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  • Oehl im Interview: »Zu lieben in jeder Facette ist ein Risiko«

    Ein Ausdruck von Zuneigung und spätestens seit Shirin David fester Bestandteil der Jugendsprache – „lieben wir“ heißt das zuletzt veröffentlichte Album des österreichischen Musikers Oehl, das die Liebe zum Leitmotiv macht und uns musikalisch umarmt, bis wir uns nicht mehr ganz sicher sind – Ist das aufsteigendes Fieber oder haben wir uns gerade frisch verliebt?

    Im Interview sprechen wir über den vergangenen Konzertabend in Berlin, Lieblingsfarben, lange Songtitel und warum „Grower“ die besseren Songs sind. Lieben wir!

    Oehl im Interview

    Lucas: Ich habe es leider verpasst, als ihr letztens in Berlin wart, wollte aber eigentlich unbedingt kommen, weil ich im letzten Jahr bei deinem Konzert in Berlin war und das als eines meiner schönsten Konzerte des letzten Jahres abgespeichert habe, weil ich die Stimmung so schön fand. Das war im Franz Club. Wie hast du das Konzert in Erinnerung?

    Oehl: Das war echt schön. Frannz Club war gut, wir waren jetzt im Säälchen und ich fand das eigentlich die perfekte Location.

    Lucas: Weshalb?

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    Oehl: Es ist ein Neubau, aber sie haben sich redlich bemüht, dass der ganze Vibe von diesem Areal nicht so wie ein Neubau wirkt, sondern gewachsen, auch das Gebäude selber. Es ist akustisch sehr toll, es hat eine Größe, es ist sehr hoch, es hat eine Galerie, also man kann oben stehen, unten stehen. Es hat eine Größe von der Wirkung her, aber auch mit weniger Leuten würde es funktionieren. Bei uns war es voll, aber ich glaube, es ist eine gute, dynamische Location, die auch frei steht. Und ich liebe das ja, wenn Häuser freistehen, wenn man von allen Seiten quasi reingehen kann. Du kannst ebenerdig rein, es ist sehr luftig und es vibed irgendwie Ballsaal, obwohl es ein Neubau ist. Und das finde ich, ist eine Kunst architektonisch. 

    Lucas: Jetzt beschreibst du vor allem das Gebäude. Hast du einen Unterschied wahrgenommen zwischen der Stimmung im Frannz Klub war und jetzt im Säälchen?

    Oehl: Ich glaube, als wir im Frannz Club gespielt haben, war es Weihnachtszeit. Kann das sein? Und dementsprechend war davor so ein Weihnachtsmarkt auf diesem Areal und jetzt haben wir halt Frühling. Das heißt jetzt hatten wir noch Leute draußen sitzen vor dem Konzert auf der Straße mit ihrem Bier oder haben gerade was gegessen. Und es ist so diese wir-können-draußen-sein-und-hängen-ab-Stimmung im Vergleich zum Weihnachtsmarkt, was auch anders ist. In der Weihnachtszeit erwarten die Leute immer ein bisschen mehr Besinnlichkeit. 

    Ehrlicherweise funktionieren unsere Konzerte auf Tour immer sehr gut und es sind nicht alle Leute sehr auf eine andere Art beseelt, würde ich sagen. Es gehen immer alle recht mit. Und die Dynamik? Ich glaube, es ist halbwegs gelungen, dass wir so ein Programm machen, was von der Dramaturgie ganz gut funktioniert. Ich finde ja immer, dass Konzerte nicht nur die Songs sind und die Performance, sondern auch wie man den Bogen schafft und was man rundherum erzählt. Und das ist dieses Mal ganz gut gelungen, finde ich. Ich meine, im Frannz Club hatten wir auch eine Art von Dramaturgie, falls dir das in Erinnerung ist, einfach wie wir die Show strukturieren, wo wir Lachmomente setzen oder wann es auch ein bisschen traurig wird. Und das haben wir diesmal, glaube ich, nochmal ein bisschen verstärkt. Diese Gedanken mache ich mir eigentlich ganz gerne. 

    „Ich glaube, es gibt keine Jahreszeit, in der das Thema des lieben üben nicht relevant ist“

    Lucas: Du sprichst gerade auch die Jahreszeit an, als die Konzerte stattfanden. Inwiefern würdest du sagen, dass dein beziehungsweise euer neues Album vielleicht auch zu der aktuellen Jahreszeit passt, Anfang Frühling?

    Oehl: Ich glaube, es gibt keine Jahreszeit, in der das Thema des lieben üben nicht relevant ist. Und gerade im Frühling fällt es vielleicht leichter, weil dann öffnet man sich wieder und kommt aus der Winterdepression raus. Aber ich halte es eigentlich für die falsche Frage, weil es ja gerade Ende November oder vielleicht Anfang Januar, wo man irgendwie triste ist und die Welt noch sehr grau ausschaut, Musik braucht, die einem nicht diese triste Welt spiegelt. Also ich glaube, das ist auch ein bisschen für mich ein Thema auf dem Album. „Keine Blumen“ ist ja doch irgendwie ein Abschiedsalbum auf eine Art und es ist doch irgendwie sehr traurig von den Texten her und nimmt sich so politischen Dingen an und ist dann auch noch ein bisschen persönlicher. Und auf „lieben wir“ dachte ich so – Boah, ich glaube, ich brauche nicht noch ein Album, wo mir jemand von Selbstzweifeln und Depressionen oder von der gespaltenen Gesellschaft erzählt.

    Ich sehne mich halt einfach nach einem Album, das so sagt – Hey, nehmen wir uns an der Hand, stellen wir uns im Kreis und haben uns lieb, so dumm es klingt. Und natürlich ist das nicht trivial und natürlich auch nicht einfach, weil ein Album, das genauso klingt, wird nach zwei Songs langweilig. Dann klingt es halt so wie triviale Hippiemusik oder so. Deswegen hat dieses Thema Lieben schon ein bisschen so einen gesellschaftlichen Anspruch auch.

    Lucas: Darf ich dich fragen, ob du eine Lieblingsfarbe hast und wenn ja, welche? 

    Oehl: Momentan ist es natürlich rot, weil auf dem Album sehr viel rot passiert und ich habe mir vorgenommen, jeden Tag irgendetwas Rotes zu tragen und ich glaube, ich ziehe es auch durch. Es ist dann manchmal nur so ein Halstuch oder Socken oder ein Cap. Das gibt mir eine gute Laune und Ich kriege gutes Feedback. Ich würde sagen rot als Lieblignsfarbe: Ja! Also ich habe ganz viel blaue Sachen in der Wohnung. Die habe ich aber eingerichtet, als das letzte Album dran war und das war blau. Muss ich jetzt umsatteln auf rote Sachen? Also, ich habe tatsächlich viele blaue Dinge im Zimmer hier. 

    Lucas: Würdest du sagen, es war erst die Farbe rot da oder erst das Album? Hat die Farbe das Album geprägt oder ist die Farbe aus dem Album heraus entstanden?

    Oehl: Ich glaube, die Sachen sind gleichzeitig entstanden, weil ich habe ja kein Album geschrieben, das „Liebe“ heißt, sondern ich habe halt Songs geschrieben. Ich schreibe irgendiwe immer Songs und irgendwann hab ich gedacht – was ist denn so eine verbindende Klammer von vielen Songs, die schon da sind? Gerade mit einem Song wie „I Love You“ oder „In diesem Jahr reden wir nur gut voneinander“ – das sind schon Themen, die zwangsläufig mit zwischenmenschlicher Liebe zu tun haben.

