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  • Aze im Interview: »Wir akzeptieren die Schattenseiten mit offenen Armen«

    Aze im Interview: »Wir akzeptieren die Schattenseiten mit offenen Armen«

    Aze? Den Namen hab ich doch schon mal irgendwo gehört, oder?“ Vielleicht habt ihr euch den Namen des österreichischen Pop-Duos seit unserer Review von ihrer Doppel-Single „Sweet Talk / Sidewalk“ bereits hinter die Ohren geschrieben. Wenn nicht, dann bekommt ihr hier eure nächste Chance. Selbst beschreiben die zwei ihre Musik als „sad, sexy Pop“ und dieser überzeugt auf voller Länge.

    Die zwei Aufsteiger haben im Interview mit Evelin über ihr frisch erschienenes Debütalbum „Hotline Aze“, mentale Gesundheit und die Bedeutung ihrer engen Freundschaft gesprochen. Und was Justin Bieber mit der ganzen Sache zu tun hat, erfahrt ihr am Ende.



    Aze im Interview

    Evelin: Erstmal ein herzliches Hallo, Beyza und Ezgi! Wie geht es euch? Wie ist die Stimmung so kurz vor dem Release eures Debüt-Albums “Hotline Aze”?

    Beyza: Hiiii! Ich muss sagen, ich bin seit ein paar Tagen schon sehr aufgeregt, weil das Datum immer näher kommt. Es fühlt sich teilweise noch so surreal an, dass das jetzt wirklich passiert. Es war mir zu langsam und zu schnell zugleich haha. Aber ich würde sagen, meine Stimmung ist, trotz Nervosität, dennoch sehr positiv gestimmt – I’m simply excited for everything that is still to come!

    Ezgi: Hellooo!! Same here! Ich weiß echt nicht, was ich gerade fühlen soll. Meine Moods gehen von super exited bis super anxious und schwanken die ganze Zeit hin und her. Ich hab zwar kein Kind, aber ich schätz‘ mal, dass es sich so anfühlen muss als Elternteil, wenn ein Kind vom Elternhaus wegzieht hahah.

    Evelin: Den Vergleich mit dem Kind find‘ ich super, haha. Wie würdet ihr eure Musik denn, jemandem, der/die zum ersten Mal davor ist, eure Musik zu hören, beschreiben?

    Aze: Am liebsten würden wir sie gar nicht beschreiben wollen und uns wünschen, dass sich die Person einfach mal drauf einlässt und selbst fühlt. Uns würde es interessieren welche Gesichtsausdrücke das erste Mal Aze hören bei den Leuten auslöst. Aber wir beschreiben unsere Musik selbst immer als sad & sexy und wir finden, das trifft’s schon sehr gut.


    Hotline Aze, how can I help you?
    Aze Hotline Aze untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    Evelin: Das Album dreht sich ja um das Konzept einer Art Mental Health Hotline, deswegen auch der Name. Auch durch das Album hinweg werden Sprachmemos und Telefongespräche als Stilmittel verwendet. Wie fiel die Entscheidung auf genau dieses Konzept?

    Beyza: Wir sind ins Studio gegangen, um einfach mal draufloszuschreiben und ohne viel nachzudenken, damit wir mal ein Gefühl kriegen, was überhaupt alles möglich ist. Die Idee mit den Sprachmemos war anfangs nicht ausgedacht, sondern hat sich ergeben. Ich habe ein paar Tage vor dem Studio, eine Sprachmemo mit einem Guitar Riff und einer Chorus-Idee an Ezgi geschickt, was dann zu „Sweet Talk“ geworden ist. Das war der erste Song, den wir geschrieben haben. Irgendwann sind wir auch musikalisch in diese Richtung abgeschweift und im richtigen Moment kam noch eine Sprachmemo von Ezgi’s Schwester, die perfekt auf ein Instrumental gepasst hat. Die Konzeptidee an sich hat dann eigentlich als Joke begonnen. Aber da wir eben genug Instrumentals hatten, die nach einer Warteschlange geklungen haben, haben wir diesen Joke einfach weitergeführt and here we are.

    Evelin: Wo kommt diese Affinität für die 90’s her?

