Dein Warenkorb ist gerade leer!
Schlagwort: hip hop
-

Hidden Gemz im Interview: »Es war sehr überwältigend, wie viele Leute auf einmal vor der Bühne stehen«
Hidden Gemz zu hören macht einfach Spaß. Die Newcomerband aus Österreich, die letztes Jahr quasi aus dem Nichts kam und Supportslots von Bilderbuch spielte, hat nun ihre Debüt-EP The Gemz Mixtape veröffenlicht. Passend zum Frühling und all seiner Endorphine ist The Gemz Mixtape genau das: ein Mixtape voller überragend guter Songs. Irgendwo zwischen Brockhampton, Dominic Fike und Gorillaz finden Hidden Gemz ihren ganz eigenen Style. Und der macht einfach Spaß. Was genau da drin steckt, wie alles gestartet ist und vieles mehr erfahrt ihr hier, denn wir haben sie all das mal selbst gefragt.
Hidden Gemz im Interview
Anna: Eure erste Single Miss Monroe hat erst im Oktober 2023 das Licht erblickt, ihr macht aber schon sehr viel länger Musik. Wie habt ihr zur Musik aber auch als Band zusammengefunden?
Didi: Zur Musik haben wir alle auf verschiedene Weisen gefunden. Für mich war es durch meine Familie und vor allem durch meine Geschwister, wo ich mich viel durch deren Lieblingsmusik durchgehört habe. Als Band haben wir uns alle im Kontext Schule kennengelernt und gemerkt, wie gut wir zusammen passen.
Jonas: Meine ersten Berührungungspunkte mit Musik hatte ich mit sechs Jahren auf meinem ersten Konzert. Schon damals hatte mich der Schlagzeuger der Band sehr fasziniert und ab diesem Zeitpunkt wollte ich dann auch Schlagzeug lernen. Bis zu meinem ersten Schlagzeugunterricht trommelte ich auf allen Kochtöpfen, die wir zuhause hatten. Didi, David und Mateo habe ich dann erst viel später in der Oberstufe kennengelernt. Nachdem ich schon ein Jahr in der Oberstufe war, wechselten die drei auf meine Schule und es hat sich schnell herauskristallisiert, dass wir vier sehr gerne gemeinsam Musik machen. Nach den ersten Schulauftritten wollten wir das Ganze auch außerhalb der Schule präsentieren und seitdem arbeiten wir zielstrebig an unserer Karriere.
Anna: Was ist die Geschichte hinter Miss Monroe? Wieso habt ihr euch entschieden, die Single nicht mit auf die EP zu nehmen?
David: Miss Monroe gab es schon sehr lange. Ursprünglich ist er so entstanden, dass ich am Keyboard die Akkorde von Sunset To Sunrise in einem anderen Rhytmus gespielt habe. Eigentlich zum Spaß. Wir haben dann durch unsere Konzerte bemerkt, dass der Song zu einem Favoriten des Publikums wurde, und so dachten wir uns, dass Miss Monroe perfekt als Debut-Single geeignet wäre.
Didi: Es war auch ein Statement Song für uns. Wir wollten den Leuten einen passenden Einstieg in unsere Musikwelt geben. Von dort aus kann man uns als Band gut mitverfolgen und sich mit uns gemeinsam entwickeln. Die EP hatte nochmal den Zweck eine andere Geschichte zu erzählen, in die Miss Monroe nicht passte.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren„Ich hätte Paranoia, dass ich auf Butterfly Effekt irgendwas anrichten würde.“
Anna: In eurer Debüt-EP The Gemz Mixtape geht’s viel ums Reminiszieren der Vergangenheit und die Essenz eurer Teenie-Jahre. Was ist es, was ihr am meisten aus der Vergangenheit vermisst? Würdet ihr gerne ab und zu zurückkehren und Dinge nochmal erleben/anders machen?
Jonas: Aus meiner Vergangenheit vermisse ich am meisten das unkomplizierte Leben, in dem ich mir weniger Gedanken über gewisse Themen gemacht habe. Ab und zu denke ich schon darüber nach zurückzuspulen und Momente nochmal zu erleben. Jedoch hält dies meistens nur kurz an, weil ich meinen jetzigen Lebensabschnitt auch sehr schätze. Dinge konkret anders machen würde ich nicht.
David: Ich vermisse die Freiheit von Sorgen und die Gelassenheit. Nach der Schule bin ich heim gegangen und habe mein Instrument geübt, Songs geschrieben oder mich mit Freunden getroffen. Und ich hatte alle Energie der Welt trotz Schule, Hausaufgaben und Lernen.
Mateo: Auf jeden Fall kommt Nostalgie hoch wenn ich an die Zeit denke, wo man sich um nichts geschert hat außer Spaß mit Freunden zu haben und die Schulzeit zu überstehen. Das war ein „anderes“ Gefühl von Freiheit.
Didi: Das schöne Gefühl der Gegenwart vergisst man oft ein wenig im Moment und erinnert sich dann erst wieder daran wenn es schon in der Vergangenheit liegt. Es gibt schöne Zeiten, an die ich gerne zurückdenke, aber sie noch einmal erleben wollen tu ich nicht. Ich versuch so gut es geht meinem eigenen Wort zu folgen und zu erkennen welche schönen Seiten meines Lebens ich aktuell leben darf. Anders machen will ich auch nichts. Ich bin zu froh darüber, wie es mir heute geht und hätte Paranoia, dass ich auf Butterfly Effekt irgendwas anrichten würde und plötzlich alles anders wäre.

Anna: Outside könnte glatt zu meiner Frühlings-Hymne werden, so oft wie es momentan höre. Wie verbringt ihr eure Frühlings- und Sommertage am liebsten?
Didi: Mit Freunden so viel es geht. Die Tage, an denen es möglich ist, versuche ich immer zu nutzen und Sommer ist sowieso meine Jahreszeit. Sich irgendwo draußen treffen und schwimmen gehen oder Fußball oder auch Volleyball spielen während wir Musik hören, das fühl ich.
Mateo: Am Liebsten verbringe ich diese Tage mit rausgehen Leute treffen und auf jeden Fall auch Songs hören, die einem dieses Sommer-Gefühl geben.
David: Ich persönlich: Ein guter Tee mit dem Album „The Peaceful Side of Jazz“ von Billy Strayhorn oder ein Spaziergang durch den Prater.
„Das Lied hittet bei mir komplett.“
Anna: Welche Musik hört ihr, wenn ihr draußen mit euren Freunden unterwegs seid?
Didi: Das ist unterschiedlich da gibt’s bei mir persönlich eigene Playlisten zu verschiedenen Vibes. Aber welches Lied ich zum Beispiel jetzt schon tot höre und sicher noch im Sommer hören werde ist „11 y once“ auf dem neuen Album von Tainy. Das Lied ist zu gut und hittet bei mir komplett.
Jonas: Viel Hip-Hop wie zum Beispiel unter anderem Jay-Z, Anderson Paak, Mac Miller oder Remi Wolf.
Mateo: Also man kann auf jeden Fall nicht viel falsch machen mit klassischen R&B/Hip Hop Songs von Künstler*innen wie Tyler the Creator, SZA oder Kanye West.
Anna: Welche Songs und Artists haben euren Sound inspiriert? Ich hör viel von Outcast zu Brockhampton, Dominic Fike oder Gorillaz und liebe diesen Mix vollkommen.
Didi: Das sind ehrlich geile Künstler. Ich mein, irgendwo her kommt Inspiration immer, aber bei unserer Musik denken wir nicht bewusst an irgendwelche Inspirationen sondern einfach was aus uns so rauskommt. Wir spielen und spielen und schauen, was uns gefällt. Im Endeffekt entsteht dann vielleicht ein ganzer Song auf diese Weise.
David: Mein „Bass-Spiel-Style“ (wenn man das sagen kann) ist sehr beeinflusst von dem Album „All Eyez On Me“ von 2Pac. Songs wie „Scandalouz“ oder „Only God Can Judge Me“ haben bis heute für mich die besten Bass-Lines.
