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  • maïa im Interview: »Ich habe das Gefühl, ich sauge jede Emotion auf, die jeder Fremde um mich fühlt«

    maïa im Interview: »Ich habe das Gefühl, ich sauge jede Emotion auf, die jeder Fremde um mich fühlt«

    „ich hoff du brichst mir das herz“ heißt die neueste und zugleich zweite EP der Sängerin maïa. Zusammen mit ihrem Team hat sie eine gefühlvolle und zugleich energetische Platte produziert, die stärker die Größe der Popmusik sucht. Im Interview sprechen wir über ihre Live-Erfahrungen als Support Act, wie ihr Umfeld und ihre Heimatstadt Duisburg ihr emotionales Innenleben beeinflussen, welchen Stellenwert Literatur und Poesie in ihrem Leben haben und inwiefern sich ihre Musik im Vergleich zur letzten EP weiterentwickelt hat (hier geht’s zur Rezension von „tatendrang und todmüde“). Außerdem verrät maïa ihren aktuellen favourite Artist!

    maïa im Interview

    Lucas: Du warst letztens bei Ahzumjot Voract in Berlin (6. Mai 2024). Wie war der Auftritt für dich?

    maïa: Ich hatte keinen guten Tag, weil ich so eine Panikattacke hatte und die ganze Zeit nicht wusste, ob ich es packe. Ich weiß nicht, ich war nicht zufrieden mit der Performance, aber egal.

    Lucas: Ich glaube, das gehört auch dazu, ab und zu. Ich stelle es mir in jedem Fall fies vor, dann auf die Bühne zu gehen. Aber ich denke, dir verzeihen alle. Du warst bei anaïs ebenfalls als Support Act dabei in Berlin, richtig? Wie war es da im Vergleich? Gleiche Stadt, anderer Tag.

    maïa: Die Leute bei Ahzumjot waren dadurch, dass so lange von ihm selber nichts kam, super offen für die Musik, die da gespielt worden ist, sowohl bei ihm als auch bei mir und dadurch hatte ich wirklich eine sehr, sehr aufmerksame Crowd. Das ist nicht allzu oft der Fall und deswegen bin ich immer sehr, sehr dankbar, wenn das der Fall ist. Es ist einfach pure Wertschätzung, wenn da 500 Leute vor dir stehen und niemand gibt einen Mucks von sich und hört dir zu, wie du deine Songs singt. Aber der Unterschied war auch nicht so groß, weil bei anaïs war die Show ein bisschen kleiner. Da waren die Leute genauso aufmerksam und genauso lieb. Deswegen hatten die Auftritte das gemeinsam.

    Lucas: Wie ist deine Erfahrung bei anderen Acts gewesen, wenn du sagst, bei Ahzumjot und anaïs war das Publikum sehr aufmerksam? Das heißt, du hast vielleicht auch schon andere Auftrittserfahrungen gemacht, bei denen du mehr ankämpfen musstest?

    maïa: Ja, ich glaube, sobald sich meine Musik ein bisschen von der Musik des Hauptacts entfernt, ist die Zuhörerschaft da weniger offen für das, was dann auf der Bühne vom Support gespielt wird. So war es bisher bei mir. Je näher ich am Genre des Hauptacts war, desto aufmerksamer waren die Leute einfach. Aber ich hatte bisher das ganz große Privileg, dass ich sehr, sehr tolle Crowds erfahren durfte und sehr, sehr viel Liebe bei den meisten Liveshows gehabt habe, und es waren immer tolle Schows.

    Lucas: Okay, schön zu hören! Eigentlich weiß man ja auch schon vorher so ein bisschen, ob man in die Musik des Main Acts reinspielt. Wie gehst du dann damit um, wenn du eigentlich schon vielleicht weiß, es könnte anspruchsvoll werden?

    maïa: Also es gibt den Versuch, die Songs zu picken, wo ich denke, dass die vielleicht mit der Crowd am besten passen würden. Aber im Endeffekt ist es mir dann irgendwie auch ein Stück weit egal, weil Fakt ist, ich bin dann der Support Act des Abends. Und wenn dann nur die fünf bis zehn Leute, die vorne stehen, mir zuhören, dann spiele ich halt eben nur für diese fünf bis zehn Leute, und dann sind wir irgendwie in unserer eigenen Welt, und was hinten passiert, ist egal. Ich glaube, man hat das eh nicht so sehr in der Hand, und dann versuchen, das zu kontrollieren, macht keinen Sinn. Hauptsache, ich spiele die Musik, die ich mach‘, und wenn ich dann ein, zwei Leute dazu gewinne, dann ist das auch okay. 

    Lucas: Fair! Und ich glaube, das steckt auch in dem drin, was du sagst. Wenn man selber die Songs fühlt, dann ist man auch in der Lage, das zu transportieren.

    maïa: Ja, voll!

    „Ich habe das Gefühl, ich sauge die Leute um mich rum fast schon auf“

    Lucas: Du hast bei Ahzumjot gesagt, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, dass du Duisburg nicht so feierst. Magst du nochmal sagen, was an Duisburg der Grund ist, warum du nicht so Fan von der Stadt bist?

    maïa: Ich glaube, das ist ein sehr weites Thema. Im Endeffekt stammt diese Wut daher, dass es eine Stadt ist, die im Stich gelassen worden ist und eine Stadt, die alleine nicht gut klarkommt, ohne Hilfe von oben. Ich meine, wer kümmert sich um Städte wie Duisburg oder Marxloh und Hamborn und um solche Orte. Weißt du? Es ist im Endeffekt irgendwie dasselbe. Da sind Menschen, die Hilfe gebraucht haben, die aber keine Hilfe bekommen haben. Es sind Menschen, die nicht wissen wohin, wenn sie Hilfe brauchen. Das resultiert irgendwie darin, dass die Lebenslust von den Leuten verschwindet, was total legitim ist, und das übersetzt sich dann halt in Unfreundlichkeit oder in Dreck auf den Straßen und sowas. Das ist irgendwie immer, was ich mir vor Augen führen muss, wenn ich mich über diese Stadt beschwere, dass sie einfach im Stich gelassen worden ist und dass sie das alleine irgendwie nicht packt, wieder auf die Beine zu kommen.

    Lucas: Und würdest du sagen, dass dieses Gefühl in dieser Stadt zu leben, mit all den Gedanken, die du gerade geäußert hast, auch ein Auslöser war beziehungsweise ein Thema ist, das in deiner Musik vorkommt?

    maïa: Ja, vollkommen! Ich glaube, jeder Song, den ich schreibe, ob es dann textlich durchkommt oder nicht, fängt oft mit einer Inspirationsquelle aus dieser Stadt an. Also es fließt sehr, sehr viel in die Musik rein. Ich glaube dadurch, dass ich oft das Gefühl habe, dass ich auch Dinge um mich rum stärker oder anders wahrnehme als andere Menschen, hat‘s mir irgendwie auch einen anderen Blick auf diese Stadt gegeben, einen viel aufmerksameren auf die Menschen um mich rum. Ich habe das Gefühl, ich sauge die Leute um mich rum fast schon auf. Ich kann es gar nicht verhindern, dass das in die Musik einfließt, und ich würde es auch gar nicht verhindern wollen.

    „Ich hab‘ schon immer das Gefühl gehabt, seitdem ich ein Kind bin, dass ich diese Melancholie in mir habe, die gleichzeitig unergründlich, aber auch ergründlich ist.“

    Lucas: Du sagst, du hast so eine stärkere Auffassungsgabe oder Beobachtungsgabe, was deine Umwelt betrifft. Wie genau spürst du das?

    maïa: Ich weiß nicht, ob ich es Gabe nennen würde. Ich glaube, es ist Fluch und Segen zugleich. Ich hab‘ schon immer das Gefühl gehabt, seitdem ich ein Kind bin, dass ich diese Melancholie in mir habe, die gleichzeitig unergründlich, aber auch ergründlich ist, und dass das mir einen anderen Blick auf die Welt gibt. Dinge, die für andere ein bisschen banal erscheinen, treffen mich voll hart. Es gibt so Momente, wo ich einfach in der Bahn sitze und ich fühl‘ mich voll konsumiert von meinem Umfeld und ich habe das Gefühl, ich sauge jede Emotion auf, die jeder Fremde um mich fühlt. Ich weiß gar nicht, woher das kommt und wie man das so richtig beschreiben kann. Aber ich glaube, es ist einfach. Ich glaube, ich bin eine sehr passive Beobachterin, wenn’s um die Welt und mich rumkommt.

    Lucas: Würdest du sagen, es gibt Situationen, in denen du dich in einer aktiveren Rolle siehst?

    maïa: Ich denke immer, wenn ich maïa bin, die Musik macht, bin ich in einer sehr aktiven Rolle, immer wenn ich auf der Bühne stehe. Und das ist dann auch die Zeit, wo ich sehr genieße, im Mittelpunkt zu stehen. Als Privatperson habe ich das gar nicht so gerne. Ich bin gerne jemand, der einfach nur dasitzt und zuhört. Aber wenn ich dann maïa die Musikerin bin, dann stehe ich gerne im Mittelpunkt und nehme gerne eine aktive Rolle ein.

    Lucas: Du hast auch das Stichwort Melancholie gedroppt. Ich finde ganz spannend, dass dieses Gefühl, das erste Wort ist, was in jedem Artikel aufploppt, den es da draußen bereits über dich gibt. Wie fühlt sich das von außen an? Ich weiß gar nicht, was zuerst da war, ob du es erst ins Universum geschickt hast oder ob die Leute es aus deiner Musik rauslesen.

    maïa: Sobald das irgendwie so beschrieben wird, dass es etwas Schlechtes wäre, melancholisch zu sein – was ich auch verstehe, weil es klar, irgendwie eine negative Konnotation hat – was bisher, um ehrlich zu sein, gar nicht der Fall war, dann würde es mich sehr stören. Aber bisher haben die Leute, glaube ich, verstanden, dass mir diese Melancholie nichts ausmacht und im Gegenteil, dass ich sie voll willkommen heiße und dass ich mich als sehr privilegiert ansehe, diese Melancholie mit mir zu tragen, weil sie mir eben diesen Blick auf mein Umfeld gibt. Sie gibt mir diesen Segen, Dinge anders wahrzunehmen und das Schöne im Schmerz oder in der Melancholie zu sehen. Deswegen ist es bisher ganz okay, aber sobald es negativ konnotiert wird, dann vielleicht nicht mehr.