    Aze (B&E): Wir wollen uns jetzt nicht so vehement auf bestimmte Jahre eingrenzen, aber wir feiern einfach die künstlerische Leichtigkeit, die die meisten Artists in den 90ern und 2000er hatten. Wir sind immer schon Riesenfans von Hip-Hop und R’n’B gewesen, und für uns ist diese Zeit sehr von diesen Genres geprägt. Nicht nur was Musik angeht, sondern auch mehr Lifestyle, Fashion, usw. Für uns sind die 90er eine perfekte Mischung aus Kitsch und Gangster and we love it. 

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    Wir wollen nicht mehr in unserer Trauer versinken

    Evelin: Gab es spezielle Momente während des Entstehungsprozesses von “Hotline Aze”, die euch in Erinnerung geblieben sind?

    Aze (B&E): Wir haben das Album in einer Woche geschrieben und für uns war der ganze Entstehungsprozess sehr besonders, da wir anfangs schon nervös waren, ob jetzt überhaupt was Gutes dabei rauskommt, aber wir dann einen Song nach dem anderen geschrieben haben, weil es so gut geflowed hat. Wir tun uns schwer einzelne spezielle Momente zu wählen, weil für uns das Ganze mit all dem Drum und Dran einfach sehr schön war. Für uns steckt im Album nicht nur Musik, die wir selbst gerne hören, sondern auch random Gespräche, die wir geführt haben oder die Chipspackung, die wir dabei gesnacked haben. Wir sagen immer, dass es sich für uns ein bisschen so anfühlt wie ein Kind auf die Welt zu setzen und dann mit 18 loslassen zu müssen. Die Freude und Aufregung in unseren Gesichtern nach jeder nicen Hook oder jedem Riff werden wir auf jeden Fall immer in Erinnerung behalten. 

    Evelin: Im Album geht es ja viel um den eigenen Struggle, toxische Verhaltensweisen, Weltschmerz etc. In welchem Mindset ist das Album entstanden?

    Aze (B&E): Das Album ist eigentlich in einem sehr lockeren und lighthearted Mindset entstanden. Es repräsentiert auch sehr gut, wo wir persönlich grade stehen. Wir wollen nicht mehr in unserer Trauer versinken und dem ganzen so viel Macht geben, sondern haben über die Jahre hinweg gelernt, dass ein lockerer Umgang mit bedrückenden Themen und ein bisschen Distanz und Humor, um das Ganze auch mal von außen betrachten zu können, sehr guttun kann. Die EP war für uns sehr intense, da es uns persönlich auch so ging. Wir haben uns weiterentwickelt und sind gewachsen, und so auch unsere Musik. Inzwischen akzeptieren wir die Schattenseiten mit offenen Armen aber wissen auch, dass sie uns nicht ausmachen.


    Eine wichtige Lektion über mentale Gesundheit
    Aze Hotline Aze untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    Evelin: Ihr thematisiert den Umgang mit den eigenen mentalen Problemen ja auch teilweise ironisch. Man nehme allein schon das Konzept des Hilfetelefons, was ja eigentlich gar keins ist, sondern fast das Gegenteil. Ich finde das manchmal auch problematisch, wenn man anfängt Traurigkeit und Depression zu romantisieren. Wie sieht euer Umgang mit mentaler Gesundheit aus?

    Aze (B&E): Es ist auch irgendwo problematisch, Traurigkeit und Depressionen zu romantisieren, aber wir denken, wenn man sich so in diesen Gedanken und Gefühlen gefangen fühlt, kann es schwer sein, das zu erkennen. Mentale Gesundheit ist zwar etwas, das viele Menschen betrifft, aber dennoch sehr individuell und subjektiv. Es ist ein sehr wichtiges Thema, auf das oftmals nicht so viel Wert gelegt wird und eines, das sehr entfremdet dargestellt wird. Uns persönlich hilft Humor und Ironie, das Thema an uns ranlassen zu können, ohne dass es erdrückt. An seiner mentalen Gesundheit zu arbeiten, braucht viel Kraft und Zeit, wobei wir denken, dass man nie auslernt.

    Wir denken, es ist wichtig, es nicht als eine Aufgabe zu sehen, die einen gerade belastet und hoffentlich bald wieder vorbei ist, sondern als Gefühle und Gedanken, die, aus verschiedenen und validen Gründen, einen zurzeit begleiten und dass das okay ist. Es gibt keinen Leitfaden, wann welche Gefühle verschwinden und wann neue kommen müssen. Manchmal tut es gut es einfach mal so stehenzulassen wie es ist und es versuchen nicht zu zerdenken. Es gelingt uns natürlich auch nicht immer, aber dann erinnern wir uns, dass sowieso alles so kommt wie es kommt. Jede/r muss für sich seine Wege finden und das auch in seiner eigenen Zeit, ohne Druck und Erwartungen von anderen oder von sich selbst.