    Und dann war ich gerade in Berlin Mitte spazieren, weil ich irgendwas abholen musste vom Shop, was es nur dort gibt. Das mache ich dann einmal im Jahr und ich kann mich erinnern, dass ich mir immer sehr viel auch über visuelle Themen Gedanken mache. Und ich dachte, wenn das jetzt ein Liebesalbum ist, wie kann man das visuell erzählen? Dann war ich so – perfekt, es muss einfach in jedem Video irgendetwas Rotes vorkommen und dann ist es erzählt. Also wie ein roter Faden, der sich durchzieht. Das war für mich, glaube ich, das Rot, mehr als das Konzept. Und es ist auch praktischer. Wenn du sagst, dein Thema ist schwarz und du hast in jedem Video oder Foto, das du machst, etwas Schwarzes – es wird dir nicht auffallen. Es wird auch etwas Blaues nicht auffallen. Aber neongrün oder starkes Rot in jedem Foto erkennst du, du spürst das.

    Ich glaube, mein erster Ansatz war auch, ein Cover zu machen, das so ein bisschen „brat“ (Charli XCX) ist. Also im Sinne von einer starken Farbe und dann Text drauf. Aber ich fand das dann ein bisschen zu wannabe auch so konzeptionell zu sein. Dachte ich so, irgendwie hätte ich dann trotzdem gerne ein bisschen ein fühligeres Cover. Also tatsächlich habe ich auch viele Covers gemacht mit meinem besten Freund, Fotograf und mit meiner Stylistin. Und es wurde dann das Cover. Weil alle Leute, die ich in meinem Umfeld gefragt habe, gesagt haben, es gefallen ihnen die anderen teilweise besser, aber das ist irgendwie emotionaler und sie können es gar nicht einordnen. Also rein nach logischen Gesichtspunkten ist das nicht Ihr Lieblingscover. Sie finden es ganz schön, aber emotional macht es was mit ihnen. Das fand ich dann irgendwie einen guten Punkt.

    Das mag ich auch an diesem Konzept nicht, dass das Konzept halt ein Konzept ist und es bleibt ein Konzept. Die neue Platte von Bon Iver versucht ja auch so stark „brat“ zu sein mit diesem Quadrat auf diesem Millennial Pink von 2019. Das will halt irgendwie ganz viel. Dann dachte ich, nehmen wir ein Foto, das emotional was macht, aber nicht in die Fresse sagt: das ist es und du musst jetzt mein Konzept hier – sei geil dabei.

    Es ist eher so ein Gefühl und entweder du fühlst oder du fühlst es nicht, ist auch okay. Und natürlich ist es auch eine Umarmung auf dem Cover, wie es auch schon 2020 mal gab bei einer EP und das fand ich irgendwie auch ganz schön, diese Motive wiederkehren zu lassen. Ja, also. Also die Farbe Rot hat sich dann doch ziemlich entwickelt, zum Cover zum Beispiel.

    „Diese Grower auch als Beweis, dass Musik nicht immer über Playlists funktionieren muss“
    Oehl, Tim Cavadini, Interview, Album, Lieben wir, Konzert, Untoldency, online Blog, Music

    Lucas: Das klingt alles sehr plausibel. Ich habe dich ursprünglich mit „Keine Blumen“ entdeckt. Und seitdem ist es so, dass immer wenn ich neue Songs höre, ich kurz denke. Es überzeugt mich beim ersten Hören nicht so sehr wie ältere Tracks. Und dann weiß ich mittlerweile, dass ich noch ein, zwei Mal reinhören muss bis alles so langsam aufgeht. Ein bisschen auch wie eine Blume, die langsam aufblüht, spüre ich allmählich den Gehalt der Songs und verliebe mich dann immer doller. Mittlerweile höre ich deine aktuelle Platte und habe das Gefühl, jeder Song ist ein Ohrwurm, der nicht aus meinem Kopf rausgehen will. Ist es dir lieber, dass deine Songs Grower sind, die Zeit brauchen, um anzukommen? Oder Hits, die sofort bei den Zuhörenden ankommen.

    Oehl: Ich glaube, es ist auch wieder die falsche Frage, weil im Endeffekt wünsche ich mir, dass ich Musik machen kann, wie sie gerade rauskommt und wenn ich sie nicht konstruieren muss, sondern wenn ich sie einfach intuitiv mache und sie auch mir authentisch entspricht. Dann sind es einfach eher Grower. Ich glaube, weil ich selber auch Musik höre, die sich einfach beim ersten oder zweiten Mal nicht erschließt, die man paar Mal hören muss – also aus meiner eigenen Hörgewohnheit. Insofern wünsche ich mir von mir, dass ich zulassen kann, nicht an einem Beat so lange zu schrauben, bis ich das Gefühl habe und jetzt, jetzt ist er Radio. Das ist aber eher ein Wunsch an mich selber, als was beim Publikum ankommt.

    Es ist ein ziemliches Glück, dass ich von der Musik leben kann. Das kann ich gerade, aber es ist mir auch ein bisschen wurscht, welcher Song jetzt mehr gehört wird oder welcher weniger. Unterm Strich muss ich die Rechnung ausgehen. Ich bin jetzt auch nicht beleidigt, wenn das Album dann ganz wenige Leute hören. Es tangiert mich echt wenig. Zahlen generell sind mir einfach egal. Also ich denke mir, ich finde es toll, wenn andere Künstlerinnen, die in der Szene sind, dann größer sind oder ich. Solange ich irgendwie davon leben kann und solange ich das machen kann, ist es mir ein bisschen wurscht.

    Was mich freut, ist immer, wenn ich das Gefühl habe, dass Leute auf diese Grower draufkommen. Ich merke das ja auf Spotify. Da gibt es immer die Singles. Am Anfang haben die am meisten Plays und dann gibt es diese Grower. Beim Album „Keine Blumen“ war das zum Beispiel „Was Bleibt“. Der war nicht Mal auf dem Album, der ist auf der Vinyl gar nicht drauf. Der ist auf der Extended Edition vom Album auf Spotify ein paar Wochen später gekommen, ohne große Ankündigung, der war einfach da und der hat dann sukzessive die anderen Songs überholt. Ich glaube „Schönland“ hat noch mehr Plays und noch einer, aber dann kommen nicht die anderen Singles, dann kommt diese Extended irgendwas „Was Bleibt“, einfach weil Leute den gehört haben und zu ihren Playlists hinzugefügt haben.

    Und sozusagen diese Grower auch als Beweis, dass Musik nicht immer über Playlists funktionieren muss und über Editorial und über Marketing. Weil es für den Song eben kein Marketing gab – den Grower als Bestandteil dieses algorithmischen Denkens mag ich gern. Weil es haben dann genug Leute den so oft gehört, dass Spotify Radio gesagt hat: Na gut, dann spielen wir den halt noch mehr Leuten ab, probieren wir das mal aus. Füttern wir diesen nichtexistenten Single-Song Leuten und plötzlich hören das Leute. Also ja, du hast mir eine eindeutige Antwort entlockt – The Grower!

    Lucas: Beim Hören deines Albums ist mir noch aufgefallen, dass ich ausschließlich weiblich gelesene Features sehe, mit Ami Warning und Eva Riegel (Juli) und dich auch einige weibliche Stimmen auf dem Album supporten, die dann nicht immer als Feature angegeben sind. Würdest du sagen, es ist eine bewusste Entscheidung gewesen, weiblich gelesene Personen auf das Album zu holen oder war es eher ein natürlich gewachsener Prozess?

    Oehl: Tatsächlich, es ist eher Zufall. Also, ich arbeite schon die letzten Jahre einfach gerne mit Leuten zusammen. Zuletzt gab es ein Feature mit Maeckes auf seinem Album oder auch mit der Band Juno. Es gab aber eben auch vorher schon ein Feature mit Mola, jetzt halt mit Ami Warning und Eva Briegel slash Juli. Und den Song haben wir dann eben auch aufgenommen mit Jonas von Juli. Ne, es ist eigentlich keine bewusste Entscheidung. Es gibt einfach Menschen, mit denen ich sehr gut arbeiten kann und das sind tatsächlich für mich oft weibliche Personen, aber eher aus dem heraus, das wir gut viben und das ist dann tatsächlich auch Zufall.