    Lucas: Ich frage mich, wenn du sagst, dass du häufig die Umgebung aufsaugst, ob du manchmal vielleicht auch gar keine Melancholie spürst, sondern ob diese Umgebung manchmal auch Freude in dir auslöst. Es gibt ja schon auch Alltagssituationen, in denen man denkt, irgendwie schön, was ich gerade sehe.

    maïa: Ja, voll! Ich hab das Gefühl, ich fühle extrem. Wenn ich mich sehr freue, dann freue ich mich sehr, und dann bin ich sehr glücklich, und alle um mich herum werden es dann sehen. Und wenn ich traurig bin, dann bin ich sehr traurig und alle um mich rum werden es sehen. Es sind meistens eben diese banalen Momente um mich rum, die mich dann fröhlich machen. Sei es ein alter Mann, der mit seiner alten Frau spazieren geht und das füllt mich dann total auf. Und wenn ich dann irgendwas anderes sehe, dann macht es mich total leer. Das passiert immer in Extremen mit allen Gefühlsarten, auf jeden Fall.

    „Ich weiß, wenn ich in einer kreativen Blockade bin, dass ich zur Literatur zurückkehren kann und die diesen kreativen Ort in meinem Gehirn wieder ankurbelt.“

    Lucas: Ich fühle mich ein bisschen wie ein Stalker, aber ich hab auf Instagram immer mal gesehen, dass du Ausschnitte aus Büchern oder kleine Gedichte in die Story postest. Was für eine Rolle spielen Lyrik, Poesie und Literatur in deinem Leben?

    maïa: Das alles hat schon als Kind eine ganz große Rolle gespielt. Dadurch dass man irgendwie in so einem Ort aufwächst, wo es scheint, dass es kein Ausweg gäbe, war Kunst und Literatur für mich dieses Licht am Ende des Tunnels. Ich hatte das Gefühl, vor allem in meiner weiterführenden Schule, dass es sehr wichtig für unsere Lehrer war, dass das auch gefördert wird. Ich finde, das ist so wichtig, weil für die Kinder, die in so einem Ort dann zehn Jahre zur Schule gehen und denken, dass das irgendwie alles ist, was das Leben bietet, ist Kunst und Literatur vielleicht die einzige Hoffnung. Das war es für mich auf jeden Fall. Ich habe sehr gerne gelesen. Ich lese immer noch sehr gerne, und ich verkrieche mich auch immer noch sehr gerne in andere Welten und diese Wörter. Dadurch dass ich so früh in Kontakt mit Literatur kam, hat es wahrscheinlich auch das gefördert, was ich heute mache, und die Art, wie ich heute schreibe. Ich habe mich sehr verstanden gefühlt jedes das mal, wenn ich gelesen habe, und das ist auch heute oft so. Wenn man irgendwie denkt, es gibt keine Worte für das, was man fühlt, liest man ein Buch, und dann wird es genau so beschrieben, und man denkt sich, ich bin nicht die einzige Person, die das fühlt. Vor allem, wenn man ältere Literatur liest, und das Buch ist 100 Jahre alt, und er schreibt immer noch vom selben Gefühl, was du 100 Jahre später fühlst. Das ist total validierend und es gibt ein sehr tröstendes Gefühl. 

    Lucas: Glaubst du, das ist auch eine Motivation für dich, selber Musik zu machen und Texte zu schreiben: so ein Gefühl einzufangen, das überlebt?

    maïa: Ja! Ich glaube aber, ich bräuchte gar keine Motivation. Ich könnte gar nicht anders, als alles um mich rum zu beschreiben. Ich muss das einfach machen.

    Lucas: Kannst du erkennen, dass Themen oder Bilder, die in der Literatur auftauchen, von denen du liest, dass die direkt in deine Texte und in deine Musik einfließen?

    maïa: Nee, ich glaub nicht. Ich bin auch gar nicht so, dass ich, wenn ich lese und mir irgendwas gefällt, dass ich dann darüber schreibe. Es ist eher so: Ich weiß, wenn ich in einer kreativen Blockade bin, dass ich zur Literatur zurückkehren kann und die diesen kreativen Ort in meinem Gehirn wieder ankurbelt. Ich habe das Gefühl, lesen ist so eine Zwischenwelt, in der ich wieder alleine mit mir bin, anstatt, wenn ich zum Beispiel ganz blöd gesagt, auf Tiktok rumscrolle. Dann tut sich gar nichts in meinem kreativen Bereich.

    Ich finde, die neuen Songs sind ehrlicher geworden und ich fühle mich sehr, sehr wohl und sicher an dem Ort, an dem ich mich bewege

    Lucas: Wie würdest du deine kommenden Releases beschreiben, im Vergleich zu den Songs, die du bisher releast hast, insbesondere im Vergleich zu deiner vorherigen EP „tatendrang und todmüde“?

    maïa: Ich finde, die neuen Songs sind ehrlicher geworden und ich fühle mich sehr, sehr wohl und sicher an dem Ort, an dem ich mich bewege, mit meiner Musik gerade. Vorher war ich noch ein bisschen in der Findungsphase und jetzt hab‘ ich das Gefühl, dass ich angekommen bin in der Art, wie ich meine Sprache benutze, in der Art, wie die Musik das dann ummantelt. Es ist sehr viel voller als vorher und vielleicht gewagt, vielleicht aber auch nicht. Es ist auf jeden Fall anders, als was davor kam, aber irgendwie auch immer noch gleich, weil es am Ende immer noch ich bin und immer noch meine Worte sind.

    Lucas: Mir ist auch der klangliche Wandel aufgefallen, auch wenn ich natürlich noch nicht so viele Songs kenne, wie du, weil noch nicht alles draußen ist. Ich habe mich gefragt, ist es ein Impuls, der von dir kommt, oder von den Leuten, mit denen du zusammenarbeitest, oder ist es ein gemeinsames Entwickeln des Klangs? Ich finde, es klingt ein bisschen ein bisschen poppiger und geht zum Teil mehr nach vorne, auch was du sagst, es ist größer und voller. Kommt der Wunsch von dir, oder ist es ein Teamergebnis?

    maïa: Also würde sagen, es war weder Wunsch noch Ziel. Ich habe das Gefühl, nach der ganzen Musik, die ich releast hab‘, war ich irgendwie an einem Punkt, wo es mich gelangweilt hat, in Sessions zu gehen und dann denselben Ablauf zu machen, wie man es irgendwie bei jedem Song macht. Ich schreibe jetzt eine Strophe, und dann machen wir einen Pre-Chorus und dann den Refrain. Es hat mich voll gelangweilt und ich war irgendwie an einem Punkt, wo ich realisiert hab‘: sobald ich in einem Raum gehe und mir und den Leuten mit mir in diesem Raum Regeln und Grenzen setze, dann hört Kunst auf mutig und ehrlich zu sein. Und das will ich nicht! Dann hat sich das einfach total organisch ergeben, sobald wir in dem Raum sind, wir jede Idee ausprobieren und wir jedes Instrument nehmen, auch wenn ich das vorher nicht gerne gemacht habe. Ich habe vorher nicht gerne Drums benutzt und guck dir meine Musik jetzt an. Sie ist voll mit Drums. Das war auf jeden Fall eine große Veränderung in der Art, wie ich und die Leute um mich herum, die mit mir daran arbeiten, Musik machen, dass wir da ohne Regeln rangehen und alle alles einfach ausprobieren.

    Lucas: Magst du noch einmal sagen, mit wem du an deiner Musik arbeitest?

    maïa: Ja! Mit RGB, das ist mittlerweile eigentlich der Hauptproduzent geworden. Er hat fünf Songs auf dem ersten Tape produziert und Ismail, mein Manager, mit dem ich aber gleichzeitig eigentlich jeden Song zusammen mache. Die zwei! Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, mit jemanden anderen Musik zu machen, um ehrlich zu sein. Und Wanja hat „Ambulanz“ gemacht und das ist auch ein ganz, ganz toller Song geworden. Es war auch ein total regelfreier Raum und ein ganz magischer Prozess, dieses ganze erste Tape zu machen, und ich freue mich jetzt schon an den nächsten Songs mit den Leuten zu arbeiten. Ich glaube, das wird ganz schön.

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    „Ich höre gerade sehr gerne das Album „Messy“ von Olivia Dean“

    Lucas: Ich würde dir eine letzte Frage stellen, bevor wir das Interview beenden, damit ich deine Zeit nicht zu sehr beanspruche: Und zwar hast du eine Musik Empfehlung für mich und für die anderen Menschen dieser Welt?

    maïa: Ich muss meine Playlist öffnen, weil immer wenn ich so eine Frage bekomme, vergesse ich jeden Song, den ich jemals gehört habe. Eine Empfehlung oder mehrere?

    Lucas: Nenn‘ mir gerne deine Top 3.

    maïa: Also, ich höre gerade sehr gerne das Album „Messy“ von Olivia Dean. Dann … Oh Gott! Jetzt bin ich nervös. Nee, wir lassen es bei dem Album, sonst wird es zu viel. Ich höre grad sehr gerne dieses Album!

    Lucas: Dann frage ich vielleicht doch noch nach, weil ich liebe Olivia Dean: Hast du einen favourite Song auf dem Album?

    maïa: „Carmen“ und „Dive“!

    Lucas: Die Single „Dive“ ist nur logisch und „Carmen“ ist, finde ich, der Secret Hit. Der ist ein Grower!

    maïa: Hast du diese Akustik Sessions gesehen, die sie gemacht hat? Die waren grandios. Dadurch habe ich sie entdeckt, tatsächlich.

    Lucas: Ja, die sind super schön! Es ist ein bisschen fies, weil jetzt könnten wir ein ganzes Interview nur über Olivia Dean führen. Hast du sie schon live gesehen?

    maïa: Leider nicht, aber würde ich sehr, sehr gerne. Alles was ich auf Tiktok von ihr sehe, ist grandios.

    Lucas: Du musst tatsächlich wirklich alles dafür geben, sie einmal live zu sehen, weil es ist krass schön! 

    maïa: Ja, das glaube ich dir. Bucketlist!

    Lucas: Genau, pack es darauf und liebsten Dank für das schöne Interview!

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    Fotocredits: Aysan Lamby

  • untoldency proudly presents: Roast Apple Live 2024

    untoldency proudly presents: Roast Apple Live 2024

    Wir haben heute mal wieder ein Ass für euch im Ärmel, das wir für alle ausspielen, die Bock auf richtig gute Livemusik haben: Roast Apple gehen nämlich mit neuer EP im Gepäck auf kleine Live-Tour und wir dürfen sie euch präsentieren. Alle Infos zu den Konzerten und Tickets findet ihr hier.