    Evelin: Richtig schöne Worte! Würdet ihr sagen, dass das Album ein optimistisches oder eher verbittertes ist?

    Aze: Es ist ein sehr lighthearded Pop Abum geworden. Ein bisschen Melancholie ist immer dabei bei uns, aber der Umgang ist auf jeden Fall optimistischer und lockerer geworden.


    „Ohne großes literarisches Ramtam

    Evelin: Gibt es einen Song, der euch am meisten Spaß gemacht hat? Ob während des Schreibens, der Produktion oder einfach beim Hören.

    Beyza: Ich hab in jedem Song so meine favourite parts und meine Lieblingssongs vom Album ändern sich auch immer wieder mal, aber „Sad Sensations“ bleibt immer in der Liste. Ich finde, mit dem Song haben wir mal ein bisschen was anderes probiert und er gibt mir so ein richtiges old school – Band Feeling. „Showbiz, Baby!“ hat beim Schreiben sehr Spaß gemacht und macht mir beim Performen auch immer gute Laune. Und „Sweet Talk“ wird natürlich auch immer einen special place in meinem Herzen haben, weil damit alles angefangen hat. 

    Ezgi: Natürlich gibt’s in jedem Song favorite Parts und für mich als die, die den Text schreibt, verschiedene Sparten des “sich ausleben”. „My own Business“ hat mir gezeigt, dass nicht jeder Song gesungen sein muss, um “belebt” zu werden. „Waterfalls“ auf der anderen Seite, hat mich beim Aufnehmen im Studio so viel Kraft gekostet und am Ende bewiesen, dass der erste Take manchmal einfach der Beste ist. „Silk“ hat mir die Mut gegeben, meine Texte so zu formulieren, wie ich mir’s denk – ohne großes literarisches Ramtam. „Showbiz“ hat mir erlaubt meine RnB-Vocalist Fantasien auszuleben, mit Slow Fade am Ende und alles und „Talk Away“ berührt mich jedes Mal, wenn ich’s hör‘. Helins und Jakobs Stimme auf dem Track sind für mich die Manifestation der Liebe und Geborgenheit. Production-technisch hat mir das Pannen am meisten Spaß gemacht – I love a good stereo experience hahah.


    Vor dem Album mussten wir immer in getrennten Räumen Musik schreiben

    Evelin: Wie hat eure Freundschaft euren Musikschaffungsprozess beeinflusst?

    Beyza: Die Innigkeit und Verbundenheit spürt man denke ich in der Musik auch. Wir harmonieren und verstehen uns, ohne viel sagen zu müssen. Vor dem Album mussten wir immer in getrennten Räumen Musik schreiben. Inzwischen haben wir gelernt, dass es auch zusammen gut funktioniert, haha.

    Ezgi: Ich bin sehr froh, dass wir zwei miteinander in einer Band sind und nicht in getrennten – auch wenn man gerade viel arbeitet und nicht großartig viele Leute außerhalb der Band treffen kann, trifft man so halt automatisch die beste Freundin, hahah. Außerdem ist es auch sehr angenehm, gemeinsam wachsen zu dürfen. Ich bin sehr dankbar für die Situation in der wir uns befinden.


    Die Geschichte beginnt und endet hier mit Justin Bieber

    Evelin: Am Ende jedes Interviews fragen wir nach einer untold story. Das kann was sein, was während des Entstehungsprozesses des Albums passiert ist, ein random fact oder alles andere, was ihr noch nicht mit der Welt geteilt habt 😊

    Aze: Most random Aze Fact ever ist, dass der Grund, warum wir überhaupt so gut befreundet sind – glauben wir jetzt retrospektiv – Justin Bieber ist. Wir waren halt wie ca. alle round 2009 hardcore Beliebers. Die meisten Songs aus seinen ersten zwei Alben trauen wir uns zu wetten heute noch plus minus zu beherrschen. Unsere Eltern haben uns damals extra vom Land zum Konzert nach Wien gefahren, wo wir ca. 6 Stunden vor Beginn schon da waren, um realistisch einen okayen Platz zu bekommen. Und wir versprechen, wir waren davon überzeugt das nächste “One less lonely girl” würde eine von uns sein hahaha.

