Musik macht und veröffentlicht Philine Sonny schon seit einigen Jahren. Auf ihr Debütalbum hat sie uns allerdings ziemlich warten lassen, doch jetzt können wir es endlich hören. „Virgin Lake“ ist eine Sammlung musikalischer Werke der Bochumer Künstlerin, die alles alleine produziert in ihrem Wohnzimmer. Mit viel Liebe zum Detail und vor allem einer stets großen Portion Ehrlichkeit kommen die 14 Songs auf dem Album daher.
Philine Sonny spricht im Interview unter anderem darüber, wie Therapie, eine Beziehung und ein persönlicher Wendepunkt ihre Musik verändert haben. Es geht um Rückblicke, Kontrollverlust und den Versuch, sich selbst zu verstehen.
Philine Sonny im Interview
Hey, schön, dass du dir die Zeit genommen hast. Wie geht’s dir?
Mir geht’s ganz gut. Ich bin im Moment ein bisschen im Handysumpf und das stört mich ein bisschen. Aber ich versuche, mit Stricken dagegen anzukämpfen.
Das klingt nach einer sehr guten Ablenkung. Was ist dein aktuelles Strickprojekt?
Ich fange gerade erst richtig an. Ich habe ein bisschen geübt und jetzt mache ich direkt einen Pulli. Ich dachte mir: Ich mache direkt etwas, das ich auch wirklich trage. Man macht sonst so oft Sachen, die man eh nicht anzieht oder nutzt.
Fair. Ich habe letztes Jahr versucht, mit Häkeln anzufangen, und mein erster Topflappen war so schräg, dass mich das komplett demotiviert hat.
Dann ist Stricken vielleicht einfach was für dich.
Ich werd’s mal testen! In letzter Zeit ging ja dieser „2016“-Nostalgie-Trend rum. Erinnerst du dich noch an das Jahr?
Ich habe tatsächlich schon nach Fotos gesucht, aber keine mehr gefunden auf meinem Handy. Aber es war das Jahr nach dem Tod meines Opas, zu dem ich sehr eng war. Deshalb war es eher schwierig für mich. Gleichzeitig war es aber auch das Jahr, in dem ich angefangen habe, mehr Musik zu machen. Ich war so 14 oder 15 Jahre alt und habe angefangen, Songs zu schreiben. Aber insgesamt war es eher ein schwieriges Jahr.
Verständlich. Kommen wir lieber wieder zurück in die Gegenwart. Gibt es Artists, die dich gerade inspirieren?
Das Album von Rosalía fand ich richtig krass. Es ist total anders als das, was ich sonst höre, aber gerade deshalb so spannend. Ihre Stimme und die Vocal Production – ich glaube, sie macht das auch selbst – finde ich extrem beeindruckend. Und sonst höre ich gerade Saya Grey. Die finde ich auch sehr cool.
„Durch Therapie habe ich verstanden, dass es nicht nur um mich geht, sondern um ein größeres Ganzes“
Lass uns über dein Album sprechen. Du hast es in vier Teile aufgeteilt, aber es erzählt trotzdem eine durchgehende Geschichte. Worum geht es?
Für mich ist die Geschichte ein bisschen rückwärts aufgerollt. Das Album fängt eher laut und chaotisch an und wird dann ruhiger und vielleicht auch erwachsener. Chronologisch ist das aber eigentlich umgekehrt. Ein bestimmtes Event in meinem Leben war so eine Art Auslöser – eine Krise, ein Wake-up-Call. Darauf ist vieles hinausgelaufen. Und von diesem Punkt aus habe ich angefangen zurückzuschauen: Was ist eigentlich passiert? Wo kommt das alles her? Wie bin ich geworden, wer ich bin? Wie sind die Menschen um mich herum zu dem geworden, was sie sind? Am Anfang geht es viel um meine eigenen Gefühle, um Frust und Traurigkeit. Aber durch Therapie habe ich irgendwann verstanden, dass es nicht nur um mich geht, sondern um ein größeres Ganzes. Gegen Ende kommt mehr Verständnis dazu, mehr Perspektive auf das Gesamte. Es ist ein bisschen kompliziert, aber im Kern geht es um dieses Zurückblicken und Verstehen.

Wenn du jetzt auf deine erste EP zurückblickst – wie fühlt sich das für dich an?
Es ist krass zu sehen, wie viel sich soundmäßig verändert hat. Ich habe ja alles selbst produziert, und deshalb bin ich besonders stolz darauf, wie ich mich entwickelt habe. Der Sound kommt jetzt viel näher an das ran, was ich mir damals schon vorgestellt habe. Ich bin aber auch stolz auf mein jüngeres Ich, das einfach gesagt hat: „Ich mache das jetzt.“ Und ich bin sehr dankbar für die Leute um mich herum, die mich darin bestärkt haben, das alleine zu machen.
Du hast mal – ich glaube in einem Video – gesagt, dass du durch Therapie erst lernen musstest, wütend zu sein. Gibt es Gefühle, die dir immer noch schwerfallen?