    Nach unserem ersten Album haben wir eine EP rausgebracht, wo es Coverversionen von den Songs vom ersten Album gab. Da haben wir bewusst weibliche Personen gesucht oder FLINTA*-Personen, die diese Alben covern, weil wir dachten, jetzt sind wir ein Boys-Duo. Wäre es nicht spannend eine andere Seite der Songs zu hören? Da war es eine bewusste Entscheidung, also 2020. Mira Lu Kovaczum Beispiel ist dabei. Und andere, die die Songs covern. Das ist ein bisschen untergegangen, auch in Corona, aber das war ein schönes Projekt. In meiner Live-Band zum Beispiel haben wir auch eigentlich eine Quote. Mir ist wichtig, dass die Hälfte, die auf der Bühne stehen, keine Dudes sind, weil es auch Repräsentation bedeutet.

    Am Album selber fand ich es dann eher, wie es im Prozess sich gut ausgeht. Weil das Kuratieren von den Songs, die übrig bleiben, soll keine Agenda haben. Jetzt ist halt zufällig so, ich habe auch mit Bruckner an einem Song gearbeitet, der es noch nicht drauf geschafft hat. Mal schauen, wann der kommt. Also kann sein, dass die nächsten fünf Features dann nur mit Männern sind, aber ich bezweifle es. Also, es stecken bewusste Entscheidungen auch hinter Zufällen.

    Lucas: Gibt es wiederkehrende Motive auf dem neuen Album, die du womöglich auch erst im Nachhinein entdeckt hast oder die dir im Prozess aufgefallen sind.

    Oehl: Lange Titel sind wiederkehrend: „ich weiß nicht wie man jemand bittet zu bleiben“, „in diesem Jahr reden wir nur gut voneinander“, „Nett hier, aber waren sie schon mal in Therapie?“, „Kleinigkeiten, die keine sind“. Also schon so ein bisschen sperrig, schon so ein bisschen Hirnwichserei diese Titelgebung – hätte man auch abkürzen können. Tatsächlich hatten wir noch viel länger Songtitel: „Eine Umarmung, die genau die richtige Temperatur hat“ hieß der Song (lacht). Aber das war dann auch so, dass das Label gesagt hatte, magst ihn nicht einfach „Eine Umarmung“ nennen. Wobei „Eine Umarmung, die genau die richtige Temperatur hat“ eigentlich mehr on Point ist.

    Wie gesagt, mir ist mittlerweile auch diese Idee wurscht von wie lässt es sich vermarkten. Wenn ich gerade Lust drauf habe, mache ich es und das ist vielleicht auch entspannend, dass ich weiß, ich werde nie in der Größe von „Provinz“ ankommen, weil es mich auch nicht interessiert und weil ich es auch nicht könnte. Also, gar nicht negativ. Aber das heißt, ich kann ein bisschen mehr machen, was ich will. Und wenn ich gerade Lust auf lange Titel habe – das beruhigt mich gerade sehr.

    Aber apropos wiederkehrende Motive, ich arbeite gerade an einem Weihnachtsalbum, das noch dieses Jahr kommen soll. Und da wird es ein großes, wiederkehrendes Motiv geben, nämlich ein Weihnachtsgefühl in jedem Song, was auch immer Weihnachten heißt. Meine Familie feiert gar nicht zu Weihnachten. Meine Mutter feiert nicht Weihnachten, mein Papa manchmal. Also, ich bin jetzt kein Traditionalist in der Hinsicht, aber ich gehe dem nach. Gibt es sowas wie ein Gefühl von Weihnachten, was verbindend ist und was Leute auch nostalgisch empfinden im Positiven. Und da mache ich ein ganzes Album dazu mit 24 Songs. Da setze ich sehr viel stärker auf wiederkehrende Motive.

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    „Für mich ist es ein echtes Lachen, wenn man das Foto nicht löschen will, weil es irgendwie doch so nett ist. Egal, wie man sich drauf gefällt.“

    Lucas: Ich singe sehr gerne auch Lieder nach, die mir gefallen. Und der Song, den ich zuletzt gesungen habe, der von deinem Album stammt, ist „Ein echtes Lachen“ und passend zum Titel möchte ich dich fragen, was für dich ein echtes Lachen auszeichnet.

    Oehl: Ein echtes Lachen ist sowas, wenn man ein Foto davon macht, das ist den Leuten nicht mehr unangenehm. Wenn Leute sich so verlachen oder beim Essen sind, wenn es nur halbe Bewegungen sind, dann ist es Leuten meistens unangenehm oder sie finden, sie sehen nicht gut aus, löscht das. Aber wenn es ein echtes Lachen ist, so ein strahlendes, wo wie so ein Blick in so ein inneres Kind geweckt wird, was einfach herzlich ist, dann erkennen die Leute, wie schön sie sind, weil sie irgendwie strahlen. Für mich ist es ein echtes Lachen, wenn man das Foto nicht löschen will, weil es irgendwie doch so nett ist. Egal, wie man sich drauf gefällt. Das war jetzt eine spontane Antwort.

    Lucas: Eine spontane, aber sehr schöne Antwort. Dadurch, dass ich den Song gesungen habe, bin ich ein bisschen tiefer eingetaucht, als ich es sonst manchmal schaffe. Mir ist aufgefallen, dass die Melodien sehr schön zum Nachsingen sind, ich sie mir gleichzeitig aber auch aktiv anschauen musste. Sonst habe ich den Song nach ein paar Mal hören eigentlich im Kopf. Bei „Ein echtes Lachen“ musste ich wirklich schauen, wo wandert die Melodie als nächstes hin? Meine Frage ist ein, wie diese Melodien entstehen?

    Oehl: „Ein echtes Lachen“ ist tatsächlich eigentlich eine Neuinterpretation von dem Song „In drei Leben“ von OehlSingt: „Hätte ich drei Leben, würde ich den zwei leben … du wirst heute eine halbe Stunde lang genau mein Lachen.“ Ich dachte einfach, da ist noch mehr drin (lacht). Und diese Melodie wiederum – da hat irgendjemand auf Instagram mal, „da da da da da …“ (singt), irgendwas gespielt. Es war ein bisschen anders, aber ich dachte, wie kann ich das klauen, ohne es zu klauen? Also, im Endeffekt haben mir die Melodie und die Akkorde zusammen gefallen und ich habe das dann genommen und zwei eigene Songs daraus gemacht. Aber es ist nicht nahe genug dran, dass es irgendwie ein Copyright-Ding wäre, aber einfach Inspiration.

    Lucas: Ich denke, dass das auch ein Grund sein kann, warum deine Songs oft Grower sind. Weil es einen Moment braucht, um die Melodien zu verstehen und wahrscheinlich gilt dasselbe auch an anderen Stellen. Was es aber für mich dann auch als singende Person super spaßig macht, weil es gibt beim Nachsingen dann Dinge zu entdecken.

    Oehl: Ja, das ist schön! Also ich hatte zum Beispiel als Jugendlicher eine Radiohead-Phase. Die kommen ja jetzt wieder mit diesem ganzen Britpop-Rock Ding. Radiohead kommt gerade wieder voll oder ist schon wieder da. Ich glaube bei H&M gab es jetzt wieder ein Radiohead-Tshirt, wo du merkst, die sind wieder voll da. Ich habe viel Radiohead gehört damals, glaube ich, weil ich keinen Bock auf Radiomusik hatte. Und Radiohead ist unmöglich, beim ersten Mal gut zu finden. Ich glaube, es ist auch eine Distinktion in der Schule zu sagen, ich höre jetzt Musik, die wird keiner von euch verstehen. Man muss sich so eine Art „Taste“ erarbeiten. Das ist, wie wenn man 16 ist und zum Ersten Mal Wein trinkt. Da sagt ja auch niemand: „Hm, gut!“ Sondern das gehört zum Erwachsenwerden dazu, dass ich mir jetzt einen „Taste acquire“, dass ich mir das antrainiere.