Mateo: Mich persöhnlich haben Künstler wie Dominic Fike, Kendrick Lamar aber auch Bands wie Pink Floyd oder RHCP total inspiriert.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren„Es hat sich angefühlt wie auf einer Klassenfahrt.“
Anna: Bevor ihr überhaupt Musik veröffentlicht habt, habt ihr schon live gespielt. Zuletzt auf Supporttour mit Bilderbuch – zu dem Zeitpunkt war nur die Single Miss Monroe veröffentlicht. Wie ist es dazu gekommen und wie war das für euch, am Anfang von eurer Karriere vor so vielen Menschen zu spielen, die euch nicht kennen?
Jonas: Das ist sehr richtig, wir haben vor unserem ersten Release auch schon viel live gespielt. Vorrangig in den Wiener Gürtellokalen. Als wir mitbekommen haben, dass Bilderbuch uns als Vorband möchte, hat uns das natürlich sehr gefreut und es war eine komplett neue Erfahrung für uns. Vor so vielen Leuten zu spielen war ein sehr aufregendes Erlebnis, doch was an diesen beiden Gigs besonders war, war das gemeinsame herumreisen. Es hat sich angefühlt wie auf einer Klassenfahrt.
David: Es war sehr überwältigend wie viele Leute auf einmal vor der Bühne stehen. Gleichzeitig hat es einfach total viel Spaß gemacht auf einer Bühne mit dieser Größe zu performen.
Anna: Bilderbuch sind eine der größten Band aus Österreich, die die deutsche Indie-Bubble dominiert haben und es immer noch tun. Dabei wimmelt es in eurer Wiener Bubble nur so von unfassbar guten Newcomer-Artists. Und weil wir natürlich nichts davon verpassen wollen, vielleicht die Frage direkt an die Quelle: Wen aus eurer Bubble sollten wir auf jeden Fall auf dem Schirm haben?
Didi: Ehrlich gesagt sind wir gar nicht so in dieser „Bubble“. Aber es ist immer eine gute Idee seine Augen und Ohren offen zu halten für interessante Charaktere. Man kann da echt überall Sachen finden, die zu einem passen, man muss nur offen sein. Wenn man das ist, gibt es so viel zu sehen.
David: Die Rockband Venice Blue.
Anna: Ihr habt die gesamte EP selbst aufgenommen und produziert – wie war diese Erfahrung für euch? Und wie hat sich die Dynamik eurer Band dabei entwickelt?
Didi: Es war echt was Neues für uns, aber wir haben auch dabei, ähnlich wie im Songwriting und Performen, so einen Spaß drin finden können. Studio-Arbeiten war manchmal sehr anstrengend für den Kopf, aber die Momente, in denen man rumprobiert und auf was geiles kommt, sind zu wild gewesen. Hat mir persönlich absolut gefallen mal mehr im Studio zu sein und da zu hustlen. Ich glaub, wir lernen uns gegenseitig immer besser kennen bei sowas und deswegen schweißt es einen auch mehr zusammen und stärkt das Verständnis zum anderen.
David: Jeder hat einfach Aufgaben in seinem Möglichkeitsbereich erledigt. Meine Kenntnisse beim Aufnehmen sind leider nicht die stärksten, reichen aber aus wenn Jonas am Schlagzeug sitzt und deshalb nicht selbst aufnehmen kann.
Jonas: Wir haben in diesem Prozess auch sehr viel dazu gelernt. Dadurch, dass jeder von uns seine Stärken und Schwächen hat, haben wir uns sehr gut ergänzt. In der Produktionszeit der EP haben wir uns fast täglich gesehen und wir sind somit nochmal ein Stück näher zusammengewachsen.
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
Anna: „I think I finally understand that I’m in love with cake.” mag fast meine Lieblingszeile aus der gesamten EP sein. Die offensichtliche Frage: was ist euer Lieblingskuchen?
Jonas: Für mich ist es absolut ein Himbeerkuchen.
Didi: Für mich ist es vielleicht sogar ehrlich gesagt Sachertorte.
David: Oblatentorte.
Mateo: Erdbeerjoghurttorte.
Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story. Das mag eine Anekdote aus dem Studio, eine Empfehlung von Herzen oder etwas komplettes Random sein. Hier ist euer Space, zu sagen, was ihr wollt.
Didi: Schwierig, aber eine Sache, die mir aufgefallen ist, ist, dass in dem Stress, den wir teilweise stark zu spüren bekommen haben, es immer wichtig ist, verbunden mit Leuten zu bleiben. Man sollte sich nicht in Einsamkeit abschotten. Sich mit den Leuten in dem eigenen Umfeld auszutauschen kann einem so sehr helfen aus diesem Tunnel zu kommen. Das ist mir aufgefallen und würde ich gern weitergeben an Leute, die etwas ähnliches erfahren haben oder gerade erfahren.
Jonas: Ein lustiges „Easter Egg“ gibt es in unserem Song Chops. In jedem Chorus hört man einen von uns, als rhythmische Element, atmen/hauchen. Das ist auch das entscheidende Element, welches den Bounce im Song ausmacht.
Mateo: Was oft missverstanden wird, ist dass Musik Kunst ist und es da kein richtig oder falsch gibt.
Wir lassen Mateos Schlusswort nochmal eine Minute wirken und dann hören wir die Kunst, die The Gemz Mixtape und Hidden Gemz sind, nochmal von vorne. Ihr auch?
Fotocredit: Amin Zaazou
-

OK KID im Interview: „Wir sind über jeden einzelnen Song happy, das war bisher nie so“
Es ist September 2021, eine warme Sommernacht in Gießen folgt einem bunten Tag, auf dem Gelände des Stadt ohne Meer Festivals wird es ruhiger – scheinbar. Eine große Überraschung haben OK KID auf ihrem eigenen Festival natürlich noch parat. Mit unangekündigtem Auftritt, eindrucksvoller Lichtinstallation und Feuerwerk kündigte die Band ihr neues Album DREI an. Inklusive Vorgeschmack auf die bis dahin unveröffentlichte Single Mr. Mary Poppins und Album Cover-Reveal. Nun sind Monate vergangen und DREI erblickte am 13.05. das Licht unserer Streaminganbieter und Plattenregale. Der spektakulären Ankündigung auf dem Festival sind OK KID auf jeden Fall gerecht geworden.
Auf 11 Tracks, die aktueller und greifender kaum sein könnten, beweisen sie, wie viel Energie und Kreativität noch in ihnen steckt. Von mächtigen Rock-Sounds, politisch cleveren Bemerkungen bis hin zu gewohnt tiefgründigen Zeilen voller Melancholie decken OK KID alle Facetten gelungen ab. Facetten, die uns vielleicht bis hierhin noch gar nicht bewusst waren. Und eine Breite an Themen, die wir nur nach wiederholtem Hören vollständig begreifen. Zwar ist es nicht ihr drittes Album, doch mit dem Albumtitel knüpft die Band an ihr zweites Album Zwei (2016) an und zeigt seinen Hörer*innen, um wen es sich hier handelt. Nämlich um Jonas, Moritz und Raffi. Wie der Song „Nur wir 3„ schon in 2019 sehr ehrlich die Geschichte erzählte: Von Label, Management, Produzenten und Bookingagentur getrennt, arbeiteten die drei Wahlkölner nun völlig eigenständig. Und man hört, dass ihnen das gut tut! Auch die neu gesammelte Energie nach der ersten Auszeit von einander in 10 Jahren Bandgeschichte, scheint sich wohl gelohnt zu haben.
Man bekommt die Auf- und Umbruchstimmung als Hörer*in mit voller Wucht zu spüren. Sowohl die, die Bandintern geherrscht hat, als auch die, die musikalisch darin steckt. Mit höchstem Maß an Reflexion, sich selbst, seinem Umfeld und der Gesellschaft gegenüber, vermittelt das Album den Eindruck einer neu begonnenen Zeit. Oder ist alles doch schon immer so gewesen? OK KID wissen, wie sie mit ihrem kritisch betrachtendem Auge zum Nachdenken anregen und anstoßen. Und Sänger Jonas bewies schon immer, dass er weiß, wie er geschickt die passenden Worte findet. Selbst für die Dinge, die man weder aussprechen, noch wahrhaben möchte. Doch auf diesem Album ist es der Band vor allem gelungen, die Inhalte auch soundtechnisch genauso angemessen, überzeugend und ja, manchmal sogar angreifend, zu gestalten, wie ihre Aussagen. Die anhaltende Diskussion darüber, ob ihre Musik denn Rap oder Pop sei, ist nun noch irrelevanter als zuvor. Egal, wie sehr man drücken und pressen würde, DREI würde in keine Schublade hinein passen.