    Evelin: Wie geil ist bitte diese Story?! Lieb’s! Danke für eure Zeit, hat mich total gefreut 😊


    Das neue Album „Hotline Aze“ von Aze möchte ich euch hiermit nochmal ganz stark ans Herz legen. Das Konzept stimmt, der Sound stimmt und man merkt wie viel Arbeit hier reingesteckt wurde. Obendrein sind die zwei auch bezaubernd. Hört definitiv unten mal rein und wählt euch selbst in die Hotline ein (so gute Musik habt ihr noch in keiner Warteschleife gehört, da bin ich mir sicher)!

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    Fotocredits: Amelie Strobl

  • Aze und die Ironie des eigenen Verhaltens in “Sweet Talk / Sidewalk”

    Aze und die Ironie des eigenen Verhaltens in “Sweet Talk / Sidewalk”

    Und schon wieder ein Stern am österreichischen Musikhimmel: Aze. Ich weiß ja nicht, was unsere Nachbarn gerade am Laufen haben, aber ein Juwel nach dem anderen wird hier poliert. Und immer mit dabei, ist dieser internationale Touch, auf den man in Deutschland meiner Meinung nach deutlich seltener stößt.

    Das beweist auch das Indie-Pop-Duo Aze. Bestehend aus den Freundinnen Ezgi und Beyza machen die zwei zusammen mit ihrem Produzenten Jakob Herber selbst bezeichneten “sad sexy Pop”, mit einer Schippe Selbsthumor, besonders wenn es um Mental Health geht.

    Vor zwei Wochen hat die Band die Doppelsingle “Sweet Talk / Sidewalk” veröffentlicht, die mich richtig verzaubert hat. On top gibt es noch ein skurriles Musikvideo mit ordentlich Retro-Feeling. Aber erstmal zum Musikalischen: 


    Toxischer Sweet Talk
    Aze Sweet Talk Sidewalk untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    Dem Titel des Songs nach, würde man vielleicht erwarten, dass es um die Verträumtheit des Verliebtseins geht. Und das tut es auch, aber von einem etwas anderen Blickwinkel aus, und zwar aus dem toxischen. Beyza beschreibt die Unzufriedenheit ihrer aktuellen Beziehung. Es findet nur “Sweet Talk” statt, nichts Substanzielles oder Echtes, nur leeres Gelaber und Manipulation. Trotz dieses Bewusstseins für die Situation, “Sweet Talked” sie sich aber selbst in die Toxizität und akzeptiert zynisch, dass das Ganze zwar nicht okay ist und es nicht schlau wäre zu bleiben, aber etwas dagegen unternommen wird nicht. Da winkt die Selbstmanipulation fröhlich zur Begrüßung.

    Diese Selbst-Intrige wird musikalisch in einen sommerlichen, warmen Sound verpackt. Dieser funktioniert einerseits als Kontrast zu dem Thema, aber gleichzeitig passt er wie Faust aufs Auge dazu, wie Beyza sich selbst bewusst täuscht. Ich liebe es ja, wenn eigentlich sehr schwere, existenzielle Themen in leichte, sorgenfreie Sounds verpackt werden. Und das schaffen Aze mit der sanften Stimme und dem schwerelosen Sound, der automatisch zum leichten Mitgrooven einlädt. Azes Sound lässt mich dahinschmelzen, und zwar buchstäblich. Ich fühle mich als würde ich irgendwo am Strand in der Sonne brutzeln, mit dem Song in meinen Ohren und der Ignoranz meiner eigenen Probleme im Kopf.


    Auf dem Sidewalk der Realität
    Aze Sweet Talk Sidewalk Hotline Aze untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    “Sweet Talk” endet auf den ersten Hörer sehr abrupt, geht dann aber mühelos sofort in das deutlich darkere “Sidewalk” über. Und so erzeugen Aze eine Symbiose mit den beiden Songs. Das Ende von “Sweet Talk” ist die Batterie, die leer geht, nachdem man sich selbst was vorgespielt hat. Mit “Sidewalk” setzt die schwermütige Realität ein, dass die eigene Täuschung nirgends hinführt. Wo der vorangegangene Sound unbekümmert und naiv klang, ist der Ton jetzt deutlich trauriger, was sich durch die gedämpfte Melodie und die verzerrten Stimmen deutlich macht. Zum Ende hin setzt dann nochmal “Sweet Talk” ein, zusammen mit einer Sprachnachricht feat. sympathischen Wiener-Akzent.


