Hi,schön, dass ihr die Zeit gefunden habt, euch mit mir zu treffen. Möchtet ihr euch zu Beginn einfach alle einmal vorstellen?

    Noemi: Ich bin Noemi. Ich spiele Gitarre und singe.

    Jan: ich bin Jan und ich spiele Schlagzeug.

    Björn: Ich bin Björn und ich spiele Bass.

    Marco: Ich bin Marco und ich spiele die Ukulele. Nein, Quatsch, die Gitarre.

    Anna: Perfekt, danke! Wie geht es euch?

    Noemi: Also mir geht es, uns geht es gut. Wir sind gerade in den Vorbereitungen für unsere Veröffentlichung. Deswegen gibt es viel zu tun und wir haben auch noch ein paar Konzerte vor uns. Deswegen geht alles gerade ein bisschen drunter und rüber, aber es ist auch irgendwie aufregend und wir freuen uns auch noch darauf, was kommt bis Ende des Jahres.

    Wie aus ein paar Demos eine Band wurde

    Anna: Jetzt würde ich gerne nochmal ganz vorne anfangen, weil es euch als Band in dieser Konstellation erst seit anderthalb Jahren gibt. Wie kam es – wie ist Willow Parlo entstanden?

    Jan: Gute Frage. Eigentlich hat es ja mit euch beiden, also mit Noemi und Marco angefangen, die so zusammen irgendwie so Demos geschrieben haben. Erstmal eigentlich ohne so ganz konkretes Ziel oder auch so ein Band-Konstrukt im Hinterkopf. Und dann sind Björn und ich dazu gekommen und dann hat sich das irgendwie immer mehr so verfestigt. Gerade in der Zeit der Pandemie haben wir dann einfach viel Zeit gehabt, uns irgendwie so mit der Musik auseinanderzusetzen und da irgendwie konkretere Songs zu schreiben. Dann hat sich einfach ein konkreteres Bild entwickelt. Und da sind auch die Songs der ersten EP entstanden, die wir dann auch in der Corona Zeit aufgenommen haben.

    Anna: Die nächste Frage stelle ich nur noch super selten und ihr könnt gerne sagen, wenn ihr sie nicht beantworten wollt.

    Marco: Ich weiß, welche Frage kommt: Wie wir auf unseren Namen gekommen sind – richtig?

    Anna: Genau! Ich stelle die Frage eigentlich nur noch selten, aber heute dachte ich mir zur Abwechslung mal: Warum eigentlich nicht!

    Noemi: Ja, in letzter Zeit wurde ich das witzigerweise öfter mal gefragt und dann hat mir irgendjemand danach mal gesagt, dass die Story eigentlich  total langweilig ist. Also sollte ich es vielleicht doch nicht erzählen.

    Anna: Ach Quatsch, das ist ja alles Ansichtssache.

    Noemi: Also wir haben ja eine ganz romantische Geschichte: unsere romantische Version ist, dass wir uns in der Corona-Zeit, weil man sich nicht drinnen privat treffen durfte, draußen im Park unter einer Weide getroffen haben und „geparled“ haben. (lacht) Also von dem italienischen Wort parlo – das heißt sprechen … und Willow Parlo dadurch entstanden ist. Auf der anderen Seite ist es aber auch irgendwie einfach ein Eigenname, was so ein bisschen das Ziel war in der Namensfindung. Ich persönlich fand es schön, wenn er aus zwei Teilen besteht und dass man mehr hineininterpretieren kann. Es könnte eine Person sein oder auch eine Band – man weiß es nicht.

    Jan: Ganz genau. Ich kann mich auch noch erinnern, dass wir noch was gesucht haben, wo man noch nicht so direkte Assoziationen mit hat. Irgendwie ein Wort, wo man merkt, das könnte vielleicht in die und die Richtung gehen, sondern dass man halt irgendwas findet, wo man sich seine eigenen Assoziationen zu herstellen kann. Es ist auch ein gewolltes Spiel damit, ob nicht Noemi als Sängerin vielleicht auch Willow Parlo sein könnte – also Willow Parlo als Person.