    Roast Apple, das sind Finn-Bo, Rouven, Lukas und Liam, könnten euch nicht nur durch die Acoustics Concerts 2023 bekannt vorkommen, sie spuken auch schon seit einigen Jahren immer wieder durch unsere Playlists. Die vier Wahl-Hamburger – die schon gemeinsam Musik machten, als noch keiner von ihnen einen Führerschein besaß – können inzwischen auch auf eine beachtliche Diskografie und viele gespielte Konzerte zurückschauen. Nach den EPs Young Hearts (2017) und Take Me Higher (2022) haben sie am 26.04.2024 ihre neue EP Slowly Losing Ground veröffentlicht. Sie soll „den Umgang mit den kleinen und großen, schönen und nicht so schönen Themen des Lebens als junge Erwachsene widerspiegeln.“ Gleichzeitig wollen Roast Apple „die Hoffnung verbreiten, dass egal was ist, wir immer selbst die Zügel in der Hand haben und sogar fliegen können, wenn wir nur wollen“. Und getreu diesem Motto nahmen sie die Zügel einfach selbst in die Hand und releasten die EP ohne Label in Eigenregie.

    Herausgekommen sind tanzbare Indie-Songs, die gute Laune verbreiten und eine Hommage an ihre norddeutsche Herkunft und Verbundenheit zum Meer, die die vier Nordfriesen nie verloren haben, darstellen. Roast Apple schlagen aber auch nachdenklichere Töne an und verarbeiten z.B. Erfahrungen mit Panikattacken. „Slowly Losing Ground“ schwebt, sinkt, klingt frei und dürfte viele Hörer*innen in ihren 20ern thematisch absolut abholen. Wir sprechen hiermit also eine absolute Hörempfehlung aus!

    Wie schön wäre es denn, diese neuen Song auch live hören zu können? Sehr schön. Finden wir auch. Wie passend, dass Roast Apple da mal was vorbereitet haben. Ende Mai 2024 spielen sie nämlich drei Konzerte und wenn ihr in der Nähe seid, dann lasst euch das doch am besten nicht entgehen?


    Die Tourdates
    24.05.2024 | Husum, Speicher
    25.05.2024 | Hamburg, Hebebühne
    26.05.2024 | Berlin, Privatclub

    Wir sehen uns dann da, ne? Und in knapp drei Wochen sollten wir es auch alle schaffen, nicht nur die Songtexte von Roast Apple nochmal aufzufrischen. Wir üben auch einfach das schnittige Gitarrensolo in „Back Against The Wall“ im Luftgitarren-Style. Sagt nicht, wir hätten euch’s nicht gesagt.

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    Fotocredit: Vincent Niemann

  • Maïa befreit sich auf „tatendrang und todmüde“ von der Winterdepression

    Maïa befreit sich auf „tatendrang und todmüde“ von der Winterdepression

    Keine EP für hitzige Sommertage, sondern eine für verregnete Sommernächte. Die Sängerin Maïa hat Anfang des Jahres fünf unverschämt gefühlvolle Lieder veröffentlicht, eigentlich als Abschiedsbrief an den langen Winter. Fünf optimistischere Monate später stechen jede Zeile und jeder Ton auf „tatendrang und todmüde“ noch immer genauso tief in die Seele, wenn drinnen wie draußen kleine Tropfen über den Boden tanzen. 


    Bestimmte Worte mit zittriger Stimme

    Von Hall verhüllt schleicht sich Maïa’s Stimme in den ersten Song. Allein von einem Klavier begleitet, thematisiert die Sängerin auf „tristesse“ ihre innere Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit. Die zaghafte Stimme zittert dabei so unglaublich empfindsam zwischen den Tönen hin und her und malt zugleich lyrische Bilder, die plastischer sind als jedes Deckengemälde einer katholischen Kirche. 

    „Ich kann den blauton gerade nicht beschreiben
    Inneres zerreißen, lass mich treiben
    Versuche auf dem weg zu bleiben
    Lass mir irgendwie die richtung zeigen
    Stille und schweigen, will hier bleiben
    Und regen fällt auf meine scheiben“

    Zeitgemäße Akustik

    „nie mehr zurück“ ist der Beweis, dass ein unaufgeregt akustischer Klang einen modernen Sound nicht ausschließt. Das charakteristische Vocal Sample verschmilzt mit dem Klavier, während Maïa die Wärme des Frühlings herbeisehnt. Seichte Backing Vocals legen sich über die folgende Gitarre, sobald der Refrain erklingt. Viel mehr braucht es nicht, um die lyrischen Bilder musikalisch glänzen zu lassen.

    Drei jahre winter, öffne alle meine fenster
    Genug erstickt, ich frier mich aus
    Spür den kalten wind auf meiner haut
    Ich atme ein, ich atme laut
    Lass den rauch über die städte ziehen
    Ich lass mich mit ihm gehen
    Lass dein duft über die städte ziehen
    Ich lass ihn fallen und liegen

    Piano Magic

    Wenn ein Instrument die Produktionen prägt, dann ist es das Klavier. Denn eine bezaubernde Klaviermelodie folgt der nächsten. Auf „asche und staub“ bestimmt das Klavier die Stimmung, ebenso wie das Tempo des Songs. Erst nach vorne treibend, dann langsam und stockend, zwischendurch mit einem Synth verschmelzend und zuletzt ganz pur gestaltet das Klavier die Dynamik mühelos. Nennt mir ein Instrument, dass vielseitiger ist als das Klavier und scheitert!

    „niemand dabei“ nimmt die Geschwindigkeit der EP langsam heraus. Lyrisch wie klanglich werden die Träume größer und erneut umgarnen wunderschöne Klavierakkorde und federleichte Backing Vocals die introspektiven Texte. „filmriss“ setzt diese Linie fort. Fast ungewöhnlich beginnt das Lied mit einer Gitarre, doch Klavier und nebelige Vocals sind nicht weit, ehe sich die zweite Hälfte rein instrumental weiterentwickelt. Lag der Fokus bisher in nahezu jeder Sekunde auf den intimen Worten Maïa’s, greift nun die Atmosphäre nach Platz, um sich zu entfalten. Doch Am Ende sind es wieder Klavier und Stimme, die den roten Faden aufgreifen.

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    Stilecht

    Maïa beweist auf „tatendrang und todmüde“ wie homogen eine EP klingen kann und wie klar die klangliche Identität einer Künstler:in definiert sein kann. Poetische Lyrics werden von warmen Akkorden und einprägsamen melodischen Klavierfiguren aufgefangen und durch Gitarrenmelodien und hallende Backing Vocals abgerundet. Eingängige Melodien, ehrliche Gedanken, zielgerichtete Songstrukturen und ein authentischer Minimalismus lassen die Produktionen dabei zeitgemäß klingen. Diese Ästhetik spiegelt sich auch auf der visuellen Ebene der Künstlerin wider. Dunkle Farben und verschwommene Gesichter ergänzen den atmosphärischen Sound der aufstrebenden Sängerin und Poetin. Selbst die Kleinbuchstaben der Songtitel und Lyrics fügen sich unauffällig und doch perfekt ins Konzept ein.


    In music I trust

    Wer „tatendrang und todmüde“ lieben lernen möchte, muss eine gewisse emotionale Schwere aushalten können. Die Texte, Melodien und Instrumente zeichnet allesamt ein gewisses Gewicht aus, das zugleich die eigenen Sinne befreit. Denn Maïa lässt unsere sich immer wieder im Kreis drehenden Gedanken und Zweifel kurz anhalten. Die Songs der EP zu genießen, bedeutet sich verstanden zu fühlen und Allem was kommt, erleichtert entgegenzublicken.  

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    Fotocredits: ?

  • Yeshi singt sich mit seidenweicher Stimme ihre „Confessions“ von der Seele

    Endlich muss ich für seidenweiche Soulstimmen nicht mehr nach London oder LA reisen. Denn die gebürtige Berlinerin und in Wien lebende Sängerin Yeshi hat vergangenen Freitag ihre Debüt-EP „Confessions“ veröffentlicht. Inhaltlich trifft sie mit der Innenschau in das eigene Ich den Geist der Zeit. Gesanglich schwebt ihre Stimme federleicht über die vier von Christoh produzierten Soul Beats. Show some love und hüpft in Windeseile zur Streamingplattform eurer Wahl für Yeshi‘s neue EP namens „Confessions“!

    It’s all about mental health

    „Confessions“ nimmt sich das Thema zur Brust, das unserer Generation und ganz sicher auch den folgenden ganz besonders auf dem Herzen liegt: Mental Health und die Suche nach der eigenen Balance. Neben ihrer musikalischen Auseinandersetzung mit der Thematik, kann Yeshi auch auf die Skills ihres Psychologie-Studiums zugreifen. Dabei setzt sie auf dem ersten Track ihrer EP auf die vermutlich beste Taktik: Vertrauen aufbauen, und zwar zu sich selbst! „It’s all about love“ vergewissert uns darin, dass der Weg zur emotionalen Gesundheit bei sich selbst anfängt. Jeder erste Schritt kann nur ein echter Schritt nach vorne sein, wenn die Liebe und das Vertrauen zu uns selbst auf festen Beinen stehen. Und dabei nie vergessen: Kein Schritt ist zu klein, zu langsam oder zu spät! Take the time you need! Und wie verinnerlichen wir dieses Mantra? Indem wir „It’s all about love“ in Dauerschleife hören.

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    Ein Sommer aus Seifenblasen

    Mein absoluter Favorit auf dem Tape und mein Titeltrack zum diesjährigen Sommer heißt “Bubble Bath“. Endlose und doch zu kurze Nächte in knappen Klamotten und mit viel Wein wiederholen sich zu diesem Song. Und anstatt nach dem lauen Sommerabend Schlafen zu gehen, rutschen wir mit der Zigarette in der Hand in die Badewanne. Der Refrain bringt es auf den Punkt: „Charge me up, charge me up, charge me uuuuuup!“ Stimme, Beat und Lyrics treten in eine unglaublich stimmige Symbiose, die eine ganz besondere Atmosphäre schaffen. Eine groovige Bassline, dazu die warme Kick und die Lo-Fi type Drums, darüber schweben die souligen Keys und im Refrain blüht alles durch die sommerliche Gitarre und den funkelnden Synth auf. Die Klangfarbe der Vocals und die super eingängigen Melodien ebnen sich zudem butterweich in den Mix ein. Nichts an diesem Song ist fragwürdig, alles ist perfekt! Ab sofort benötige ich kein Bubble Bath mit blubbernder Badekugel mehr zur Entspannung, ich lege mich einfach in diesen Song rein und lasse mich von seiner Wärme umarmen.

    Songs für eure Sommerplaylist!

    Auch die letzten beiden Songs der EP „Everywhere I go“ und „Too Broke for Therapy“ bleiben der Linie dieses Projekts treu. Songs für die Sommerplaylist meets Self Care. Während ersterer den Selbstwert manifestiert, stellt sich der zweite Track die Frage, weshalb Frauen neben ihren eigenen seelischen Sorgen auch die ihrer (männlichen) Lebenspartner mittragen sollen. Dieses Projekt stellt nicht nur Fragen zur mentalen Gesundheit, sondern auch feministische. We like that! And on a sidenote: Ich wünschte, ich hätte die Zeile „You’re too broke for therapy, why are you using me” selbst geschrieben. 

