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  • Drangsal live in Berlin: Ein Phönix aus Asche und Klang

    Drangsal live in Berlin: Ein Phönix aus Asche und Klang

    Mitte Juni diesen Jahres wurde ich eingeladen, beim Record Release-Konzert des deutschen Musikers Drangsal dabeizusein. Drangsal, alias Max Gruber, präsentierte sein neues Album im Berliner Club Modus und feierte dabei seine künstlerische Metamorphose. Die Record Release-Show zu „Aus keiner meiner Brücken die in Asche liegen ist je ein Phönix emporgestiegen“ (Virgin/Universal) sollte mehr sein als ein Konzert. Ein Abend, an dem sich ein Künstler von seinem früheren Selbst losreißt.

    Drangsal endlich als feste Band

    „Drangsal“ – das bedeutet im Deutschen qualvolle Bedrückung, Leid oder Not (Quelle: Duden). Das Wort stammt aus dem spätmittelhochdeutschen und war im 18. Jahrhundert vor allem in dichterischem Kontext gebräuchlich. Max Gruber wählte diesen Namen bewusst: Laut einem Interview mit dem Mannheimer Morgen ist er inspiriert vom Firmennamen eines regionalen Bestattungsinstituts. Ein programmatischer Titel, der sich an diesem Abend widerspiegeln soll.

    Der sperrige, beinahe poetisch-verzweifelte Albumtitel, der an die kryptisch-melancholische Grandezza von The Smiths erinnert, gab bereits im Vorfeld einen Hinweis auf die inhaltliche Tiefe und die neue musikalische Richtung. Wo sich frühere Werke von Drangsal noch stark im synthetischen Electro-Pop suhlten, dominiert nun eine eklektische Vielfalt: Gitarrenriffs, Krautrock-Anleihen, orchestrale Elemente und sogar Fragmente aus Industrial und Jazz verweben sich zu einem organischen Klangkörper. Das alles trägt nicht nur Grubers Handschrift – zum ersten Mal ist Drangsal auch als Band erlebbar. Die Bühne teilte er sich mit einer dreiköpfigen Live-Formation, die nicht bloß Begleitmusiker waren. Denn Drangsal ist inzwischen (mindestens) ein Trio. Neben Max Gruber zählen Lukas Korn (Gitarre, Produktion) und Marvin Holley (Gitarre, Komposition) zur festen Besetzung.

    Die Setlist wurde vom neuen Album dominiert, das am selben Tag erschienen war. Songs wie „Bergab“, „Glutkern“ oder „Hab Gnade!“ bewiesen eine ungeahnte emotionale Tiefe – melancholisch, ja, aber nie larmoyant. Immer wieder schimmerte das ironisch-nihilistische Weltbild durch, das Gruber in Interviews kultiviert, nun aber künstlerisch ernsthaft transformiert. Beim Song „Die satanischen Fersen“ erkennt man sogar Hitpotenzial. Schwingt da ein bisschen Pophymnen-Flair à la Die Ärzte mit? Alte Hits wie „Turmbau zu Babel“ wurden neu interpretiert.

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    Ein Phönix aus Asche und Klang

    Die Stimmung im ausverkauften Modus war konzentriert, nur wenige Smartphones leuchteten auf. Alles an diesem Abend wirkte jedoch choreografiert. Nichts, so scheint es, wird bei Drangsal dem Zufall überlassen. Die Musik, die Performance, sogar die attraktiven Bandmitglieder scheinen einem Plan zu folgen. Hier will jemand in den Popolymp. Live wirkte das alles kohärent. Auf den 17 Album-Tracks hingegen – teils auf Deutsch, teils auf Englisch gesungen – zerfasert das Konzept dann stellenweise. Und auch die Texte wirken oft stark gekünstelt. Vielleicht ist das die Unruhe eines Künstlers im Übergang.

    Gruber hat mit „Aus keiner meiner Brücken die in Asche liegen ist je ein Phönix emporgestiegen“ ein neues Kapitel aufgeschlagen. Trotz mancher Schwächen lohnt sich das Anhören. Am 4. Oktober 2025 spielen Drangsal im Berliner Metropol am Nollendorfplatz. Ihr solltet gepannt bleiben. Ich bin es ebenfalls.