    Das ist ähnlich bei Radiohead. Du musst halt drei, viermal hören und irgendwann ist es halt sehr gut vom Gefühl her. Ich glaube, deswegen neige ich vielleicht eher auch dazu, Produkte zu machen, die vielleicht beim ersten Mal bisschen „interessant“ sind. „Interessant“ kommt ja von „Interesse“. Das beschreibt es auch ganz gut. „Inter“ kommt von dazwischen sein und wenn ich es schaffe, bei dir als Rezipient, als Zuhörer ein Gefühl auszulösen von, „ich muss mich da erst mal reinbegeben oder es zwingt mich dazu Teil davon zu sein“, in deinem Fall weil du es nachsingst oder wer anderes nicht versteht, was ich singe und dann die Texte nachlesen muss. Also es zwingt die Person in eine Position, wo sie, wenn sie sich dafür interessiert, Teil davon werden muss auf eine Art und das verbindet aber emotional noch viel stärker.

    In dem Moment, wo du den Song schon gesungen hast, ist er irgendwie auch deiner. In dem Moment, wo du die Platte auseinandernimmst, Texte nachliest, verknüpfst du noch viel mehr Erlebnis damit. Ich glaube, dass diese Einladung auch Teil davon zu sein, das ausmacht, selbst wenn es nicht so viele Leute hören wie eine richtig große Band, die Leute, die es hören, aber vielleicht teilweise emotionalisierter sind dadurch. Das finde ich eine Qualität.

    Lucas: Das Schöne ist, dass du mir schon die Überleitung gegeben hast zu meinem Finale. Ich bin nämlich hauptberuflich Musiklehrer und kann dich darin bestätigen, dass Radiohead wiederkommt, weil gefühlt der meistgewünschte Song, den alle im Musikunterricht singen wollen „Creep“ ist. Daran knüpft auch meine letzte Frage, ein bisschen klischeemäßig, aber in dem Kontext womöglich ganz schön. Ich als Musiklehrer frage mich immer, was möchte ich den Schülerinnen aus meiner pädagogische Perspektive als Musiklehrer heraus mitgeben?

    Was würdest du gerne den Hörenden mitgeben mit deinem aktuellen Album?

    Oehl: Zu lieben in jeder Facette ist ein Risiko, Kinder haben macht die Welt schwerer, Liebe macht einen verletzlicher, immer, aber wenn man es nicht nicht ausprobiert hat, dann hat man vielleicht einfach das Leben nicht gekannt. Also das Risiko zu leben. Let’s go!

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    Fotocredits: Tim Cavadini

  • Djo’s „The Crux“ ist ein Wimmelbild von dir und mir

    Djo’s „The Crux“ ist ein Wimmelbild von dir und mir

    Spätestens seit dem internationalen Erfolg von „End of Beginning“ aus seinem Debüt Album „Twenty Twenty“ verzehrt sich Joe Keery Bild von „Steve“ aus Stranger Things zu Djo. Der Song erreichte Platz 1 der Spotify Charts und erzählt von Kerrys tiefer Verbundenheit mit Chicago. In der Stadt begann er seine Musik unter dem Namen Cool Cool Cool zu performen und traf andere Musikmachende und trat der Band Post Animals bei. Außerdem wurde er dort für Stranger Things gecasted. Djos Leben spielte sich in dieser Stadt ab, dort endete der Anfang seiner Karriere. Diese Nostalgie, die diese besonderen Orte aus unseren Leben in uns auslösen, ist ein universelles Gefühl, das weltweit – bewiesen durch „End of Beginning„- Anklang findet. Nach so einem Erfolg entsteht häufig der Druck den Erwartungen des Publikums gerecht zu werden. Findet Djo nochmal den Weg in unsere Lieblingssongs?

    Leben ist Gemeinschaft

    The Crux“ hängt wie ein Ohr am Kopf an dem Hotel, das am Ende der Straße thront. Im Kontrast zur Hektik und Fluidität der Personen auf der Straße, strahlt „The Crux“ Ruhe aus. In der Koproduktion mit Adam Thein, schafft Joe Kerry ein Album. Es handelt natürlich auch von seiner eigenen Geschichte. Djo rückt in den Vordergrund, dass das eigene Leben aus mehr besteht als einem Selbst. Es seien genauso all die Leute, Freundschaften und Bekanntschaften, die es stetig verändern. Angefangen habe es jedoch wie die meisten Pop-Songs: Mit einer Liebesgeschichte. Beziehungsweise ihrem Ende. In diesem Album spürt man wie die Liebe oft als Allegorie verstanden werden kann. Oft sind, meiner Meinung nach, Lovesongs auf andere Lebensbereiche übertragbar und entfalten so neue Perspektiven.

    „Ein gemischtes Popcorn bitte.“

    Die Songs sind vielfältig, dennoch finden sie einen gemeinsamen Kern. Er entsteht durch den „kollaborativen Geist der Musik“, der die Songs durch Beiträge seiner Familie und Freunden zusammenhält. Betrachtet man das Hotel als Film, der zwischen der Perspektive der verschiedenen Hotelgäste springt, fällt es leicht sich in die Song einzufühlen. In Zusammenarbeit mit Neil Krug entwarf Djo die Darstellung des Hotels, mit ihren vergänglichen Gästen, die sich im emotionalen oder spirituellen Umbruch befinden.

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    „Es ist eine Art Schuss an alle, die versuchen, dem Zeitgeist zu entsprechen.“

    Die erste Single, die veröffentlich wurde, ist „Basic Being Basic„. Auf eine humorvolle, aber auch gestochen scharfe Art kritisiert Djo eine Person, die versucht sich von anderen abzuheben. Durch den krampfhaften Versuch anders zu sein, wird man ironischerweise, basic. „What an empty epitaph that is“, Joe Keery merkt an, wie leer der Grabstein, das Vermächtnis, ist, das diese Person hinterlassen wird. Denn nachher würde keiner mehr über Oberflächlichkeiten wie das „picture of your plate“ vom 25.03 sprechen.



    Inspiriert von dem Pop der 60er- und 70er- Jahre

    Charlies Garden“ ein Track des Albums referriert auf den The Beatles Song „Octopus Garden“ von . Gleichnamig publizierte Djo eine Playlist mit Songs, die ihn zum Album inspirierten. Darunter Musiker wie Stevie Wonder, Marvin Gaye und Bee Gees. Die Klänge dieser Jahrzehnte schimmern im Album immer wieder durch, aber finden dabei ihren ganz eigene Note. So scheint „Charlies Garden“ viel mehr eine Hommage an The Beatles im gesamten zu sein, als allein an „Octopus Garden„. Mit „Charlie“ ist Charlie Heaton gemeint sein. Er hat das Intro für den Song eingesprochen. Außerdem gibt es in „Delete Ya“ eine Referenz zu ihm und der Serie Stranger Things: „Team up with Charlie, take these kids for a ride„. Das erinnert stark an die Serie Stranger Things, in der Charlie Heaton einen der Hauptcharaktere Jonathan Byers den großen Bruder von Mike (Finn Wolfhard) spielt.