    Björn: Bei Autovermietungen sind wir auch schon bekannt als Herr Parlo, Herr Willow Parlo. (lacht)

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    Anna: Ich finde das jetzt gar nicht so langweilig! Wenn wir jetzt mal zurückblicken auf euren ersten Release zu „Silver Screens“ – wie fühlt ihr euch jetzt damit? Wie blickt ihr jetzt auf die Zeit zurück?

    Jan: Ich fand es wahnsinnig spannend, weil das ja das erste Mal war, dass wir mit der Musik, die wir gemacht haben, an die Öffentlichkeit gegangen sind. Das war eigentlich wie eine Geburt, weil vorher haben wir zwar für uns diese Musik gemacht, aber es kannte keiner, es wusste keiner davon. Und das war dann halt so dieses, dieses Heraustreten an die Welt da draußen. Und ich weiß, dass es irgendwie wahnsinnig spannend war und aufregend. Wir wussten halt irgendwie nicht, was zurückkommt, ob die Leute es gut finden, ob sie es schlecht finden.

    Marco: Ich finde jetzt auch retrospektiv betrachtet, haben wir ganz schön lange an den Sachen rumgeschraubt, bis sie dann so geworden sind, wie sie jetzt sind. Und es hat uns schon recht lange auch begleitet. Wie du sagst, das war wie so eine Geburt. Deshalb war es für mich persönlich einfach total erleichternd. Wir können da jetzt nicht mehr noch neue Gitarren aufnehmen, können da nicht mehr neue Spuren aufnehmen, können am Mix nichts mehr ändern. Das steht jetzt einfach so.

    Warum es zwei Versionen von „Silver Screens“ gibt

    Anna: Aber ihr habt ja auch zwei Versionen von dem Song, also die Single Version und die EP Version. Was steckt dahinter? Wart ihr euch nicht einig?

    Jan: Das war einfach nur so ein Zeit Ding, weil das Label dann meinte, dass gerade über Streaming Services besser läuft und sogar im Radio, wo der Song halt irgendwie auch erstaunlich gut gespielt wurde. Ich glaube die EP Version ist vier Minuten fünfzig oder so, also geht fast an die fünf Minuten – und das ist blöd gesagt einfach zu lang.

    Noemi: Aber wir hängen halt so daran.

    Björn: Also der Tipp von uns ist: Die lange Version ist der Song!

    Noemi: Für mich fehlt auch textlich irgendwie bei der verkürzten Version ein wichtiger Teil der Aussage.

    Björn: Würden wir das nochmal machen? Zwei Versionen von einem Song?

    Noemi: Nee, ich glaube irgendwie nicht.

    Marco: Nee. Entweder man sagt so „Scheiß drauf“, dann ist der halt so lange wie er lang wird oder man lässt es.

    Noemi: Und wir hatten auch einfach wenig Ahnung, wie man es jetzt richtig macht. Da nimmt man natürlich auch Tipps an und versucht es überhaupt erstmal hinzubekommen. Und es bestimmt auch ganz gut in dem Fall als erstes so eine Version, die leichter verdaulich ist, rauszuhauen als erstes Hallo.

    Anna: Wenn ihr eurer Musik ein Genre-Label aufsetzen müsstet, welches wäre das?

    Noemi: Ich finde es hat sich ein bisschen verändert. Am Anfang wurden wir voll in den Dream Pop eingeordert. Bei dem was jetzt kommt ist es aber nicht mehr ganz so richtig. Ich finde Dream Pop ist schon wirklich sehr speziell. Den hört man raus und wenn der wegfällt, dann kann man sich eigentlich auch nicht mehr als Dream Pop Band bezeichnen. Und ich finde mittlerweile ist es eher: Dreamy melodic indie Pop mit so amerikanischer Rockmusik – also Einflüssen davon. Aber ich finde, dass es eigentlich keine so super spezielle Genre Bezeichnungen braucht dafür, sondern ein Mischmasch ist.