    Wie mentale Gesundheit und Sitcoms zusammengehen

    Der Kontrast zwischen den beiden Songs wird so auch im Video zur Doppelsingle visualisiert. Während “Sweet Talk” full-on Sommervibes gibt, ist das Video zu “Sidewalk” – genauso wie der Song selbst – völlig gegensätzlich.

    Queue: cringey Intro à la 90’s Sitcom, bei der jeden Moment ein austauschbarer weißer Dude einen völlig unpassenden Witz über Frauen im Haushalt macht. Das brauchen wir zum Glück nicht im Musikvideo zu erwarten. Dennoch schaffen Aze aus dieser cringigen Ästhetik ein sympathisches, retroesques Video, bei dem man sich nicht zu ernst nimmt. Das wird schon allein mit dem absichtlich gewählten Greenscreen-Hintergrund klar.

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    Man sieht die zwei und ihren Produzenten auf einem Roadtrip durch eine wüstenähnliche Landschaft fahren und schon da läuft alles schief, was schieflaufen kann: Das Auto gibt auf. Natürlich, wie sollte es auch anders sein. Denn das Auto steht als Metapher für die zum Scheitern verurteilte Beziehung bzw. den verklärten Umgang von Beyza mit ihrer Situation. Die drei steuern notgedrungen eine Tankstelle an, in der Hoffnung das Auto reparieren zu können und hier kommt mein Lieblingspart. Man bekommt einen Austausch zwischen Tankstelleninhaberin und Beyza mit, den ich hier einfach mal für sich stehen lassen möchte.


    “My life is falling apart…”

    “So is mine.”

    “Our car is broken. Can you help us fix it?”

    “No fixing what is already broken. No one can help you“


    Beyza verlässt den Laden und fragt, was sie jetzt tun sollen. Jakob sagt: “Move on?” Und alle zucken mit ihren Schultern und Beyza geht von dannen.

    Plötzlich klingelt Beyzas Handy und wer ruft an: Bae. Nach einer wenig hilfreichen Diskussion mit Ezgi und Jakob als Engel und Teufel, gibt sie nach und hebt ab. So beginnt “Sidewalk”. Der zweite Part des Videos teleportiert uns ins Stadtleben inklusive wackeligen, Stress verursachenden Einstellungen. Ein Gefühl von Chaos und Trunkenheit äußert sich, was wiederum die vorher aufgesetzte rosarote Brille zur Realität werden lässt.

    Die Idee zu den zwei Singles entstand über eine Sprachmemo zwischen den beiden, die durch die Tracks hindurch gesampelt wird. Auch das am 24.06. erscheinende Debütalbum “Hotline Aze” spielt mit Telefonaten und der Idee einer Mental-Health Hotline, duh. Zum Release könnt ihr euch übrigens über ein Interview mit dem Duo freuen, also Ohren offen halten. Bis dahin, hört auf jeden Fall in die aktuelle Single rein und überzeugt euch von dem cuten Musikvideo.

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    Fotocredits: Amelie Strobl

  • Goat Girl und ihr zweites Album „On All Fours“

    Endlich veröffentlicht die Londoner Band Goat Girl ihr heißersehntes Album „On All Fours“. Seit der Veröffentlichung der neuen Singles und der Ankündigung des Albums letztes Jahr war der Hype für mich jedenfalls perfekt.

    Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als ich das erste Mal mit der Musik von Goat Girl in Berührung kam. Es war einer dieser schmerzlich vermissten Nachmittage im Plattenladen im Jahre 2018. Je knapper das Geld wurde, desto genauer und länger hörte ich mir im Plattenladen auch die Alben an. Muss sich ja auch lohnen. Da kam es schon häufiger vor, dass drei oder vier Stunden ins Land zogen und meine Freunde einfach nur noch genervt und/oder schon mal vorgegangen waren. So muss es damals auch gewesen sein. Und das Debüt Album von Goat Girl zog ich ganz zum Schluss aus der Plattenkiste. Ich habe die Scheibe aufgelegt, die ersten anderthalb Minuten gehört und wahrscheinlich meine letzten 20€ des Monats meinem Plattendealer anvertraut.