Ursprünglich hatte ich keine bestimmten Erwartungen an das Album, ich war eigentlich bloß neugierig. Jetzt, wo ich das Album nun schon eine Weile hören und an mich ranlassen durfte, kann ich sagen, dass es objektiv und subjektiv die beste Veröffentlichung von OK KID ist. Als Cold Brew, der vierte Teil der Kaffee Warm-Reihe zum Release angesetzt war, hatte ich ein wenig Angst. Die bisherige Trilogie schien so perfekt, geliebt und gefeiert, wie ein langjähriger Begleiter. Und plötzlich eine Fortsetzung? Ja. Und im nachhinein kann ich nicht glauben, dass ich überhaupt eine Sekunde daran gezweifelt habe, dass sie dem nicht nochmal gerecht werden könnten. OK KID haben auch mir bewiesen, dass sie nicht einfach nur beständig sein können, sondern sich sogar steigern können. Wenn man durch die Tracklist stöbert, wird die Emotionalität der Songs wie Cold Brew und Leben light von totalen Überraschungen wie Bubblegum und Es regnet Hirn umklammert. DREI ist kein Album, das spurlos vorbeigeht und dann in der verstaubten Ecke der totgehörten Spotify-Playlist landet. Mal ist es eine verständnisvolle Umarmung und mal ein Tritt in den Magen, aber in beiden Richtungen verbleibt ein anhaltender Eindruck.
Ehrlicherweise ist eine Sache, die mich an OK KID immer begeistert hat, das Gefühl, dass sie niemals aufhören zu sein. Auf erste Veröffentlichungen, die bis heute zeitlos wirken, folgten immer wieder neue Ideen, neue Anstöße, neue Projekte, Selbsterfindung und Wiederfindung. Und zwischen ihrem dauerhaften Streben nach Optimierung und angenehmer Konstante war das Gefühl beständig, dass “OK KID” das ein und alles für sie ist. DREI weist Gründe auf, um nachts nicht mehr schlafen zu können und bietet im selben Moment Hoffnung, um es doch endlich wieder zu tun. DREI fühlt sich wie ein aufbrechender Neuanfang und ein grandioses Finale in Einem an. Ich bin so froh, dass nun alle die Möglichkeit haben, dieses Album in das eigene Leben willkommen zu heißen. Und es hoffentlich nicht mehr gehen zu lassen.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahrenKurz vor dem Album Release trafen sich vier Gießener*innen per Zoom, drei davon sind Jonas, Moritz und Raffi.
OK KID im Interview
Dascha: Wie fühlt ihr euch so kurz bevor das Album endlich erscheint?
Jonas (OK KID): Es ist schon so surreal, weil es auch schon mal verschoben wurde. Im September haben wir es angekündigt und dann gab’s die ganzen Verschiebungen, weil es keine Vinyl mehr gab und die Tourverschiebung, das ganze hin und her… Wir haben zwei und halb Jahre keine richtige Show mehr gespielt und sind sehr froh, dass jetzt was neues da ist, mit dem wir wieder auf Tour gehen können. Wir sind auch gespannt wie es ankommt, heute haben die ersten Menschen schon ihre Vinyl bekommen. Mega aufregend, was in den nächsten Tagen so abgehen wird.
Dascha: Voll schön, dass da jetzt so viel passiert! Nennt mal ein paar Sachen, die für euch auf diesem Album ein erstes Mal waren?
Raffi (OK KID): Wir haben zum ersten Mal auf Albumformat alles selber gemacht. Angefangen bei der Produktion, wir hatten ja keinen externen Produzenten, außer auf einem Song Tim Tautorat, ansonsten haben wir alles selbst produziert. Alles was drum herum passiert machen wir auch selber. Wir managen uns selber. Wir haben quasi noch ein Produktmanagement, also Leute die für uns in verschiedenen Promo-Bereichen arbeiten, aber alles mit unserer Abstimmung. Es ist alles ein riesen Haufen Arbeit. Aber das führt natürlich dazu, dass das Album einfach wir sind. In jedem Bereich. Es sieht alles ganz genau so aus, wie wir das wollten. Alles läuft genau so, wie wir das zusammen gebaut haben. Nicht nur die Mucke, sondern eben auch alles andere.
Dascha: Ich finde, dass man das auch hört.
Jonas (OK KID): Was ist deine Meinung zum Album? Du kennst uns ja schon so lange.
Dascha: Ihr schon habt oft betont, dass Frühling Winter der dringlichste Song ist, den ihr je geschrieben habt. Aber ich finde das komplette Album klingt so super dringlich und reflektiert. Sowohl inhaltlich, als auch soundtechnisch klingt alles so episch und groß, viel mehr als früher. Da habt ihr euch krass weiterentwickelt.
Jonas (OK KID): Geil, dankeschön! Wir haben Frühling Winter rausgebracht, als das Album noch gar nicht stand. Der Song war da und es war spannend das Album da anzusetzen, dass die Geschichte von DREI da beginnt. Auch, wenn es kein klassisches Konzeptalbum ist. Zum Beispiel welche Farben das Album braucht, was genau wir eigentlich erzählen wollen. Da hatten wir zum ersten Mal das Cover, bevor der Rest stand. Und das hat uns vergewissert und dabei geholfen zu wissen, wo es überhaupt hingeht. Gerade kriegt das Cover ja noch mehr Aktualität mit einem Twist, den wir damals gar nicht auf dem Schirm hatten.

Dascha: Und wie kam es dazu, dass ihr so ein dringliches, wichtiges Album gemacht habt? Ich meine, ihr macht schon lange Musik, ihr könntet genauso gut sagen, hey wir machen jetzt nur noch was leichtes zum Spaß.
Moritz (OK KID): Als wir uns im April 2020 nach einer Bandpause zusammengesetzt haben und gesagt haben, dass wir ein Album machen, waren wir uns einig, dass es keine Zeit für ironische und humorvolle Songs ist. Genau wie du das mit der Dringlichkeit gesagt hast, wir wollten etwas machen, was Relevanz hat und dringend raus muss. Das ist total schön zu hören, dass es bei dir auch so angekommen ist. Es war für uns klar, dass es ein Album werden muss, das mit der aktuellen Zeit und unserer aktuellen Stimmung geht.
Dascha: Ich hab aber schon öfters mitbekommen, dass Menschen sagen, eure neuen Songs würden sie eher so ansprechen wie eure ersten Alben. Und ich meine mich zu erinnern, dass ihr auch schon gesagt hättet, dass die neue Musik eher an die vom Anfang anknüpft, die Fans der früheren Musik anspricht und wieder das „wahre OK KID“ sei. Wobei ich nicht finde, dass eure neue Musik wie die alte ist. Legt ihr denn viel Wert auf Feedback von außen? Sind euch andere Meinungen zu eurer Musik wichtig?
Jonas (OK KID): Also uns ist relativ bewusst gewesen, dass als wir Sensation rausgebracht haben, es auf jeden Fall Leute abschrecken kann. Weil es was komplett anderes ist. Bei DREI wussten wir zum Beispiel bei Cold Brew, also Kaffee Warm 4, dass die Leute, die uns schon kennen, das feiern werden. Da sehen wir unsere Musik mit viel Objektivität. Wobei Es regnet Hirn auch was komplettes neues war. Vor allem vom Sound, wir hatten noch nie so einen tanzbaren Song wie den, aber trotzdem mit einem krassen Thema. Wir haben eine kleine Blase von Leuten, die wir gut kennen und denen wir vertrauen, denen spielen wir das dann vor. Wenn jemand von denen sagen würde „Ey, was ist das denn für Musik?!“, würden wir wahrscheinlich hinhören. Aber wenn wir den Song veröffentlichen, sind wir einfach happy damit. Wir sind über jeden einzelnen Song mega happy, das war bisher nie so. Es gab bisher auf jedem Album Songs, wo ich persönlich im nachhinein dachte: „Joa, in dem Moment fand ich’s geil, aber ich weiß nicht, ob ich mir den noch jeden Abend reinziehen würde“.
