Und schon wieder ist ein weiteres Jahr vorüber. Ich will jetzt nicht zu sehr in die Melancholie verfallen, aber etwas anderes geht mit diesem Artikel auch zu Ende: Meine Zeit bei untoldency. Schweren Herzens muss ich unserem Magazin zum Abschied winken. Denn schon seit einiger Zeit finde ich einfach keinen Platz mehr, um mich dem Schreiben in dem Maße zu widmen, wie ich mir und das Team es sich wünschen würde. Aber so ist es nun mal, der Alltag wird immer stressiger und man kommt seinen eigenen Hobbys gar nicht mehr hinterher. Hiermit also… meine letzten Worte (vorerst):
So chaotisch wie das letzte Jahr und das zuvor, so geht es auch weiter. Viele neue Erfahrungen, aber auch viele unerwartete Veränderungen. Dieses Jahr ist so schnell an mir vorbeigezogen, dass es mir richtig schwergefallen ist, alles, was passiert ist, zu rekonstruieren. Auch mein musikalisches Jahr war von vielem Neuen gezeichnet. Jeden Freitag pack’ ich mir alle erdenklichen Releases in meine Playlist und haste mich diese bis zum folgenden Release Friday durchzuarbeiten. Aber trotzdem haben sich so einige Stammgäste in mein Spotify Wrapped eingeschlichen…
Back to the dark side
Ich hatte ja schon angeteasert, dass das Jahr von vielen Veränderungen geprägt war. Die einen positiv, die anderen eher weniger. Und weil mich Veränderungen extrem überfordern, verliere ich mich lieber in Erinnerungen an so wie es mal war. Auch musikalisch hat es mich somit in die Vergangenheit katapultiert. Hier spielten alle meine geliebten Hardcore Bands von vor 10 Jahren (wow ich klinge hier wirklich alt) die Hauptrolle. Jetzt wo alle um einen herum heiraten und Kinder kriegen, spiel’ ich dann lieber wieder 16 sein und höre Bands wie Movements, Bring Me The Horizon, Seahaven und Citizen. Mein absolutes Highlight dieses Jahr: Meine allerliebste Band in dem Genre Balance and Composure hat nach 6 Jahren wieder eine Single veröffentlicht. Andere honorable mentions wären hier cleopatrick und Sperling.
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Neben den alten Bekannten aus meiner Hardcore-Zeit hab ich dieses Jahr eine Riesen-Neuentdeckung gemacht. Dank geht raus an Josy. Sehr late to the party, aber veliebt hab ich mich 2023 in Sleep Token. Beschreiben kann ich die Musik sehr schlecht, denn die Band, die völlig anonym auftritt, kombiniert gefühlt jedes erdenkliche Genre so gekonnt miteinander, dass jeder einzelne Song für unendliche Überraschungen sorgt. Man nehme bloß „The Summoning“…mein absoluter Favourite.
Ich weiß noch genau, wie ich reagiert hab, als ich den Song zum ersten Mal gehört hab. Auf Empfehlung einer Freundin hab ich frühs auf dem Weg zur Arbeit im Zug auf Play gedrückt und mich erstmal richtig erschrocken. Auf den Metal-achtigen Start hab ich mich überhaupt nicht vorbereitet. Ich muss sagen, dass ich von den ersten Sekunden etwas abgetan war, den aus der Zeit, wo ich das gehört hab, bin ich schon lange raus. Doch in den 6:35 Minuten wird man auf eine völlig verrückte Reise mitgenommen. Von Metal, zu leisen Klängen, über Rap bis hin zu Erotik – es ist alles dabei. Hört selbst rein!
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Obwohl mein Leben hier in Belgien sich beinahe ausschließlich in Englisch abspielt, bleib’ ich meinem Heimatland musikalisch treu. Meine Lieblingsentdeckung hier war TYM – ein Mix aus Elektro, New Wave, Pop und ordentlich Experimentierfreude. Neben TYM brachten mich auch SERPENTIN, Saiya Tiaw, NILSKEPPEL, SKUPPIN, TEMMIS und GAST an regnerischen Tagen zum Nachdenken (Weiterer Gedanke: Wieso schreiben sich eigentlich so viele New Wave Artists mit Großbuchstaben?)
International konnten distraction4ever, Death Bells, King Krule und The Drums mein New Wave-Herz erobern.
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Aber es war nicht alles so schwer verdaulich… Auch ein paar leichte Klänge haben sich in meiner Listening History zurückgefunden. Ein Wiederholungstäter hat sich dieses Jahr natürlich wieder einen Platz unter meinen Lieblingskünstler:innen gesichert: The amazing GusDapperton. Kleine Empfehlung hier: Wenn ihr die Chance habt ihn und seine Band live zu sehen, kauft euch ein Ticket. Es war eine der most wholesome Shows, die ich dieses Jahr besuchen durfte 🙂
Und eine weitere Neuentdeckung darf hier natürlich auch nicht fehlen: die Girls von TheBeaches. Ich hatte das Glück die Power-Ladies live zu sehen und bei der Souveränität und Coolness prompt den Wunsch gehabt, selbst eine Girlband zu gründen.
Ich bin raus
Und das war’s auch schon! Mit diesem Artikel, mit diesem Jahr und leider auch mit meiner Zeit bei untoldency. Ich möchte mich bei Jule und Anna für die schöne Zeit bedanken und die Möglichkeit, meine chaotischen Gedanken halbwegs verständlich runterzuschreiben und das Wort „melancholisch“ viel zu oft zu tippen. Aber auch für den Mut, dieses Magazin auf die Beine zu stellen und es gemeinsam mit dem tollen Team zu dem gemacht zu haben, was es jetzt ist: ein Safespace für alle Musikliebhaber:innen.
Danke für die schöne Zeit und auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen!
Jetzt bleibt mir noch ein wenig Eigenwerbung für die dazugehörige Playlist zu machen: Hört rein!
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Seit geraumer Zeit hat es mich weg aus Deutschland ins Nachbarland Belgien verschlagen. Das soll jetzt aber kein Ratgeber fürs Leben als Expat werden. Nein, es geht natürlich um Musik. Belgien hat neben den Niederlanden und Luxemburg musikalisch viel Spannendes zu bieten. Wer sich ein Bild machen möchte, dem empfehle ich unsere „indie export – the sound of benelux“ Playlist (die hat übrigens kürzlich ein frisches Update erhalten).
In den kunterbunten Mix leitet einer ein: The Haunted Youth. Seit der Single„Teen Rebel“ und dem im November letzten Jahres erschienen Debütalbum „Dawn Of The Freak“ haben sich Sänger Joachim Liebens zusammen mit seiner Live-Band zu den Indie-Lieblingen schlechthin gemausert. Mit einem Mix aus Shoegaze und Dream Pop schaffen die verträumten Gitarren einen Sound für eine ganze Generation, gezeichnet von tiefer Traurigkeit und unendlicher Freiheit zugleich.
Ich habe mit dem Sänger hinter der gequälten Jugend gesprochen.
The Haunted Youth im Interview
Evelin: Hey Joachim, thanks for joining! First thing’s first: I myself have been living in Belgium for a few years now and heard a lot about you already. But for the people who might not know you: Who are you and how would you describe your music?
Hey! Well I would describe my music as coming from a place that’s internal. It’s very introspective, makes you think but also forget. And I made it in a way to exorcise my own demons, and with that sometimes I exorcise someone else’s demons, at least while the song is playing. That’s how i would love it to be (laughs).
Evelin: In what creative mindset do we find you at the moment?
It’s kind of a trip, sometimes I feel like my life or my music is going nowhere in the studio, and the next day I feel inspired and focused. When it comes to playing shows, that’s always nice, I think it’s being on the road for a while now that makes me face new ways of going about creating music. And sometimes that’s hard, but I love going through it, it always ends up somewhere exciting!
Evelin: Your artist name is very carefully chosen. How much does your youth still affect you to this day? Does it still haunt you?
Well, our youth kinda shapes us in ways, and as we grow older we unconsciously try to make up for things, when this childhood was missing something. In ways, I feel like pursuing this dream was a way for me to be able to unconditionally live as a child, and free something that was imprisoned in me because of my past. While also growing up in other ways, like making a living and sharing a house with my girlfriend.
