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  • Mulay im Interview: »Musik ermöglicht es mir, schmerzhafte Erfahrungen in etwas Schönes zu verwandeln«

    Mulay im Interview: »Musik ermöglicht es mir, schmerzhafte Erfahrungen in etwas Schönes zu verwandeln«

    Es gibt wenig Künstler*innen, die uns so begeistern wie Mulay. Zu ihrer damaligen Debüt-EP schon bei uns im Interview hat die Alternative-R&B Musikerin aus Berlin nun ihr langerwartetes Debüt-Album LAVENDER veröffentlicht. Ein intimes Heartbreak-Album, was so viel mehr behandelt als nur schmerzhaften Liebeskummer. Es geht um toxische Liebe, Enttäuschung und die Kraft wieder zu selbst zu finden. Aus Verletzung schöpft Mulay Stärke und Empowerment, und verpackt all das in ein Gesamtkunstwerk, das uns tief berührt. Über all das und viel mehr haben wir mit ihr gesprochen.

    Mulay im Interview

    Anna: Hey Mulay, das letzte Mal haben wir uns 2021 zu deiner Debüt-EP ANTRACYTE gehört. Seitdem ist sehr viel passiert. Wie hast du die die letzten Jahre wahrgenommen?

    Mulay: Wow, das ist eine umfangreiche Frage. Die Zeit ist einerseits unglaublich schnell vergangen, andererseits ist auch unglaublich viel passiert. Wenn ich an meine Debut-EP und den Entstehungsprozess denke, wird mir bewusst, wie sehr ich als Mensch und Künstlerin seitdem gewachsen bin. Ich habe viele Erfahrungen dazu gewonnen und gelernt, meinen Instinkten, Visionen und Skills noch mehr zu vertrauen. Mit meiner ersten Vinyl “Antracyte/Ivory habe ich mir einen Traum erfüllt. Und auch andere Meilensteine erreicht, wie meine erste eigene Tour zu spielen. Ich bin unglaublich dankbar für alles, was ich in den letzten Jahren umsetzen konnte. Für all die inspirierenden Menschen, die mir begegnet und zu Freunden geworden sind. Obwohl ich langsam spüre, dass ich seither keine wirkliche Pause eingelegt habe und nach dem Album erstmal neue Kräfte tanken muss, fühlt es sich dennoch wie ein Anfang an: Mein erstes Album, auf das hoffentlich viele weitere folgen.

    Anna: In dieser Zeit hast du auch dein Debütalbum LAVENDER geschrieben. Wie hast du bemerkt, dass die Zeit reif für ein Album war?

    Mulay: Für mich war von Anfang klar, dass ich sobald wie möglich ein Album machen wollte. Ich bin selbst ein großer Fan von und habe großen Respekt vor dem Album als Kunstform. Ich höre lieber Alben von Anfang bis Ende durch, als Playlists.

    Besonders liebe ich dabei in die Welt und den Kopf eines Künstlers eintauchen zu dürfen. Auf emotionaler und kreativer Ebene sich selbst zu entdecken und inspiriert und berührt zu werden. Man kann nur soviel von sich in einen Song stecken. Ein ganzes Album bietet da etwas mehr Raum, verschiedene Seiten und Perspektiven zu beleuchten und in mehr Dimensionen zu reflektieren.

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    „Nichts und niemand kann meine Kreativität aufhalten.“

    Anna: Ein Album schreiben ist ja nochmal was ganz anderes. An welchen Dingen bist du während dieser Zeit gewachsen? Was hat dir besonders Spaß gemacht?

    Mulay: Es ist wirklich ein unglaublich intensiver Prozess, auf so vielen Ebenen… Ich denke, das Schreiben der Songs hat mir auf der einen Seite erlaubt, mich von sehr viel Schmerz und Wut zu befreien. Es war eine Form der Katharsis, die mir geholfen hat, all diese Emotionen raus- und loszulassen. Auf der anderen Seite habe ich in Jule Minck und Elie Zylberman zwei neue, unglaublich talentierte kreative Partner gefunden und sehr viel Spaß und Inspiration aus der Zusammenarbeit mit ihnen geschöpft.