    Anna: Eure erste EP kommt sehr verträumt und eher langsam daher. Im Gegensatz dazu steht für mich ein bisschen die zweite, kommende EP. Die Songs sind eher uplifting und irgendwie lauter. Welche Entwicklung steckt bei euch dahinter, dass das jetzt so ein Unterschied war?

    Jan: Ich glaube, der große Unterschied war, dass die erste EP ein bisschen jammiger entstanden ist. Da haben wir einfach viel Zeit im Proberaum verbracht und haben diese Songs gemeinsam gespielt und entwickelt. Und jetzt bei dieser neuen EP ist es irgendwie ein bisschen konzeptioneller. Zumindest wollten wir etwas schaffen, dass den Kern des Ganzen trifft und halt nicht mehr so rumschweifen und das einfach so ein bisschen konkreter gestalten. Also sowohl die Texte als auch die Musik ist alles ein Hauch konkreter.

    Noemi: Aber in erster Linie hängt es ja auch damit zusammen, dass man in der Anfangszeit einfach wirklich seinen Sound finden musste – es klingt klischeehaft, aber so ist es. Und ich glaube, dass mit der Zeit auch einfach mehr Selbstbewusstsein dazu kommt. Ich persönlich habe in diesem Prozess eine viel genauere Vorstellung bekommen von dem, was mir auch liegt und wo ich mich eigentlich auch schon immer zu Hause gefühlt habe.

    Jede EP spiegelt eine Lebensphase der Bandmitglieder wieder

    Anna: Spiegelt sich das auch thematisch in den Lyrics wieder?

    Noemi: Irgendwo schon. Auf der ersten EP ging es deutlich um eine Art Hilflosigkeit. Und ich glaube, das hat sich auch im Gesamtpaket bemerkbar gemacht. Und bei den neuen Sachen glaube ich nicht, dass es jetzt alles nur happy und straight forward Texte sind. Aber es ist schon, wie du schon meintest, mehr uplifting und auch irgendwie ein bisschen mehr zuversichtlich. Aber ich würde wirklich sagen, auch da selbstbewusster. Wir haben uns weiterentwickelt und jede EP spiegelt da auf eine Weise eine Lebensphase wieder.

    Anna: Habt ihr auf der neuen EP einen Lieblingssong? Wahrscheinlich werden es unterschiedliche sein, aber wenn ja – warum?

    Jan: Bei mir wechselt das witzigerweise immer. Zu Beginn war es auf jeden Fall „Can’t Get Enough„, als der gerade frisch war, weil er von der Art her sehr frisch ist und wir auch so in den Aufnahmeprozess gegangen sind. Aber ja, das wechselt immer wieder.

    Noemi: Das ist aber auch einfach unsere Pop-Single! Ich habe tatsächlich einen ganz klaren Lieblingssong und das ist auch der Wichtigste und der Persönlichste: „My Father’s Eyes“.

    Björn: Da schließe ich mich an!

    Marco: Ich auch!

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    Anna: Wie kommt’s?

    Noemi: Ich glaube einen so persönlichen Song habe ich textlich noch nie geschrieben und haben wir so auch bisher nicht veröffentlicht. Es hängt damit zusammen, dass Jan’s Vater vor knapp zwei Jahren plötzlich verstorben. Irgendwie ist dieser Song so ein Teil von dieser ganzen Zeit. Aber ich finde ihn einfach wirklich warm und schön gewandt. Ich merke auch, dass er mir auch persönlich gut tut.