Ja, auf jeden Fall. Ich bin jetzt mit 24 zum ersten Mal in einer Beziehung, und dadurch merke ich Dinge, die vorher gar nicht hochgekommen sind. Ich dachte immer, ich wäre sehr offen mit meinen Gefühlen. Aber jetzt merke ich, dass es mir gar nicht so leicht fällt, mich wirklich verletzlich zu zeigen oder nicht perfekt zu sein. Mit Freund*innen ist das einfacher, weil sich die Gefühle weniger intensiv anfühlen. In einer Beziehung ist das nochmal eine ganz andere Ebene.
„Positive Songs sind oft schwerer, weil sie schnell oberflächlich wirken“
Gab es auch Songs auf dem Album, die besonders schwierig waren?
„Dog Bite“ war extrem schwierig. Mein Manager meinte: „Schreib doch mal einen fröhlichen Song.“ Das war für mich eine totale Herausforderung. Ich habe bestimmt ein Dreivierteljahr daran gearbeitet. Positive Songs sind oft schwerer, weil sie schnell oberflächlich wirken. Wenn es einem gut geht, analysiert man Dinge nicht so sehr. Bei traurigen Songs gibt es mehr Konflikt, mehr Perspektiven. Außerdem sind in dem Song viele doppeldeutige Referenzen versteckt, die sich auf andere Songs beziehen. Deshalb hat das so lange gedauert.
Wie lange hast du insgesamt am Album gearbeitet?
Der älteste Song ist von 2021. Richtig bewusst angefangen habe ich am 22. Juni 2024, da habe ich mir gesagt: Jetzt mache ich das Album fertig. Zu dem Zeitpunkt waren vielleicht 60 % der Songs schon in irgendeiner Form da. Ich arbeite nicht klassisch mit Demos – vieles fließt direkt in die finale Produktion ein. Insgesamt waren es also schon ein paar Jahre.
Du hast auch einen Song mit Shelter Boy und Brockhoff gemacht. Hast du Lust auf mehr Kollaborationen?
Ja, aber ich bin nicht so gut darin. (lacht) Ich finde es schwierig, mich mit jemandem hinzusetzen und gemeinsam etwas zu schreiben. Es war noch eine Kollab geplant, die dann zeitlich nicht geklappt hat. Aber grundsätzlich habe ich Lust, das mehr auszuprobieren.
Dein Album hat auch einen sieben Minuten langen Song – das sieht man eher selten. Setzen dich Trends wie kurze Songs oder Social Media unter Druck?
Social Media stresst mich extrem. TikTok, Instagram, YouTube Shorts – jede Plattform funktioniert anders. Und gerade in der Release-Phase vor dem Album habe ich kaum Zeit, Musik zu machen, weil ich ständig Content produzieren soll. Das zerstört für mich den kreativen Prozess. Musik machen ist messy – und das sollte es auch sein. Aber sobald eine Kamera läuft, wird alles künstlich. Was Songlängen angeht, bin ich entspannter. Da lasse ich mir nicht reinreden.
Worauf freust du dich dieses Jahr – außerhalb des Albums?
Ich freue mich darauf, wieder neue Musik zu machen. Das Album ist sehr autobiografisch, und jetzt habe ich Lust, mal anders zu arbeiten – mich von Bildern oder Gedichten inspirieren zu lassen.
Das klingt schön, da bin ich schon gespannt. Zum Abschluss: Deine „Untold Story“ – etwas, das du noch nie erzählt hast?
Ohja, da gibt es etwas. Meine allererste Tour mit Band waren damals vier Dates, verteilt auf zwei Wochenenden. Und ich habe zu der Zeit gerade erst angefangen, Alkohol für mich zu entdecken – ich habe bis ich 21 war eigentlich gar nichts getrunken. Irgendwer hat dann aus Spaß auf unseren Rider einfach Gin Tonic geschrieben. Und ich habe das komplett unterschätzt. Es war auf jeden Fall keine gute Idee. Ich trinke seitdem auch nicht mehr, wenn ich spiele. Nach der letzten Show kam jemand zu mir und wollte, dass ich ihr ein Tattoo zeichne. Ich war wirklich ziemlich betrunken und habe noch gesagt: „Bist du dir sicher? Das ist keine gute Idee.“ Aber sie wollte unbedingt. Ich habe dann versucht, einen Briefumschlag zu zeichnen – der sah schon echt schlecht aus. Dann noch einen zweiten, der auch nicht besser war. Am Ende meinte sie: „Schreib einfach den Titel.“ Also habe ich „Postcards For Mom And Her Friends“ aufgeschrieben… allerdings mit einem Rechtschreibfehler. Ein halbes Jahr später hat sie mir ein Foto geschickt: Sie hat sich das tätowieren lassen. So relativ groß auf den Bauch. Mit den hässlichen Umschlägen – und mit dem Fehler im Wort.
Oh no.
Ja, das tat mir wirklich leid.
Für’s nächste Mal bist du dann ja vorbereitet.
Mir ist das auch nochmal passiert, dass Leute nach einem Tattoo-Motiv gefragt haben. Aber dann habe ich das Albumcover zu „Virgin Lake“ gezeichnet, da kann nichts falsch laufen.
Das klingt nach der sicheren Variante. Trotzdem danke dir, dass du diese Geschichte mit uns geteilt hast und bis bald!
Danke, Anna, das war schön.
Hier könnt ihr „Virgin Lake“ von Philine Sonny hören:
Fotos: Emil Gentes