    Ausbrechen, Hoffen und Weitergehen

    In „Link“ wird das Bild einer Person gemalt, die den gängigen Weg verlässt. Das Lyrische-Ich spürt den Kontrast zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Erfüllungen. Potion erzählt von Einsamkeit und Hoffnung: „I’m countin‘ on love/When the book is in the final chapter/ Man, it’s always sad to go“. „Fly“ klingt für mich nach einer anderen Version von „The Long And Winding Road“ von The Beatles. Während Djo’s Lyrisches-Ich „must fly/ Fly away from her“, will McCartney‘s „Ich“ zurück zu ihrer Tür. Wer auch bald vor eurer Tür steht ist Djo, denn:

    Djo – Back On You Tour

    Meine Ohren sind begeistert und deshalb freue ich mich mitteilen zu können, dass Djo eine fette Welttournee für 2025 angekündigt hat. Auf der Djo – Back On You Tour wird Post Animal als Support bei allen Tourdaten in Nordamerika, Großbritannien und der EU auftreten. Als Keery nach Chicago zog trat er der Band bei. Ab dem 1. Juni touren sie gemeinsam durch Europa, beginnend in Dublin. Das Album könnt ihr seit dem 04.04.2025 überall hören. Also keine Zeit verlieren und hier hören:

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  • Maïa befreit sich auf „tatendrang und todmüde“ von der Winterdepression

    Maïa befreit sich auf „tatendrang und todmüde“ von der Winterdepression

    Keine EP für hitzige Sommertage, sondern eine für verregnete Sommernächte. Die Sängerin Maïa hat Anfang des Jahres fünf unverschämt gefühlvolle Lieder veröffentlicht, eigentlich als Abschiedsbrief an den langen Winter. Fünf optimistischere Monate später stechen jede Zeile und jeder Ton auf „tatendrang und todmüde“ noch immer genauso tief in die Seele, wenn drinnen wie draußen kleine Tropfen über den Boden tanzen. 


    Bestimmte Worte mit zittriger Stimme

    Von Hall verhüllt schleicht sich Maïa’s Stimme in den ersten Song. Allein von einem Klavier begleitet, thematisiert die Sängerin auf „tristesse“ ihre innere Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit. Die zaghafte Stimme zittert dabei so unglaublich empfindsam zwischen den Tönen hin und her und malt zugleich lyrische Bilder, die plastischer sind als jedes Deckengemälde einer katholischen Kirche. 

    „Ich kann den blauton gerade nicht beschreiben
    Inneres zerreißen, lass mich treiben
    Versuche auf dem weg zu bleiben
    Lass mir irgendwie die richtung zeigen
    Stille und schweigen, will hier bleiben
    Und regen fällt auf meine scheiben“

    Zeitgemäße Akustik

    „nie mehr zurück“ ist der Beweis, dass ein unaufgeregt akustischer Klang einen modernen Sound nicht ausschließt. Das charakteristische Vocal Sample verschmilzt mit dem Klavier, während Maïa die Wärme des Frühlings herbeisehnt. Seichte Backing Vocals legen sich über die folgende Gitarre, sobald der Refrain erklingt. Viel mehr braucht es nicht, um die lyrischen Bilder musikalisch glänzen zu lassen.

    Drei jahre winter, öffne alle meine fenster
    Genug erstickt, ich frier mich aus
    Spür den kalten wind auf meiner haut
    Ich atme ein, ich atme laut
    Lass den rauch über die städte ziehen
    Ich lass mich mit ihm gehen
    Lass dein duft über die städte ziehen
    Ich lass ihn fallen und liegen

    Piano Magic

    Wenn ein Instrument die Produktionen prägt, dann ist es das Klavier. Denn eine bezaubernde Klaviermelodie folgt der nächsten. Auf „asche und staub“ bestimmt das Klavier die Stimmung, ebenso wie das Tempo des Songs. Erst nach vorne treibend, dann langsam und stockend, zwischendurch mit einem Synth verschmelzend und zuletzt ganz pur gestaltet das Klavier die Dynamik mühelos. Nennt mir ein Instrument, dass vielseitiger ist als das Klavier und scheitert!

    „niemand dabei“ nimmt die Geschwindigkeit der EP langsam heraus. Lyrisch wie klanglich werden die Träume größer und erneut umgarnen wunderschöne Klavierakkorde und federleichte Backing Vocals die introspektiven Texte. „filmriss“ setzt diese Linie fort. Fast ungewöhnlich beginnt das Lied mit einer Gitarre, doch Klavier und nebelige Vocals sind nicht weit, ehe sich die zweite Hälfte rein instrumental weiterentwickelt. Lag der Fokus bisher in nahezu jeder Sekunde auf den intimen Worten Maïa’s, greift nun die Atmosphäre nach Platz, um sich zu entfalten. Doch Am Ende sind es wieder Klavier und Stimme, die den roten Faden aufgreifen.

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    Stilecht

    Maïa beweist auf „tatendrang und todmüde“ wie homogen eine EP klingen kann und wie klar die klangliche Identität einer Künstler:in definiert sein kann. Poetische Lyrics werden von warmen Akkorden und einprägsamen melodischen Klavierfiguren aufgefangen und durch Gitarrenmelodien und hallende Backing Vocals abgerundet. Eingängige Melodien, ehrliche Gedanken, zielgerichtete Songstrukturen und ein authentischer Minimalismus lassen die Produktionen dabei zeitgemäß klingen. Diese Ästhetik spiegelt sich auch auf der visuellen Ebene der Künstlerin wider. Dunkle Farben und verschwommene Gesichter ergänzen den atmosphärischen Sound der aufstrebenden Sängerin und Poetin. Selbst die Kleinbuchstaben der Songtitel und Lyrics fügen sich unauffällig und doch perfekt ins Konzept ein.


    In music I trust

    Wer „tatendrang und todmüde“ lieben lernen möchte, muss eine gewisse emotionale Schwere aushalten können. Die Texte, Melodien und Instrumente zeichnet allesamt ein gewisses Gewicht aus, das zugleich die eigenen Sinne befreit. Denn Maïa lässt unsere sich immer wieder im Kreis drehenden Gedanken und Zweifel kurz anhalten. Die Songs der EP zu genießen, bedeutet sich verstanden zu fühlen und Allem was kommt, erleichtert entgegenzublicken.  

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  • Ami Warning im Interview: »Meine Eltern dachten auch ganz lange nicht, dass ich überhaupt auf irgendeine Bühne gehe«

    Ami Warning im Interview: »Meine Eltern dachten auch ganz lange nicht, dass ich überhaupt auf irgendeine Bühne gehe«

    Ami Warning lebt rent-free im Herzen unser Redaktion und das ist okay so. Denn ihre unaufgeregt ehrlichen Texte und die unvergleichlichen Stimmungen verdienen noch viel mehr als das! Im Rahmen der Acoustics Concerts 2023 in Berlin können wir die Sängerin endlich wieder live erleben und wünschen uns, dass wir diese Erfahrung mit ganz vielen Ami Warning Stans teilen werden. Um eure hibbeligen Beinchen ein wenig zu entlasten, bekommt ihr hier bereits einen Vorgeschmack in Form eines Interviews. Von aktuellen Ohrwürmern, über erste musikalische Erfahrungen bis zu kommenden Projekten erfahrt ihr so einiges über die Münchenerin. Also, let’s fetz!

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    Ami Warning im Interview

    Lucas (untoldency): Hast du einen aktuellen Lieblingssong oder ein Lieblingsalbum, irgendwas, was dir aktuell im Kopf rumschwirrt?

    Ami: Was ich ganz cool finde, wo ich aber noch nicht das ganze Album gehört habe, ich weiß auch gar nicht, ob das neu ist. Ich habe von Little Simz so einen Song entdeckt. „Point and Kill“, heißt der. Den finde ich richtig cool und den hör‘ ich zurzeit oft. Ansonsten hat auch ein Freund von uns ein Album gerade rausgebracht, der heißt Jon Kenzie, macht so bluesige Musik, ist aus Manchester, und da hab ich mir das Album angehört, und das finde ich auch zum Beispiel richtig cool. Das ist jetzt gerade ganz frisch rausgekommen.

    Lucas (untoldency): Würdest du sagen, du verfolgst viel aktuelle Musik oder bist du eher Fan von den Klassikern?

    Ami: Ich verfolge schon auch aktuelle Musik, aber man kriegt halt dann so die Singles mit und so einzelne Songs. Also ja, da mach ich‘s leider viel zu selten, dass ich dann wirklich so die ganzen Alben mir auch anhör‘. Das ist dann eher so stichprobenmäßig. Bei Alben kenne ich wahrscheinlich dann wirklich eher die Sachen, die schon älter sind, so richtig gut.