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    Singing Star in the Making

    Yeshi beweist mit ihrer Debüt-EP auf allen Ebenen unglaublich viel Potenzial. Beginnend mit der unglaublich schönen Stimme und den catchy Melodien bis hin zu der inhaltlichen Auseinandersetzung mit sich Selbst und Self Love im Allgemeinen. Regelmäßig scheinen bei der Stimmfarbe von Yeshi außerdem leichte ABRA vibes durch, was in keinem Fall eine schlechte Charakteristik ist. 

    Mein Gefühl sagt mir, dass sich mit zunehmender musikalischer Erfahrung die kommenden Songs von Yeshi noch runder anfühlen werden. Die unfassbare Wärme, die „Bubble Bath“ ausstrahlt (im Übrigen auch der Song „Luna Park“, der nicht auf der EP ist) deuten die anderen Songs des Tapes ebenfalls an, ohne sie in gleichem Maße zu verwirklichen. Mit zunehmendem Gespür für musikalische Stimmungen wird Yeshi wie von selbst noch viele zauberhafte Lieder schreiben und singen. Ich könnte kaum gespannter sein auf die gesangliche und musikalische Entwicklung dieser up and coming Sängerin called Yeshi

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    Fotocredits: Piotr Sokul

  • Marie Bothmer im Interview: »Ich habe kurz gedacht, ich hör’ auf mit Musik«

    Marie Bothmer im Interview: »Ich habe kurz gedacht, ich hör’ auf mit Musik«

    Trennungsschmerz ist sicherlich etwas, was wir alle gern in die hinterste Ecke der hintersten Schublade stecken würden und so schnell wie möglich vergessen würden. Marie Bothmer dagegen hat sich bewusst mit ihrer Trennung im letzten Jahr auseinandergesetzt und den stechenden Schmerz in eine pointierte, dynamische und extrem starke Debüt-EP namens „Swimmingpool“ verwandelt.

    Ich habe mit der zuckersüßen Marie über ihr toughes letztes Jahr und die Musik, diedaraus hervorgegangen ist, im Interview gesprochen.


    Marie Bothmer im Interview

    Evelin: Heute reden wir insbesondere über eine EP “Swimmingpool”, die letztens erschienen ist. Erstmal Glückwunsch dazu!

    Marie: Dankeschön!

    Evelin: Es geht um das Ende einer Beziehung, genau genommen deiner. Releases sind ja immer mit sehr viel Aufregung verbunden und auch Erleichterung, besonders wenn’s ums Debüt geht. Da die EP so wahnsinnig persönlich und schmerzerfüllt ist, wie hast du dich gefühlt vor und jetzt nach dem Release?

    Marie: Ich glaube, ich bin dieses Mal irgendwie wahnsinnig entspannt gewesen und normalerweise geht mir richtig doll die Düse. Ich kann tagelang davor nicht schlafen und bin dann so: “Ist alles schon da? Haben wir ein Video? Was kann ich tun und was kommt auf mich zu?” Und das ist jetzt so abgerundet fertig geworden, dass ich dachte, es ist schon irgendwie ziemlich cool und alles was passiert, passiert. Und wenn auch mal was nicht klappt, dann ist es auch okay und dann macht man einfach weiter. Und ich bin sehr stolz auf diese EP.

    Evelin: Ist das eigentlich komisch, seine Gefühle und die Trennung immer aufs Neue auseinanderzunehmen, wie jetzt hier mit mir im Interview?

    Marie: Ja (lacht). Die EP ist fast chronologisch über diese Trennung und über das letzte Jahr. Live versuche ich richtig lustig über diese Trennung zu reden, weil dann ist hoffentlich keiner suizidgefährdet, wenn ich so wahnsinnig traurig singe. Ich versuche das ein bisschen aufzulockern und dadurch fasse ich das immer relativ knapp zusammen. In den Songs ist auch oftmals so, dass nicht jedes Bild komplett zutreffend ist zum Beispiel. Mein Expartner zum Beispiel kann gar kein Deutsch, der ist nämlich Däne. Ich hoffe, dass er das nicht in Google Translate eingibt. Weil da natürlich ein paar Dinge sind, wo ich mir denke: “schon sehr persönlich”. Aber wie gesagt, es ist auch die künstlerische Freiheit. Und es hat mir sehr geholfen, darüber wegzukommen.

    Evelin: Ich meine, okay, er spricht kein Deutsch, aber hattest du je den Gedanken gehabt, ob das jetzt das Richtige ist, alles Persönliche so in die Öffentlichkeit zu tragen?

    Marie: Muss er durch (lacht). Also keine Ahnung. Er ist auch Musiker. Deswegen ist es etwas, was er auch verstehen kann, denke ich. Und unsere Beziehung war auch teils öffentlich. Aber jetzt glaube ich nicht, dass die Leute checken, um wen es geht. Und ich würde niemals sagen, das ist übrigens über den und den. Aber er hat nichts gesagt und er hat auch über mich geschrieben. So verarbeitet man irgendwie. Und dann halt immer dieses Fiktive.


    „Ich bin ein totaler Quatschkopf“

    Evelin: Das Album ist in einem sehr kollaborativen Weise entstanden. Unter anderem haben Künstler:innen wie Nina, Madeleine Juno oder Blinker mitgeschrieben. Wo lag da der Mehrwert für dich speziell? Hast du das auch gebraucht, nicht allein zu sein während du alle deine Gedanken und Gefühle durchgehst?

    Marie: Das Schöne ist bei allen, die mitgeschrieben haben ist, dass die richtig gute Freundinnen und Freunde sind. Blinki (Blinker) ist ein richtig guter Freund. Und auch Nina (Chuba) kenne ich ganz lange schon. Madeline (Juno) auch. Wir saßen eh im Studio und die wussten eh, wie es mir ging. Die haben das alles in Realtime mitbekommen und dadurch war das relativ einfach als wenn man sich mit jemand Neues im Studio setzt und dann sagt: “So, das war so. An einem kalten Wintertag musste ich leider aus der Wohnung ziehen… (lacht)

    So war alles klar und dann hat man richtig schön zusammen geschrieben. Ich schreibe auch lieber gemeinsam. Ich schreibe ab und zu noch zu Hause allein, aber manchmal fehlt mir die Motivation. Und wenn man dann zusammen im Studio ist, dann freut man sich so richtig, was zusammen zu schaffen.

    Evelin: Du bist jemand, die viel aus ihrem Leben teilt und viele wichtige, auch Tabuthemen anspricht und das oft mit viel Humor. Was möchtest du damit erreichen?

    Marie: Ich trage mein Herz schon sehr auf der Zunge. Und manchmal ist es auch ein bisschen zu unüberlegt, vielleicht. Ich als Künstlerin, meine Persönlichkeit und mein Charakter spielen so sehr in die Songs mit, dass ich niemals einen Song singen könnte, den ich nicht selbst geschrieben habe. Wenn die Leute mir auf Instagram folgen, dann ist das meine komplette Person und natürlich zieh‘ ich da auch oftmals Grenzen. Ich bin ein totaler Quatschkopf auf Instagram und manchmal geht es mir scheiße und dann bin ich so “Fuck, ich muss jetzt ‘ne Story machen”. Das ist auch für meine Mutter manchmal extrem schwierig, weil die sagt: “Ja, dir scheint es ja jetzt gerade total gutzugehen” und ich: “Eh ja auf jeden Fall…”


    Und dann auch gewisse Werte zu vertreten und einen gewissen Einfluss zu haben, seien es jetzt feministische oder politische Themen. Also ich versuche nicht so crazy aktivistisch zu sein. Das würde ich mir nicht rausnehmen. Ich bin keine öffentliche Aktivistin, sondern ich gehe gern auf Demos. Aber ich würde nie eine Demo unter meinem Namen veranstalten, weil ich mich darüber auch nicht profilieren will. Aber ich möchte auf jeden Fall eine gute Botschaft in die Welt senden und dann hoffen, dass Leute, die mich cool finden, sagen: “Marie fand das cool, dann mach‘ ich das vielleicht auch”.


    „Ich war gefangen in einem Loch“

    Evelin: Und was erhoffst du dir, dass deine Zuhörer:innen mitnehmen, wenn sie die EP hören?

    Marie: Ich hoffe, dass Leute, die auch durch Trennungen gegangen sind, ein bisschen Trost finden. “Temporär” zum Beispiel, da ging es mir schon wieder total gut und ich war so: “Ja, das tut manchmal noch weh. Es kommt immer mal wieder hoch, aber man weiß dann irgendwann, zum Glück okay, jetzt ist auch wieder gut. Morgen tuts dann nicht mehr so doll weh”. Und so sind halt Trennungen.

    Evelin: Das ist wahrscheinlich schwer zu entscheiden, weil jeder Song so persönlich ist, aber welcher Song liegt dir besonders am Herzen?

    Marie: Ich glaube, tatsächlich ist “Dopamin” der wichtigste. Während Corona habe ich kurz gedacht, ich hör‘ auf mit Musik. Ich hatte keine Muse und ich war gefangen in einem Loch, auch krass depressiv. Und dann war das der erste Song, den ich auch mit Nina geschrieben habe. In einem komplett neuen Setup und ich bin ins Studio gegangen, habe gesagt, ich will einfach einen Song machen, den ich fühl‘, ohne darüber nachzudenken, was ist. Der hatte auch gar keine richtige Struktur, sondern ist einfach nur ein Vibe. Ich glaube, deswegen musste das auch der erste Song auf der EP sein. Und es sind immer noch die Demo Vocals, komplett roh. Es geht um das Thema Depressionen, was Beziehungen auf jeden Fall erschweren kann und darüber, dass es nicht so leicht ist, damit umzugehen.


    „Ich wäre lieber kein analytischer Mensch“

    Evelin: In “Swimmingpool” hört man dich, wie du dir selbst vormachst, dass es dir gut geht nach der Trennung, es fast schon einfach unter Teppich kehrst, um es zu vertuschen. Konntest du deine Trauer akzeptieren? Wie kamst du zu dem Schritt?

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    Marie: Also „Swimmingpool“ habe ich geschrieben, da war ich auch noch mit dem zusammen. Es war eher so eine recycelte Geschichte, aber ich wusste schon die ganze Zeit okay, diese Beziehung ist jetzt bald zu Ende und das wird so schlimm. Wir haben den gleichen Freundeskreis und wie soll ich das machen? Es war wie ein Ausblick darauf. Tatsächlich habe ich mich dann nach der Trennung sehr darin gesuhlt und bin sehr viel aufgefangen worden. Dieses “Kugelsicher”-Thema passt auch ganz gut dazu, weil dann hab ich ganz schnell gesagt: “Jetzt bin ich nicht mehr traurig. Jetzt mache ich das und das.” Dann bin ich wahnsinnig viel rausgegangen und habe versucht mich abzulenken und habe mich komplett taub gemacht. Aber das Problem ist ja, dass du das dann nicht verarbeitest. Das musste dann irgendwann kommen, dass man dann einbricht und sich dem widmet, weil sonst bleibt man für immer in dieser Spirale.