    Ich glaube, eine der größten Herausforderungen dieses Projekts war, dass ich unglaublich viele Aufgaben gleichzeitig übernehmen musste, um meine Vision trotz fehlenden Fundings irgendwie umzusetzen. Dadurch war ich praktisch gezwungen, auf vielen Ebenen über mich hinauszuwachsen und mehrmals über meine eigenen Grenzen zu gehen. Dem mentalen Druck – den man sich einerseits aus Leidenschaft und Perfektionismus selbst macht, andererseits aber auch durch den Zeitdruck, Deadlines einzuhalten – standzuhalten, war eine echte Übung in Resilienz. Daran bin ich definitiv gewachsen. Es hat mich erneut darin bestärkt, dass nichts unmöglich ist und nichts und niemand mich und meine Kreativität aufhalten kann.

    „Step by step by step…“

    Anna: LAVENDER ist sehr persönlich, voller intimer Einblicke in einen sehr schmerzvollen Heartbreak, aber auch in eine sehr toxische Beziehung. Was waren die Phasen, durch die du während und nach der Trennung gegangen bist?

    Mulay: Da es bei der Erfahrung, die LAVENDER verarbeitet, nicht nur um einen Heartbreak, sondern auch um eine für mich traumatische Erfahrung geht – was oft zusammenwirkt, jedoch sehr unterschiedliche Gefühle und Gedanken auslöst –, musste ich beide getrennt für sich verarbeiten. Auf der einen Seite war da der Schmerz und die Sehnsucht nach einem Menschen, den ich vermisste und die Erinnerung an eine gemeinsame Zeit, die ich betrauerte. Auf der anderen Seite standen das Unverständnis über das Verhalten dieser Person mir gegenüber, das Unverständnis mir selbst gegenüber, wie ich mich so täuschen lassen konnte, und schließlich die Wut über beides und die gesamte Situation.

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    Wenn ich den Verarbeitungsprozess in Phasen beschreiben müsste, würde ich sagen, erst kam die Depression, das Tief-in-sich-Blicken, dann die Erkenntnis, den Fokus für eine Weile auf mich selbst, mein Innenleben und meine Bedürfnisse zu legen. Dann kam die Verarbeitung durch das Schreiben und die Musik, die Ablenkung durch kreative Arbeit. Und dann das nach und nach Loslassen: weniger an die Person denken, weniger Sehnsucht, mehr Wut. Mich selbst wieder stärker spüren und neu sortieren, was ich möchte und was nicht, was ich brauche und was nicht. Schließlich ging es darum, Teile von mir loszulassen, die mir nicht mehr guttaten und durch Therapie und das Album eine Art Katharsis zu erreichen. Step by step by step…

    „It’s my superpower.“

    Anna: Du hast vielem Luft gelassen, was sich angestaut hat. Was hat dir geholfen, die toxische Beziehung zu verlassen?

    Mulay: In meinem Fall ging das alles zum Glück sehr schnel. Im Sinne von “lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende”. Erst war alles zu gut um war zu sein und sehr schnell unglaublich intensiv und dann ist das Kartenhaus zusammen gefallen. Ich wurde mit Fakten konfrontiert, die mir das wahre Gesicht der Person gezeigt und damit keine andere Wahl gelassen haben. Es war so als wäre ein Schleier gefallen und plötzlich erblickt man alles in einem anderen Licht. Die Realität der letzten Monate stellt sich als Inszenierung heraus und der Traum wir zum Albtraum.

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    „Dated keine Künstler.“

    Anna: Wie hast du dich selbst auf dieser Reise wiedergefunden?