    Jan: Es ist auch eine Widmung an den Menschen, was es auch musikalisch zum Beispiel sehr inspiriert hat. ich habe damals das Instrumental, kurz nachdem das passiert ist, selber gebaut. Das war für mich auch neu, weil ich Schlagzeuger bin und normalerweise keine Gitarre in der Hand habe. Aber da hatte ich irgendwie dieses Bedürfnis, das in Musik zu verpacken. Inspiriert ist es durch die Band The War On Drugs, weil mein Papa und ich waren beide riesengroße Fans. Dann war mein Ziel, ihm einen Song zu widmen, den er, glaube ich, selber total gerne gemocht hätte. Und dann habe ich probiert, diesen Vibe von der Band aufzufassen, aber dann trotzdem gemeinsam mit den anderen etwas eigenes draus schaffen. Genau dadurch ist halt irgendwie auch so ein bisschen das Herzstück der EP geworden – tatsächlich auch Namensgeber der EP. Da ist ja die Textzeile „See You Whenever your face is changed but I see it in mine“ – danach ist die EP „See U Whenever“ benannt.

    Anna: Wie hat deine Familie darauf reagiert, als du gesagt hast, du hast einen Song über deinen Vater geschrieben?

    Jan: Die wissen das noch gar nicht so richtig. Das wird noch eine große Überraschung. Ich glaube, ich habe das schon mal irgendwann angesprochen.

    Noemi: Die haben den schon mal live gehört.

    Jan: Ja, man hört ja live meistens jetzt nicht so genau auf die Texte. Und ich glaube ich, ich hab meiner Mama das auch schon mal erzählt. Sie hat mich sowieso was das Musik machen angeht, immer total unterstützt und für sie ist es einfach schön, dass das auch so festgehalten wird. Meinem Papa war es immer total wichtig und er fand es toll Musik zu machen und dass ich Musik mache.

    Noemi: Der war auch immer bei allen Konzerten. Deswegen ist das irgendwie auch echt ein Tribut.

    „Wir hatten für jeden Song einen Tag Zeit“

    Anna: Das ist eine schöne Geschichte. Ich glaube das ist jetzt auch mein Lieblingssong. Ich möchte noch ein bisschen auf den Entstehungsprozess der EP eingehen. Gab es irgendwelche Schwierigkeiten beim Aufnehmen oder Schreiben oder sich einig werden?

    Noemi: (lacht und schaut Björn an) Anscheinend waren da verschiedene Wahrnehmungen. Ne, aber ich muss aber sagen, ich finde, beim Recording hatten wir gar keine Struggles. Aber es war eigentlich auch so eine Kamikaze Aktion, weil wir innerhalb von fünf Tagen fünf Songs aufgenommen haben und das auch noch in einem Studio, was eigentlich gar kein Studio war, sondern eine alte Schule in Niebüll. Also es ist schon das Watt’n Sound Studio, aber es ist jetzt nicht ein ausgestattetes professionelles Tonstudio. Wir haben eigentlich für jeden Song einen Tag Zeit gehabt.

    Jan: Genau, dazu muss ich aber auch sagen, dass wir jetzt nicht mit fertigen Songs ins Studio gegangen sind und sie aufgenommen haben, sondern auch an den Tagen selbst immer noch viel passiert ist, was das Arrangement angeht. Teilweise wurden komplette Parts entweder rausgeschmissen oder neu arrangiert. Aber das ist auch eigentlich sehr organisch entstanden.

    Marco: Generell finde ich das aber auch wichtig, dass man sich selbst auf die Probe stellt. Wenn man zum Beispiel etwas rauskürzt und dann am nächsten Tag merkt, dass man den Teil vermisst und er einfach reingehört – dann kann man das auch wieder ändern. Dann hat man es wenigstens einmal auf dem Prüfstand gehabt.

    Nostalgie-Gefühle garantiert bei diesem 90er-Coversong

    Anna: Ich habe euch dieses Jahr zwei Mal live auf Festivals gesehen und war ihr habt in beiden Shows eine Cover- Version von „I Love You Always Forever“ von Donna Lewis gespielt. Ich liebe die Version sehr. Aber wie kommt es dazu? Warum gerade der Song?