    Evelin: Dieses Betäubtmachen in “Kugelsicher”. War das eine Art Schutzmechanismus und wie arbeitest du daran, diese aufgerichtete Wand wieder abzubauen?

    Marie: Ja, ich hab auch noch voll Probleme, neu zu daten. Weil ich denke, ich bin noch gar nicht so weit und ich will noch gar nicht wirklich. Und andererseits ist es aufregend, neue Leute kennenzulernen. Aber ich merke, dass ich total vorsichtig bin, mich neu zu öffnen und auch dieses Commitment Ding. Dass wenn ich jetzt loslegen würde mit jemand Neues, dann muss da alles perfekt stimmen, weil was, wenn das nicht passt? Und dann committe ich mich und es passiert das gleiche nochmal. Ich bin 26, eigentlich müsste ich das mittlerweile wissen (lacht). Aber es ist immer wieder schwer und das ist jetzt ein bisschen über ein Jahr her und ich glaube, es wird langsam. Ich muss mal ein bisschen loslegen (lacht).

    Evelin: Also bist du jemand, der jedes einzelne Gefühl und Gesagtes analysiert?

    Marie: Ja, ganz schlimm. Ich bin ganz, ganz, ganz doll reflektiert, was gut ist. Aber manchmal glaube ich zu reflektiert, und sag so: “Okay, das muss daran liegen. Das ist wahrscheinlich aus dem Grund. Und mein Vater und meine Mutter und meine Geschwister und was nicht alles.” Ich bin auch in Therapie, deswegen macht das total Sinn. Aber das ist manchmal gar nicht so gut. Manchmal wäre ich lieber kein analytischer Mensch, sondern eher Gefühlsmensch.


    “If you want to get over someone get under someone”

    Evelin: “Deadline”, das einzige Feature auf der EP. Auch wahnsinnig toller Track. Wie kam das Feature mit YRRE zusammen und in welchem Zeitpunkt des Verarbeitungsprozesses treffen wir dich in dem Song an?

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    Marie: Das gibt es auch als Originalversion mit zwei Strophen von mir. Und da war ich in dieser Phase, wo ich wusste, ich muss mich mit irgendwem ablenken. Im Live-Set sage ich immer: “If you want to get over someone get under someone”. Mir war das klar, dass ich da keine Beziehung anfangen möchte und keine neuen Gefühle aufbauen will. Aber dass ich wahnsinnig doll diese Nähe brauchte und dann dieses: “Ich muss es beenden, es geht ja gar nicht anders, aber es war ja auch nie etwas.” Also total komisch. Wir hatten das doch damals irgendwie abgesprochen, dass auf keinen Fall irgendwas daraus wird. Also sehr autobiografisch.

    Und YRRE fand ich super toll, habe ich ganz lange schon gehört und dem habe ich einfach auf Instagram geschrieben, ob er Bock hat und ihm ein paar Songs geschickt. Er hat sich “Deadline” rausgepickt, was total schön ist, weil das jetzt für mich auch total Sinn macht, dass er diesen Song singt. Weil das der einzige ist, der nicht über mein Expartner ist, sondern über jemand Neues. Das gibt dem Ganzen so ein gutes Gefühl. Dann hat er einfach seinen Part draufgeschrieben und ich hab’s sofort abgesegnet. Wir haben uns erst vor zwei Wochen beim Videodreh gesehen. Zum ersten Mal in echt, aber voll der tolle Mensch.


    „Ich hab‘ diesen Cut gebraucht“

    Evelin: Zu “Temporär”: Wie hast du gegen die Momente angekämpft, wo man einfach wieder versuchen will, alles zu reparieren und die Beziehung wieder zu flicken?

    Marie: Also, wir teilen uns ja einen Hund. Mein Exfreund und ich. Und das ist natürlich immer schwierig, weil eigentlich ging es mir dann schon total gut. Aber immer wieder, wenn wir diese Hund-Übergabe hatten – der liegt hier übrigens auch ganz brav – muss man sich sehen und ich habe mir am Anfang gedacht, jetzt schminke ich mich, jetzt mache ich mich total schön und ich kriege alles auf die Kette und bin ganz toll. Und er denkt sich, jetzt wird es bestimmt scheiße. Aber ich glaube, was mir da geholfen hat, war dieses: “Ey, wenn der nicht mit mir zusammen sein will, dann will ich auch nicht mehr mit ihm zusammen sein.” Warum sollte ich das versuchen, wenn es eh nicht geht? Und man kann ja auch niemanden überreden. Irgendwann habe ich gelernt, wenn ich ihn gesehen habe und danach traurig war, vor allem, wenn er den Hund abgeholt hat. Dass ich wusste, ich muss jetzt erstmal die Mama anrufen und dann geht es mir morgen aber auch schon viel besser. Es ist wie so ein kleiner Schnitt in den Fingern, der morgen aber wieder verheilt ist.

    Evelin: Für mich wär das extrem schwierig. Anderes Thema aber: Besonders in “Filmriss” merkt man den Stil-Change im Vergleich zu vorherigen Singles. Sehr gelungen, meiner Meinung nach. Alles klingt so wahnsinnig rund und einfach geil. Wie war das für dich so einen anderen Stil zu präsentieren?

    Marie: Das war der erste Song, den ich nach der Trennung geschrieben habe, nach einer Woche oder so. Ich war richtig doll traurig und wollte was richtig Düsteres machen, auch mit Nina zusammen und es war auch eher dieses “Komm, wir machen einfach mal irgendwas. Mal gucken, ob was daraus wird.” Da war genau dieses Thema, auch wieder mit “Kugelsicher” und ich brauch‘ einen Filmriss.

    Ich will jetzt fünf Monate pennen und dann wache ich auf und es ist Sommer und eh alles wieder gut. Und so funktioniert es ja leider nicht. Aber ich dachte dann, ich muss den rausbringen, weil es so ein krasser Cut ist. Auch zu dem, was ich davor gemacht habe. Ich wollte den eigentlich als Erstes rausbringen und nicht “Swimmingpool”. Ich habe das Gefühl gehabt, zum ersten Mal fühle ich die Songs zu 100.000 %. Nicht, um das Alte zu diskreditieren. Aber ich glaube, da war ich auch noch jünger und war noch nicht so gesettelt in dem, was ich will. Aber jetzt ist alles komplett meins und dann ich hab‘ diesen Cut auch gebraucht.


    „Hot Girl Summer und so“

    Evelin: Um beim Thema Neuanfänge zu bleiben: Du bist vor einiger Zeit nach Berlin gezogen. Wie hat der Umzug deine Musik beeinflusst? 

    Marie: Sehr. Ich war ja davor in München und da hat mein Produzent damals auch gewohnt, deswegen hat es total Sinn gemacht. Also in München ist sehr heile Welt und irgendwie passiert auch nicht so viel. Ich musste andauernd nach Berlin oder nach Hamburg reisen, für die Musik. Und ich dachte auch, ich brauche ein kleines Netzwerk an anderen Künstler:innen und Writer:innen und was nicht alles. Um mich so ein bisschen mehr zu etablieren, weil einfach niemand in München ist. Ich glaube, man kann wieder zurück nach München ziehen, wenn man dann Berlin lange genug erlebt hat. Und ich fühle mich hier auch sehr viel wohler. München war ein guter Start. Aber Berlin war auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Ich glaube, ich bleibe auch hier.

    Evelin: Glaube, jeder gefühlt haha. Dann zur letzten Frage schon: Hast du eine untold story für uns? Etwas, was du noch nirgends geteilt hast?

    Marie: Ich muss mal überlegen, es gibt so ein richtig unnecessary Talent, aber das habe ich schon so oft gezeigt. Das ist gar nicht mehr untold. Aber es war noch nie in der Presse, glaube ich. Ich kann Tiergeräusche imitieren, zum Beispiel.

    Evelin: Was ist dein Go-To Tier?

    Marie: Der Delfin. Willst du ihn hören?

    Evelin: Das ist gar keine Frage.

    Hier für alle also: Marie, die Delfinflüsterin


    Marie: Also kannst du gern mit reinnehmen, aber das gibts schon auf TikTok. Ansonsten fällt mir gerade gar nichts ein, was ich noch nicht erzählt hätte. Ich teile wahrscheinlich auch einfach wahnsinnig viel… Ich habe bei Nina gewohnt. Ein Monat nach der Trennung. Das habe ich, glaube ich, noch nicht erzählt. Nach der Trennung hat sie mich direkt eingesammelt mit der Tram und gesagt: “Marie, Hot Girl Summer und so.” Dann habe ich da einen Monat bei denen im freien WG–Zimmer gewohnt. Das war sehr schön. Die erste Nacht auch mit Nina in einem Bett, weil ich so viel geweint habe.

    Evelin: Na ja, jetzt sind bessere Zeiten.

    Marie: Ja, auf jeden Fall. Ich habe heute Abend noch ein Date. Jetzt geht’s rund.

    Evelin: Dann halte ich dich nicht länger hier. Viel Spaß beim Date! War schön, mit dir gesprochen zu haben. 

    Marie: Danke für das Interview. Ciao!

    Obwohl die Tiergeräusche nicht in der EP gefeatured sind, ist „Swimmingpool“ definitiv ein Reinhören wert. Jetzt aber mal ohne Spaß: Die Richtung, die Marie mit der EP eingeschlagen hat, ist wahnsinnig erfrischend und so gut ausgearbeitet, dass jeder Song richtig rund und einfach geil klingt. Unten könnt ihr in die 6 tollen Songs reinhören 😊

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    Fotocredits: Zena Bala
  • Mit tiefem Groll in der Stimme: Apsilon über soziale Ungerechtigkeit, Herkunft und Rassismus

    Der nächste Lieblingsrapper des Feuilleton, von dessen Existenz die großen Zeitschriften noch nicht wissen, heißt Apsilon. Der in Moabit groß gewordene Künstler ist frische 24 Jahre alt und hat am 14. Januar seine überaus reflektierte Debüt-EP Gast veröffentlicht. Authentische Gesellschaftskritik trifft auf einen modernen Sound und lässt jedes politische Hip Hop Herz höher schlagen. 