„There’s always traces that follow you around“
Evelin: Your debut album „Dawn of The Freak“looks back on a very specific time in your life and in previous interviews you almost sound a bit bitter about your past. Can you explain what the album means to you and what state you were in mentally while writing the album?
Well, growing up where I did, in the social environment that I did, I just felt isolated. Like I was different, and something was missing. I found something in skateboarding, I found something in punk rock, and when I really started to discover my own world, it was censored and controlled and judged by the people who should be there for me.
After the divorce of my parents and years of depressing vibes between them, lies they would tell us about each other, to extreme levels, I decided to not see them anymore as soon as I had the chance. So I tried to fight things I felt about it in songs and that became the album. Because even though I left and my worst days seem to be behind me, there’s always traces that follow you around, and haunt you.
I was sick of feeling like shit because of this and decided music was always my best way to fight it, besides skateboarding, or smoking weed, doing drugs, etc. I wanted to also give back this message to the community like: „Hey this music has been there for me. I made something in return, which I hope will do the same for someone out there.“
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Evelin: The main messages in your album revolve around the struggle of finding your place in life. Do you think you found that now? If so, what does that look like for you?
I feel like I found at least a big picture of it (laughs). I’m pretty happy with my life now. I seem to have it pretty much under control, it just seems to flow, you know. A lot of old passions came back on me, like I just started skating again, and that feeling combined with being on the road with the band.
They’re my carefully chosen family of freaks and my queen freak, Ammu. She’s my girl and I’m so in love with her. We really come from the same place traumatically speaking, even though she has her own story, but we bond on that deeply. We both make music together, like really hardcore punk shit, you know.
And I don’t know, things just feel like they fell into place by making this album and everything that came along with it. And there’s been a lot of struggles to get here, but it makes me enjoy it more as it’s happening.
Evelin: Your upbringing is characterized with contrasts, and it shows in your music. Whereas the melodies are often quite soft and dreamy, the lyrics can get rather dark. What do you hope to evoke in people with that?
I’m not trying to evoke anything in anyone. I follow what evokes something in me, and weirdly, that’s how I end up making other people feel things with music. By first chasing that feeling for myself, and have me be the judge. Because I am the hardest to please, other people might like something I might not feel. So why do that. I think great music first needs to be therapy for the writer in order to become therapy for anybody else in such a profound way. Not always though, but mostly.
„Just go until the gas runs out“
Evelin: You write and produce your music basically all on your own and sort of thrive in isolation. Now you released a song together with one of your bandmate’s projects King Victor. How did that more collaborative process work out for you?
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Well, Tommy (Tom, Teil von King Victor und Gitarrist bei The Haunted Youth) is the only one I share a certain musical connection with. The therapy part, and the way this therapy sounds to us, is something very particular. I think this kind of connection is really rare, but that’s why he got in the band in the first place.
And one day he had this song, and sent me the demo, and I hated his vocals on it, but loved the song and proposed to sing on it. I still did it alone, 4 am, high as fuck, and a little depressed. I did a few takes, and sent it to him. He loved it and we decided to go with it.
Our label manager later decided to make it a collaboration thing with the feature, so his song would get the attention it deserved. We later ended up putting it in this year’s live set.
Evelin: You released your debut album last year in November, after touring and the upcoming festival summer. What is next for The Haunted Youth?
Just feeling the vibe, riding the waves and rocking in the free world, making lots more music, just go until the gas runs out, and we run out!
Evelin: At the end of each interview, we always ask for an untold story. This could be a random fact about you, an anecdote, something funny that happened during recording, touring etc. Anything that you haven’t shared with the world yet, but want to now. 😊
Well, me and my girl have a dog, a Tervuren shepherd. She’s called Kensy, and she’s our little wolf. Every so often we sit with her and we howl together, as a wolfpack. It’s said to strengthen the bond between you and the dog. It’s as if we’re singing a song together! (laughs)
The Haunted Youth auf Tour
Wer sich genauso wie Joachim von Traumata und Sorgen mithilfe der Musik loslösen möchte, dem spreche ich eine warme Empfehlung für das Debütalbum „Dawn Of The Freak“ aus.
Nach bereits vergangenen Shows und Festivals um und in Deutschland gehen The Haunted Youth außerdem im November wieder auf Tour. Unter anderem in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Heißt, ihr könnt euch auch noch von euren Dämonen frei tanzen. Holt euch hier eure Tickets!
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Wer meinen Jahresrückblick gelesen hat, weiß wie sehr ich AB Syndrom in mein Herz geschlossen hab.
Polarisierend und gleichzeitig so nahbar machen sich die beiden auf ihrem neusten Album „Tut mir gut Tut mir leid“ buchstäblich nackig. So brutal selbstreflektierend katapultieren die beiden mich mit ihrer auf den Punkt gebrachten musikalischen Umsetzung direkt in ihre Gedankenwelt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die beiden auch nächstes Jahr mein Spotify Wrapped anführen werden, denn der Bass dröhnt sowohl in meinen Kopfhörern als auch aus meinem Plattenspieler immer noch non-stop.
Es war mir eine riesen Freude mit den lieben Jungs über ihre anstehenden Konzerte diese Woche (hier gibts noch Tickets!), ihren Musikschaffensprozess, Süchte und zwischenmenschliche Beziehungen zu sprechen.
AB Syndrom im Interview
Anton: So jetzt müssen wir nur unser Video anmachen hier. Wo ist der Knopf? Höre ich schon was?
Anton und Bennet: Hallo, Evelin!
Evelin: Hallo!
Bennet: Wir haben übrigens Antons gute Tageslichtlampe hier hingestellt.
*Überspringen wir hier kleinen Schwenker über meine aktuell nicht vorhandenen Lichtquellen in meiner Wohnung*
Evelin: Jetzt erstmal herzlich willkommen. Wie war eure Woche so bisher? Wie geht es euch?
Bennet: Voll gut! Die Woche war eigentlich ziemlich cool, weil wir noch spontan einen Radioauftritt bei Radio 1 reingekriegt haben, den wir heute noch machen. Und wir sind am Vorbereiten auf die Nachholtermine. Das ist jetzt quasi unser Probekonzert bei Radio 1 (beide lachen).
Anton: Das Livekonzert im Radio ist unser Probekonzert für die eigene Show am nächsten Tag. Aber war ganz schön, weil als die Tour eigentlich im November stattfinden sollte, war alles relativ gedrängt. Weil wir noch unsere eigene Licht-Show aufgebaut haben, alles gemappt und so. Man kriegt alles gerade so fertig und jetzt war es ganz schön, weil wir jetzt noch mehr Zeit gehabt haben um an ein paar Sachen zu feilen.
Bennet: Eigentlich noch ein bisschen zu proben (lacht).
„Das war schon ein ziemliches Desaster“
Evelin: Ich war ja auch bei dem Tour-Start in Köln dabei und ich fand die Show total toll und war richtig begeistert. Und umso mehr leid tat es mir dann, dass Bennets Gesundheit für die Shows danach einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Wie war das Ganze so für euch, als ihr die Termine absagen und Nachholtermine finden musste?
Anton: Das war schon ein ziemliches Desaster. Im Nachhinein sind das so lustige psychologische Dinge, die da ablaufen. Ich weiß noch genau wie wir am Morgen nach Köln, wo wir dann eigentlich in Bochum am gleichen Tag spielen sollten, aufgestanden sind. Bennet hatte so offensichtlich überhaupt gar keine Stimme zum Sprechen. Aber wir waren trotzdem noch so: „Lass mal gucken, wie es so läuft“.
Bennet: Bis dahin ist sie bestimmt wieder da (beide lachen).
Anton: Irgendwann musste man sich der Realität beugen und sagen: „Okay, wir können das Konzert nicht spielen.“ Wenn du dann auf den Morgen zurückschaust und denkst: „In welchem Mindset warst du, wenn du glaubst, dass du morgens aufsteht und es ist keine Stimme zum Sprechen da?“. Die Sachen sind sehr schwierig zu singen, laut und hoch und pipapo. Wie man geglaubt hat, dass es eventuell noch funktionieren könnte. Wie man so Stück für Stück erst realisiert, dass es wirklich nicht gehen wird. Das fand ich irgendwie interessant.