    Mulay: Ich glaube, das Schwierigste ist, dass man Vertrauen in seine eigene Wahrnehmung und Instinkte verliert. Man hat jemanden so nah an sich rangelassen und vertraut und dieses Vertrauen wurde missbraucht. Zum Glück habe ich sehr gute Freunde, auf die ich mich verlassen kann, die für mich da waren, mich unterstützt haben. Und zum Glück habe ich die Musik und das Schreiben, das mir einen direkten Draht zu meinem Unterbewusstsein gewährt und stets dabei hilft in mich selbst einzuchecken. Mich künstlerisch auszudrücken hilft mir dabei mich daran zu erinnern, wer ich bin und meine innere Stärke zu spüren. It’s my superpower.

    Anna: Was sind Sachen, die du aus diesem gesamten Prozess gelernt hast? Für dich persönlich, aber auch für andere.

    Mulay: Dated keine Künstler. Haha.

    Ich habe über mich selbst gelernt, dass meine Empathie zwar eine Stärke ist, ich aber auch lernen muss, mich selbst zu schützen, damit diese nicht ausgenutzt wird. Außerdem habe ich erkannt, wie wichtig es ist, mich selbst zu nähren und mir das zu geben, was ich sonst in anderen suche.
    In vielen Gesprächen über diese Erfahrung habe ich festgestellt, wie viele Menschen ähnliche Erlebnisse teilen und wie verbreitet toxische Dynamiken sowie emotionaler und sogar physischer Missbrauch sind. Das hat mir wirklich die Augen geöffnet. Wichtig ist dabei, sich bewusst zu machen, dass man keine Schuld trägt, wenn einem Unrecht widerfährt. Und dass man dem Impuls widerstehen sollte, sich selbst dafür verantwortlich zu machen. Eine weitere wichtige Erkenntnis war, dass Opfer von Manipulation zu werden nichts mit Schwäche oder Naivität zu tun hat – es kann wirklich jedem passieren. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir uns austauschen und offen über unsere Gefühle und Erfahrungen sprechen. Ohne Scham, sondern mit Stolz und neu gewonnener innerer Stärke.

    „Musik ermöglicht es mir, schmerzhafte Erfahrungen in etwas Schönes zu verwandeln.“

    Anna: Du empfindest Verletzlichkeit als Stärke – warum?

    Mulay: Ich hab das Gefühl durch das Schreiben und Performen meiner Songs, Verletzlichkeit zulassen und in Stärke umwandeln zu können. Oft kann ich meine tiefsten Gedanken und Gefühle ehrlicher auf Papier bringen, als sie auszusprechen. Die Musik hilft mir, all das nach außen zu tragen und auszudrücken, was mir sonst schwerfällt, mit meiner Außenwelt zu teilen – paradoxerweise, weil ich mich damit zu verletzlich fühlen würde. Die Musik ermöglicht es mir, diese Gefühle zu transformieren, die schmerzhaftesten Erfahrungen oder düstersten Gedanken in etwas Schönes zu verwandeln, etwas Kraftvolles, das im besten Fall sogar andere berührt und bestärkt. Was vorher mit Scham bedeckt war und tief vergraben werden sollte, wird nun zum leuchtenden Schmuck. Sichtbar für alle und entwaffnend für jeden, der dachte, darin Munition zu finden. ‚Turning tears into diamonds‘ eben.

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    Anna: Deine Musik drückst du auch weiterhin sehr visuell aus – Videokonzepte und Styling spielen eine große Rolle beim Release deiner bisherigen Singles und das merkt man. Was macht dir am meisten Spaß beim Drehen und Entwickeln eines Musikvideos?

    Mulay: Am meisten Spaß macht wahrscheinlich der Dreh selbst, denn das ist der Moment, in dem die Vision, die man so lange im Kopf entwickelt und gesponnen hat, endlich in die Realität umgesetzt wird. Zum ersten Mal fügen sich dann alle Bausteine und Details, die man geplant und vorbereitet hat, zusammen.