    Lucas (untoldency): Gibt es ein Genre, was du selber gerne hörst, wovon aber andere Menschen, die dich gut kennen, wahrscheinlich verwundert wären?

    Ami: Also ich mag voll gerne Afrobeats. Aber ich weiß nicht, ob das jetzt so eine große Überraschung ist. Hmm, was wäre eine Überraschung? Wahrscheinlich entspreche ich voll den Klischees, keine Ahnung. Ich mag ganz gern‘ Dubstep. Das fällt vielleicht so ein bisschen aus dem Schema.

    Lucas (untoldency): Musik machen ist ja super komplex und vielfältig. Wenn es einen Teil davon gäbe, den du für den Rest des Lebens machen müsstest, welcher wäre es am Ehesten?

    Ami: Wahrscheinlich wäre es das Live Spielen, denke ich, also, darauf könnte ich, glaube ich, nicht verzichten. Genau im Studio finde ich schon auch cool, aber da bin ich dann auch irgendwie immer froh, wenn es irgendwann abgeschlossen ist und man die Songs dann eben nach draußen tragen kann. Also ich glaube, auf diesen Moment, wenn dann vor echten Leuten die Songs singt, könnte ich schlecht verzichten.

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    Lucas (untoldency): Kannst du dich an deinen ersten Auftritt erinnern?

    Ami: Ich glaube, wahrscheinlich war das mit meinem Papa zusammen, also als ich so angefangen habe, Musik zu machen waren so die ersten Momente bei ihm auf der Bühne, dass ich da mal einen Song ausprobiert habe oder ihn begleitet habe. Also in München weiß ich, da gibt’s noch so eine Aufnahme, wo ich irgendwie so Bass spiele und mit ihm auf der Bühne bin.

    Lucas (untoldency): Es gibt oft von Stars Aufnahmen, wie sie bei irgendwelchen Events oder Schulfesten auftreten. Gibt es solche Aufnahmen abgesehen von der eben genannten auch von dir?

    Ami: Es gibt tatsächlich eine ganz witzige Aufnahme. Also das ist in der Grundschule, da bin ich im Chor und bin so krass, also man sieht, dass ich mich voll rein fühle. Ich bin so in der ersten Reihe und singe so richtig inbrünstig. Also, das gibt’s und ja, später in der Schule habe ich auch Songs nachgesungen mit der Big Band.

    Lucas (untoldency): Wenn du so zurückschaust auf deine eigene musikalische Biografie, fallen dir da Künstler:innen Genres ein, von denen du sagen würdest, die haben dich in einer bestimmten Lebensphase stark geprägt?

    Ami: Ja! Also schon auch wieder mein Papa, weil seine Musik war irgendwie einfach immer da, ich war immer dabei auf den Konzerten. Bob Marley habe ich irgendwann entdeckt, auch über meine Eltern eigentlich und fand das irgendwie auf Anhieb einfach gut. Es gab dann noch Songs auf Gitarre. Ich weiß, dass es einen Ed Sheeran Song gab, den ich dann nachgespielt habe. Also, es gab schon immer wieder so Momente, die mich inspiriert haben, wo ich dachte, ich hab‘ jetzt auch Bock, die Gitarre zu nehmen. Aber irgendwie habe ich nie so auf die Texte gehört. Also, es gab jetzt nicht so den Moment, dass ich einen Song mitgesungen habe, der mich in meiner Einstellung oder so krass beeinflusst hat.

    Lucas (untoldency): Gab es in deiner musikalischen Biografie auch mal eine Pause, als du das Gefühl hattest, du hast gar keine Lust auf Musik und du brauchst mal Abstand?

    Ami: Ich habe tatsächlich, als es mit Corona und so losging, relativ viel gemacht und eben auch selber aufgenommen und Songs geschrieben und habe dann aber gemerkt, dass ich eine Person bin, die immer auch ganz gerne noch andere Sachen macht. Als ich dann auf einmal jeden Tag morgens bis abends Zeit hatte, nur Musik zu machen, habe ich gemerkt, dass ich das gar nicht unbedingt brauche, sondern dass ich am besten auch neue Ideen finde, wenn ich dazwischen andere Sachen mache. Ich hatte nie diesen Gedanken, ganz aufzuhören. Aber ich habe einfach gemerkt, dass es für mich so am besten funktioniert, wenn ich nicht jeden Tag morgens bis abends nur Musik mache. Mein Papa zum Beispiel ist ganz anders, der geht echt jeden Tag ins Studio und kann nicht genug davon kriegen. Aber mir tut irgendwie diese Abwechslung ganz gut.

    Lucas (untoldency): Kommen dir oft, wenn du andere Sachen machst, musikalische Ideen in den Kopf, von denen du denkst, die muss ich schnell aufnehmen oder in irgendeiner Form festhalten?

    Ami: Manchmal schon, aber eher selten. Also es ist tatsächlich so, dass ich schon die Gitarre nehmen muss und anfangen muss, irgendwie nach was zu suchen und zu gucken, dann formen sich Songs oder kommen Ideen. Also es ist eher selten, dass ich so eine Eingebung habe, ohne dass ich die Gitarre in der Hand hab.

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    Lucas (untoldency): Wie sehr machst du dir darüber Gedanken, wie du als Künstlerpersönlichkeit in Musikvideos und generell visuell auftreten möchtest?

    Ami: Im Rahmen von einem Album mache ich mir schon Gedanken, was die Bildsprache zu diesem ganzen Projekt sein könnte. Aber es ist immer irgendwie auch ein Stück weit meine Persönlichkeit. Also jetzt so wirklich einen Charakter zu entwerfen oder so was für ein Projekt, ich glaube, das passt bei meiner Musik nicht so gut, weil es eigentlich schon immer ziemlich nahe dran ist an mir.

    Ich würde auch sagen, dass es funktioniert! Gerade bei „kurz vorm Ende der Welt“ habe ich den Eindruck, dass diese orangen Farbtöne der Bilder und Musikvideos die Wärme deiner Lieder widerspiegeln.

    Lucas (untoldency): Als du beim Wohnzimmerkonzert von TV Noir zu Gast warst, solltest du spontan einen fremden Song performen. Wie fühlst du dich in diesen Momenten, in denen dir spontan gesagt wird: „Hier spiel mal irgendwas“?

    Ami: Das finde ich schwierig (lacht). Ich bin relativ unspontan, auch so Jam Sessions mag ich eigentlich gar nicht. Auch einfach, weil ich auch auf dem Instrument nicht so frei spiele. Ich kann halt Akkorde und schreibe damit meine Songs, aber improvisieren finde ich schwer und auch bei Texten find ich es voll schwer, so drauf loszumachen. Das war übrigens, glaube ich, wir sind Helden. Bitte gib mir nur ein Wort (singt den Song an).

    Lucas (untoldency): Ist dein Vater da ähnlich oder ist eher anders rum? Ich würde jetzt vermuten, dass dein Vater so ein Vollblut Musiker ist, der irgendwie sofort anfängt zu spielen, wenn die Stimmung passt.

    Ami: Ja, also der Papa tut sich auf jeden Fall einfacher, auch gleich auf etwas einzusteigen und eben so zu improvisieren. Wir sind eigentlich beide eher schüchtern. Er wäre jetzt auch nicht der Erste, der auf die Bühne rennt bei einer Jam Session. Aber wenn er dann was dazu spielt oder so, ist er auf jeden Fall ein bisschen freier als ich.

    Lucas (untoldency): Ich fand den Moment ehrlich gesagt ganz sympathisch, weil ich bereit vermutet hatte, dass dir das in der Situation etwas unangenehm war. Wenn dann noch Kameras auf einen Zeigen, ist der Druck ja dreimal so hoch spontan zu performen. Gab es im Freundes- oder Familienkontext auch Momente, in denen du aufgefordert wurdest, etwas vorzuspielen?