Dascha: Voll schön zu hören, dass ihr euch jetzt so sicher fühlt!
Raffi (OK KID): DREI ist schon nicht genau wie die alten Sachen. Es ist nicht wie das Album Zwei, aber es schließt eher daran an. Es ist eher die Fortführung und Weiterentwicklung von Zwei. Echt schön von dir zu hören, dass du die Weiterentwicklung bemerkst, weil ich sehe das genauso. Ich glaube wir haben uns in allen Bereichen sehr weiterentwickelt, sowohl inhaltlich, als auch soundlich. Bei diesem Album fallen auch jegliche Filler weg. Bei anderen Alben waren doch noch Tracks mit drauf, weil sie einfach gut reingepasst haben. Jetzt konnten wir glücklicherweise komplett auf sowas verzichten, jeder Song hat die Dringlichkeit vom ganzen Album. Da gibt es keinen Song, der irgendwie rausfällt.
Dascha: Wo wir schon bei Feedback sind – Was sind die schönsten Komplimente zu eurer Musik? Was hört ihr gerne von anderen?
Jonas (OK KID): Ich finde persönliche Worte eh viel schöner, als irgendwas im Internet zu lesen. Im Internet schmeißt man sehr gerne mit Superlativen rum. Ein mal in die positive und ein Mal in die negative Richtung. (lacht) Ich glaube es ist schön, wenn Menschen Musik nicht egal ist und sie sie in irgendeiner Weise berührt. Völlig egal wie. Es kann sein, dass jemand sagt “ Ey, ich hab durch die Musik mega Hass auf etwas bekommen“, dann ist das auch okay. Für mich ist Musik etwas gegen emotionale Stumpfheit. Etwas, das Sachen in dir aufrüttelt, was vielleicht ohne Musik gar nicht rausgekommen wäre. Wir wurden auch schon oft gefragt „Ihr seid doch so politisch, wünscht ihr euch, dass mehr Bands solche Statements in der Musik machen?“, dann sagen wir nein. Es muss auch nicht jede Band politisch sein, ich selbst hör gar keine politische Musik. Aber trotzdem krieg ich viel davon raus und es bringt mir sehr, sehr viel Musik hören, auch wenn sie keine Haltung hat. Wenn Leute sagen, unsere Musik hat sie zum Nachdenken angeregt oder berührt – das ist das Beste!
Was wiederum unangenehm ist, ist wenn Leute ihr gesamtes ich auf uns projizieren. Wenn uns jemand sagt „Ohne euch hätte ich mich umgebracht“. Und sowas kam schon vor. Da wird man einfach in so eine große Verantwortung gebracht. Das ist too much. Mit so einem Feedback ist es sehr schwer umzugehen, auch wenn es natürlich schön ist, dass die Musik Leuten hilft. Aber wenn jemand zu krass von deiner Musik positiv berührt ist, kann es genau so 180 Grad in’s Negative gehen, wenn du eine Sache machst, die der Person missfällt. Wir hatten auch schon Leute, die Bücher über uns geschrieben haben. Und letztens haben wir ein Tattoo gesehen, da hat einer seine komplette Brust, seinen ganzen Oberkörper, mit einem Foto von uns tätowiert. Da sagen wir nicht unbedingt „Ey, geil!“, das wollen wir nicht positiv oder negativ bewerten. Das muss der oder diejenige für sich wissen, ob man das wirklich so sehr feiert.
Dascha: Das ist krass! Als ich beim Prelistening das Album zum ersten Mal gehört habe, ist mir Hausboot am See am meisten hängengeblieben. Der lag mir sehr schwer im Magen. Deswegen würde ich gern inhaltlich darauf eingehen. Was würdet ihr raten, ab wann sollte man eine zwischenmenschliche Beziehung, oder eher Freundschaft, beenden? Ab wann sollte man sein Umfeld oder seine Bubble aussortieren?
Jonas (OK KID): Der Song ist der persönlichste Song auf dem Album, das ist keine Überraschung. Es gab diesen Junggesellenabschied, es gab dieses Hausboot. Die Dinge haben sich dort so zugespitzt, dass es dazu geführt hat, dass wir keine Freunde mehr sind. Das ist also keine Geschichte, die ich nur für das Album genutzt habe. Nicht jede Zeile ist eins zu eins so in der Abfolge passiert, aber es ist eins zu eins die Situation, die es gab. Voll oft hängt man sich bei alten Freundschaften und Beziehungen an Bindungen fest, die in der Vergangenheit liegen, weil man früher mal eine tolle Zeit miteinander hatte. Dann sieht man sich ein paar Jahre nicht und der Gedanke sich wieder zu treffen ist mit einer wunderschönen Romantik erfüllt. Und wenn man sich dann endlich trifft merkt man, es ist gar nicht mehr so. Außer der Vergangenheit gibt es kaum noch etwas, was dich mit den anderen Personen verbindet.
Das ist also ein bisschen eine Aufforderung an Freundschaften zu arbeiten. Die Freundschaften und Beziehungen müssen im jetzt existieren können. Eine Freundschaft muss hier und jetzt von Vertrauen, Inspiration, von Sachen teilen können, sich Geborgenheit geben, leben. Das kann die Vergangenheit oft eben nicht mehr. Mir ist es in den letzten Jahren oft passiert, dass ich mich von solchen Beziehungen aktiv entfernt habe, weil sie mir einfach nichts mehr bringen. Dann sagen andere „Du musst doch loyal sein, ihr habt so viel zusammen erlebt“. Und wahrscheinlich wäre ich wie bei Familie auch wieder da, wenn etwas ganz Ernstes passieren würde, aber man braucht keinen Kontakt und keine aktuellen Verbindungen mehr.
Dascha: Ich glaube auch, dass es sehr wichtig ist, das zu können.
Jonas (OK KID): Ja, ich glaube das braucht viel Mut und Kraft. Gerade auf dem Dorf stell ich mir das noch viel schwieriger vor. Da hast du meistens nur diese drei Leute, mit denen du halt abhängen musst.

Dascha: Ja, das stimmt wirklich. Was würdet ihr den früheren Moritz, Raffi und Jonas sagen oder als Rat mitgeben, wenn ihr jetzt um 10 Jahre zurückreisen würdet?
Raffi (OK KID): 2012, das war also sogar noch vor dem ersten Album. Dann würde ich sagen: „Jungs, freut euch, das wird jetzt richtig geil!“ Eine Fehleranalyse aus der Vergangenheit würde ich nicht machen, ich würde empfehlen, wenn du es machen willst, dann mach es einfach. Nicht über irgendwelche anderen Optionen nachdenken und was man im nachhinein anders machen könnte. Ich glaube, wir drei können über die letzten 10 Jahre ziemlich glücklich sein. Natürlich kann man im nachhinein irgendwelche Moves anders bewerten, als zu dem Zeitpunkt, aber im Großen und Ganzen sind wir ziemlich happy.
Jonas (OK KID): Ja. Mir selbst würde ich „Lass doch mal los“ sagen. Das kann ich jetzt besser als früher.
Moritz (OK KID): Der Band hätte ich gesagt „Lasst uns mal nach Berlin ziehen“.
Raffi (OK KID): Geil, in dem Interview in dieser anderen Realität sagst du dann: „Ey Jungs, zieht auf keinen Fall nach Berlin!“ (alle lachen)
Moritz (OK KID): Wir haben ja damals als Band entschieden nach Köln zu ziehen. Ich war eigentlich immer für Berlin, aber letztendlich bin ich der Band auch dankbar. Ich glaube meine damalige und jetzige Beziehung hätte das sonst nicht ausgehalten. Hier hat es also privat sehr viele Vorteile, beruflich wahrscheinlich auch. Man weiß ja nie, wo wir jetzt stehen würden, wenn wir nach Berlin gezogen wären. Aber das würde ich der Band damals trotzdem sagen.