    Noemi: Ich finde den Song geil. Ich fand den schon immer geil. Das ist einer der Songs, die irgendwie so einen wahnsinnigen Nostalgie Charakter der 90er haben, aber gleichzeitig noch nicht so überhört ist. Es ist keiner dieser typische Partyhits.

    Jan: Aber trotzdem finde ich es immer krass, wie den jeder wieder erkennt. Immer wenn man den Song anderen Leuten gezeigt hat, waren alle so: „Ach ja, stimmt, geil, den gibt’s ja auch noch!“ Irgendwie so ein vergessenes Stück Musik gewesen, was halt so super präsent in einer ganz bestimmten Zeit war, dann aber auch irgendwie wieder nicht. Aber bei allen passiert irgendwas, wenn sie den hören.

    Noemi: Wir hatten halt Bock, ein Cover zu machen. Es ist ja auch gerade reizvoll und auch der Sinn, dass es bei den Leuten, die dir zuhören, was aufbricht. Ich freue mich auch persönlich selber immer darüber, wenn jemand ein Cover geil spielt. Auch als eher noch unbekannte Band macht es was mit dem Publikum, wenn das spielt nachdem man vorher nur seine eigenen Songs gespielt hat. Da ist das irgendwie manchmal auch so ein Türöffner.

    Anna: Hattet ihr dieses Jahr eine Lieblingsshow? Wenn ja, welche war das?

    Marco: Meine Lieblingsshow war in der Kirche, beim Reeperbahn Festival. Das war richtig, richtig schön. Das war einer, fand ich, unserer coolsten Gigs. Das Ambiente war richtig schön und besonders irgendwie.

    Björn: Voll. Und ich fand das Kiez Kultur Festival in Hannover auch richtig schön. Einfach weil es so ein tolles Festival ist. Und weil wir kurz dachten, es kommt niemand und dann auf einmal war es voll.Zur

    Noemi: Zur Kirche nochmal – das ist mir gerade noch eingefallen: Da haben wir ja auch „Godless“ gespielt und ich habe halt hoch geguckt und genau an dieser Empore hing ja dieser gigantische Jesus an der Decke und ich musste fast lachen. Es war strange. Man spielt den Song „Godless“ und schaut dabei auf Jesus – schon weird.

    Anna: Habt ihr einen Flinta-Artist, den ihr momentan besonders feiert?

    Noemi: Ja, sehr viele.

    Anna: Okay, dann deine Top Drei!

    Noemi: Also einmal so low-key und friends-mäßig auf jeden Fall Brockhoff, Blush Always und gerade stehe ich auch auf Girl in Red und Japanese House.

    Marco: Für mich auf jeden Fall Little Simz.

    „The books we never read“

    Anna: Ok, jetzt habe ich noch eine etwas philosophische Frage. Die habe ich bisher nur den Ottolien gestellt, aber ich dachte es ist mal wieder Zeit: Wenn eure Band-Story oder ihr als Gruppe ein Buch wäret, welchen Titel hätte es?

    Noemi: Boah, krasse Frage. Da müssen wir kurz drüber nachdenken. Ich glaube, unser Buch hat einen sehr langen Satz, wahrscheinlich eher auf Englisch.

    Jan: Oder wäre es ein Gedichtband? Das wäre dann wieder was anderes, aber sowas wie: Gesammelte Werke von Willow Parlo.

    Noemi: Ich finde es schwer zu sagen. Ich könnte mir wirklich vorstellen, bei der Musik, die wir machen, dass es kein klassischer Buchtitel wäre, sondern irgendwie ein lyrischer Satz oder so was.

    Jan: „The books we never read“ – das ist eine Textzeile aus „Silver Screens“. Das finde ich nice.

    Anna: Ich würde es kaufen! Ok, ich komme zu meiner letzten Frage. Das ist bei uns immer die Kategorie der untold story. Was ist eure untold story

    Jan: Hm, also die Geschichte zu „My Fasters Eyes“ ist tatsächlich noch nie irgendwo aufgetaucht. Das ist eine untold story.