    Ami: Ich glaube, meine Eltern dachten auch ganz lange nicht, dass ich überhaupt auf irgendeine Bühne gehe, weil ich sehr schüchtern war. Und ne, zum Glück haben die das gecheckt und waren eigentlich sehr zurückhaltend. Mein Papa hat auch generell die Einstellung, dass man überhaupt nicht mit Druck vorgehen sollte. Also, nee, zum Glück konnte ich alles in meinem eigenen Tempo machen und mich step by step der Bühne annähern.

    Lucas (untoldency): Ich fand außerdem spannend, dass du mit deiner Familie da warst, also mit deinem Vater, deiner Schwester und deiner Mutter. Wie ist so die Dynamik auf so einer Reise ist? Und wie kommt es dann dazu, dass alle sagen, okay, wir kommen mit? 

    Ami: Ich hab‘ ja auch öfter Auftritte mit meinem Dad, und irgendwie war es da schon immer so, dass meine Mama alle Daten ausmacht und weiß, wann wir wo sein müssen. Der Papa und ich steigen irgendwie so blind ins Auto und konzentrieren uns eigentlich nur auf die Musik, genau, und sie macht alles Organisatorische, verkauft dann auch CDs. Das war eigentlich schon immer so, dass meine Mama sich früher nur bei meinem Papa um alles gekümmert hat und seit wir zusammen Musik machen, da halt auch immer dabei ist. Und das funktioniert eigentlich voll gut so. Und meine kleine Schwester, das war eher eine Ausnahme. Also, die findet‘s auch oft eher langweilig und will nicht mit. Und es ist nochmal anders, wenn ich mit meiner Band unterwegs bin, dann fällt das eh weg, dann bin ich einfach mit meiner Band und dann mache ich den CD Verkauf und so.

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    Lucas (untoldency): Was ist die nächste Single oder das nächste Projekt, das ich und die Welt von dir erwarten können?

    Ami: Ich mache, glaube ich, gerade das Album, was so am Tanzbarsten wird, und freue mich auch schon voll, das dann irgendwann live spielen zu können. Es fehlen noch ein paar Songs und ich muss noch mal ins Studio, aber ich sammle auch schon Live Sessions und Videos dazu. Ich bin gerade an so einem Punkt, wo ich eigentlich kein Label habe und gar keine Partner. Also ist noch einer der größten Schritte, gerade ein bisschen rauszufinden, wie ich das rausbringen kann. Aber eigentlich habe ich schon ein bisschen gesammelt und würde am liebsten im Sommer anfangen mit einer ersten Single, um dann im nächsten Jahr irgendwann dieses Album rausbringen.

    Lucas (untoldency): Die letzte Single von dir, „Weg“, würdest du dann nicht in das nächste Album reinzählen?

    Ami: Tatsächlich würde ich es gerne dazu tun, weil es von der Thematik her ganz gut passt. Die ganzen Songs, die dann kommen, gehen so ein bisschen darum, wie viel Freizeit man auch braucht und dass es auch voll okay ist, sich Pausen zu gönnen und dieses ganze, dass man sich selbst oft auch viel Druck macht und immer denkt, man muss noch mehr schaffen, dabei ist das manchmal vielleicht auch gar nicht notwendig. Obwohl die Sound Welt sich gerade so ein bisschen von dem Song wegbewegt, glaube ich, dass ich ihn dazu tun will, weil es vom Thema her passt, ja!

    Lucas (untoldency): Dann fällt mir noch das Feature mit KLAN ein. Kannst du mir sagen, wie das zustande gekommen ist?

    Ami: Eigentlich total unkompliziert. Die haben mir auf Instagram einfach geschrieben, ob ich Bock hätte. Dann gab es, glaube ich, zwei Songs zur Auswahl. Dann habe ich eingenommen, habe das bei mir daheim eingesungen, den zurückgeschickt und fertig. Ich würde die auch gerne noch mal so richtig kennenlernen, weil dazu kam es jetzt noch gar nicht so richtig, obwohl wir jetzt diesen Song zusammen haben.

    Lucas (untoldency): Noch zwei leicht verdauliche Fragen zum Schluss: Welches Instrument würdest du gerne spielen, das du noch nicht spielen kannst?

    Ami: Wahrscheinlich würde ich irgendwas mit Tasten nehmen. Klavier! Ja, ich hätte schon Bock, noch mehr auf dem Klavier zu können. Ich hab ja bei diesem Mixtape schon auch immer irgendwie Akkorde und gespielt, aber da brauche ich sehr lang, um die Töne zu finden und kann es eigentlich nicht. Ich glaube, das wäre was, was ich eigentlich schön fände, auch um Songs zu schreiben, mal weg von der Gitarre und vielleicht am Klavier, fände ich das eigentlich ein schönes Instrument.

    Lucas (untoldency): Hast du ein guilty pleasure, vielleicht ein musikalisches, vielleicht Trash TV, etwas dass du eigentlich keinem erzählen darfst?

    Ami: Ja! Bei Trash TV bin ich auf jeden Fall dabei. Da gäbe es richtig viele Sachen, die ich jetzt sagen könnte, die die Leute vermutlich schlimm fänden. Irgendwie kann ich voll gut abschalten, wenn ich mir sowas reinziehe. Da habe ich schon fast alles durch, von GNTM über irgendwelche Sachen auf Netflix.

    Lucas (untoldency): Cool, ich danke dir für das Interview und Ich warne dich schon ein wenig vor. Ich komme auf jeden Fall zu den Acoustics und ich bringe ein paar Groupies mit! Falls du eine Fangruppe siehst, die laut deinen Namen schreit, weißt du, Lucas ist da.

    Ami: Dir auch danke für das Interview!

    Hier geht’s zu den kommenden Tourdaten von Ami Warning und Hier lest ihr die Review zu Ami’s letzter EP „kurz vorm Ende der Welt“

  • Blond im Interview: »In der Musiklandschaft fehlt uns einfach eine Haltung«

    Blond im Interview: »In der Musiklandschaft fehlt uns einfach eine Haltung«

    „Auf geht’s Blondies, kämpfen und siegen!“, mit diesen motivierten Fan-Rufen beginnt das Album Perlen. Und das zu recht – für mich haben Blond mit ihrem zweiten Album quasi das Spiel der deutschen Musik gewonnen.

    Von fesselnden Erzählungen, gewohnt humorvollen Bemerkungen, schmerzhaften Erkenntnissen, Euphorie und Emotionalität bis hin zu krassen, unerwarteten Parts von Johann: das ist nur ein Bruchteil von dem, was sich in den schillernden Schätzen von Perlen verbirgt. Nina, Lotta und Johann aus Chemnitz zeigen hiermit, dass ihr erstes Album ein leckerer Vorgeschmack auf all das war, was noch mehr in ihnen steckt. Sowohl musikalisch, als auch inhaltlich schien die Band über sich hinausgewachsen zu sein und erreichte damit eine bemerkenswert positive Entwicklung. Gleichzeitig kann man sich bei Blond sicher sein, dass sie nicht darauf ausruhen werden.

    Obwohl Blond viele persönliche Geschichten erzählen, ist die Bedeutung der Sichtbarkeit und Identifikation für Hörer*innen nicht abzustreiten. Blond ist natürlich eine Band für alle, aber selten habe ich von so vielen FLINTA* Personen aus meinem Umfeld mitbekommen, dass sie sich so von einem Stück Musik so gesehen gefühlt haben. Und das ohne plakativ zu wirken oder Absicht irgendeine Art von feministischem Manifest schaffen zu wollen. Es tut einfach gut, mit Songs, die eine ähnliche Lebensrealität und ähnliche Erfahrungen spiegeln, mitzufühlen. Denn so sehr ich auch meine anderen Lieblingsbands liebe und bei deren Musik das Verlangen nach Identifikation und Verständnis verspüre, werde ich das von einem verrauchten Alex Turner im Anzug nie bekommen. Ich bin dankbar, diese Möglichkeit hier zu bekommen und gleichzeitig zu solchen Bangern mit dem Po wackeln zu können.