Bennet: Voll und so hat es sich ja auch weitergezogen von Tag zu Tag. Wir haben immer gesagt: „Das passt und übermorgen ist sie wieder da, das geht, das können wir machen.“ Und dann haben wir immer am Tag des Gigs erst richtig abgesagt. War krass, dass alle das so mitgemacht haben, unsere Booking Agentur und die Clubs. Die sind irgendwie gerade sehr darauf ausgerichtet, flexibel Sachen rumzushiften.
Anton: Ja, und auch den Gig, den wir dann für die anderthalb Wochen später in München verschoben haben. Ich glaube, der war auch irgendwie vorher frei geworden von Leuten, die da was weggeschoben haben.
Bennet: Ja, ich glaube auch, die konnten Sachen einfach machen, weil andere Bands auch verschieben mussten. Bei dem Club in München, da sollten wir in der Woche spielen, Mele und Trille. Beides Leute, die wir persönlich kennen, die alle in dem gleichen Club spielen sollten innerhalb von diesem ganz kurzen Zeitraum und keiner hat da gespielt.
Anton: Alle mussten krankheitsbedingt absagen, alle wegen der gleichen Sachen.
Evelin: Aber mega gut, dass ihr das so schnell organisiert bekommen habt!
Anton: Ja, das war gut, dass wir so schnell neue Termine gefunden haben. Aber ich glaube, die Venues sind diese Konzertverschiebungen jetzt alle gewöhnt sind, und dass wir halt auch nur drei Leute sind. Bei uns ist es noch relativ leicht. Wenn du mit einer zehnköpfigen Crew unterwegs bist und alle müssen dabei sein. Na, dann funktioniert das nicht, irgendwelche Sachen auf vier Wochen später zu verschieben.
Bennet: Aber bei solchen Crews hast du dann eher die Möglichkeit, jemanden zu ersetzen. Und bei jedem, der bei uns ausfällt, ist das so ein Riesending.
Anton: Von den drei Leuten kann man jetzt nicht nur einen ersetzen. Das stimmt, das funktioniert nicht.
Bennet: Aber zum Beispiel Basti, unser Support, ist dann noch ein bisschen länger krank geblieben und konnte bei den zwei Shows, die wir dann noch gemacht haben auch nicht dabei sein. Das war auch natürlich schade.
Anton: Aber der ist ab jetzt ab wieder dabei!
„Wir müssen wirklich alles immer sehr verinnerlichen“
Evelin: Mega, in voller Besatzung also! Ich finde, man merkt richtig krass, – besonders weil ihr so eine kleine Besetzung habt – wie viel Arbeit ihr in die Shows steckt. Was sind Herausforderungen, auf die ihr live tretet?
Anton: Die größte Herausforderung ist, dass es ja elektronische Musik ist, die wir machen: sehr viele Synthesizer, elektronische Sounds und Samples usw. Und dass wir uns aber trotzdem den Anspruch gesetzt haben, das alles live zu spielen. Das heißt, alle Sounds, die man hört, die werden auch von uns abgefeuert und es gibt keinen Backing Track. Wenn man das zu zweit versucht umzusetzen, heißt das, damit wir neue Songs auf der Bühne spielen können, wir jedes Mal gucken müssen, wie wir das auf die verschiedenen Pads, die ich dort habe, legen können. Was können wir mit was zusammenspielen und wie können wir das runter kondensieren, dass wir das noch genauso live spielen können? Das ist, glaube ich, für mich die große Herausforderung.
Bennet: Ja stimmt, das ist auch vor allem bei dir natürlich. Ich schieb immer mehr Sachen zu Anton rüber, was eigentlich ganz gut ist für mich, damit ich mich mehr aufs Singen konzentrieren kann. Aber er hat wirklich viel zu tun. Also manchmal macht ein Pad ein Sample, es verstimmt aber auch noch gleichzeitig die Bassdrum, macht einen Hall an und jetzt auch noch das Licht dann hinten auf Rot. Das muss dann halt auch im richtigen Moment gehauen werden. Ja, es ist schon sehr ausgefummelt.
Anton: Ja, und das funktioniert bei mir eigentlich auch nur, weil die Sachen so richtig in mein Unterbewusstsein absinken müssen, damit ich dann zusätzlich noch Backing Vocals machen kann. Sonst funktioniert das nicht. Das heißt, neue Songs bei uns zu arrangieren ist meistens eine ziemlich langwierige Geschichte.
Bennet: Ja, und wir müssen es wirklich auch alles immer sehr verinnerlichen, wie du sagst. Es gibt, glaube ich, Leute, die Sachen ein bisschen mehr aus dem Ärmel schütteln können, weil es ähnliche Sachen sind. Aber bei uns sind die Beats immer was ganz anderes, da musst du ganz andere Abläufe reintun. Aber vor allem vielen Dank für die Frage. Das ist schön, dass du das so wahrgenommen hast.
„Dass Leute für uns da sind, das kennen wir eigentlich noch gar nicht so richtig“
Evelin: Ich fand es auch total schockierend, als ihr meinte, dass es eure erste richtige Tour ist.
Anton: Naja, erste Tour ist auch relativ zu sehen.
Bennet: Bisschen misleading haha.
Anton: Unsere erste eigene Headliner-Tour in Deutschland, dann stimmt es 100 %.
Bennet: Support Touren haben wir quasi schon gemacht. Das ist wirklich was anderes finde ich. Und dann haben wir diese Tour in Südostasien gemacht. Die war auch wirklich was ganz anderes. Aber bei allen Sachen kriegt man stellenweise eine Routine rein.
Anton: Aber den Aspekt, den man nicht hat, den wir jetzt bei einer Solo-Tour natürlich haben, ist diese ganze Verantwortung, dass das unsere Konzerte sind. Dass wir dafür verantwortlich sind, dass genügend Leute kommen, dass es an dem Abend läuft, dass wir am Ende auch den Merch verkaufen (lacht). Das Einzige, was fehlt, ist eigentlich, dass wir den Leuten Getränke zu bereiten. Das ist die einzige Verantwortung, die wir an dem Abend (in Köln) nicht übernommen haben.
Bennet: Ey, ganz ehrlich, ich habe mich so gefreut, als wir in Köln waren und dann habe ich gesagt: „Oh geil, da ist ja jetzt jemand, der die Tickets abreißt. Voll gut, dass die daran gedacht haben.“
Evelin: Sonst hättet ihr das auch gemacht (alle lachen).
Bennet: Das war jetzt schon auch das erste Mal für uns, dass wir den Teil daran so komplett auskosten konnten, der so rewarding ist auch beim Konzert. Dass Leute für uns da sind, das kennen wir eigentlich noch gar nicht so richtig. Und das war teilweise wirklich echt überwältigend, dass die Leute die Sachen mitsingen konnten.
Anton: Ja, erstaunlich textsicher. Das war von mir auch nicht so erwartet. Aber krass.
„Ich mache das nie wieder“
Evelin: Voll schön! Ihr habt das vorhin schon angesprochen. Aber ihr macht ja irgendwie alles mehr oder weniger selbst. Von Videoschnitt, Grafik, Merch verkaufen, etc. Woher kommt das und was gibt euch das?
Anton: Es stimmt so, wir machen alles selber. Aber es ist nicht das gleiche, wie wir machen alles alleine. Es gibt natürlich Leute, mit denen wir viel zusammenarbeiten, zum Beispiel Anne, mit der wir ganz viel zusammenarbeiten für die ganzen Fotos. Oder auch bei den Videos, die wir gemacht haben, wirklich teilweise große Crews aus unserem Zirkel sind, die bei den Videos mithelfen. Wir drehen natürlich keines dieser Videos zu zweit, sondern es sind immer viele Leute aus dem Netzwerk, das wir aufgebaut haben, am Start.