Dascha: Haha, trotzdem nochmal versuchen zu überzeugen. Dann kommen wir jetzt zu unserer letzten Frage, der untold story. Also einem kleinen Geheimnis oder einer Geschichte, die ihr noch nicht öffentlich erzählt habt. Habt ihr was auf Lager?
Jonas (OK KID): Wir haben nie richtig von unserem schlimmsten Gig ever erzählt. Das war als wir mal vor Deichkind gespielt haben.
Dascha: Ey, ich war da! Damals auf dem Hessentag, richtig?
Jonas (OK KID): Ach stimmt, du warst da! Auf dem Hessentag in Herborn. Nichts gegen Deichkind, die können nichts dafür, aber die Leute, die wegen denen da waren, waren einfach extrem strange. Wir waren da nicht als klassische Vorband, aber schon so reingebucht. Die waren alle nur wegen Deichkind da, das war ja auch ganz früh, 2014 oder so. Dann stehen wir auf dieser Bühne „Hallo, wir sind OK KID aus Gießen“ und dann buhen alle, weil für die Herborn so cool ist und Gießen in dem Kontext so „Naja, die aus der Großstadt, oder was?!“ war. Dann kommt auch noch die Moderatorin auf die Bühne und bestimmt um die 200 Vollottos brüllen auf ein mal „Ausziehen! Ausziehen!“. Wir haben uns gefragt, auf welchem Jahrmarkt wir hier gelandet sind. Danach fingen wir an zu spielen, es waren schon um die 10 Tausend Leute da und wir guckten einfach in nichtssagende, starrende, leere Gesichter. Naja, die Positiven waren nichtssagend, der Rest war so „Fickt euch, wir wollen Deichkind“. Und wir mussten einfach eine ganze Stunde spielen.
Dascha: Witzigerweise ist meine Erinnerung von eurer Deichkind Show gar nicht so schlecht.
Jonas (OK KID): Dann warst du da wohl irgendwie verblendet, der Vibe war auf jeden Fall furchtbar. Das war die schlimmste Konzerterfahrung für uns. Obwohl, als wir noch mit der alten Band als Jona:S mal in Frankreich in einer Kneipe gespielt haben, war das noch schlimmer. Wir waren da bei so deutschen Surfcamps dabei und konnten da dann Musik machen. Dann dachten wir, wir mieten uns mal einen Laden für einen Gig und dann können die Deutschen dahin kommen. Was wir nicht wussten ist, dass an dem Tag auch holländischer Karneval war. Die einen dachten „Juhu, es kommt eine Band“ und haben halt Leute mitgebracht und die anderen 300 in dem Club waren verkleidet und eigentlich nur da, um Karneval zu feiern. Als wir gespielt haben wurden die dann so aggressiv, dass sie angefangen haben die Kabel rauszureißen.
Raffi (OK KID): Die sind zum Gitarristen hin und haben die Saiten verdreht und irgendwelche Dudes wollten Bier über meinen Laptop kippen.
Jonas (OK KID): Ja, diese besoffenen Holländer haben uns dafür gehasst, dass wir deutsch sind. Dann haben die auch noch „The Germans are gay“ gesungen. Das war das einzige Mal, dass wir eine Show abgebrochen haben.
Raffi (OK KID): (Singt in der Melodie von Seven Nation Army) All the Germans are gayyy!
Um zu verhindern, dass sich solche Gigs wiederholen, könnt ihr die Band hier auf ihrer großen DREI-Tour im Herbst besuchen.
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
Foto Credits: Niren Mahajan -

Goldroger im Interview: »Ich finde es uncool, wenn man beim ersten Hören direkt alles rafft«
Kryptische Texte, Märchen über Schwarze Magie und ehrliche Lines über Panikattacken und Tobsuchtsanfälle. Der Deutschrapper Goldroger verpackt in seinen Songs thematisch so ziemlich alles von Liebeskummer bis Vollrausch. Es gibt viele Arten seine Musik zu beschreiben, aber ich finde Jan Kawelke vom COSMO Podcast Machiavelli hat es perfekt auf den Punkt gebracht. Er betitelt ihn den Voldemort des Deutschraps – passend zum Song „Horcrux„, in dem Goldroger ja bereits sein Faible für Harry Potter Referenzen deutlich macht.
Wer meinen Jahresrückblick (ja, das ist Eigenwerbung) gelesen hat oder meine musikalischen Vorlieben kennt, der weiß, dass Deutschrap nicht gerade mein Spezialgebiet, geschweige denn mein Lieblingsgenre ist. Aber seit „Diskman Antishock I“ von Goldroger hat sich das grundlegend geändert. Goldi’s Art zu rappen, seine ehrlichen Texte und die perfekt flowenden Beats haben mich einfach in ihren Bann gezogen. Denn Goldroger Songs hört man nicht einfach nur so, man hört sie rauf und runter und versucht jede Line zu entschlüsseln (ihr wisst also, was ihr jetzt zu tun habt).
Deutsche Sprachkunst mit Liebe zum DetailIm Interview mit Goldroger bin ich den Hintergründen einiger Texte auf „Diskman Antishock“ auf die Spur gegangen. Er erzählt von seinen musikalischen Einflüssen, philosophiert über Raum und Zeit und erklärt, warum er schon das ein oder andere Mal seine Prinzipien über den Haufen geworfen hat.
Goldroger im InterviewAnna: Hi Goldroger, schön, dass du dir die Zeit nimmst!
Goldi: Hi Anna, ja klar, freu mich voll!
Anna: Ich weiß immer gar nicht, wo ich bei denen Songs anfangen soll. Du verarbeitest ja so ziemlich alles von kritisch-politischen Statements, verrauschten Nächten bis hin zu privaten Einblicken in vergangene Beziehungen. Für mein Gefühl ist die „Diskman Antishock“ Trilogie (größtenteils) etwas dunkler als deine vorherigen Songs von den ersten Alben und auch irgendwie textlastiger, falls das Sinn ergibt. Was waren deine musikalischen Einflüsse für „Diskman Antishock“? Waren die anders als in den Jahren zuvor?
Goldi: Ja, also es gab auf jeden Fall viel Kanye bei mir. Ich weiß nicht, ob man das hören kann, aber auch die Herangehensweise hat sich etwas geändert. Ich habe echt exzessiv das „The Life of Pablo“ Album gehört. Sonst auch Brockhampton und sowas. Aber es ist auch immer schwierig zu sagen. Am Ende hört man das vielleicht nicht mal so raus. Aber dieser Ansatz, ich mache auch einfach mal ein paar aufwändigere Sachen, die aber trotzdem klar und auch Hip Hop sind. Ich finde „Avrakadavra“ war es vielleicht mehr, dass es ist irgendwie nicht so klassisch rapmäßig war und diesmal wollte ich ein Rap Album machen, was aber halt so ein alternatives Rap Album ist.
Anna: Ich finde es auch immer super schwierig zu sagen, ob man jetzt halt diesen einen Song oder so raus hört, weil es ist ja im Endeffekt immer noch der eigene Song, der neue Song ist, den du dann neu geschaffen hast.
Goldi: Ich glaube es ist auch die Herangehensweise an einen Song. Ich würde zum Beispiel Dissy als Deutschrapper da in die ähnliche Sparte packen. Einfach von unserer Herangehensweise.
Zwischen kryptischen Texten und einprägsamen BeatsAnna: Würdest du sagen, deine Songs sind eher so zum Nebenbei hören oder aufmerksam Texte hören und analysieren? Beziehungsweise wie hättest du es gerne, dass die Leute deine Musik hören?
Goldi: Am liebsten hätte ich so eine Mischung aus beidem. Am liebsten hätte ich, dass die Songs funktionieren, ohne dass man hinhört und dass wenn man hinhört, es trotzdem immer noch was zu entdecken gibt. Das steigert auf jeden Fall auch den Wiedererkennungswert. Ich finde es uncool, wenn man beim ersten Hören direkt alles rafft. Persönlich auch so, also wenn ich Mucke höre. Aber ich finde es auch cool, wenn einfach nur der Beat und der Flow cool sind. Und so wie ich jetzt auch einen türkischen Rapper oder so höre und auch kein Wort verstehe und es trotzdem fühle, so soll das auch funktionieren.