    Heavy Bedroom Pop

    Nach shame mit ihrem grandiosen Album „Drunk Tank Pink“ ist Goat Girl jetzt die zweite aufstrebende Band aus South London, die dieses Jahr ein neues Album veröffentlicht. South London ist seit einigen Jahren schon die hippe Brutstätte von zukunftsorientierten und angenehm diversen Newcomer Bands, die alle irgendwie und irgendwann mal in der Kultlocation The Windmill, Brixton ihr Konzertdebüt gefeiert haben. Auch wenn der für South London typische Post-Punk-Sound auf dem neuen Album nicht mehr ganz so stark zu vernehmen ist, ist Goat Girl ein lebendiges und wichtiges Mitglied dieser Szene.

    Die verzerrten Gitarren und Pogoparts des ersten Albums hat die vierköpfige Band bei „On All Fours“ gegen analoge Syntheziser und raffinierte Chorarrangements eingetauscht. Spotify würde die Songs wahrscheinlich als „Chamber Psych“ kategorisieren, was tatsächlich irgendwie auch wirklich gut passt. „Heavy Bedroom Pop“ gefällt mir aber noch besser.

    Trotzdem ist Goat Girl keine Band, die es nötig hat in Genre Schubladen sortiert zu werden. Die vier selbstbewussten MusikerInnen zeigen auf „On All Fours“, dass sie sich längst ihr eigenes Genre geschaffen haben. Gleich das erste Stück „Pest from the West“ bezeugt den Wandel ihres Bandsounds, als nach einem ruhigen Gitarren Arrangement mit tollen, eingängigen Akkorden ein sogenannter „Arpeggiator“ das Klangbild aufmischt. Dieser rhythmische Syntheziser war zumindest im Debüt so noch nicht zu hören. Der Text des Openers handelt von gescheiterter bzw. fehlender Genderpolitik und die angestaute Wut darüber, die für die junge englische Generation steht, aber sicherlich in der ganzen Welt im Moment wie die Faust auf’s Auge passt.

    „Words remain in the suits of today,
    And I have no shame when i say step the fuck away
    I’ll be glad that when it’s the end,
    You’ll be caught and torn when there’s no law to fall in“

    Auch was für Nerds

    Nie zu konkret und mit einem gewissen ironischen Abstand scheint Goat Girl in ihrem neuen Album sowohl politische Themen, als auch persönliche Probleme wie z.B. Angststörungen zu verarbeiten. Generell zeichnet das Album eine gewisse melancholische Grundstimmung aus, die nicht zuletzt durch die warme und tiefe Stimme der Sängerin Lottie Cream zum Leben erweckt wird und irgendwie den Weltuntergang einläutet.

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    In einem anderen politischen Kontext steht der folgende Song „Badibab“, der die eigene Schuld an der zerstörerischen Kraft der Menschheit in Bezug auf den Klimawandel reflektiert. Die poppige Songstruktur passt auf absurde Art wirklich gut zu diesen düsteren Gedanken. Zum Ende hin gerät diese Struktur dann doch noch ins Wanken und formiert sich zu einem chaotischen Getöse. Eine gelungene Überleitung zum einzigen Instrumentalstück auf dem Album, „Jazz in the Supermarket“. Mit Jazz im eigentlichen Sinne hat dieser Song zwar vermeintlich nichts zu tun, er beweist aber eindrucksvoll, dass die vier MusikerInnen ein ausgeprägtes Gespür für ungewöhnliche Harmoniekonstruktionen haben. Das lässt sich auch in jedem weiteren Song auf „On All Fours“ erkennen und macht mich als Nerd sehr glücklich.

    Dass es ebenfalls rhythmisch gut zur Sache geht, zeigt uns „Never Stays The Same“. Das Album lief bei mir die letzte Woche wirklich auf Heavy Rotation und bei diesem Song hab ich meine verstaubten Tanzbeine jedes Mal zum zappeln bringen können, sogar im Auto (bitte nicht nachmachen). Die Angst vor Veränderung und die Angst vor der Stille stehen hier textlich im Vordergrund und schlagen damit ein weiteres thematisches Kapitel des Albums auf. Hier zeigt sich eine weitere Parallele zum neuen shame Album, das dort einen ähnlichen thematischen Strang verfolgt und damit auf den für junge Bands schwierigen plötzlichen Stillstand der Pandemie hinweist.

    Plot Twist

    In dieses Raster passt auch „P.T.S. Tea“, der die psychische Krankheit „PTBS“ diffus und etwas undurchsichtig zu behandeln scheint und konträr dazu mit lockerer Synth-Pop Atmo und einer Ohrwurmmelodie um die Ecke kommt.