    Foto & Text: Johannes Martin

  • “I can melt an igloo, yeah ’cause I’m so dang hot” – Kiss of Life Konzert in München

    “I can melt an igloo, yeah ’cause I’m so dang hot” – Kiss of Life Konzert in München

    Auf ihrer allerersten Welt-Tour macht Kiss of Life auch Halt in Deutschland – unter anderem am 03.03.2025 in der TonHalle in München! Das Konzert war innerhalb von Minuten ausverkauft – weshalb ich mich auch umso mehr über eine Einladung zum Konzert gefreut habe. Und was genau ihr da verpasst habt, könnt ihr gleich nachlesen – und sehen: Die Galerie mit den Live-Fotos findet ihr am Ende!

    Wer ist denn Kiss Of Life?

    Kiss of Life (auch abgekürzt mit KIOF), ist eine vierköpfige Girlgroup aus Südkorea: Julie, Natty, Belle und Haneul. Julie und Belle sind allerdings in den USA geboren, und Natty ist gebürtige Thailänderin. Nur Haneul ist born and raised in Korea, und sie meint: “We acknowledge our differences and the path we went through to get here, so that makes us learn from each other and grow.”
    Und warum Kiss of Life? [It] refers to the mouth-to-mouth artificial respiration method. Like the name, we plan on revitalizing and bringing fresh life to the K-pop scene. Und das ist ihnen in den knappen zwei Jahren seit ihrem Debüt auf jeden Fall schon gut gelungen! Vielleicht liegt das daran, dass alle vier zu einem großen Teil am Songwriting- und Kompositionsprozess beteiligt sind. „I believe only those who fully understand the music they make can produce a certain vibe. We always want to show our fans authentic and sincere music. (Belle)

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    v.l. Belle, Natty, Julie, Haneul
    Zeit für Live-Musik!

    Montagabend nach der Arbeit schnappe ich mir meine Kamera und mach mich auf den Weg in Richtung Werksviertel. Zwischen Arbeit und Show schaffe ich es leider nicht mehr, mir ein angemessenes Konzertoutfit zu suchen. Denn bei K-Pop Konzerten gilt stets die Regel: More is more! Outfits und Make-Up werden in der Regel Wochen vorher geplant. Auch ein Grund, wieso ich so gerne zu K-Pop-Konzerten gehe: Die Fashion Girlies liefern IMMER! Nur ich an diesem Abend leider nicht – was aber schnell vergessen war als ich gegen 19 Uhr am Einlass ankam.

    Start der Show war erst gegen 20 Uhr, und doch war die TonHalle schon randvoll. Denn für die meisten hier war das wohl die allererste Kiss of Life Show ever! Und für Kiss of Life natürlich die erste Show in München überhaupt! Die Spannung lag also spürbar in der Luft.

    Mitglied Belle wurde leider am Tag der München Show krank, und so mussten die anderen drei die Show ohne sie durchziehen. Bereits die Woche davor hatte Julie sich eine Erkältung zugezogen, die Show in Berlin musste deshalb komplett ausfallen, und ein paar Shows danach wurden ohne Julie gespielt. Diese war nun wieder auf den Beinen und fit, aber hatte ihre Erkältung wohl an Belle weitergegeben – kein Wunder, wenn man schon zusammen auf Tour ist und auf engstem Raum miteinander reist.

    Ein dicker Batzen Nervosität und Cold Sweats

    Kurz bevor um 20 Uhr dann das Licht ausging, wurde ich auch noch einmal ordentlich nervös. Denn ich hatte seit circa zwei Jahren keine Konzertfotos mehr gemacht, und dann so ein Comeback? Absolut wild.

    Also stand ich mit etwas schwitzigen Händen um 19:55 Uhr bereit am Graben, und wartete auf meinen Einsatz. K-Pop Shows haben nämlich keine Opener, sondern starten direkt in die Show. Dafür dauern sie in der Regel länger, da es zwischendurch unter anderem Video-Breaks gibt, während denen die Artists Zeit für einen Outfit-Wechsel haben. Boygroup ATEEZ, die letzten Monat in der Uber Arena in Berlin zu Gast waren, haben beispielsweise mit 25 Songs fast zweieinhalb Stunden gespielt.