Referenzen, die das Millenial-Herz höher schlagen lassenAnna: Ich glaube mir fallen kaum andere deutsche Rapper:innen ein, die so viele 90s/2000er Referenzen droppen wie du es jetzt in „Diskman Antishock“ gemacht hast. Dabei sind neben dem offensichtlichen Namen der Trilogie „Diskman Antishock“ ja Dinge wie die Lavalampe auf „Lavalampe Lazer“ oder Anspielungen auf Filme wie Harry Potter in „Horcrux“. Es ist immer so ein bisschen wie eine Schatzkiste zu öffnen, wenn ich einen Song von dir höre, in der ich immer wieder neue Dinge entdecke. Ich könnte jetzt wahrscheinlich noch tausend andere Referenzen nennen, aber das sprengt den Rahmen und mir fallen auch bei jedem Hören wieder irgendwelche neuen Lines auf, die ich vorher noch gar nicht so beachtet hatte. Es versteht auch längst nicht jede:r jede einzelne Referenz. Würdest du sagen, du hast eine bestimmte Zielgruppe, die du mit deiner Musik erreichen möchtest?
Goldi: Nein, ich finde das tatsächlich schwierig. Also ich bin mir sicher, dass es nicht jede:n catchen wird. Ich bin mir auf jeden Fall im Klaren, dass je nerdiger es ist, desto weniger Leute das checken werden. Ich habe für mich auch immer festgestellt, dass wenn ich so was checke bei anderen Rapper:innen oder so, dass gibt einem so ein Gefühl des Eingeweihtseins. Und ich versuche – also bei „Horcrux“ jetzt nicht, weil Harry Potter ist natürlich sehr bekannt – in der Regel diese Lines nicht in der Hook zu haben, damit der Song auch funktioniert, wenn Leute ein, zwei Lines in einem Track überhaupt nicht checken, dass trotzdem der Track irgendwie für die Leute funktionieren kann. Es ist immer eher so ein Goodie. Ich glaube aber auch zum Beispiel, so jemand wie Drake oder auch Kendrick – da sind auch so viele Lines dabei, die man glaube ich nicht checkt, ohne dass man irgendwie alles kennt oder auf Genius nachgeguckt hat oder so. Und ich finde das macht es cool. Das macht es dann weniger beliebig. Ich finde es immer sehr belastend, wenn Mucke so aufgebaut ist, dass es für alle funktioniert, nämlich für den kleinsten gemeinsamen Nenner, dass jede:r alles checken muss und sich wird jede:r allein auch selber identifizieren können muss. Das das ist dann irgendwie nicht cool und das finde ich persönlich nicht cool.

Anna: Ja, kann ich voll verstehen. Ich habe das auch manchmal, dass ich dann, wenn ich die Line nicht verstehe und dann sie aber verstehen möchte, auf Google nachschaue und dadurch findet man ja auch irgendwie dann coole neue Filme oder andere Musik, auf die man dann wieder stößt, die man vielleicht auch total feiert, die man vorher gar nicht kannte.
Goldi: Genau das ist dann so der nächste Punkt, dass es dann auch eventuell Leuten Sachen empfiehlt, die sie noch nicht kannten und so. Und das finde ich dann auch wieder geil. Man kann auch mit einer Line meist viel mehr sagen als, wenn man zum Beispiel ein Wort wie „Horcrux“ nimmt, weil ja hinter dem Wort wiederum eine ganze Idee und ein ganzer Eindruck steht. Und da ist es cool, sich solcher Dinge zu bedienen, kann viel mehr sagen in viel weniger Worten.
„Ist es ok mich an deinen Tränen zu bereichern?“Anna: Was ich mich schon öfters gefragt habe: Wie ist das, wenn du einen Song über eine Trennung veröffentlichst? Fragst du die Person, über die es in dem Song geht, vorher? „Wie leicht“ zum Beispiel ist ja schon sehr persönlich. Den Song dann immer wieder zu hören, erinnert ja auch wieder sehr stark an den Schmerz, der damit verbunden ist.
Goldi: Ja, habe ich da tatsächlich gemacht. Ich kenne ja auch die Jungs von Annenmaykantereit und da habe ich mal mitbekommmen, dass das Mädchen, um das es in diesem Pocahontas-Song ging, sehr oft darauf angesprochen wird. Und dann dachte ich so „Oh mein Gott, ist es nicht total toxisch eigentlich, einen Ex-Freund zu haben, der nicht nur komisch ist, sondern auch noch Sachen macht, die dir dann noch hinterherrennen, wenn du eigentlich schon längst versuchst, über die Nummer hinwegzukommen.“ Da ist ein Song ja so ziemlich das Schlimmste. Und deshalb habe ich vorher gefragt. Also ist ja auch nur das Fairste. Ich meine, ich mache ja dann auch Geld damit. In „Horcrux“ hört man das ja auch in der Line „Ist es okay, mich an deinen Tränen zu bereichern?“. Es ist ja schon paradox. Aber ich habe ja offensichtlich ein Go bekommen, sonst hätte ich das so nicht machen können.
Anna: Gab es da auch mal Songs, bei denen du nachgefragt hast, die du dann deswegen nicht veröffentlicht hast, weil die Person das nicht wollte?
Goldi: Tatsächlich gab es da bisher keinen Song. Da frag ich mich auch manchmal, warum. Aber wenn dann natürlich ein Song sehr allgemein gehalten ist und man jetzt nicht unbedingt tracken kann, um wen es geht, dann geht das schon klar. Wenn es jetzt eine speziellere Anspielung hat, sodass auf jeden Fall alle im Bekanntenkreis wissen, um wen es geht, dann frag ich halt nach.
Anna: Ja, finde ich auch nur fair. Aber „Pocahontas“ ist natürlich auch echt fies, weil das ja rauf und runter gespielt wurde im Radio.
Goldi: Ja, das ist natürlich noch mal ein ganz, ganz anderes Level, wenn es ein Hit ist. Das konnte ich bei mir schon abschätzen, dass das nicht passieren wird. Aber es ist natürlich dann glaube ich trotzdem so, dass einem solche Songs dann unweigerlich auch irgendwie über gemeinsame Bekannte, die irgendwie ein Trailer teilen oder so was, immer wieder in die Timeline gespielt werden. Oder im Spotify Algorithmus oder Mix der Woche oder sowas. Habe ich dann auch selber erst hinterfragt. Und aus dieser Frage ist dann auch das „Horcrux“ Ding entstanden.
Die Endlichkeit aller MomenteAnna: Ja, voll. Also ich weiß nicht, ob das jetzt irgendwie eine super philosophische Frage ist, aber ruft es nicht auch irgendwie das Bedürfnis hervor, die Zeit zurückzudrehen, wenn du in deinen Songs so etwas verarbeitest?
Goldi: Nein, eigentlich nicht. Ich bin mittlerweile an den Punkt angekommen, dass ich weiß … ok, das klingt wahrscheinlich super hippiemäßig … aber man lebt nur einmal und ist eigentlich auch gemessen an so einer Zeitspanne wie dem Universum ist es so eine sehr kurze Zeitspanne, die wir zu leben haben. Diese Momente, die irgendwann passiert sind, die waren ja schön und egal wie es dann endet, egal was man verbockt hat, das bleibt ja so. Ich kann solche Sachen relativ gut hinter mir lassen und einfach wissen, ich habe eine Erinnerung daran und die ist schön oder auch eine Erinnerung, die scheiße ist und kann es trotzdem schön finden, weil ich sie mit Abstand betrachte. Ich versuch im Moment zu hängen und mir nicht viele Gedanken über die Vergangenheit zu machen. Egal ob das jetzt ein Tag her ist oder fünf Jahre, in der Vergangenheit ist alles gleich unerreichbar. Ich glaube, solche Sachen tun immer nur weh, wenn man das Gefühl hat, das Leben geht ewig. Aber das muss man irgendwie ablegen und dann verliert das auch alles irgendwie so ein bisschen seinen Ernst.
Wie aus „ich schreibe niemals einen Song über Sex“ ein Song über Sex wurdeAnna: Ja voll, ich wünschte ich könnte das auch immer so sehen. Gibt es Themen, wo du sagst, die würde ich niemals in einem Song verarbeiten wollen?