    Noemi: Ja, stimmt. Tatsächlich ist mir das auch als allererstes eingefallen.

    Noemi: Also ich könnte natürlich über meine Fähigkeit, Metal-Mikrofone zu zerstören sprechen. Also Metal-Mikrofone sind eigentlich unzerstörbar. Ich weiß auch nicht, wie ich das immer schaffe. Ich singe nur hinein mit meiner zarten Stimme und dann macht das Puff und irgendwie geht’s kaputt.

    Marco: Ja, generell hat Nono so eine Angewohnheit, dass sie immer kaputtes Equipment kauft oder dass es dann irgendwie kaputt geht, meistens glücklicherweise in der Garantie-Zeit.

    Noemi: Ich habe halt zweimal ein Neues bekommen und beide hatten den gleichen Fehler und ich bin zurück in den Laden gegangen, habe es denen gegeben, die haben es da ausprobiert, es funktionierte einwandfrei. Und dann habe ich trotzdem Neues mitbekommen und das Gleiche ist wieder passiert. Ich habe schon sehr viel kaputt gemacht. Aber genau verstehe ich es auch nicht.

    Anna: Ja, das ist tatsächlich mysteriös. Vielleicht einfach schlechtes Mikrofon-Karma? Danke für’s Teilen der Geschichte und danke euch für das Interview!

    Jan: Danke dir!

    Noemi: Danke für das schöne Interview. Wir sehen uns!

    Die EP „See U Whenever“ kommt zwar erst am 8.12. raus, aber hier könnt ihr euch schonmal mit den ersten drei Songs der EP einstimmen. Außerdem spielt Willow Parlo am 15. Dezember eine Release-Show zur EP in der Molotow Sky Bar in Hamburg, also alle hin da!

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    Fotocredit: Nilo Yamandi

  • untoldency proudly presents: Willow Parlo EP-Release Konzert am 15.12.2023 in Hamburg

    untoldency proudly presents: Willow Parlo EP-Release Konzert am 15.12.2023 in Hamburg

    Bevor wir uns der Vorweihnachtszeit widmen, Glühwein trinken und uns auf den jährlichen Untoldency-Adventskalender freuen, haben wir noch eine besondere Gelegenheit für euch, um das Jahr wortwörtlich ausklingen zu lassen. Am 15. Dezember feiert die Hamburger Indie-Band Willow Parlo ihren EP-Release mit einem intimen Konzert in der Molotow Sky Bar in Hamburg und ihr könnt dabei sein!


    Träumerischer Indie-Pop der unter die Haut geht

    Willow Parlo machen Musik, die voller Leichtigkeit, Hoffnung und träumerischer Nostalgie steckt, die dir hilft loszulassen und ein Gefühl von Wärme schenkt. Die Band aus Hamburg veröffentlichte erst im letzten Jahr ihre erste EP und ist seither nicht mehr aus der Indie-Newcomer*innen-Szene wegzudenken. Mit Auftritten auf Festivals wie u.a. dem Reeperbahn Festival oder dem MS DOCKVILLE in diesem Jahr, ziehen Willow Parlo bereits alle Aufmerksamkeit auf sich, und das definitiv zurecht. 

    Mit „Can’t Get Enough“ veröffentlichte die Band im September den ersten Vorgeschmack auf ihre kommende EP „See U Whenever“, die am 08. Dezember erscheint. Dabei überzeugen die Hamburger*innen mit einem sanften, klaren und dennoch energievollen Sound, der Gefühle wie Nostalgie und Geborgenheit unweigerlich hervorruft. In der aktuellen und letzten Single-Auskopplung „My Father’s Eyes“ verarbeiten Willow Parlo den Verlust eines geliebten Menschen. Ein Song, der die Schwebe zwischen Loslassen und Festhalten thematisiert, zwischen melancholisch trauernd und dankbar treibend mit einem Blick nach vorn.