Bennet: Also ich glaube, für uns ist es, wie das Songschreiben auch ein Teil der Kunst und so ein therapeutischer Prozess. Ich merke das auch bei den Videos, so: „Ah ja, eigentlich habe ich das auch noch ein bisschen gebraucht, um zu raffen, worum es im Song geht“. Trotzdem denke ich manchmal, das ist dann so viel, was man sich auferlegt und gerade in dieser ganzen Releasephase. Dann haben wir am Freitag den Release, es muss alles aber noch gegradet werden, der der Schnitt muss noch fertig gemacht werden, dann in After Effects die ganzen Seile rausretuschiert und dann spitzt sich das alles so zu, dass man irgendwann denkt: „Okay, ich mache das nie wieder. Das kann jemand anders machen.“ Aber ja, ist auch trotzdem irgendwie wichtig für uns oder dieses Videoding nochmal ein bisschen mehr wichtig für mich eigentlich.
Anton: Ich bin immer der, der versucht zu sagen: „Können wir nicht ein bisschen weniger aufwendiges Video machen?“ Und er sagt „Ach ja, das geht ganz schnell…“
Bennet: Es nervt ihn richtig (lacht).
Anton: „… wir müssen nur kurz die Seile hier rausretuschieren und am Ende sitzen da 10 Leute die ganzen Nächte, nicht 10, aber fünf Leute daran, diese Seile rauszuretuschieren.
Bennet: Zu acht waren wir glaub ich.
Anton: Na dann wars ja gar nicht übertrieben. Also ich reg mich auch deswegen auf, weil ich natürlich nicht geholfen habe, irgendwelche Seile rauszuretuschieren, weil ich kann mit After Effects nicht umgehen. Was soll ich machen? (lacht)
Bennet: Aber das ist natürlich auch so ein bisschen das Ding. Es geht, weil wir in diesem Raum hier irgendwie unterwegs sind, dass wir ein paar Leute kennengelernt haben, die Filme machen. Und es sind auch Freunde von uns. Sonst wird es auch nicht gehen.
Evelin: Sonst müsste Anton After Effects lernen.
Anton: Wo ichs gesagt habe, habe ich gerade drüber nachgedacht, dass ich natürlich schon mal für so ein Video von uns Sachen gemacht habe. Da hab ich was animiert.
„Es ist ein sehr unterbewusster Prozess“
Evelin: Um so ein bisschen mehr aufs Album zu sprechen zu kommen: Es ist ja jetzt seit gut drei Monaten draußen und bei mir auf jeden Fall noch immer in Dauerschleife. Was macht die Veröffentlichung von diesem Album so besonders?
Bennet: Das habe ich jetzt gemerkt bei dem Album. Ich finde, dass sich wirklich jedes Album immer anfühlt wie so ein ganz neues Ding. Ich habe nie das Gefühl: „Ah okay, jetzt passiert das, jetzt passiert das, …“ Und wir haben diese Abläufe und spulen die ab, sondern es ist immer anders. Und es ist mir jetzt erst klar geworden, dass das eigentlich auch ganz schön crazy ist und irgendwie auch Teil des Hustles ausmacht. Aber ja, was jetzt eigentlich gar nicht so interessant für euch ist, wahrscheinlich nur für mich (lacht).
Evelin: Passiert das unbewusst oder setzt ihr euch dahin: „Okay, mit diesem Album, machen wir was anderes“?
Anton: Das wollt ich auch gerade schon sagen. Ich glaube, dazu ist wichtig zu verstehen, wie bei uns überhaupt der Songschreib-Prozess funktioniert und wie sich die Themen zu den Songs überhaupt entwickeln. Es ist schon ein sehr unterbewusster Prozess. Wirklich interessant finde ich, dass wie die Songs entstehen und wenn Bennet dazu die Texte schreibt und sich Stück für Stück so ein Song herauskristallisiert, dass wir uns oftmals zusammen den Song anhören und man gemeinsam im Prinzip entdeckt, worum es in dem Song eigentlich geht.
„Man erkennt gemeinsam, worum es in dem Song eigentlich geht.“
Es gibt nie oder fast nie, einen Plan dazu, einen Song zu schreiben. Sondern ein Song entsteht irgendwie und man muss auch selber dechiffrieren, worum es in dem Song eigentlich geht und was das eigentliche Thema des Songs ist, welche unterbewussten Prozesse sich da an die Oberfläche geboxt haben. Und das Album ist quasi die Kollektion der unterbewussten Prozesse der letzten zwei Jahre. Dementsprechend ist das, was uns oder was die Texte angeht natürlich vor allem Bennet jetzt in dem Moment am nächsten ist, weil da sind die aktuellen Themen drauf. Über unseren Prozess, ist ein neues Album immer das, was am krassesten ist, weil es das ist, was an der jetzigen Version von dir selbst oder von uns am nächsten dran ist.
„Mit dem großen Plan der Außenwirkung sind die Songs nicht geschrieben“
Evelin: Weil das Album ja so persönlich ist, was erhofft ihr euch, was eure Hörer*innen daraus mitnehmen?
Bennet: Diese Gedanken gibt es immer beim Songschreiben nicht so richtig. Ich lass da Sachen raus und ich finds dann immer total verrückt zu sehen, dass Leute auch mit diesen Sachen, die quasi ganz persönliche, ganz private Geschichten von mir sind, bei denen ich manchmal das Gefühl habe, damit kann eigentlich kein Mensch außer mir was anfangen, connecten und daraus Sachen für sich ziehen. Dass das funktioniert, finde ich einfach schon total den Mind Fuck.
Anton: Ich finde es echt krass, was uns da für persönliche Geschichten von Leuten erreichen. Was diese Songs mit denen gemacht haben. Was war nochmal dieses Beispiel mit „Tut mir gut, tut mir leid“ und den Geschwistern? Ich versuche, mich zu erinnern.
Bennet: Achso ja, stimmt! Da hat sich die eine Person immer so ein bisschen im Zugzwang gefühlt, zu antworten. Dieses ganze Kommunikationsthema, das dann über den Song ziemlich auf den Punkt gebracht worden ist, anscheinend.
Anton: Und dann hat es da auch geholfen, das zu artikulieren und diesen Konflikt ein bisschen aufzulösen. Wenn ichs richtig in Erinnerung habe, ist schon ein bisschen her. Aber das zeigt, dass obwohl die Songs so ultra persönlich sind und eigentlich die ganz persönlichen Geschichten von Bennet, dass es offensichtlich genug Leute gibt, die damit connecten können. Entweder dadurch, dass sie vielleicht doch nicht so explizit sind und ein bisschen Interpretationsspielraum lassen. Oder einfach auch, weil natürlich viele Leute trotzdem selbst was Ähnliches erleben.
Bennet: Ja, voll! Ich denk dann da auch ja immer nicht so richtig dran. Aber es gibt natürlich immer viele Leute, die ähnliche Sachen erleben wie man selbst. Nur checkt man es halt nicht. Es gibt diesen einen Song, „33 Prozent“ über meine Kopfverletzung. Das war wirklich sehr, sehr knapp war und sehr so mit Leben und Tod, alles ziemlich haarscharf. Eigentlich haben so gut wie alle Menschen so eine Situation erlebt in ihrem nahen Umkreis. Und das habe ich echt einfach nicht auf dem Schirm. Da haben sich ganz viele Leute dazu gemeldet, dass es was mit denen gemacht hat und so was ist krass. Das haben wir uns aber nie erhofft vorher.
Anton: Genau mit dem großen Plan der Außenwirkung sind die Dinger nicht geschrieben, sondern halt immer irgendwie Sachen rauslassen.
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„Das ist alles mein Shit, den ich rauslasse und das tut mir gut“
Evelin: Aber ist ja schön, wenn man selbst in seiner Blase lebt. Aber dann doch sieht, dass wir alle ziemlich gleich sind. Ihr – oder Bennet eher spricht sehr selbst-reflektierende Themen an, die vielleicht etwas unkonventionell sind oder worüber viele sich nicht trauen, zu sprechen. Kostet sowas Überwindung? Oder ist das wirklich so eine Art Stream of Consciousness und denkst du gar nicht darüber nach, dass so viele Leute das zu hören?