    Die ersten drei Songs durfte ich Fotos machen was das Zeug hält, und zu meinem Glück haben Kiss of Life gleich als Zweites meinen Fav gespielt: Igloo. Obwohl der Song eigentlich nur ein B-Side ist, ging er nach EP-Release am 15. Oktober 2024 direkt durch die Decke – und hält sich auf dem Spotify-Profil von Kiss of Life nach wie vor hartnäckig auf Platz 1. Das allerdings nicht ganz unverhofft: “The song, with its trap hip-hop base and refined yet playful choreography, felt like it would stand out in a new way.”, so Belle. Meine persönliche Empfehlung? Den Song direkt in die “getting ready for a night out” Playlist packen!

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    Gay Panic im Bühnengraben

    Während Igloo war ich direkt vor der Bühne und musste wirklich mein allerbestes geben, nicht versehentlich in Choreographie zu verfallen. Ich hatte schließlich einen Job. Mitgesungen hab ich aber trotzdem – was den Mädels auch aufgefallen ist, und sie mir dafür extra ein dickes Grinsen in die Kamera geschenkt haben.

    Nach den drei Songs und einer mittelgroßen Gay Panic Session im Bühnengraben hab ich mich dann auf den Weg nach hinten gemacht, um das Konzert entspannt mit einer Weinschorle in der Hand zu genießen. Auch von ganz ganz hinten macht es einfach nur Spaß, den Girls beim Performen zuzusehen. Denn man merkt, dass sie für die Musik leben und es lieben, auf der Bühne für ihre Fans (die sogenannten Kissys) zu spielen. Und auch die Fans waren sowas von am Start, und bei jedem einzelnen Song textsicher.

    Kissy Chair

    Kiss of Life wissen, mit einer Crowd umzugehen und mit ihren Kissys zu interagieren. Und so gab es nicht nur Ansagen für die Fans oder es wurde zugewunken oder Fingerherzen verteilt. Eine Tradition bei Kiss of Life Konzerten ist der sogenannte “Kissy Chair”, ein Stuhl auf der Bühne für einen glücklichen Fan! Während des Songs Te Quiero ist dieser Fan dann Teil der Performance der Girlgroup. Auf die Frage “Who in here thinks they deserve Kissy Chair?” wanderten also natürlich alle Hände nach oben.

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    Zeit für Sommersongs

    Auch wenn es am Tag des Konzerts noch kalt und etwas trüb war, wurde gleich mal der Sommer (oder wenigstens der Frühling?) eingeläutet, und zwar mit Sticky. DEM Sommersong von Kiss of Life. Und wenn man sich so die Temperaturen der letzten Tage ansieht, scheint das auch wunderbar geklappt zu haben!

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    Kleine Info am Rande: Das Musikvideo und die Promo-Shots zu Sticky sind übrigens in der polnischen Hauptstadt Warschau entstanden.

    Direkt auf Sticky folgt Midas Touch – Hit nach Hit! Diesen Song kennen sogar Freunde von mir, die eigentlich gar nichts mit K-Pop am Hut haben. Kiss of Life erinnern mich immer und immer wieder an die 2000er Girlgroups, die ich als Kind so gehört habe. Besonders aber Midas Touch. Und da Musikvideos im K-Pop zum Glück KEINE lost art form sind, muss ich euch das auch gleich mal noch verlinken:

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    Und so war ich nach eineinhalb Stunden Kiss of Life richtig happy, es doch noch zum Konzert geschafft zu haben. Obwohl Julie, Natty und Haneul an diesem Tag ohne Belle auskommen mussten, lieferten die Girls eine richtig richtig gelungene Performance mit krassen Vocals und Choreographien! Da lässt sich nur auf eine Rückkehr nach München bei ihrer nächsten Tour hoffen! Bis dahin wünschen wir Belle eine schnelle Genesung und hoffen natürlich, dass alle anderen gesund bleiben.

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    Fotocredit: Sarah Reiter, S2 Entertainment

  • Berq hält die Columbiahalle im Bann

    Berq hält die Columbiahalle im Bann

    Normalerweise kommt das Berliner Publikum spät – nicht so bei Berq. Der gerade mal 21 Jahre alte Hamburger, der mittlerweile in Berlin-Kreuzberg lebt, treibt die Teenies frühzeitig in die restlos ausverkaufte Columbiahalle. Jeder will seinem Schwarm so nah wie möglich sein, und frühes Erscheinen sichert bekanntlich die besten Plätze. Würde nicht ab und zu etwas Frischluft in die Halle gepumpt, könnte der Schweiß von der Decke tropfen.