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    Wir freuen uns am 15. Dezember auf einen ganz besonderen und intimen Abend mit Willow Parlo, an dem wir gemeinsam den Release ihrer neuen EP „See U Whenever“ feiern. Mit dabei sind Pfoertner als Special Guest. 

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    Fotocredit: Nilo Yamandi

  • „Now And Then“ – die letzte Single der Beatles

    „Now And Then“ – die letzte Single der Beatles


    Die Beatles haben ihre allerletzte Single herausgebracht! Was für eine Nachricht. Dass diese Schlagzeile im Jahre 2023 überall zu lesen ist, würden George Harrison und John Lennon vermutlich nicht einmal selbst glauben. Dennoch ist zumindest ein Fünkchen Wahrheit dran an diesem Satz. Die gesamte Medien- und Musikwelt, vor allem aber so ziemlich alle Beatles-Fans sind ziemlich aus dem Häuschen.

    Auch ich kann es immer noch nicht so recht fassen. Die musikalischen Helden meiner Kindheit und Jugend bringen trotz Trennung vor 50 Jahren und nur mit halber Besetzung JETZT in 2023 einen NEUEN Song heraus? Und dann auch noch die LETZTE Single? Schreibt die größte Rockband aller Zeiten, deren Vermächtnis ein halbes Jahrhundert zurück liegt in der Gegenwart etwa Musikgeschichte?


    Ein kurzer Rückblick

    Gegen Ende der 60er ist die Band laut eigenen Aussagen von musikalischen und vor allem zwischenmenschlichen Problemen geprägt. Diese Spannungen sind unter anderem in der vor zwei Jahren erschienenen Dokumentarfilmreihe Get Back zu sehen. Nachdem immer wieder einzelne Mitglieder der Beatles ausgestiegen und wieder zurückkamen, verließ Paul McCartney 1970 die Band endgültig und machte das Ende der Beatles offiziell, indem er die übrigen drei Musiker verklagte.

    Das legendäre Rooftop Concert: Das letzte Mal, dass sich die Bandmitglieder zusammen in der Öffentlichkeit gezeigt haben.

    Im gleichen Jahr hatte jeder Ex-Beatle bereits mindestens ein eigenes Soloalbum veröffentlicht. Auch wenn es in Studiosessions vereinzelte Zusammenarbeit gab, sah man nie wieder alle Bandmitglieder zusammen in der Öffentlichkeit. Lennon zog sich 1975 sogar komplett aus der Öffentlichkeit zurück und wurde kurz nach seinem Comeback 1980 in New York erschossen. In der Zwischenzeit nahm er in seiner Wohnung zahlreiche Demos auf, die nicht auf seinem letzten Album Double Fantasy landeten – darunter auch Now And Then.


    Jahre nach Lennons Tod gab seine Witwe Yoko Ono einen Teil dieser Demos an Paul McCartney, der 1995 diese dem Rest der Band aufarbeitete und schließlich den Song Free As A Bird veröffentlichte. Dasselbe wurde auch mit Now And Then versucht. Durch die Aufnahmequalität und der Überlagerung der Stimme durch das Klavier schien dies zu dem Zeitpunkt aber nicht möglich. Das hat sich jetzt geändert. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz hat man es jetzt geschafft, Lennons Stimme zu isolieren und die Aufnahme studiotauglich zu machen.

    Die erste Welle der berechtigten Euphorie über Now And Then ist nach tausendfachem Hören nun abgeflacht und für mich kommen zwei zentrale Fragen auf, mit denen sich die Medienwelt scheinbar wenig beschäftigt. Trotz des hohen Stellenwertes der Beatles oder vielleicht sogar gerade deswegen gibt es Dinge an der Single, die es sich kritisch zu hinterfragen lohnt.


    Warum die Veröffentlichung?