Bennet: Ja, es ist so, wie du es sagst (lacht). Ich mache mir keine Gedanken darüber beim Schreiben. Und das ist auch dann das, was ein bisschen einholt beim Release-Prozess oder wenn ich die Sachen dann jemandem zeige. Dann merke ich irgendwann: „Ah ja, krass“. Vielleicht auch dann manchmal ein bisschen unangenehm. Aber es ist für mich auch die einzige Art, das zu machen. Deswegen werde ich es auch nicht ändern, also kann ich es nicht ändern. Das ist eigentlich auch, was der Album-Titel sagt. Das ist alles mein Shit, den ich rauslasse und das tut mir gut, das zu machen. Aber es tut mir auch leid, wenn manchmal Leute dann da drin vorkommen oder damit dealen müssen. Und die können vielleicht keinen Song da drüber schreiben oder die werden nicht so richtig gefragt.
Anton: Genau die müssten jetzt alles schlucken. Deine Eltern können zu „33 Prozent“ keinen Response-Song schreiben, um das alles wieder loszuwerden.
Bennet: Weiß auch gar nicht, ob die da so ein Bedürfnisse haben.
Anton: Ja, aber zum Beispiel bei dem Song ist es wahrscheinlich wirklich krass für die Leute, den zu hören und um die es persönlich geht. Also zumindest war das mein Eindruck.
„Aus Angst, süchtig zu werden“
Evelin: Und gibt es einen Song, neben „33 Prozent“ der euch beiden besonders am Herzen liegt?
Bennet: Ich find eigentlich „Overdose“ einen, der mir besonders am Herzen liegt, weil es um Sucht geht. Und das war wirklich ein Thema, bei dem ich gedacht habe, darüber würde ich wirklich gerne mal schreiben. Weil ich selber ein bisschen aus Angst, süchtig zu werden, ziemlich abstinent lebe und gar keine Drogen konsumiere usw. Deswegen wars auch sehr wichtig für mich, das mal zu beschreiben. Und dann auch in Korrelation zu „Adrenalin“, der so ein bisschen meine Online Sexsucht behandelt hat. Also weil ich glaube, dass ich aus Angst, schnell süchtig, abhängig zu sein, diese Sachen gar nicht erst anfange. Und ich habe das Gefühl, dass ich durch diese Online Sexsucht, die ich hatte, einen Beweis habe, dass ich dafür anfällig bin. Und das sind immer Themen, die bei mir auftauchen, weil alle Leute fragen einen immer: „Warum trinkst du nix? Oder warum rauchst du nicht und nimmst keine Drogen usw.“
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Evelin: Aber woher kommt die Angst davor, süchtig zu werden? Gab es da einen bestimmten Auslöser?
Bennet: Ja, das war sozusagen so ein bisschen mit der Online-Sex-Sucht und worum es in „Adrenalin“ geht. Das ist auch, glaube ich, ziemlich kryptisch in „Adrenalin“. Das sind Sachen, die unangenehm sind, darüber zu sprechen. Aber ich hatte da so eine Phase, wo ich auf Chat Roulette rumgecreept bin und probiert hab, mit irgendwelchen Leuten Online-Sex zu haben und davon echt nicht so richtig weggekommen bin. Es hat mich so richtig eingesaugt. Ich glaube, das hat auch so ein bisschen zu tun mit diesen Glücksspiel-Mechanismen, dass du immer weiterklickst, und weißt, das gibt es so eine Art Zufallsprinzip. Und ja, da seh ich tatsächlich so einen Zusammenhang, der sich über das Album da rausgeschält hat.
Evelin: Hilft dir das dann bei solchen Themen das durch das Schreiben zu verarbeiten und die Musik als Therapie zu nutzen? Merkst du davon Effekte, wenn du dir das so quasi von der Last schreibst?
Bennet: Ja, voll. Ich habe darüber auch noch nie mit irgendjemandem geredet. Und das war einfach irgendwann angenehm, Sachen immer so nicht alleine mit sich rumtragen zu müssen. Und wenn Leute davon wissen, dann ist das zwar unangenehm, aber auch ein bisschen ein reinigender Prozess. Es ist ja auch letztendlich nicht so schlimm, diese Sucht ist ja jetzt nicht so furchtbar. Du gehst ja daran nicht zugrunde. Aber ich will auch meine Zeit damit nicht verlieren und wenn du das dann so preisgegeben hast, ist das schon hilfreich.
„Aber das ist ja totaler Quatsch“
Evelin: Um noch mal zu einem anderen Song zu kommen. Worum geht es in „Guck ich dich immer an“ und was war die Idee hinter dem Musikvideo? Das sah nach sehr viel Spaß aus.
Bennet: Witzig, gute Frage! Wir werden eigentlich voll selten zu den Musikvideos gefragt, obwohl wir ganz viele machen (lacht).
Anton: Stimmt!
Bennet: Die Idee war, eine Beziehung darzustellen und dass es einen Song gibt, der die verschiedenen Stadien oder Erinnerungen an die Beziehung wieder hervorruft. Und das war die Idee, dass wir eine Beziehung darstellen und verschiedene Szenen daraus, an die sich dann jeweils erinnert wird.
Anton: So gibt es eben verschiedenen Parts für die verschiedenen Phasen der Beziehung.
Bennet: Und dann bei „Bei der einen Stelle im Song“ wird es dann immer emotional und das ist das, was der Song erzählt. Auch lustig, weil so verstehen wir es halt, aber manchmal ist es glaube ich, gar nicht so offensichtlich. Für mich ist es einfach so: „Okay, wir haben halt das gemacht, was der Song sagt.“ Aber das ist ja totaler Quatsch. Du kannst es natürlich nicht so sehen, wenn man nicht so den Einblick in unsere Köpfe hat. Und das war aber wirklich ein sehr, sehr lustiger Dreh, aber auch echt anstrengend. Wir mussten alles relativ kurzfristig machen, mal wieder.
Anton: Und die kompletten Pläne geändert ein paar Tage vorher.
Bennet: Ja, wir wollten eigentlich auch Darstellende dafür bekommen.
Anton: Und dann keine gefunden und mussten es selber machen (beide lachen).
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Evelin: Dann komme jetzt schon zu meiner letzten Frage, weil ich sehe, dass mein Gratis Zoom Abo die Zeit schon runterzählt. Unsere altbewährte Abschlussfrage: Habt ihr eine untold story für mich?
Bennet: Oh, Moment.
Evelin: Ja, so on the spot manchmal ein bisschen schwierig.
Bennet: Ja, eigentlich gut, man hätte so was einfach parat. Wir hatten das einmal, dass uns dieser Stein durchs Dachfenster geflogen ist. Das haben wir aber bestimmt einmal irgendwo erzählt.
Anton: Nee, das glaub ich nicht. Das ist schon sehr, sehr lange her. Wir sind von einem Gig nach Hause gefahren, aus Mannheim oder so zurück nach Berlin. Da waren wir noch zu viert und auf der Autobahn und auf einmal *insert Sound-Effects* zerplatzt das Dachfenster.
Bennet: Ja, so ein kleines Schiebeding. Das war auch nur so ein kleiner PKW, in dem wir gefahren sind und da gab es so ein Dach. Und ich habe das wirklich bis jetzt noch vor Augen, wie das aussieht. Mein Bruder war noch in der Band. Ich glaube, ihr saßt vorne und ich war hinten. Und ich habe auf einmal gesehen von hinten, wie die beiden (Anton und Aljoscha) vorne sitzen und von oben kommt es so runter (gestikuliert wild).
Manchmal macht es die Wahrnehmung ja so, dass sich alles in Slow-Mo abspielt und sich die Bilder auch so reinfressen. Das sah aus wie Wasser und das ist in tausend Teile zersplittert. Ein Glück ist Aljoscha einfach weiter gefahren, aber hat total den Schock bekommen. Dann sind wir raus und wir haben es auch überhaupt nicht verstanden. Du hattest da drin keinen Stein oder so, das war kein crazy Gewitter oder Hagel, es gab nichts. Keiner ist vor uns gefahren und es gab keine Brücke.