    Gänsehaut von Sekunde eins

    Es ist 20 Uhr, die Halle verdunkelt sich, und Verifiziert gibt als Voract alles, um die Crowd auf Berq einzustimmen. Das Publikum dankt es.

    21 Uhr. Harmonische Streichermelodien ertönen, gepaart mit beeindruckenden Lichteffekten von der Bühne. Das Bühnenbild wirkt eher minimalistisch – die Show lebt von Licht, Schatten und Silhouetten. Berq erscheint in grellem, weißen Licht und stimmt Heimweg an. Die Crowd ist von der ersten Sekunde an zu 100 Prozent textsicher und singt sofort mit. Kein Wunder, denn sobald der erste Ton durch die Halle schwingt, hat jede einzelne Person Gänsehaut pur.

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    Er freut sich, in der Columbiahalle spielen zu können, denn zum ersten Mal passt das komplette Bühnenbild. Die Bühnen der anderen Locations waren mal rund, dreieckig oder schlicht zu klein. Hier in Berlin stimmt zum ersten Mal alles. Ob die Frage ernst gemeint ist, wer den Song 2 Minuten kennt? Es ist gerade mal der zweite Song, und die Crowd rastet aus, singt lautstark den kompletten Text mit.

    Wenn der Tourvirus um sich schlägt

    Ein kurzer Textaussetzer bei Schleierkraut. Berq erzählt, dass er sich in den letzten Tagen mehrfach übergeben musste – das Tourvirus hat um sich geschlagen. Heute sei der erste Tag, an dem er wieder etwas essen konnte: Kartoffelbrei! Es kann also sein, dass der eine oder andere Texthänger passiert, aber die Crowd ist ja textsicher und kann im Notfall aushelfen.

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    Zeit für einen ruhigen Moment. Alle Spots richten sich auf die Cellistin und die Violinistin – ein kurzer Augenblick zum Durchatmen und Abkühlen. Berq verschwindet währenddessen augenscheinlich hinter einer Schattenwand. Doch das ist nur eine Illusion. Plötzlich taucht er mitten im Publikum auf einer B-Stage auf. Sitzend auf einer Leiter performt er Blauer Ballon. Die, die den Song kennen, wissen, wie sehr dieser emotional hittet.

    Mein Hass tritt dir die Haustür ein“ – der perfekte Moment, um den ganzen Frust der Halle seelisch und stimmlich herauszulassen. Die Crowd gibt alles. Das wäre der letzte Song des Abends gewesen. Berq bedankt sich. Doch wir wissen alle: Da fehlt noch etwas.

    „Fuck, du tust weh“

    Nach wenigen Sekunden betritt er erneut die Bühne, um am Flügel Achilles zu performen. Nach Pirouetten, einem lyrisch düsteren Stück, folgt endlich der Moment, auf den alle gewartet haben: der krönende Abschluss. Rote Flaggen. Das Bühnenlicht explodiert in Rot, Berq scheint förmlich darin zu verschwinden. Die Crowd gibt noch einmal alles – von der ersten bis zur letzten Sekunde.

    Nach 72 Minuten ist das Konzert vorbei. Nicht das längste, aber alle sind glücklich.

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    Man hat ja gewisse Erwartungen, wenn man auf ein Konzert geht. Bei Berq hatte ich an ein gemütliches Akustikkonzert mit viel Piano und vielleicht einer kleinen Bandbegleitung gedacht. Bekommen habe ich eine ausgefallene, perfekt inszenierte Lichtchoreografie. Stimmlich und lyrisch ist Berq ohnehin auf einem anderen Level – und auch an diesem Abend wurde niemand enttäuscht. Und wenn man auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn noch einmal seine Songs hört, weiß man: Alles war gut.

    Wenn ihr bisher noch keine Berq Fans sein solltet, dann ist jetzt der Zeitpunkt. Wir haben ihn Ende 2023 schon als einen unserer artists to watch prognastoziert und spätestens in der komplett ausverkauften Columbiahalle wurde uns klar: wir lagen richtig.

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    Fotocredit: Jens Krahe (1 und 3), Marla-Tabea Kästle (2)