    Eine Frage, die viele Antworten kennen könnte. Liegt es am Geld? Wohl eher nicht. Alle Beteiligten, damit seien nicht nur Musiker und Produzenten gemeint, sind nicht gerade knapp bei Kasse. Neben Paul McCartney und Ringo Starr tauchen auf der Liste der Verantwortlichen zahlreiche hochrangige Namen, wie Giles Martin (Sohn des berühmten Beatles- und Abbey Road Studios Produzenten George Martin) oder Peter Jackson (Filmregisseur unter anderem von Herr der Ringe) auf. Auch Universal wird mit den Beatles jährlich noch immer Millionenbeträge einfahren.

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    Bei dem offiziellen Musikvideo zu Now And Then hat Peter Jackson Regie geführt


    Eine eher plumpe Vermutung wäre, die Veröffentlichung als ein Act of Service für die Fans anzusehen. Denn wenn Abba mit einem neuen Album und Avatar-Live-Show kommen und niemand geringeres als die Rolling Stones jetzt auch noch ein Album veröffentlichen, muss McCartney ja auf jeden Fall nachlegen. Auch 2023 soll die nervigste Frage der Musikgeschichte klar mit „Beatles!“ beantwortbar sein. Zumindest scheinen die Beatles noch mithalten zu müssen.

    Letzten Endes wird mit Now And Then meines Erachtens versucht, auch jüngere Menschen auf den Beatles-Zug aufspringen zu lassen. Das heiß diskutierte Thema KI könnte nicht mehr in aller Munde sein als zu diesem Zeitpunkt. Hier sogar als Schlüsselrolle in der Musikgeschichte. Vielleicht wird sogar in Vorbereitung auf die kommenden Neuveröffentlichungen des roten und blauen Albums eine breitere Zielgruppe mit Aktualität und Emotionalität angesprochen.


    Ist Now And Then wirklich ein Beatles Song?

    Zwei vorhin angesprochene Dinge prägen bei der Single also den Vordergrund: KI und Emotionalität. Das vermeintlich wichtigste in Bezug auf die Frage nach Originalität des Songs sei zuerst geklärt: Hier wurde nichts mit KI künstlich hinzugedichtet. Alles, was zu hören ist, ist in der Urform organisch. Selbst die Besetzung ist die originale. Es wurden sogar Backingvocals der Songs Here, There And Everywhere, Eleanor Rigby und Because hinzugefügt.

    Die Sache der Emotionalität ist eine kompliziertere. Natürlich freuen sich gerade alle sehr, Neues von ihrer Lieblingsband zu hören. Und dann auch noch ein so mehrfach interpretierbarer, emotionaler Song aus Lennons Feder, von McCartney arrangiert – endlich wieder ein echter Lennon/McCartney. Dazu kommt die ganze verbliebene Beatlesfamilie wieder zusammen, selbst Produzentensohn und alle freuen sich riesig ein Teil davon zu sein.


    „Now and then
    I miss you
    Oh, now and then
    I want you to be there for me“


    Ähnlich wie bei Free As A Bird, ist dieser Song aber eine Solokomposition von John Lennon aus 1979. Now And Then war weder als Beatles-Song geschrieben noch geplant worden und ist zu einer Zeit entstanden, in der sich vor allem Lennon und McCartney nichts mehr zu sagen hatten. Letzten Endes wurde sich posthum über Lennon hinweggesetzt und jetzt wird von allen Seiten versichert, dass er den Song geliebt hätte. Über die tatsächliche Meinung kann nur spekuliert werden.


    Now And Then: Ein bedeutendes Stück Musikgeschichte

    Die neue und letzte Beatles-Single ist so oder so ein gelungenes Werk. Now And Then lässt mein Herz definitiv höherschlagen, zeitgleich zwingt mich die übertrieben einseitige Emotionalität der Verantwortlichen und der Medien die Aufarbeitung und Veröffentlichung des Songs eher kritisch zu hinterfragen. Nichtsdestotrotz muss man sich immer vor Augen führen: Die größte Rockband aller Zeiten fand 1970 ihr Ende und veröffentlicht erst 53 Jahre danach ihren letzten Song. Es geht vermutlich genau darum. Um das Schreiben von Musikgeschichte.

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