    Ein großer Teil des Spaßes liegt natürlich auch in der Zusammenarbeit mit anderen. Ob es um das Styling, die Produktion, das Casting oder den Dreh selbst geht – ich bin immer unglaublich dankbar, so vielen talentierten und inspirierenden Menschen zu begegnen, die mich unterstützen. Für dieses Projekt habe ich einige Aufrufe auf Social Media gemacht, z. B. für das Casting oder für Behind-the-Scenes-Fotografie, und ich war überwältigt von den Reaktionen. So viele Menschen wollten Teil des Projekts sein, was für mich eine unglaublich schöne und bestärkende Erfahrung war. Gerade als jemand, der sehr viel alleine macht, hat es mir noch einmal vor Augen geführt, was für eine tolle Community ich hinter mir habe, die jeden Dreh zu etwas besonderem gemacht haben.

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    „I hope you love it as much as I do.“

    Anna: LAVENDER ist bald draußen und nicht mehr nur deins. Freust du dich aufs Loslassen des Albums? Was kommt jetzt?

    Mulay: Es ist ein ganz komisches Gefühl… Einerseits kann ich nicht darauf warten endlich loszulassen und die Vinyl in meinen Händen zu halten. Andererseits geht damit auch ein unglaublich langer Prozess zu Ende und ein unglaublich großes Projekt findet seinen Abschluss. Es ist auf jeden Fall befreiend und ich bin sehr dankbar für die Erfahrung, für alles, was ich daraus mitnehmen durfte und stolz das Ergebnis endlich mit der Welt zu teilen. Der Gedanke, dass es bald zum ersten Mal von Menschen gehört wird ist verrückt! I hope you love it as much as I do.

    Danach werde ich versuchen mal ein bisschen Urlaub zu machen, da die letzten Jahre dafür entsprechend keine Zeit war und 2024 dann LAVENDER auf die Bühne bringen und touren. Allgemein wieder mehr Live spielen, natürlich neue Musik machen, neue Projekte realisieren, sich vllt mal wieder verlieben und weiter wachsen. Als Mensch und als Künstlerin.

    Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas, das du in noch keinem Interview erzählt hast. Hier ist dein space, alles loszuwerden, was du möchtest.

    Mulay: You called it end game and I believed you, I blame myself because I didn’t mean to, it’s so unlike me, like to keep things lightly, thought I brushed it off, but I still pictured you beside me.‘ – Diese Phrase hatte ich in meinem Handy, als ich in Paris mit Elie und Jules an Songs arbeitete. Ich wollte daraus einen Song namens End Game machen, der sehr dunkel und beatlastig sein sollte.

    Eines Tages, als wir im Studio waren, schien die Sonne, und wir entschieden, eine Pause einzulegen und in den Park zu gehen. Wir nahmen die Akustikgitarre mit, legten uns ins Gras, schauten den Wolken zu und improvisierten. Plötzlich nahm die Musik eine folky Richtung und alles passte – die vorbeiziehenden Wolken, die warmen Akkorde. Zurück im Studio versuchten wir, diesen Moment nachzustellen – erst kläglich, dann ein wenig erfolgreicher.

    Es war bereits Nacht, als die Gitarrenaufnahme lief. Ich schrieb und schrieb, und es floss einfach nur aus mir heraus. Ich machte eine schnelle Aufnahme mit dem Handy, um die Idee festzuhalten, bevor wir Schluss machten. Als ich sie im Flugzeug nach Hause wieder anhörte, war ich schockiert, wie schön sie war. Direkt nach meiner Ankunft in Berlin setzte ich mich an den Computer und nahm Demo-Vocals auf. Als ich die Vocals editiert hatte und den Song hörte, weinte ich – jedes Mal. Solche Momente passieren mir selten. Ich entschied, die Vocals nicht noch einmal aufzunehmen. Der Song war genau so, wie er sein sollte. Eine Spiegelung meines Innersten, eine Umarmung an mich selbst und hoffentlich jeden der in hörte.