    „PTSD from a hot cup of tea,
    Chug chug chug along on the ferry,
    Dumb man wouldn’t even look back at me“

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    Musikalisch etwas völlig neues wagen die vier MusikerInnen dann mit dem Song „Sad Cowboy“, der schon sehr früh vorab als Single erschien und mir persönlich richtig gut gefällt. Im Morricone-Western-Style galoppieren Gitarrenriff und Drumbeat durch meine Gehörgänge und reißen mich mit, obwohl ich überhaupt nicht auf Western stehe. Der Song wandelt sich durch zunehmende Präsenz von Synthezisern und Filterfahrten zu einem repetitiven Housetrack. Ein gelungener Plot Twist!
    Zugegeben, nach Erscheinen der Single hätte ich mir auch mehr solcher Experimente auf dem Album gewünscht und vorstellen können. In dieser Form bleibt der Song auf „On All Fours“ aber unter sich.

    Das rockigere „The Crack“ mit seinen psychedelischen Lyrics und dem surrealistischen Video spielt mutmaßlich auch wieder auf die egoistischen Verhaltensweisen unserer Gesellschaft an und zwingt zur Selbstreflektion – wenn auch für mich irgendwie nicht ganz so eindrucksvoll wie zuvor schon auf dem Album gehört. Deutlich interessanter wird es für meinen Geschmack mit dem Song „Closing In“. In diesem Song versprüht Goat Girl ihren vollen Charme. Das Songwriting und das Arrangement wirkt so luftig und leicht, regt zum Träumen an gehört für mich mit zu den besten Songs des Albums.

    Tranquilize it

    Ebenso der darauf folgende Song „Anxiety Feels“, der eine besonders gut ausgearbeitete Melodie und einen derbe lässigen Laid-Back Feel verbreitet, ist einer meiner Favs. Hier kommt das gekonnte Arrangement der Backingvocals gut zur Geltung, das sich ebenfalls auf dem ganzen Album als Alleinstellungsmerkmal von Goat Girl etabliert.

    „Please don’t leave me alone,
    Staring out the window
    I know I should get out the house,
    Make myself useful
    (Na na na na na na)“

    Das verträumte „Na Na Na“ ist der eigentliche Clue des Textes, der dadurch die unangenehmen Gedanken und Ängste zu übertönen versucht. Eingelullt in dieses weiche und irgendwie dumpfe Instrumental, bekomme ich wirklich das Gefühl, vollgedröhnt mit Tranquilizern in der hintersten Ecke meines Zimmers zu hocken. Da reiht sich auch passender Weise „They Bite On You“ mit ein. Träge und schwer schleppt sich der Song durch und Lottie Cream besingt Schlafprobleme und das angenagte Nervenkostüm.

    Vorbildfunktion

    Die Stücke „Egos“ und das darauffolgende „Where Do We Go From Here?“ lassen sich textlich als offensive Abwehr des Patriarchats und Anklage gegen die politischen Machthaber interpretieren, die schon auf dem Debüt Album eine prägende thematische Rolle gespielt haben. Hier knüpft das Album wieder an seinen Anfang an und beeindruckt mit sprachlicher Raffinesse.

    „So put them in the middle to start with,
    Push out all their egos they hide in,
    It’s funny where the mind goes without it,
    Now it’s a simple silence.“

    Mit „A Men“ zieht Goat Girl ihren Schlussstrich und beendet mit den Worten „Bless God, he tries“. Sie lassen uns ein wachrüttelndes Album zurück, das sehr genau beobachtet und viele Missstände aufdeckt. Auch wenn viele der Themen absolut keine Neuigkeiten mehr sind und sicherlich einigen Menschen zum Halse raushängen, ist es umso wichtiger, sie immer und immer wieder anzusprechen. Gerade Songs mit feministischer und diverser Haltung machen Goat Girl zu einem absoluten Vorbild für eine hoffentlich wachsende neue Generation von weiblichen und transsexuellen MusikerInnen.

    Fazit

    „On All Fours“ lässt uns auf allen Vieren die Scherben unserer Taten und die der Generationen vor uns aufsammeln. Ein insgesamt wirklich eingängiges Album, das jeder Zeit zu überraschen weiß und mit jedem Hören besser wird.

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    Fotocredit: Holly Whitaker