Goldi: Hmm, da habe ich jetzt gerade nichts vor Augen. Aber es muss ja irgendwelche Sachen geben, über die ich einfach unbewusst nicht schreibe. Andererseits gibt es dann halt auch immer einen Zugang dazu. Also ich hab zum Beispiel gesagt, ich würde niemals einen Song über Sex machen wollen, weil es oft einfach cringe ist. Aber dann habe ich es irgendwann halt doch gemacht. Es gibt diesen einen Song auf „Diskman Antishock II„, da geht es eigentlich auch um Sex, und das war tatsächlich aus der Emotion heraus, dass ich dachte sowas würde ich nie machen. Dann habe ich überlegt, wie ich es machen kann, dass ich es cool finde. Das war dann so ein Experiment. Nee, ich glaub, ich könnte bei fast jedem Thema irgendwie den Blickwinkel finden, dass es dann doch für mich funktioniert.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahrenDer Teenie, der durch Punk politisiert wurde
Anna: Thema Rap und Politik: Wenn du in deinen Songs politische Themen verarbeitest, ist das dann eine Art für dich die Situation zu verarbeiten? Erhoffst du dir dadurch etwas verändern zu können?
Goldi: Mittlerweile weniger als früher. Ich habe mir auch als Hörer, gerade in meiner Teenie Zeit so viel Punk gehört. Da hab ich immer das Gefühl gehabt Musik muss politisch sein, weil das irgendwie so die Menschen sind und die dort eine Plattform haben, die sie nutzen müssen. Mittlerweile habe ich aber den Punkt, dass die Musik nicht zwingend politisch sein muss. Ich finde es teilweise sogar befremdlich, wenn Leute sich zum Beispiel in ihrem sonstigen Leben null politisch engagieren, aber mit politischer Musik Geld verdienen. Es ist ganz wichtig, dass man sich auch abseits der Musik irgendwie politisch engagiert, außer man ist halt so jemand wie zum Beispiel Kendrick oder so und spricht irgendwie für eine bestimmte Gruppe. Ich finde, jeder Mensch sollte sich irgendwie politisch außerhalb der Musik engagieren für eine bessere Welt. Aber in der Musik muss das nicht zwingend stattfinden. Ich finde es auf jeden Fall cool, ich glaube, gerade Teenager können über Popkultur überhaupt politisiert werden. Es ist völlig okay, finde ich, wenn jemand zum Beispiel zu Fridays for Future geht, weil er oder sie einfach die Musik feiert, also nur weil’s cool ist und alle anderen da hingehen, wenn es am Ende darin mündet, dass sich die Person vielleicht damit beschäftigt und dann wirklich irgendwann politisch wird. Ich glaube, so starten die meisten. Ich habe auch damals angefangen, es war einfach cool und ich bin dadurch politisiert worden. Das geht schon, aber ich glaube, so richtig was ändern, außer Leute dafür zu begeistern, kann man und möchte ich auch gar nicht.
Anna: Ja, ich kann das schon verstehen, weil man irgendwie ja durch Musik jetzt auch nicht direkt Einfluss auf die Politik hat. Es hilft einem selbst vielleicht darüber zu singen. Und ich als Hörerin fühle ja dann irgendwie. Und das ist dann ja auch ein Weg, quasi in die Politik einzusteigen und mir selbst eine Meinung drüber zu machen.
Goldi: Ich glaube, ein Lied ist auch ein relativ schlechtes Medium, wenn es drei Minuten geht oder so, um die Themen umfassend zu behandeln. Man kann Ausschnitte aus der Realität abbilden und die vielleicht wertungsfrei so stehen lassen und dann zwingt man die Leute, sich vielleicht selber dazu zu positionieren. Vom Kopf her. Das kann man schon, das ist glaube ich cool. Ich glaube gerade jüngere Leute kann man cool mit so was erreichen. Wahrscheinlich ändert das dann mehr. Unter Umständen inspiriert man ja jemanden, der oder die dann wirklich krass politisch im Rest seines oder ihres Lebens betätigt.
„Diskman Antishock III“ und seine Feature SongsAnna: Ja cool. Kommen wir mal wieder zurück zu „Diskman Antishock“ und quasi so ein Rückblick auf die drei Teile. Auf Teil III sind 3 Feature Songs, die auf den ersten beiden nicht so stark vertreten sind. Auf dem ersten ist zwar „Coup de grâce„, aber auf dem zweiten ja gar keiner. Wie kam es dazu?
Goldi: Ich hätte auch gerne noch einen zweiten einen gehabt, aber das hat sich dann einfach nicht ergeben. Ich hatte immer schon relativ konkrete Vorstellungen. Was konkret für mich wichtig ist, ist auf jeden Fall, dass die Teile ausgewogen sind zwischen Songs, die düster sind und Songs, die ich als nicht-düster empfinde. Und da hatte dann keiner von den Songs, die jetzt am Ende auf Teil 2 gelandet sind. Am Ende ist das für mich eh ein großes Album, deswegen auch vier Features, das sind alles Homies von mir. Es war mir auch sehr wichtig, dass keiner dabei ist, der übers Management oder Label kommt, wo ich dann ewig hinterherlaufen müsste. Und es war mir einfach wichtig, dass es Leute sind, mit denen ich persönlich auch gut bin. Zum Beispiel mit Yrre war ich auf Tour, Lugatti kenne ich aus Köln sehr gut. Das ist bei dem ganzen Projekt „Diskman Antishock“ irgendwie so der Zugang für die Musik gewesen: worauf habe ich Bock und worauf überhaupt nicht? Was ergibt es am meisten Sinn und wie?
Anna: Ja, das sehe ich genauso. Das passt einfach sehr gut in das Album rein. Also es fällt dadurch jetzt nicht irgendwie raus. Ich habe manchmal das Gefühl, man merkt bei Künstler:innen, dass sie halt so gezwungen ein Feature machen wollten, dass es dann einfach nicht passt.
Goldi: Ja, also ich habe tatsächlich auch direkt als das Album fertig war gedacht, dass ich auch voll gern ein Feature mit LGoony drauf hätte. Das wäre auch wieder ein Kölner gewesen, der gut auf die Platte gepasst hätte. Ich hatte da irgendwie ein Brett vorm Kopf und man hat sich auch gar nicht so oft gesehen in der Zeit. Hätte ich schon sehr cool gefunden, aber das kommt dann irgendwann. Auf der neuesten Platte sind ja auch zehn Tracks und nicht nur sieben wie zuvor, da passte das jetzt ganz gut mit den Features. Mehr wollte ich dann aber auch nicht, sonst hätte es sich so angefühlt als würde ich gar nicht selbst rappen auf meinem Album.
Kommt ein vierter Teil?Anna: Würdest du sagen, dass die Trilogie jetzt abgeschlossen ist oder hast du das Gefühl, da ist noch was offen ist und es kommt noch mehr? Vielleicht sogar ein weiterer Teil?
Goldi: Hm nee. Also das Ding war, dass ich irgendwann Ende 2018, Anfang 2019 so einen krassen Rush hatte. Das war nach einer Zeit, wo ich echt gar nichts rausbekommen habe. Da habe ich mir gesagt „Scheiß drauf“, ist alles nicht so wichtig, ich mach einfach Mucke, so wie ich Bock hab. Und dann habe ich 50 Demos oder so gemacht in einem sehr komprimierten Zeitraum und das war so der Ideenpool, aus dem sich die Diskman-Trilogie gespeist hat. Und ich wusste von vornherein, dass das nicht alles auf einem Album alles Platz haben wird. Dann dachte ich, so ne Reihe, das finde ich geil. Und mit „Diskman Antishock III“ habe ich teilweise so Songs wie „Schwarz„, wo die Idee schon sehr lange rumlag und ich wusste, dass ich das noch fertig machen will, dass bestimmte Lücken, die mir irgendwie wichtig sind, was ich noch sagen wollte, noch gefehlt haben und da habe ich dann jetzt irgendwie einen Haken runtergemacht. Deswegen weiß ich, dass das jetzt für mich abgeschlossen ist. Kann natürlich trotzdem sein, dass das nächste Album wie „Diskman IIII“ klingt. Aber der Punkt war auf jeden Fall, dass das alles ein Pool an irgendwelchen Dingern war, irgendwelche Fässer, die ich irgendwann mal aufgemacht habe und wo ich wusste, ich will die abarbeiten. Das klingt so uninspiriert, wie sage ich es schöner? Ich wollte sie irgendwie ausfüllen und das hab ich jetzt geschafft. Und deswegen ist das für mich auf jeden Fall vorbei. Und das nächste wird dann entweder ganz anders oder ich muss mal gucken. Ich habe da noch nicht so krass konzeptionell angefangen, außer dass das Konzept irgendwie war: Ich flash gerade auf diese Idee und die will ich fertig machen und hoffe am Ende gibt das ein kohärentes Ganzes.