    Fotocredit: Lotte Thor, Tilo Wandelt

  • Mulay im Interview: »Ich möchte Menschen auf eine Reise mitnehmen, in der sie sich selbst verlieren und entdecken können.«

    Mulay im Interview: »Ich möchte Menschen auf eine Reise mitnehmen, in der sie sich selbst verlieren und entdecken können.«

    Es gibt so viele Künstler:innen, die Musik machen, die berührt. Es gibt aber auch ein paar, bei denen berührt nicht nur die Musik, sondern alles drum herum auch. Mulay ist so eine Künstlerin. Vom Songwriting bis hin zur visuellen Umsetzung ihrer Musik ist alles um Mulay ästhetische Kunst. Jahrelang hat sie Erfahrungen gesammelt, um sich nun selbstbewusst und selbstreflektierend mit ihrem Soloprojekt zu verwirklichen. Ihre Debüt-EP ANTRACYTE kam Ende Januar raus und ist geprägt von sowohl ehrlichen, teils verletzlichen Songs als auch von empowernden. Wir haben sie für euch im Interview.

     
    Mulay im Interview

    Anna: Hey! Freut mich sehr, dass das geklappt hat! Seit ein paar Tagen ist deine Debüt-EP ANTRACYTE draußen. Wie fühlst du dich?

    Mulay: Es ist ein komisches Gefühl, nach einer so langen Reise, einem so langen kreativen Prozess nun quasi am Ziel angekommen zu sein. So sehr ich mich natürlich darüber freue, mein Debut nun endlich mit der Welt zu teilen, wurde mir, so kitschig es klingt, nochmal bewusst, dass der Weg das eigentliche Ziel ist. Ich bin stolz auf das, was mein Team und ich gemeinsam geschaffen haben. Ich bin unglaublich dankbar für all die Unterstützung, die diese EP überhaupt möglich gemacht hat und für all die Erfahrungen die ich auf dem Weg sammeln konnte. Jetzt heißt es Loslassen und auf zu Neuem. ANTRACYTE is all yours now.

    Anna: Als Newcomerin bist du ganz frisch in der Szene, vielleicht kannst du dich ganz kurz vorstellen? Welche Musik inspiriert dich und wen könnte deine Musik inspirieren?

    Mulay, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, mulaymusic, antracyte, untold musicMulay: Ich bin Mulay, Sängerin, Songwriterin, Produzentin, Performerin und lebe seit drei Jahren in Berlin. Mich inspiriert Musik, die mich berührt, mich bewegt, die Genregrenzen überschreitet, Neues schafft, sich authentisch anfühlt. KünstlerInnen wie FKA Twigs, Sevdaliza, SZA, James Blake, Frank Ocean und viele andere, die ihre ganz eigene Ästhetik kreieren und diese in mehreren Dimensionen kommunizieren, durch Klang, Bild, Performance… Ich selbst liebe es, interdisziplinär zu arbeiten und mit Künstlern aus unterschiedlichen Bereichen zu kollaborieren und sich gegenseitig zu inspirieren. Ich möchte Menschen auf eine Reise mitnehmen, in der ein Jeder sich verlieren und selbst entdecken kann. Ungefilterten Gefühlen Ausdruck verleihen, Stärke in Verletzlichkeit zeigen, mich selbst und mein Umfeld reflektieren und damit einen Jeden inspirieren, der sich darin wiederfindet.

     
    „Für meine künstlerische Entwicklung war diese Zeit unglaublich wertvoll.“

    Anna: Bevor du 2020 deine Solokarriere gestartet hast, warst du auch schon musikalisch aktiv. Du warst viel mit Producer Moglii unterwegs, und unter Anderem live in Tokio und den Niederlanden gespielt. Wie haben diese Erfahrungen dich geprägt? Ich stell mir das alles sehr aufregend vor.