Anton: Was hat die Polizei gesagt? Es war wahrscheinlich irgendein Ast.
Bennet: Es war mit Sicherheit einfach…ne Art Bestimmung.
Anton: Wir mussten rausfahren, dass irgendwas anderes nicht passiert wäre.
Bennet: Wahrscheinlich.
Anton: Auf der Autobahn zu fahren ist natürlich schon ein großer Anteil des Alltages, wenn man auf Tour ist, ne? Wir haben einige krasse Sachen erlebt. Zum Beispiel auch, wo wir 6 Stunden lang auf dieser Vollsperrung mit Eis und Schnee festsaßen und dann eingeschlafen und wieder aufgemacht sind und wir standen immer noch in der Vollsperrung (beide lachen). Na ja, also so ist es. Das sind so unsere Geschichten.
Evelin: Gute Geschichten auf jeden Fall. Ich bin froh, dass niemandem was passiert ist.
Bennet: Aber ja, wir brainstormen da nochmal. Wenn uns noch was einfällt, schreiben wir dir nochmal.
Evelin: Ja genau, kleiner Nachtrag von der Redaktion. Habt ihr noch irgendwas, was ihr loswerden möchtet zum Schluss?
Anton: Wir laden alle Leute herzlich zu den verbleibenden Shows der Tour zu kommen. Weil es das für uns das Album komplettiert. Das bringt diesen Zyklus erst zu Ende und wir freuen uns über alle, die nach Bochum, Oldenburg und Hamburg kommen. Natürlich auch Berlin, aber da gibt es keine Karten mehr (lacht).
Evelin: Dann danke für das tolle Gespräch und viel Spaß bei den Shows und ich freu mich ungemein, was noch alles von euch kommt.
Anton: Danke dir für das nette Interview!
Bennet: Vielen Dank! War voll schön, dich wiederzusehen.
Gehen Sie auf die Tour, sie ist sehr gut
Dann bleibt mir auch nur noch zu sagen, besucht auf jeden Fall eine der anstehenden Show, denn es ist es wirklich mehr als wert! Die beiden machen das mit so viel Fleiß und Liebe und das Ergebnis überzeugt von hinten bis vorne! Unten könnt ihr schon mal eure Textsicherheit für die neuen Songs trainieren 😉
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Szene: Ich sitze im Zug Richtung Paris und habe Schwierigkeiten mich zu konzentrieren, denn genug Schlaf habe ich diese Woche mal wieder nicht bekommen. Dieses Setting beschreibt mein 2022 eigentlich ganz gut. Es war geprägt von ständigem Hin und Her, Chaos und Rastlosigkeit, größtenteils aber im positiven Sinne.
Queue das erste Quartal des Jahres: Stuck in einem unfassbar langweiligen und null erfüllenden Job hat mir das Universum eine Hand raus aus meiner Apathie gereicht. Fast forward zu heute: Ein halbes Jahr später hab ich zwar weniger Zeit, insbesondere für unser nicht mehr so kleines Musikmagazin (gerade durch meine Artikel geblättert, musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass ich seit Juli nichts mehr geschrieben hab), dafür ist meine zweite Leidenschaft Teil meines Berufs geworden: das Reisen.
Willkommenes Durcheinander
Diese Woche kommerzielle Weihnachtsluft in Paris schnuppern und nächste Woche wahres Wintermärchen in Lappland erleben. Und so unterschiedlich und chaotisch war meine diesjährige musikalische Reise: Von unerschlossenen Gebieten zurück zu Orten, die sich schon fast wie Heimat anfühlen.
Ich muss ehrlich sagen, der Speicherplatz in meinem Gedächtnis wird immer noch nicht optimal genutzt und deshalb fällt es mir unglaublich schwer, mich an die erste Hälfte des Jahres zu erinnern. Vielleicht liegt das auch daran, dass mir mein Handy in dem Zeitraum gestohlen wurde und ich ohne meine Fotogalerie nichts in meinem Kopf behalten kann. Deshalb starten wir irgendwo bei 35 Grad plus in einer Wohnung ohne Klimaanlage.
I was wrong I admit it
Hier beginnt meine kleine Liebesaffäre, die sich mittlerweile in eine mehr oder wenige stabile Beziehung entwickelt hat. So einige, die mich kennen, werden sich denken, ich befinde mich in einer Quarter-Life-Crisis. Denn ich war mit die Erste, die Menschen, die Elektro feiern und auf Raves gehen, eher mit Unverständnis begegnet ist.
Gut, letzteres ist immer noch nichts für mich und von wirklich hartem Elektro oder Techno werde ich mich auch in Zukunft erstmal fernhalten. Aber so einiger Elektro und House hat mich dann doch rumgekriegt. Und verantwortlich dafür ist genau eine Person.
Die einstige Neugierde hat sich innerhalb von nur 20 Min. seines Sets auf einem Festival zu einer Obsession à la 2014 Tumblr-Ära gemausert (dazu auch später noch mehr). Man wird es sich wahrscheinlich schon denken können, aber es handelt sich um Fred Again..
Ich kann nicht genau beschreiben, was seine Musik mit mir macht, aber sie katapultiert mich in eine Ecke meines Gehirns, wo ich nur die Sounds des Launchpads hör und nichts anderes mehr wichtig ist. Melancholie mit Elektro, House und Pop gepaart ergibt eine Mischung, die so einzigartig ist, bei der ich ohne Bedenken sagen kann, dass das Ergebnis mich für immer begleiten wird.
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Andere wundervolle Artists in dieser Sparte, die mich ähnlich begeistert haben, sind: Saint Jude, Godford, 49th & Main, PaulWetz, TSHA und ein kleines Easter Egg, was ich diese Woche erst entdeckt hab, mich aber sofort umgehauen hat: Skin Care von Search Yiu (dieses Intro schon uff).
Kurzer Liebesbrief an AB Syndrom
Das Theme meiner Musik-Historie 2022 ist der Sprung in experimentellere und das Sehnen nach familiären Sounds. Und das vereinen die Jungs von AB Syndromfür mich: Meine altbewährte Liebe für deutschen Indie und meine neue Leidenschaft für mehr elektronische Klänge. Ach, wie ich mich gefreut habe, auf dem Tour-Start in Köln dabeizusein.
Public Service Announcement: Ich würde euch allen dringlichst anraten, einen der Termine im Januar zu besuchen. Neben der Tatsache, dass die Musik einfach Extraklasse ist, merkt man wie viel Herzblut, Leidenschaft und Arbeit in diese Shows fließt. Ich war völlig aus den Socken, so wie der Rest des Publikums und den Erfolg verdienen die zwei allemal. Die Tour wurde übrigens auch von uns präsentiert und in ein paar Wochen könnt ihr euch auf ein Interview mit den zwei und mir freuen.
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Ich hatte ja ganz nebenbei erwähnt, dass Fred Again.. sich in meine Kult-Artists eingereiht hat und diese Leidenschaft der von 2014 ähnelt. (Ich weine innerlich immer noch, weil ich es nicht zum Konzert in Brüssel geschafft hab, naja).
Jedenfalls reiht sich der werte Herr zu Favourites der geschädigten Jugend wie The 1975, Arctic Monkeys, The NBHD, Lorde, MARINA, Florence and so on ein. Dazu zähle ich auch mich. Und wie einige andere aus dem Team und meiner TikTok-Bubble, habe ich mich auch dabei erwischt, wie ich „tumblr era“, „tumblr phase“ und „tumblr 2014“ in die Spotify Suche eingegeben hat. Und fix begann das Suhlen in Selbstmitleid wieder. Nein, Spaß. Eigentlich war es mega schön, ein wenig in Nostalgie zu versinken. Und dieser Sound lebt seitdem auch mietfrei in meinem Ohr:
Und so schließe ich also gähnend meinen Laptop sowie meinen Jahresrückblick und den Rest des Jahres ab und freue ich mich auf eine wohlverdiente Auszeit. Während dieser wird sicher auch meine passende Playlist rauf und runter laufen 😉 Meiner Meinung nach besser als jeder kitschiger Weihnachtsfilm-Soundtrack genau wie der Rückblick von 2021, aber ihr könnt selbst stillschweigend judgen.