Von kreativen Geistesblitzen und Ernüchterungsphasen
Anna: Würdest du sagen, dass es so geworden ist, wie du dachtest, dass es wird? Also wie du vor dem ersten „Diskman Antishock“ da rangegangen bist?
Goldi: Das erinnert mich daran, dass ich letztens ein Meme gesehen hab, wo es um den kreativen Prozess geht. Meistens, wenn man eine Idee hat, ist die ultra krass. Dann setzt irgendwann die Ernüchterungsphase ein, wo man merkt, man wird dieser reinen Idee nicht gerecht. Am Ende wird’s dann aber doch geiler, als man zwischenzeitlich geglaubt hätte. Das ist schon nah dran. Es hat die Sachen, die Boxen, die ich irgendwie für mich gesetzt habe, auf jeden Fall gecheckt. Aber natürlich ist jede Idee geil, bis man sie umsetzt. Meistens ist die Vorstellung davon, was man macht, lange unerreichbar. Ich glaube, das hält einen auch irgendwie an der Stange. Ich wollte halt durch das Ding auf jeden Fall irgendwie besser werden in dem, was ich mache. Irgendwie wollte ich festgefahrene Sachen bei mir aufbrechen, ein paar Facetten ausprobieren und im Nachhinein gucken, ob mir das Spaß gemacht hat.
Den Perfektionismus einfach mal ablegenAnna: Kann ich voll verstehen.Ich glaube auch, dass es diesen Prozess irgendwie braucht, um weiterzukommen und zu merken: okay, so klappt das jetzt und so nicht. Ich merke das selbst, wenn ich Artikel schreibe und mir irgendwie vorher sage, jetzt mache ich einen richtig krassen Kommentar über politische Musik zum Beispiel und hatte so voll das Konzept. Und dann mittendrin verliert man sich und denkt irgendwie weiß ich jetzt gar nicht mehr, was ich machen wollte. Und dann kommt man aber wieder auf die Spur. Am Ende ist es richtig geil und daraus hat man dann auch gelernt für die nächsten Projekte.
Goldi: Und genau sowas war das an dem Punkt irgendwie auch bei mir. Meistens bevor ich anfange Musik zu releasen. Man schreibt in einer Anfangsphase mit dem Wissen, dass das wahrscheinlich für die Tonne ist, aber hat ständig Erfolgserlebnisse. Und ich hatte auf jeden Fall das Gefühl, ich brauch so eine Phase, wo ich eine gewisse Quantität an Sachen einfach anfange, ohne Klares, ohne zu viel Perfektionismus. Ich wollte letztlich die Leute erreichen, die dann am Ende nicht nur einen Song kennen, sondern ich wollte , dass die Leute, die neu dazukommen, auch Kernhörer:innen werden. Also das ist jetzt nicht so ein Hit-Single-Publikum war, die dann nur die Zugabe auf dem Konzert können, sondern idealerweise Leute, die die ganze Album hören. Und ja, ich will einfach relativ ungefiltert meinen Film machen und hoffen, dass die Leute anbeißen und das feiern, was ich fühle und nicht nur eine Facette, die ich dann unter Umständen immer wieder wiederholen müsste, weil die Leute sonst wieder wechseln.
Anna: Ah ja, das stelle ich mir auch sehr nervig vor sonst. Ok, meine liebste Killerfrage: Hast du momentan einen Lieblings Track auf „Diskman Antishock„?
Goldi: Ja, es schwankt natürlich immer, aber jetzt gerade auf jeden Fall „Frag mich wie„. Da sind so kritische Stimmen mitdrin, das fühle ich voll. Also ich finde den Song mega geil, aber zwischenzeitlich war es auch mal „Schwarz„. Es wechselt eigentlich immer. Das Intro finde ich auch ziemlich gut. Das ist halt so ein typisches Rap-Intro. Ich weiß nicht, ob man das über seine Musik sagen würde, aber es hat so eine Dringlichkeit. Es klingt irgendwie, als müsste ich das erzählen. Das ist etwas, was ich geil finde.
„Diskman Antishock“ in der „Director’s Cut“-VersionAnna: Ich finde auch irgendwie, dass die drei einzelnen Teile, also von „Diskman Antishock„, ein bisschen wie so einzelne Geschichten sind. Und du fängst halt an, so dieses Buch quasi zu öffnen und jeder Teil ist dann wie eine Geschichte. Und wenn man die aber dann alle drei zusammen hört, dann ergibt es eine größere Geschichte. Also irgendwie ist es so sehr abgeschlossen dadurch.
Goldi: Ja, das ist auch etwas, womit ich mich so langsam auch mal mit auseinandersetzen müsste, weil sonst wird’s stressig. Ich würde eigentlich gerne auch noch mal eine Tracklist machen, wo ich alle drei Alben mische. Es ist natürlich nie chronologisch. Also so ein Song wie „Schwarz“ ist eigentlich in der Erzählung das Kapitel vor „Horcrux“ und ein Song wie „Wie leicht“ auf dem ersten Album ist eigentlich was, was nach dieser Trennung schon war. Und ich würde gerne mal für die einzelnen Sachen eine Art „24 Track Album Playlist Geschichte“ machen, wo ich mir überlege, wie ich die Geschichte erzählen würde. Ist aber auch wichtig für mich, dass alle drei einzelnen Teile als so was funktionieren. Da müsste ich mir mal überlegen, ob ich das chronologisch ordne oder so wie es am meisten Sinn ergibt im Kontext. Aber ich muss mal für mich so ne „Director’s Cut“-Version erstellen.
Wie aus einer 6 in Mathe ein Song wurdeAnna: Damit sind wir auch schon bei der Schlussfrage, die nach einer „untold story“ fragt. Was ist eine Geschichte hinter einem Song, die du so noch nie in einem Interview erzählt hast?
Goldi: Warte, ich muss dafür mal kurz Spotify öffnen und schauen, was ich überhaupt alles für Songs gemacht hab (denkt laut) Hmm, jaa.. ich weiß nicht, ob das cool ist… Also ich habe zwei kleine Stories. Und zwar einmal bei „Speedball Drive“ steige ich ein mit der Line „ne Pulle Grey Goose vor der Show, trink allein“. Ich habe mir beim Maifeld Derby wirklich vor der Show alleine eine Flasche Grey Goose reingepfiffen, die wir irgendeinem größeren Artist geklaut haben, weil wir sonst keinen 60-Euro-Wodka kriegen. Ich war mega besoffen, war aber trotzdem eine gute Show. Nummer zwei: Bei „Kalkulation“ rappe ich „Ich hatte in Mathe ne 6“ und ich hatte auch in Mathe ne 6. Deshalb bin ich sitzen geblieben in der elften Klasse, weil meine Lehrerin mir eine 6 reingewürgt hat, obwohl wir uns eigentlich drauf geeinigt hatten, dass er mir ne 5- gibt. Dann musste ich ein Jahr wiederholen. Ihre Begründung war „das muss man doch für’s Leben können“. Eigentlich ist dieser Track auch ein Diss-Track an meine Mathelehrerin. Das sind so meine beiden Stories, die auch noch nicht allzu düster sind.
Anna: Dann danke dir, dass du dir die Zeit genommen hast und bis zum nächsten Mal!
Goldi: Danke dir, bis dann!
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
Fotocredit: Carlo Glanville, Robert Winter