    Mulay: Das waren definitiv alles wichtige Erfahrungen, die mich als Mensch und Künstlerin geprägt und den Weg für meine Solokarriere geebnet haben. Nach der Schule habe ich in Holland Jazz & Pop Musik studiert und dort meine erste Band „YXC“ gegründet. Ich fing gerade an, meine eigenen Songs zu schreiben und hatte die Möglichkeit, diese in der Band gemeinsam zu arrangieren und vom kreativen Input der anderen zu profitieren. Ich hab erste Live Erfahrungen gesammelt genau wie Erfahrungen im Bereich Booking, Management und Creative Direction. Wir haben damals alles selbst gemacht und ich als Kopf der Band hab viele Jobs übernommen. Für meine künstlerische Entwicklung war diese Zeit unglaublich wertvoll, da ich ohne Druck Dinge ausprobieren und meine eigene Stimme als Künstlerin finden konnte. Die Mitglieder meiner damaligen Band sind noch heute ein wichtiger Bestandteil meines musikalischen Teams.

    Moglii habe ich auch zu der Zeit in Holland kennengelernt. Er war in der Stadt, um einen Freund zu besuchen, der an meiner Uni studiert hat. Der hat ihn dann zufällig auf ein Konzert meiner Band mitgenommen. Wir kamen ins Gespräch und fast zwei Jahre später hat die lang geplante Kollaboration begonnen. Ich bin unglaublich dankbar für die Erfahrungen, die ich mit Moglii auf der Bühne machen konnte. Wir waren sehr viel zusammen unterwegs und hatten immer eine gute Zeit. Erinnerungen an die ich besonders jetzt, wo Festivals und Live Konzerte so weit weg erscheinen, gerne zurückdenke. Ich hoffe sehr darauf, bald wieder auf der Bühne stehen und Musik live mit Menschen teilen zu können. 

     
    „Sie haben mir die Zeit gegeben, meine Vision zu schärfen bis ich sie klar kommunizieren konnte.“

    Anna: Wie hat diese Zeit das beeinflusst, was du jetzt solo machst? Hast du Sachen gelernt, die du jetzt anwenden kannst oder fühlst du generell, dass du dich dadurch auch weiterentwickelt hast?

    Mulay: Ich hab damals wichtige Erfahrungen gesammelt, die mir in erster Linie das Selbstbewusstsein gegeben haben, meine Vision als Solo Künstlerin umzusetzen. Ich hatte schon immer eine starke Vorstellung was Klang- und Bild- Ästhetik angeht und habe auch schon immer Persönliches durch Songwriting verarbeitet. Daher lag der Schritt in Richtung Solokarriere nahe. Die Zeit mit meiner Band und die Erfahrungen mit Interdisziplinären Projekten, wie der Klang- und Videoinstallation „Poem of a Cell“, mit der ich beispielsweise in Tokyo aufgetreten bin, haben mir erlaubt zu wachsen. Sie haben mir die Zeit gegeben, meine Vision zu schärfen bis ich sie klar kommunizieren konnte. Außerdem hatte ich durch mein Studium das Glück vielen, talentierten, kreativen Menschen zu begegnen, die mich dazu inspiriert haben, andere Perspektiven einzunehmen und Genregrenzen der Kunst zu durchbrechen.

     
    „ANTRACYTE beschäftigt sich mit dem Thema Betrug, Schuld, Verurteilung und dem Verlieren und Neufinden seiner Selbst.“

    Anna: Auf ANTRACYTE sind eine handvoll wirklich guter Lieder versammelt. Was verarbeitest du inhaltlich auf den einzelnen Songs?

    Mulay: ANTRACYTE beschäftigt sich mit dem Thema Betrug, Schuld, Verurteilung und dem Verlieren und Neufinden seiner Selbst. Die EP steht somit für den Abschied eines alten- und die Wiedergeburt eines neuen-Ichs. Es geht um das Scheitern, unter dem Druck von außen, einem bestimmten Bild zu entsprechen. Es geht aber auch um die ehrliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstbild und den Weg zur Selbstliebe, weiblicher Selbstbestimmung und sexueller Freiheit.