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Dass Genre-Grenzen mittlerweile der Vergangenheit angehören, sollte für die meisten wohl keine Neuigkeit mehr sein. Trotzdem finde ich es immer wieder beeindruckend, wie manche Künstler:innen immer wieder neue Wege finden, Musikstile zu mixen. Ein Künstler, der diese Kunst besonders gut beherrscht, ist Gundelach. Der Norweger mischt in seiner Musik Elemente aus Pop, Electronic, R&B und Folk, inspiriert vom Sound der 80er-Jahre. Dem ganzen liegt eine Art melancholischer Schleier über. Kai Gundelach – ja, sein Nachname ist auch sein Künstlername – schafft durch diese Mischung einen einzigartigen Sound, der schwer zu vergleichen ist. Ich habe Gundelach gefragt, wie seine Musik entsteht, was in inspiriert und was wir vom neuen Album, das für das nächste Jahr geplant ist, erwarten können.
Gundelach im Interview
Anna: Hej Kai, thank you for taking some time for the interview. Let’s start by introducing your and your music.If you were to introduce yourself and your music to someone who doesn’t know you or your music, how would you do that?
Kai: I usually say that I make alternative pop music. I would describe both myself and my music as quite melancholic and nostalgic as well.
Anna:What were your main musical influences throughout the years? Did it change from the time you were a DJ until now?
Kai: It really changes from day to day. I buy vinyl that I still DJ with and I try to keep informed and on track with all the music around me. I am really inspired by electronic music but also a lot of other genres – hip hop, pop, black metal. There’s an old Norwegian singer “Radka Toneff” who is a big inspiration to me. But in general I try not to be too inspired by things, I want to keep a distance between my music consumption and the music I make myself.
„Seeing Bon Iver live was really emotional for me“
Anna:What is your favourite song from your debut album and why? Did that change in the past years?
Kai: Duck Hunting is my favourite from that album. It went through a lot of different versions – I tried working with other producers and experimented with a lot of different stuff, but eventually ended up going back and using my own version, and now it is my most streamed song!
Anna:What was the most memorable live experience you had so far?
Kai: I saw Bon Iver at Øyafestivalen in 2010. I had been listening to his music for 3 years really obsessively but hadn’t seen it live yet and so it was a really emotional moment for me. And they were so so good. Karpe diem were closing on another stage at the same time as Bon Iver played so most people were at the other stage which is so random. At one point he asked someone to light a cigarette and at the same time it was lit, all these fireworks went off from the other stage, which was a total coincidence and everyone thought it was planned, it was so cool.
Gundelach hat einen Song zu einem Selbstporträt Edvard Munch’s geschrieben
Anna:I saw that you wrote your song „Bolder“ for the opening of the (new) Munch Museum part in June 2020. Why did you choose Munch’s painting „self-portrait in hell“ for that?
Kai: I chose that picture because it was the one that resonated the most with me. I thought it would be easier to make a self-portrait rather than interpreting the other more known images.
Anna:How was the process of writing „Bolder“ for you? Was it different from your songs before?
Kai: It was different because it was a commissioned piece, but it was actually really nice because I had a deadline to stick to. I made it pretty fast, I had the whole rough idea within a week. I had this drum machine called the electon analog rytm and I made the whole basis of the track with just that. It was my first time having a visual stimulus, but since then I have done some work with film and commercial stuff. But it was nice with “Bolder” because I got to use it as my own song afterwards as well.
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Acoustic-Session von „Riverside„, der neuen Single von Gundelach
New album – new Gundelach – new sound?
Anna:Why did you choose to publish „Vi er nærme nå“ in Norwegian (and not like your other songs before in English)?
Kai: I don’t know really, I just felt like it. I normally have one song title in Norwegian on an album, even if the song itself is in English. But this time the chorus was in Norwegian when it came out of my head and I just decided to keep it. For me it’s not so important what language it’s in, it’s just about what I felt.
Anna:Disclaimer: I listened to the demos of your new tracks and I feel like there are more folk elements in the new tracks compared to your previous songs. What would you say that we can expect from potential new tracks? Are there more changes in the sound?
Kai: Yes, definitely more folk, country and guitar elements in there. With this album, I have tried to be really fluid and just have fun with friends and playing live instruments. My band mates have been a big part of the recording process this time, so you can expect a much more live approach.
„I don’t want to push inspiration, I like to make things flow“
Anna:That sounds very promising!What is your main inspiration for writing new songs at the moment?
Kai: That’s a hard question but I think I’m really inspired by life, walking, and things around me. I try to walk a lot and to absorb the scenery around me. But I also meditate a lot and practice yoga and I think that is inspirational for me. I am not so good at reading anymore, but I like to go into old books I’ve read and just take a few sentences away – I find that pretty inspiring. For me it is just about having the attitude of trying to make things flow instead of pushing it and sitting in the studio for 10 hours when you don’t want to be there. I just try to make stuff whenever I feel inspired, even if it is just for 15 minutes in one day.
Gundelach’s Zusammenarbeit mit anderen Künstler:innen
Anna:How important is collaborating with other artists for you?
Kai: When I am collaborating with someone then it is very important to me, but when I’m not it is not something I feel like I have to do. It is really inspiring when someone says they are a fan of my work and want to collaborate, then it is usually a really quick process. When I work by myself it takes longer because I don’t get that instant validation. But it is really special when a good collaboration comes along.
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Letztes Jahr veröffentlichte Gundelach den Song „Cynical Mind“ mit der norwegischen Sängerin AURORA
Anna:How was the collaboration with AURORA?
Kai: That was really cool. We actually wrote the song as part of this song camp in Bergen, which is not something I would normally go to, but this time I went and as a big fan of hers it was really special to work together. We wrote the song in 5 hours. She is a really special human being, so kind. I have never seen someone lay down vocal harmonies as fast and cleanly as she does.
Anna: That really sounds like an inspiring collaboration. Thanks again for talking so openly about your music. I’m really looking forward to the new Gundelach album!
Hier könnt ihr Gundelach’s neueste Single „Vi er nærme nå“ hören!
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Die modernen, tanzbaren Instrumentals und der positive Vibe des Gesangs sind für mich die beiden markantesten Merkmale der Musik von Lord.SYE aka Simon Klar. Mit seiner letzten Veröffentlichung „…Is Not Gold“ vervollständigte der 24-jährige seine Dance-Pop-Doppel-EP zusammen mit dem ebenfalls 2020 erschienenen „All That Glitters…“. Ich hatte das große Glück, mit ihm über die EPs reden zu dürfen und bekam weitere Einblicke in bisher unveröffentlichtes Material und in die Gefühlswelt des jungen Songwriters.
Lord.SYE im Interview
Vince: Hi Simon! Ich freue mich, dass du hier bist und natürlich, dass du deine Doppel-EP rausgehauen hast, über die wir später noch reden werden. Vielleicht magst du dich erstmal kurz selbst vorstellen? Mich persönlich würde ja unheimlich interessieren, was genau hinter deinem Pseudonym steckt! Wer ist Lord.SYE?
Lord.SYE: Hi, ja ich freu mich auch! Also, Lord.SYE bin auf jeden Fall ich. Ich heiße eigentlich Simon Klar, ich bin Songwriter und Sänger und studiere Popularmusik an der HdpK und bin damit auch fast fertig. Ich hatte mich eine Weile lang nur SYE genannt und Anfang des Jahres kam das Lord dazu. Die Geschichte dazu war, dass eine Bekannte, die in einem Restaurant arbeitet, sagte: „Wie krass wäre es denn wenn man einen Titel hätte, durch den man immer den besten Tisch bekommen würde“. Sie sagte das so und meine beste Freundin und ich haben uns direkt angeguckt und irgendwie war das dann einer dieser schrägen Telepathie-Momente. Wir haben dann beide gleichzeitig ausgedrückt, wie witzig das als Zusatz für meinen Namen wäre. Dann habe ich einfach impulsiv gesagt: „Ja, gut, dann nenne ich mich jetzt Lord.SYE„. Klingt auch gut und umso mehr ich darüber nachgedacht habe, desto vielschichtigere Bedeutungen bekam der Name für mich. Am Anfang wirkt er ja ein bisschen komisch zusammengesetzt, aber weil ich viel mit Maskulin und Feminin spiele und Gegensätze gut finde, fand ich das irgendwie cool vertreten durch das Lord.