    Von der Straße bis nach Moabit

    Apsilons Texte erinnern an den amerikanischen Hip Hop der 90er, als Tupac, Biggie Smalls oder Snoop Dog noch über ihre Lebensumstände sowie die Probleme ihrer Hood gerappt haben. Hip Hop war eng geknüpft an authentische Beschreibungen schwarzer Lebensrealitäten, ebenso wie die damit verbundene Kritik des Status Quo. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung von Rapmusik und deren Angleichung an konfliktscheue, profitorientierte Popmusik ging der politische Gehalt allmählich verloren. Große Teile aktueller Trap Hits aus den USA blubbern ebenso sinnbefreit durch die Radios und Playlisten wie deutscher Schlager von Helene FischerApsilons Texte hingegen ziehen ihre Kraft wieder aus der Wut und Verzweiflung marginalisierter Gesellschaftsgruppen. 

    Apsilon, gast, ep, review, köfte, sport, taugenichts, kes,hiphop, rap, moabit, deutschrap, gesellschaftskritik, trap, newcomer, untoldency, musik, gastarbeiter, fourmusic

    Vom Beobachter zum Kritiker

    Auf „Gast“ erzählt Apsilon aus der Perspektive eines Gastarbeiterkindes. Als direkter Beobachter der Lebensumstände seiner Eltern und Großeltern schildert er Gesellschaftsverhältnisse direkt und unverblümt und verknüpft dabei aktuelle Zustände mit historischen. Apsilon holt das gut versteckte Gewissen der gutbürgerlichen weißen Bevölkerung wieder aus dem Keller und hievt die Schuld zurück auf ihre Schultern.


    »Tag für Tag am Ackern für das Kapital in Taschen vom
    Gleichen Pack, das dreißig Jahre vorher ohne
    Wimpernzucken Menschen in die Gaskammern verfrachtet hatte
    Und während Molotows auf die Unterkünfte prasseln
    Auf dеr Arbeit und beim Amt immer lachеn, immer lachen
    Und Enkel kriegt kein’n Job und keine Wohnung wegen des Namens
    Bei den Enkeln der Fabrikbesitzer, die die Großeltern damals ausgebeutet hab’n«
    „Köfte“


    Die Rolle des reflektierten Beobachters ergibt sich womöglich aus Apsilons innerer Zerrissenheit in Hinblick auf sein Herkunftsgefühl. Anstatt sich mit den deutschen oder türkischen Einflüssen seiner Biographie identifizieren zu können, distanziert er sich von beiden. Aus seinem Moabiter Kiez schreibend, thematisiert er die auftretenden Konflikte, wenn vor seinen Augen zwei Kulturen nicht zueinander finden wollen.


    »Ich brauchte dreiundzwanzig Jahre, bis ich merkte, dass ich statt zweien
    Keine Heimat habe, außer meine eigene Straße und den Kiez, in dem wir war’n, ja
    Die Beats, auf die ich sprach, nein
    Keine Heimat eins und auch keine Heimat zwei, nur der
    Streit mit dem, was sich in beiden Ländern so rumtreibt« 
    „Köfte“


    Deutsche Identität im Kreuzfeuer

    Doch wenn man ehrlich ist, fühlt sich die Distanz zur deutschen Identität auf „Gast“ um einiges größer an. Denn Apsilon nimmt die deutsche Gesellschaft an allen möglichen Ecken auseinander. Der Künstler zieht seine Kraft und Wut aus den Rassismen und Klassismen dieses Landes und legt sie ungeschönt offen. Diplomatisches Verhandeln scheint dabei keine Option zu sein. Denn die unterdrückten Gesellschaftsgruppen, denen Apsilon ein Sprachrohr verleiht, warten schon zu lange auf Gerechtigkeit. 


    »Deine Leute klatschen Beifall für ein’n Nazi, wenn es sein muss
    Meine Leute klatschen Nazis von der Straße, wenn es sein muss
    Seit dem Eisprung in 030, mein Bro, keiner guckt auf sein Plus
    Hier wird alles schön geteilt, Bro, meine Leute komm’n in kein’n Club
    […]
    Dein Homie hat am Kotti Angst, dass ihn ein Kanak abzieht
    Mein Homie hat kein’n Bock, dass deiner ihn wie’n Bastard ansieht (Yeah)
    Ihr kriegt Logenplätze (Yeah), Bruder, wir kriegen Zelle (Yeah)
    Ihr könnt große Sätze, wir könn’n rennen«
    „Sport“

    Apsilon, gast, ep, review, köfte, sport, taugenichts, kes,hiphop, rap, moabit, deutschrap, gesellschaftskritik, trap, newcomer, untoldency, musik, gastarbeiter, fourmusic

    Gesellschaftskritik meets Generationensound

    Die eindrucksvollen und zum Teil beklemmenden Zeilen des Rappers werden unterstützt durch einen zeitgemäßen Hip Hop Sound. Der besonders bei düsteren und melancholischen Stimmungen glänzende Rapper und Produzent Ahzumjot hat einen Teil der aus sechs Songs bestehenden EP produziert. Cato erscheint ebenfalls als mehrmaliger Produzent auf „Gast“ und bringt sein Gespür für klassische Hip Hop Banger mit an den Tisch. Lyrics und Beats treten in eine stimmige Symbiose und verleihen der gesamten EP eine besondere inhaltliche sowie klangliche Homogenität. Einzig „Kes“ fällt minimal aus der Reihe, da hier die inhaltlichen Qualitäten ein wenig durch den Fokus auf das Schreiben eines Hip Hop-Club Hits in den Hintergrund rücken. Doch selbst dafür bekommt Apsilon Drops. Denn kaum eine Künstler*in springt so leichtfertig zwischen … hin und her.


    Visuals im Einklang

    Die erwähnte Homogenität zieht sich zudem durch die Visuals des Tapes. Das Team um Director Foli Creppy und Produzent Thabo Paul schafft zusammen mit Apsilon authentische Einblicke in das Leben des Künstlers im Retro Look. Besonders Erwähnung verdient das Musikvideo zu „Köfte“. Das Video nimmt dank Aufnahmen aus dem Bundesarchiv einen dokumentarischen Charakter an. Schwarz-Weiß-Aufnahmen von schuftenden Gastarbeitern werden protestiereden Rechten gegenübergestellt und verdeutlichen die gesellschaftliche Zerrissenheit, die bis heute andauern. 

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    Zeitgemäße Gesellschaftskritik

    Musik, die nur der Gesellschaftskritik willen existiert und ästhetische Motive vernachlässigt, wirkt auf mich in der Regel unbefriedigend. Gute Produzenten und Ausnahmekünstler, die einen Hit nach dem anderen schreiben, sind hingegen auch keine Seltenheit mehr. Die große Kunst ist meines Erachtens nach Musik, die inhaltlich sowie klanglich ausgereift ist. Ich denke da im Hip Hop beispielsweise an Tupac Shakur, Jay-Z oder Kendrick Lamar, die ebenso politisch waren wie einen Sound der Zeit geprägt haben. Sie haben Musik erschaffen, die emotional in einem hohem Maße berührt oder schockt und gleichzeitig den Finger tief in die Wunde drückt. Apsilon wählt diesen anspruchsvollen Weg mit seiner EP und liefert politische Statements am Fließband ohne dabei klanglich aus der Zeit zu fallen. Dieses Projekt ist eine absolute Empfehlung an ausnahmslos alle und gibt Vorfreude auf kommende Songs, EPs oder Alben.

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    Fotoocredits: Sina Lesnik

  • Jorja Smith mit „Be Right Back“: Wenn Schmerz sich gut anfühlt

    Jorja Smith mit „Be Right Back“: Wenn Schmerz sich gut anfühlt

    4 Jahre Pause zwischen dem Debütalbum „Lost & Found“ (2018) und dem für 2022 angekündigten zweiten Album sind für alle Jorja Smith Fans keine Option. Aus diesem Grund hat die Neo-Soul Sängerin im Mai allen einen Gefallen getan, indem sie ihre EP „Be Right Back“ veröffentlichte. Auch wenn der Release bereits einige Monate zurückliegt, gibt es keinen Grund, nicht weiterhin von dieser authentischen und minimalistischen Soulplatte zu schwärmen.


    Melancholische Soulstimme zum Verlieben

    Über Jorja Smith zu schreiben, ist für mich eine pure Herzensangelegenheit. Kaum eine Stimme klingt für mich so verletzlich und schmerzvoll, und schenkt mir gleichzeitig so viel Kraft, wenn ich mich von dieser wohligen Melancholie einhüllen lasse. 

    Alles fängt mit der Debut Single „Blue Lights“ an, die zugleich ihren musikalischen Durchbruch bedeutet. Auf ihr teilt die in Walsall, England geborene Sängerin Ängste vor Polizeigewalt, insbesondere gegenüber Schwarzen und People of Colour, und lässt diese spürbar in ihrer Stimme aufleben. Was danach folgt, sind gute Marketingstrategien, wie beispielsweise Platzierungen auf dem Drake-Album „More Life“, und unglaublich schöne und berührende Musik. Ihr Debütalbum „Lost & Found“ ist meine persönliche Entdeckung des Jahres 2018 und bereits jetzt eines meiner all-time favourites. 

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    Mit dieser beinahe bedingungslosen Liebe bin ich in Jorja Smiths im Mai erschienenen EP „Be Right Back“ gegangen und wurde erst einmal enttäuscht. Denn die großen Popnummern bleiben auf der 25-minütigen EP aus. Die klangliche Fülle der Produktionen des ersten Albums bleibt unübertroffen. Dafür gewinnt der Gesang an Tiefe und Intimität. Die Produktionen beschränken sich überwiegend auf eine einfache Bandbesetzung und geben der Stimme Platz für ihre nachdenklichen Geschichten. Die Melodien bleiben weiterhin eingängig, doch werden sie unaufgeregter inszeniert. Ein bisschen weniger Hall, ein bisschen kleinere Chöre und ein bisschen weniger komplexe Harmonien schaffen Raum für mehr musikalische Seele. Was ich beim ersten Hören der EP als Schwäche empfand, zeichnet sich für mich jetzt als Stärke ab. Die vielleicht etwas zu ausgeklügelten und durch-inszenierten Popsongs des ersten Albums werden durch minimalistische und authentische Soullieder zum Verlieben abgelöst. 


    Female Empowerment und Gesellschaftskritik

    Die Lead-Single „Addicted“ führt in die nachdenkliche und leicht aufgewühlte Atmosphäre der EP ein. Die Single thematisiert ungleiche Machtverhältnisse in einer Liebesbeziehung, während ein markantes Gitarren-Riff den Gesang komplementiert. Weitere Highlights der Platte sind die Songs „Home“ und „Burn“. Während Smith auf ersterer klassische Rollenbilder und Familienstrukturen in Frage stellt und damit gesellschaftliche Denkmuster dekonstruiert, besingt sie auf „Burn“ die Schwierigkeiten, die eigenen Träume und die damit verbundene Arbeit mit einem gesunden Privatleben in Einklang zu bringen. Damit widmet sie sich dem in der Öffentlichkeit zunehmend an Bedeutung und Aufmerksamkeit gewinnenden Thema Mental Health, hier konkret in Form eines Burnouts. Jorja Smith beschreibt die Geschichte eines jungen Mädchens und warnt im Refrain davor, den eigenen Träumen alles bedingungslos unterzuordnen:


    You burn like you never burn out
    You try so hard, you can still fall down
    You keep it all in, but you don’t let it out
    You try so hard, don’t you know you’ve burnt out?