    Mulay, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, mulaymusic, antracyte, untold musicANTRACYTE gibt den Auftakt zur EP und fängt einen Moment der Selbstoffenbarung ein nachdem man Geliebte betrogen und verletzt hat. Man ist sich seiner Schuld bewusst und gibt sich seinem Schicksal hin. Der Song repräsentiert das erste Kapitel der Geschichte „the death of innocence and the birth of a villain“.

    PHOENIX ist aus einer weiseren Stimme im Rückblick auf das Geschehene geschrieben. Es steht für die Wiedergeburt und Erinnerung daran, dass es oftmals unsere Fehler sind, die uns formen. Die dunklen Zeiten, die wir überstehen, ermöglichen uns, über uns hinaus zu wachsen.

    MEDUSA repräsentiert die Dunkelheit. Es geht um die Konfrontation mit den Konsequenzen des eigenen Handelns, um die Erfahrung von Abweisung, Schuld, Selbstzerstörung und einem verzweifelten Ruf nach Aufmerksamkeit.

    SHAME steht für das Licht am Ende des Tunnels. Es ist die innere Stimme, die einen aus der Dunkelheit führt, die Erkenntnis, den Weg zu Selbstakzeptanz und bedingungsloser Selbstliebe. 


    PSYCHOPATH ist das Outro der EP und handelt von der Sehnsucht danach geliebt zu werden, entgegen jeder Vernunft. Es ist der einzige Song, der nicht auf meiner persönlichen Erfahrung, sondern der einer Freundin beruht. Er repräsentiert abschließend die Schönheit der Verletzlichkeit und die Dualität der Gefühle, die alle Songs vereint.

    Anna: Hast du einen Lieblingstrack oder einen, der dir besonders viel bedeutet?

    Mulay: Es wäre wahrscheinlich MEDUSA, da er mich am längsten begleitet hat. Obwohl er von einer sehr dunklen Zeit in meinem Leben erzählt, steht er heute für mein persnliches Wachstum als Mensch und als Künstlerin. Ich könnte ein Album rausbringen mit all den Versionen, in denen MEDUSA existiert hat, bevor ich endlich das Gefühl hatte, den richtigen Kontext gefunden zu haben. Als ich MEDUSA geschrieben habe, war ich ziemlich depressiv. Ich erinnere mich, wie absurd es sich angefühlt hat, den Song das erste Mal auf der Bühne zu singen. Ich hab über meinen tiefsten Schmerz gesungen, während ich genau das durchlebt und dafür Applaus bekommen hab. Wenn ich den Song heute höre oder performe, wird mir bewusst, dass ich mich jetzt nicht mehr so fühle. Ich werde daran erinnert, wie viel ich durch diese Zeit über mich selbst gelernt habe und wie viel stärker und weiser sie mich gemacht hat.

     
    „Es ist mir wichtig, mich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen.“

    Anna: Du setzt bei deiner Musik auch ganz viel Fokus auf das Künstlerische drum rum. Von eindrucksvollen Musikvideos zu art installements und ästhetischen Fotoshoots: Musik scheint für dich immer auch mit etwas Visuellen verbunden zu sein. Was möchtest du damit ausdrücken, warum ist dir das so wichtig?

    Mulay: Musik ist für mich schon immer stark mit visuellen Ideen verbunden. Oft entstehen diese zeitgleich und ich habe bereits beim Schreiben eines Songs Bilder im Kopf. Daher ist die Visuelle für mich ein natürlicher, organischer Teil meines kreativen Prozesses und einfach eine weitere Möglichkeit mich auszudrücken. Ich liebe es, konzeptuell mit mehreren Ebenen und Dimensionen zu arbeiten mit dem Ziel, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Es ist mir wichtig, mich selbst und meinen kreativen Ausdruck nicht zu limitieren und mich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. Interdisziplinäre Kollaboration und gegenseitige Unterstützung als Creative Community ist für mich einer der wichtigsten Aspekte der Arbeit, die ich machen möchte und die größte Quelle an Inspiration.