Lord.SYE: Das S ist einfach eine Abkürzung für meinen Namen: „S“ wie Simon. Das Y und E war das Ergebnis einer anderen Session, von vor zwei Jahren. Da haben wir uns nach ner Probe ins Neue Ufer gesetzt und gesagt: „So, wir brauchen einen Künstlernamen“. Das kann so nicht weitergehen. Dann haben wir ein Blatt genommen, unsere Namen aufgeschrieben, die Buchstaben auseinander gezogen und dann anders wieder zusammengesetzt, so dass das einen möglichst interessanten Künstlernamen ergibt. Da kam dann irgendwann S.Y.E. dabei raus! Genau so kam der Lord.SYE zustande. Ich bin da sehr reingewachsen in diesen Namen und das Image. Wie man das manchmal bei diesen Drag-Künstlern hat; die erstellen sich eine Persona und damit eine gewisse Symbiose zwischen dieser und dem Menschen dahinter. Ich glaube nicht, dass ich da etwas erschaffen habe, was ich nicht bin. Ich würde nicht sagen, dass ich eine Kunstfigur bin oder eine erschaffen hätte. Sondern… das bin schon ich! Man kann da total viel Selbstbewusstsein draus ziehen, was ziemlich cool ist.
Vince: Ist eine Kanalisierung von gewissen Teilen von dir, oder?
Lord.SYE: Ja genau! Absolut! Macht einfach Spaß sich seine liebsten Merkmale zu nehmen und die auf die Spitze zu treiben.
Vince: (lächelt) Wie geht’s dir heute?
Lord.SYE: Heute geht’s mir ganz gut! Ich bin jetzt nach der Arbeit tatsächlich ein bisschen erfüllter als vor der Arbeit, weil ein Kollege heute so nett war. Mit dem habe ich schon lange nicht zusammen gearbeitet. Vorm Arbeiten wusste ich nicht so ganz wie ich mich fühlen soll. Diese Lockdown-Zeit hat mich natürlich auch ein wenig mitgenommen. Ich war beruflich zwar viel unterwegs zwischen Hamburg und Berlin, aber ich habe total das Bedürfnis, mal da oder dort hinzufahren, selbst nur für ein- oder zwei Tage. Gestern ist mir etwas sehr aufgefallen: Ich kann nicht so lange an einem Ort bleiben, sonst komme ich wieder in dieses Tief. Kommt mir ein wenig so vor, als wäre das ein Weglaufen von der Pandemie. Dann habe ich noch erfahren, dass mein Ex-Freund einen neuen Partner hat. Es stört mich nicht, aber es ist ein komisches Gefühl. Und da war ich heute Morgen noch ein wenig nachdenklich und lag viel im Bett. Aber jetzt nach der Arbeit, wenn man den Kopf wieder frei hat, weil man mal nicht die ganze Zeit aufs Handy schaut, ist es schon wieder besser. Gestern war ich viel am Handy und mit jeder Minute habe ich gemerkt, es ist richtig anstrengend und macht rastlos, aber wenn man mal was zu tun hatte, dann geht’s einem danach viel besser!
Vince: Mit diesen Einschränkungen meinst du bestimmt, dass man nichts mehr so recht unternehmen kann und dass man gewissermaßen nur noch funktioniert zur Zeit?
Lord.SYE: Ja auf jeden Fall, genau!
Vince: Oh ja.. Das stört mich auch ziemlich. Ich versuche mich mit verschiedenen Arbeiten abzulenken. Es ist hilfreich, wenn man mehrere Leidenschaften oder Hobbys hat.
Lord.SYE: Ja die Musik hilft mir in so Momenten wie jetzt unheimlich!
Vince: Du hast ja inzwischen, die zweite Hälfte von deiner Doppel-EP „All That Glitters…“„…Is Not Gold“ rausgebracht. Ich finde übrigens, dass dein Sound unheimlich catchy ist! Wie fühlst du dich jetzt mit der letzten EP-Hälfte: „…Is Not Gold“?
Lord.SYE:„…Is Not Gold“ ist natürlich eine Fortsetzung zu „All That Glitters…“. Also wie der Spruch: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.. Das ist mir vor allem innerhalb meiner letzten Beziehung sehr klar geworden. Dass die Dinge selten so sind wie sie auf den ersten Blick scheinen und dass man oft erst durch verschiedene Zwiebelschichten durch muss, um zum eigentlichen Kern zu gelangen. Also die erste EP-Hälfte fängt etwas fröhlicher an, hat zwar auch seine ruhigeren, traurigen Parts, aber insgesamt ist es eher die fröhlichere EP. Die zweite EP-Hälfte entstand dann nach der Trennung von meinem Ex-Freund und thematisiert vor allem wie, ich mit der ganzen Situation umgegangen bin. Und wie meine Coping-Mechanismen, die nicht immer ganz gesund sind, funktionieren. Es geht ums Weglaufen, um lähmende Traurigkeit, aber auch um den Weg da wieder raus, später zum Ende der letzten EP mit „Paradise“. Ich wollte einen jeweiligen Spannungsbogen innerhalb jeder EP, aber auch, dass die beiden thematisch verbunden sind, weshalb die Idee mit der Doppel-EP ganz gut gepasst. Übrigens werden gerade CDs gemacht, durch Crowdfounding finanziert! Die wird ab April 2021 da sein und wer möchte, kann gerne bei mir eine, oder ein paar erwerben!
Vince: Du hattest auch noch eine Single rausgebracht, zwischen den beiden EPs, richtig?
Lord.SYE: Ja, dazwischen kam „Ritual“ raus! Das war eine Stand-Alone-Single, wie „Heartattack“, „Walk Me Home“ und „Liar“ auch. Bei „Rituals“ geht’s um die Suche nach Erfüllung in einer schwierigen Zeit.
Vince: Ich find’s stark, wie du über diese schwierigen, persönlichen Themen so frei und offen reden kannst! Auch, weil man ganz klar merkt, dass Lord.SYE, nichts Gefälschtes ist, sondern einfach der Simon, so wie ich ihn auch kennenlernen durfte! Magst du noch ein wenig sagen, womit man bei dir in Zukunft noch rechnen kann?
Lord.SYE: Ja, vielen Dank erstmal! Also gerade bin ich dabei meine Uni abzuschließen. Da muss ich noch ziemlich viel Arbeit reinstecken, die kommenden Monate. Deswegen kann ich leider nicht so viel Zeit in das Projekt stecken, wie ich es gerne wollen würde. Aber ich bin gerade dabei, eine Remix-EP zusammenzustellen, bestehend aus Songs von „All That Glitters Is Not Gold“. Die mache ich, weil mir in den letzten Monaten aufgefallen ist, dass die wenigen besonders schönen Momente meistens dann waren, wenn ich alleine Zuhause oder mit einer Freundin zusammen getanzt habe. Dieses Gefühl dabei möchte ich gerne weiter kultivieren und dafür habe ich ein paar befreundete DJs und Producer gefragt. Die wird wahrscheinlich Ende April, evtl. Ende Mai rauskommen. Damit hoffentlich im Sommer dazu ein bisschen getanzt werden kann! Es wird wahrscheinlich auch ein ganz neuer Track drauf sein, aber hauptsächlich Remixes. Ah, dazu noch eine kleine Sache: Ab April wird meine eigene Webseite online gehen! Da kann man dann meine CDs kaufen und Merch. Noch mehr Lord.SYE-Merch!!! (lächelt)
Vince: Gerade auf die Remix-Sachen bin ich ziemlich gespannt! Danke für deine Zeit und den tollen Dance Pop, den du uns bescherst!
Lord.SYE: Sehr gerne!
Hört hier in die Doppel-EPs „All That Glitters…“ und „… Is Not Gold“ rein:
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