    Die behandelten Themen sind aufgrund ihres hohen Lebensweltbezugs unglaublich wirkungsvoll. Auch der letzte Song der EP namens „Weekend“ schlägt in dieselbe Kerbe. Auf ihm kritisiert Smith Konsum und die Anhäufung materieller Güter. Stattdessen fordert sie mehr Achtsamkeit innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen, sprich ein Rückbesinnen auf die vermeintlich wichtigen Dinge im Leben.

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    Musikalischer Minimalismus für das Herz

    Musikalisch lebt die EP vom Minimalismus. Zurückhaltende und organische Produktionen schenken der Platte Wärme und Intimität. Zugegeben, ich benötigte mehr als einen Durchlauf, um mich von der Musik überzeugen zu lassen. Doch jedes Mal, wenn ich „Be Right Back“ anhöre, wächst meine Liebe für jeden einzelnen Song. 

    Da die ergreifende Soulstimme von Jorja Smith eh niemand hinterfragt, können wir diese Diskussion direkt überspringen. Bezüglich der Instrumentals fiel allerdings die Kritik, sie könnten der Kraft der ausdrucksvollen Stimme nicht standhalten. Dabei konzentriert sich die Musik lediglich auf ihre Kernaufgabe, nämlich die Gesangsmelodien zu komplementieren und zu tragen. Diese musikalische Unaufgeregtheit trifft den Ton der EP und betont zugleich die Ernsthaftigkeit und Authentizität ihres Inhalts.

    Zum Teil benötigt es kein Harmonieinstrument, um von Jorja Smiths Stimme umgarnt zu werden. In „Burn“ sind vor dem letzten Refrain Bass, Schlagzeug und Gesang alles, was die Seele in diesem Moment zum Loslassen braucht. In „Home“ hingegen verleihen Stimme und Gitarre allein dem Lied eine besondere emotionale Tiefe. Interessanterweise fällt der vorletzte Song „Digging“ für mich am ehesten aus dieser sonst so homogenen EP heraus. Denn er täuscht ein wenig die Größe der Pop-Produktionen des Debüt-Albums „Lost & Found“ an, die „Be Right Back“ eigentlich gar nicht anstrebt. 

    Es wird dennoch offensichtlich, dass dieser Text ein Liebesbrief an „Be Right Back“ von Jorja Smith ist. Die britische Sängerin leistet einen weiteren wichtigen gesellschaftlich-politischen Beitrag, ohne auch nur einen Hauch an musikalischer Ästhetik einzubüßen.

    Die Hörempfehlung geht hiermit raus! Go listen and be right back für das kommende zweite Album …

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  • Eyeclimber im Interview: »Wenn ich mich alleine fühle, dann fängt mich Musik auf«

    Eyeclimber im Interview: »Wenn ich mich alleine fühle, dann fängt mich Musik auf«

    Anfang August hat Eyeclimber seine erste EP namens Petrichor veröffentlicht. Auf fünf Songs verhandelt er Themen wie Selbstliebe, Reflexion und das Leben im Hier und Jetzt in einem super dreamy Sound. Aber nicht nur der Sound der EP lässt Platz für Träumereien, sondern auch der nostalgische Touch der dazugehörigen Musikvideos bringt einen ganz besonderen Vibe mit sich. Darüber hinaus hat uns Dominik im Interview noch weitere Details über seinen Aufnahmeprozess und seine Liebe zu analogen Geräten verraten. Aber lest selbst:

    Franzi: Hey Dominik! Zuallererst: Happy belated Release! Wie geht’s dir, jetzt wo deine EP vor ein paar Wochen das Licht der Welt erblickt hat? Wie sind die Reaktionen bis jetzt?

    Eyeclimber: Vielen lieben Dank! Ich bin super happy, sie endlich draußen zu haben. Die Songs sind im Laufe der Pandemie entstanden in einer Zeit,  als ich mit sehr vielen Fragen und Selbstreflektion zu kämpfen hatte. Umso schöner fühlt es sich an, dass die Songs jetzt auch verstanden, geliebt und gefeiert werden.

    Franzi: Hast du einen Favoriten auf deiner EP?

    Eyeclimber: Ich persönlich habe keinen Favoriten, nein. Die Songs bedeuten mir alle die Welt und es wäre genauso, wie als Familienvater ein Lieblingskind zu nennen.

    Franzi: Deine Songs klingen alle sehr dreamy (was ich persönlich liebe) und so, als könnte man sich einfach in Träumereien fallen lassen. Würdest du dich selbst auch als Tagträumer bezeichnen oder woher kommt dieser Einfluss?

    Eyeclimber: Definitiv! Ich liebe es, mich in Musik zu verlieren und die Gedanken baumeln zu lassen. Wenn ich mich alleine fühle, dann fängt mich Musik auf. Sie gibt mir das Gefühl, verstanden zu sein und für jede Situation gibt es den richtigen Song. Genau das möchte ich auch mit meiner Musik bieten. Ich versuche die Songs so offen zu halten, dass jeder Hörer noch Raum zur Interpretation auf sein Leben hat. 

    Franzi: Bei dir ist der Produktionsprozess etwas anders, als man das gewohnt ist. Du legst viel Wert auf den Klang von analogen Geräten. Magst du uns verraten, was du daran so besonders findest und wie der Produktionsprozess bei dir ungefähr aussieht?

    Eyeclimber: Absolut. Ich finde, dass moderne Musikproduktionen oft so feinpoliert und sauber klingen, dass es unnatürlich wirkt. Wenn man sich z.B. Spuren von Queen anhört, dann sind da Atmer, Huster, und massenweise Rauschen, was heute jeder rausschneiden würde. Ich finde, dass genau das einem Song Charakter gibt. Ich will gar nicht zu technisch werden, aber ich arbeite viel mit einer Tonbandmaschine aus den 1970er Jahren, um dem Klang meiner Musik eine nostalgische Wärme zu verleihen. Ebenso versuche ich möglichst auf echte Verstärker, Drums und analoge Synths zu setzen. Einerseits, weil ich es liebe, das Zeug zu sammeln, aber auch weil es einfach eine Wärme erzeugt, die dir digitale Plugins oder Emulationen nicht bieten können.

    Franzi: Zu der analogen Aufnahmetechnik passt auch wunderbar dieser nostalgische Vibe, den man z.B. beim Video zu Acid Wash durch diese alte Camcorder Ästhetik bekommt. Gehen für dich Musik und Artworks/Musikvideos als Gesamtkonzept zusammen, oder siehst du das nur als Ergänzung?

    Eyeclimber: Es steckt definitiv ein Gesamtkonzept dahinter. Wie man vielleicht schon merkt, neige ich zu Nostalgie und ich denke, das ist auch meine Sprache in der bildlichen Welt. Das Video zu Acid Wash ist eine Mischung alter Filmaufnahmen von der Kindheit meines Vaters in den 60ern sowie meiner eigenen in den 90ern/2000ern. Es bedeutet mir viel, da es zeigt, was für eine glückliche Kindheit ich hatte und wie dankbar ich für meine Familie bin und wo ich herkomme.

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    Franzi: In deinem Song All Inside You gibt es die Zeile „don’t wait for the stars, just shine your own light“, die ich übrigens echt schön finde. Ist Selbstliebe auch ein Thema, das dich im letzten Jahr und in der Entstehungsphase der EP beschäftigt hat?

    Eyeclimber: 100%! Genau darum geht es in All Inside You, und gewissermaßen auf der ganzen EP.

    Ich denke jeder von uns hat Luft nach oben, was Selbstliebe angeht. Ich neige dazu, mich oft darin zu verlieren, andere glücklich zu machen, und merke dann, dass ich mich selbst im Stich gelassen habe. Durch die Pandemie und das viele Alleinsein habe ich gelernt, alleine glücklich zu sein und nicht auf die Liebe und Anwesenheit Anderer zu setzen.

    Franzi: Deine EP hat den Titel Petrichor. Das ist auch der Begriff für den Geruch von Regen auf trockener Erde (was ich bis jetzt noch nicht wusste :D). Darüber hinaus steht es aber auch als Metapher für Veränderungen im eigenen Leben. Magst du uns erzählen, wie du das genau meinst?  

    Eyeclimber: Ich habe diesen Duft der Natur schon immer geliebt. Menschen sehen Veränderungen meist als unangenehm an und versuchen sie zu vermeiden. Genau wie den Regen. Ich finde aber, wenn man ihnen eine Chance gibt und lernt aus der Komfortzone auszutreten, kann man genau das lieben lernen. Genau wie diesen wunderschönen Duft eines Sommerregens. Auf der EP habe ich sehr viel Veränderung in meinem Leben verarbeitet, vor allem in meinem Denken, und daher erschien mir der Titel passend.

    Franzi: Außerdem wird gemunkelt, dass du bereits an deinem ersten Album arbeitest, das nächstes Jahr erscheinen soll. Kannst du uns darüber schon etwas Kleines verraten?

    Eyeclimber: Genau, ich stecke mitten in den Aufnahmen zu meinem ersten Album und hoffe es Anfang nächsten Jahres mit einem passenden Label zu veröffentlichen. Das sind definitv die stärksten und besondersten Songs, die ich je geschrieben habe und ich kann es nicht erwarten, sie euch zu zeigen.

    Franzi: Ich finde es auch immer total spannend, was Künstler:innen selbst an Musik hören. Hast du eine Band, eine Künstlerin oder Künstler oder einen bestimmten Song, den du im Moment in Dauerschleife hörst?

    Eyeclimber: Ich höre gerade einen Künstler namens Kainalu rauf und runter. In seiner Musik kann man sich echt verlieren, ich würde den Song Kamikaze Mushroom Palace empfehlen. Außerdem das neue Album von Benny Sings für einen entspannten Sonntag Morgen mit gutem Kaffee.

    Franzi: Als letzte Frage kommt bei uns immer ein Platzhalter für eine bzw. deine untold story. Hast du eine Geschichte oder Anekdote, die du noch nie in einem Interview geteilt, aber diese jetzt erzählen möchtest?