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    Anna: Das Musikvideo von „SHAME“ zum Beispiel strotzt vor Frauenpower und ist sehr schön anzusehen – fühlt sich nur vom Zuschauen sehr empowernd an. War das auch die Message, die du mit dem Song verbreiten wolltest?

    Mulay: Auf jeden Fall. Die gesamte EP und die Geschichte, die sie erzählt, basiert auf meiner persönlichen Erfahrung, kann jedoch auch allgemeiner als Erfahrung einer Frau interpretiert werden. Es ist eine Ebene, die immer Teil meines künstlerischen Ausdrucks sein wird. Ich erlebe die Welt als Frau. In der Welt, in der wir leben, bedeutet das, oftmals mit anderen Maßstäben gemessen zu werden. SHAME habe ich aus der Perspektive einer inneren Stimme geschrieben, die einen daran erinnert, sich selbst eine bessere Freundin zu sein. Es geht um das Streben nach Selbstakzeptanz, danach seinen eigenen Weg zu gehen, anstatt sich Erwartungen anderer anzupassen. Daher wollte ich für das Video eine diverse Gruppe starker, inspirierender Frauen zusammenbringen, die diese Journey repräsentieren. Die Frauenpower an dem Tag war allgegenwärtig. Natürlich bedeutet das nicht, dass die Message allein für Frauen gilt, sondern für jeden, ganz gleich welches Geschlecht oder welcher Identität.  

     
    „Die Geschichte hat mit wenig Schlaf, Games und zwei Liter Eiscreme zu tun.“

    Anna:  Auch wenn deine EP jetzt gerade erst raus kam – kannst du uns schon verraten, auf was man sich von dir dieses Jahr noch freuen kann?

    Mulay: Ich habe im letzten Jahr während des Lockdowns einige neue Songs geschrieben und hatte das Glück für ein paar spannende Kollaborationen mit Künstlern ins Studio zu gehen. Es werden also auf jeden Fall erstmal ein paar Features kommen, auf die ich mich schon sehr freue. Ich werde den gefühlt endlosen Lockdown 2021 nutzen, um an meiner nächsten EP zu arbeiten und wer weiß…. the journey has just begun.

    Anna: Die letzte Frage ist eine „untold story“: eine Geschichte hinter einem Song oder Ähnliches, die du so noch nie in einem Interview erzählt hast. Kannst du da was mit uns teilen?

    Mulay: Als ich mit meinem Gitarristen Jascha den Song SHAME geschrieben habe, stand nach zwei Tagen Session das gesamte Instrumental. Nur was die Vocals anging, fühlte sich noch keine meiner Ideen zu Melodie und Text richtig an. Ich blieb die ganze Nacht wach bis es gegen 5:00 morgens Klick machte, die Inspiration mich überkam und der Song nach ein paar Minuten fertig war. Der Ursprung der Idee, die mich über mehrere Ecken und Gedankenstränge zum finalen Titel und Inhalt von SHAME geführt hat, liegt in der Geschichte des Vorabends meines Gitarristen, seinem Zustand am Tag darauf und einem Telefonat das wir hatten. Die Geschichte hat mit wenig Schlaf, Games und 2 Liter Eiscreme zutun…. Da es aber nicht meine Geschichte ist, werde ich nicht mehr dazu sagen, aber ihr könnt euch ja eure eigenen Theorien zusammenreimen. Ohne sie wäre SHAME vielleicht nicht entstanden. Our brain works in mysterious ways…

     

    Falls euer Interesse geweckt ist – hier könnt ihr euch ANTRACYTE anhören:

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    Fotocredit: Kanaan Brothers, Ali Kanaan, Gianna Shamone