    Eyeclimber: Ich habe nichts, außer: Liebt euch Leute. Nehmt euch Zeit für euch, seid gut zu euch und offen für unangenehme Wahrheiten. Nur wenn ihr euch selbst liebt und kennt könnt ihr jemals wen anders wirklich lieben. Ted Talk over, haha. Thanks for listening.

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    Also für alle meine dreamy people out there: klare Hörempfehlung! 🥰

  • “Might Delete Later”: RAZZ schaffen auf ihrer EP eine Momentaufnahme unserer Generation

    “Might Delete Later”: RAZZ schaffen auf ihrer EP eine Momentaufnahme unserer Generation

    Endlich gibt es neue Musik von RAZZ! Die EP „Might Delete Later“ ist am 18. Juni erschienen und beinhaltet sechs Songs, wovon drei bereits vorher als Singles released wurden. Was sich zuerst anhört als hätten die Jungs ihre alten Songs etwas zu lange mit Weichspüler im Schongang gewaschen, ist im Kern aber noch genau das, was die Band ausmacht: facettenreicher Indie-Rock mit Tiefgang – und dafür lieben wir sie doch!


    Was die Generation Y gerade beschäftigt

    Anfang des Jahres hat Jule eine Review zur ersten Single der EP, „1969 – Conrad“, geschrieben und auf ein drittes Album von RAZZ spekuliert. Naja, ein Album ist es dann doch nicht geworden, dafür aber sechs verdammt gute neue Songs. Die EP „Might Delete Later“ erinnert an das Meme „felt cute, might delete later“, dass unter allen Social Media-Junkies mittlerweile schon zur Alltagssprache zählt. Im Interview mit gestromt erklärt Niklas, Sänger der Band, dass der Gedanke hinter dieser Floskel Inspiration für die EP war. Damit nehmen sich die Jungs den Druck ein ganzes Album produzieren zu müssen und sehen die EP vielmehr als Momentaufnahme des RAZZ-Sounds, so wie er jetzt gerade ist. Ich finde das ist ein ziemlich gutes Statement. Dieser Anti-Perfektionismus-Gedanken sollte viel mehr Platz in der Musikwelt finden und würde wahrscheinlich auch so einigen Künstler:innen zugute kommen.

    Drei Jahre kam keine neue Musik von RAZZ, auch wenn die Band in der Zwischenzeit nicht auf der faulen Haut lag, sondern fleißig mit live spielen, proben und neue Songs schreiben beschäftigt war. Trotzdem kommt mir das dann doch irgendwie nach einer langen Zeit ohne Input vor. Das ist doch der perfekte Anlass ist, um mal wieder ein bisschen im alten Fangirl-Koffer zu kramen, damit ihr auch wisst, was mich (hoffentlich) qualifiziert, über die neue EP von RAZZ zu urteilen.


    Kurzer Ausflug in die Historie von Anna’s Fangirl-Koffer

    Ich verfolge die Musik der vier Jungs aus Schöninghsdorf schon seit 2013. Damals haben sie auf dem Abifestival gespielt, was vermutlich außerhalb des Emslands (RAZZ’s & meine Heimat) kein Mensch kennt, und noch nicht mal ihre erste offizielle Single veröffentlicht. 2017 habe ich sie dann auf dem Altstadtfest meiner Heimatstadt gesehen und lauthals in der ersten Reihe „Youth and Enjoyment“ und „Let It in, Let It Out“ mitgegrölt, nichtsahnend, dass ich mir diesen Platz auf zukünftigen Konzerten deutlich härter erkämpfen muss. In meinem Fangirl-Koffer befindet sich auch noch ein Interview aus 2018, wo ich mit Niklas auf dem Rocken am Brocken (ganz tolles Festival) ein bisschen Emsländer:innen bonding time hatte – schön war’s. Naja, was ich hier eigentlich nur deutlich machen wollte: RAZZ begleitet mit schon seit so einiger Zeit.

    Jetzt aber mal zurück zum Thema: die EP „Might Delete Later“. Wie anfangs schon erwähnt, wirkt der Sound zu Beginn etwas verändert, irgendwie leichter und sanfter. Was mir aber direkt auffällt, ist die Liebe zum Detail. Die zeigt sich darin, dass ich bisher bei jedem Hören der EP ein neues kleines Detail entdeckt habe – sei es in den Texten oder im Sound. Sind euch z.B. bei „Constant Flow“ schon die Schläge bei 2:34 min. aufgefallen, die den Übergang in den rockigen Part des Songs ankündigt? Mir ist das zumindest erst beim fünften Hören aufgefallen. Schauen wir uns die Songs also mal im Einzelnen an.


    Singles mit viel Hit-Potential

    Might Delete Later“ beginnt mit „1969 – Conrad“, dem Song, der als erste Single der EP schon im Dezember 2020 veröffentlicht wurde. Es ist auch der Song, der mich am meisten an den gewohnten RAZZ-Sound von „With Your Hands We’ll Conquer“ und „Nocturnal“ erinnert. Es ist auch der Song, der mich alleine in meinem Zimmer zu Lockdown-Zeiten so tanzen lässt, dass mein Nachbar in der unteren Etage wahrscheinlich ziemlich viel Hass gegenüber dem Song entwickelt hat. „Fassungslosigkeit, Wut und Resignation par excellence in einen Song umgewandelt. (Dazu) Gitarrenriffs, sanfte Synthies, sehr geile Bass-Highlights und Drums, die mich sofort mitreißen“, schreibt Jule im Januar in ihrer Review zum Song und ich finde mich jetzt – im Juli – immer noch in diesen Worten wieder und kann mich also nur anschließen.


    „lately, I feel so small“

    Zweiter Song, zweite Single der EP: In „Like You“ geht es um die Unzufriedenheit mit der Umwelt und mit sich selbst – eben der Wunsch, so zu sein wie jemand anderes. Thematisch schließt der Song damit sehr gut an „1969 – Conrad“ an und wirkt für mich wie eine Art Perspektivenwechsel mit dem Fokus auf sich selbst und das eigene infrage stellen. Der Titel hat echtes Ohrwurm-Potential. Kein Wunder also, dass der Song als Single genauso gut funktioniert wie als Teil der EP. Dennoch ist „Like You“ keine reine Pop-Nummer, durch Drums und Gitarren wird der rockige Vibe aufrechterhalten.

    Constant Flow“ kommt deutlich experimenteller daher. Der Song beginnt relativ langsam, aber so ab 2:30 min. kommen die gewohnten Gitarrenriffs für die ordentliche Portion Rock wieder dazu. Ich muss sagen dieser Song hat es mir irgendwie angetan. An ihm bleibe ich momentan am meisten hängen. Auch hier zieht sich das Thema der inneren Zerissenheit, Orientierungslosigkeit und Unzufriedenheit weiter durch. Die gewohnte Wärme der Stimme von Sänger Niklas gibt dem Ganzen in diesem Song meiner Meinung nach einen ganz besonderen Tiefgang und macht nachdenklich. Die Zweiteilung des Songs unterstützt die Thematik musikalisch perfekt. Dieser Song hat zudem so viele kleine Details, das ich gar nicht aufhören mag nach neuen Kleinigkeiten zu suchen. Ich lieb’s einfach!


    Unangenehme Gefühle müssen ausgesprochen werden

    Der nächste Song heißt „Ocean (without any waves)“. Textlich bleibt der Track im Kosmos der EP. Der Orientierungslosigkeit der vorherigen Songs folgt die nüchterne Feststellung, dass man oft leider einfach im Dunkeln tappt ohne etwas dagegen tun zu können. Ich bekomme ein Gefühl vom aufgeregt sein, wenn ich den Song höre. Irgendwie ruft es eine innere Wut in mir hervor, gemischt mit einer guten Portion Frust. Und das meine ich gar nicht negativ, ich liebe es, wenn Songs solche Gefühle in mir hervorrufen. Passend zum EP-Release hat RAZZ auch eine live session zu „Ocean (without any waves)“ auf ihrem YouTube Kanal veröffentlicht, die dem Song noch einmal seinen ganz eigenen vibe gibt. Ich finde hier kommen vor allem die Gitarrenparts noch mehr heraus und lassen den Track etwas atmosphärischer auf mich wirken.

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    Bei all dem Lob kommt wohl jetzt der etwas unangenehmere Teil: Meine erste Kritik. Aber hey, was wäre eine gute Review, wenn sie nur positiv wäre? Wahrscheinlich nur halb so gut, deswegen hier jetzt meine ehrliche Meinung. Track Nummer fünf, „Reverberating“, geht für mich leider total unter auf der EP. Er fügt sich zwar textlich und musikalisch perfekt in das Gesamtbild ein, aber kratzt für mich leider sehr knapp an der Linie, aber der mich ein Song langweilt. Ok, Langeweile ist vielleicht ein sehr starkes Wort in der Musikwelt, aber sagen wir es mal so: Es ist kein Song, den ich bewusst anmache, weil er mir im Kopf hängen geblieben ist. Mehr möchte ich zu dem Song auch eigentlich gar nicht sagen, weil ich die EP insgesamt schon ziemlich liebe und mir das selbst nicht zerstören will. Also wieder zurück zum Positiven.


    „Say, why do we keep falling in dreams? Where we land, where we go, I don’t know“

    Den Abschluss macht „Game“, ein Song, der ebenfalls vorab als Single zu hören war und mich die getrübte Stimmung durch den vorherigen Song wieder vergessen lässt. Naja, nicht komplett, denn „Game“ ist eher so vom Typ nachdenkliche, langsame Nummer, der es aber trotzdem schafft gute Laune in mir hervorzurufen. Der Text ist wieder einmal sehr nachdenklich und lässt viel Raum für eigene Interpretation – perfekt für mich, ich liebe es nämlich Songtexte zu überinterpretieren, werde euch an dieser Stelle aber mal verschonen. Grob gesagt geht es in „Game“ über die Frustration einer immer wiederkehrenden Situation, dessen Ausgang man schon kennt, aber ihr trotzdem nicht entkommt. Der RAZZ-Rock hält sich hier etwas zurück – keine Sorge nicht komplett. Der Song ist eher ruhig und simpel zu Beginn, die Gitarre steigert sich gegen Ende im Einklang mit Text allerdings etwas weiter in die Thematik rein. Perfekte Kombi und ein schöner Abschluss der EP!

    Mein Fazit zu „Might Delete Later“ ist also (wie erwartet) sehr positiv. Es gibt eigentlich nichts, was mich auf der EP stört, denn „Reverberating“ fügt sich gut in den Lauf der Songs ein, catcht mich halt einfach als einzeln stehender Song nicht. RAZZ zeigen sich etwas erwachsener und atmosphärischer im Vergleich zu ihren vorherigen Alben, aber beweisen zugleich, dass sie ihren Sound gefunden haben. RAZZ 3.0 gefällt mir sehr und ich bin gespannt, was noch so kommt!

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    Fotocredit: Martha Friedel