    Es scheint für mich so, als würde fast niemand anderes in der deutschen Musik sich zutrauen so verdammt viel Vielseitigkeit zu bedienen und so verdammt viel Wahrheit schamlos auszusprechen. Niemand macht es so wie Blond.

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    Nina und Lotta von Blond im Interview

    Dascha (untoldency): Hi, so sieht man sich wieder! Wie geht es euch? Wie erlebt ihr die Zeit um euer Album herum gerade?

    Nina: Wir sind irgendwie immer noch ziemlich im rush. Wir waren ja gestern noch in Chemnitz und haben noch Platten signiert, sind dann nach Hause und haben dann sofort geschlafen, sind aufgewacht und machen jetzt Interviews. Das ist halt alles immer noch so viel nacheinander. Der Puls ist die ganze Zeit hoch und wir sind die ganze Zeit so in Action. 

    Dascha (untoldency): Kann ich mir vorstellen!

    Nina: Aber es war alles sehr, sehr schön! Also wir sind auch sehr gut gelaunt und glücklich, gerade weil die Leute, die zu unseren Konzerten und zu diesen Signier-Sachen kommen, alle übelst tolle Menschen sind und dadurch ist das alles immer sehr, sehr angenehm.

    Dascha (untoldency): Voll schön! Dann fange ich mal ganz von vorne an. Wie kamt ihr auf den Albumtitel? Und diese „Unterwasser“-Ästhetik, die sich gerade bei euch durchzieht? 

    Lotta: Wir haben mal gehört, dass wenn Schmutz in eine Muschel gerät, die diesen Schmutz nimmt und umwandelt und zu einer schönen Perle macht. Das war für uns ein sehr schönes Bild. Und es gefällt uns sehr gut, wenn man sich überlegt, dass wir diese Songs auch schreiben, um vielleicht Schmutz, der in unser Leben kommt, zu verarbeiten und zu einem schönen Song zu machen, zu dem man sich empowered, fühlen kann. Deswegen haben wir nun ein Album, auf dem ganz viele Perlen sind. 

    Nina: Da lag natürlich die Unterwasserwelt sehr nah, und die ist ja auch von der Ästhetik her ein sehr schönes, weites Feld und da haben wir uns komplett reingestürzt. Wir waren sehr dankbar, dass wir uns selber so ein riesiges ästhetisches Feld gegeben haben. Wir haben ganz viele riesige Moodboards dafür und die sind noch lange nicht alle fertig umgesetzt. 

    Dascha (untoldency): Geil! Diese ganzen Schwimmbad Prelistenings und die Aktion mit den Synchronschwimmer*innen zu eurer Musik sahen sehr, sehr cool aus!

    Lotta: Ja, das war auch richtig schön. Das ist so absurd, dass wir das machen, weil sich das angefühlt hat wie ein Traum. Ich meine: Ja, ich spiele in einer Band. Und jetzt sitzen wir hier im Schwimmbad in der Bademeister Kabine und erlauben den Leuten, ins Wasser zu gehen. Wie sind wir denn hier gelandet? 

    Dascha (untoldency): Ein bisschen absurd, aber mega cool. Wann habt ihr angefangen, an dem Album zu arbeiten und was waren eure Highlights oder auch Tiefen? 

    Lotta: Wir haben in der Coronazeit angefangen. Also wir haben ja das erste Album rausgebracht, dann waren wir auf Tour und zu dem Album hätte noch eine zweite Tour im Herbst gehört. Wir kam quasi vom Tourabschluss aus Leipzig in Chemnitz an und einen Tag später war Lockdown überall. Da dachten wir am Anfang so „Nee, wir können jetzt nicht sofort neue Songs schreiben“, weil wir ja das erste Album noch gar nicht so präsentiert haben, wie wir das gerne machen wollten. Auch einfach mental ging es uns dann nicht so gut. Natürlich hatte man in dieser Coronazeit auch richtige Existenzängste und hat sich gefragt: „Okay, was passiert jetzt mit so einer Newcomer Band?“ Man hat angefangen, irgendwo anders zu jobben, man hat sich gefragt „Bleibe ich jetzt für immer in diesem Beruf? Kann man jemals wieder vor Leuten Konzerte spielen?“ und dadurch gab es keine krasse Motivation. 

    Nina: Wir sind schließlich eine Live-Band und wollen den Leuten die Musik, die wir schreiben, auf Konzerten zeigen. Deswegen hat es sehr, sehr lange gedauert, bis wir dann den ersten Song einfach geschrieben haben, das war Du und Ich. Danach erst, als auch wieder ein paar Festivals kamen, haben wir angefangen Songs zu schreiben und wieder ins Studio zu gehen. Johann hat sich in der Corona Zeit das Produzieren selber beigebracht, deswegen konnten wir da viel in Chemnitz machen. Was halt anfänglich total schwer war, war dieser Anfang, wieder kreativ zu werden. Das war auch ganz anders als beim ersten Album, aber eigentlich ziemlich cool, man war dann wieder in so nem kreativen Fluss drin. Also haben wir dann viel in Chemnitz gemacht und sind dann damit zu Produzenten ins Studio und haben die Songs dann da weiter ausgearbeitet. 

    Dascha (untoldency): Thematisch habt ihr ja auf dem Album sehr viele unterschiedliche Themen abgedeckt und viele Themen, die eben viele FLINTA* Personen beschäftigen und betreffen oder aktuell häufig im Gespräch sind. Was meint ihr, wie findet ihr für euch persönlich einen angemessenen Umgang mit solchen sensiblen Themen? Und auch, wie man vielleicht Leute außerhalb der eigenen Bubble erreicht, die sich nicht so häufig damit beschäftigen? 

    Nina: Wir sind natürlich nicht der Maßstab der Dinge und machen sicherlich auch nicht alles immer richtig. Unser Stilmittel ist ja immer so der Humor und wir versuchen dann halt durch Humor relativ einfach mit Themen umzugehen. Da muss man aber auch immer sagen, dass man bei einem Popsong von drei Minuten ja nie alle Facetten eines Themas abdecken kann. Das ist halt einfach Popmusik und da kann man auch nicht sehr, sehr tief in ein Thema einsteigen. Also so machen wir das, aber ich würde jetzt nicht sagen, so ist der einzig gute Umgang damit. Wir gucken immer, wie sich das für uns anfühlt und bauen das dann so aus. 

    Dascha: Aber es funktioniert gut! Was für einen Effekt oder was für Gefühle sollte das Album bei den Hörenden auslösen, was erhofft ihr euch? 

    Lotta: Wir haben jetzt auch schon relativ oft gespiegelt bekommen, dass sich Menschen gehört fühlen oder empowered fühlen oder einen Song haben, der die auch vielleicht mit ihren Freund*innen verbindet.

    Nina: Man macht ja die Musik in erster Linie für sich. Um sich selber das Ventil zu geben, um Sachen einfach zu verarbeiten oder Sachen anzusprechen. Wenn es dann im zweiten Schritt quasi funktioniert, dass Leute das auch noch toll finden, sich vielleicht darüber kennenlernen, connecten und Gemeinschaften bilden, die ähnliche Einstellungen haben, dann ist das voll cool. Aber man schreibt jetzt nicht einen Song, um zu sagen, ich möchte, dass die Leute dann das und das damit machen. Sondern der ist erst mal so für uns und tut uns gut, weil wir Bock haben, über etwas bestimmtes zu singen.

    Dascha: Und welche Bedeutung hat für euch persönlich weibliche Sichtbarkeit in der Musik? Besonders bezogen auf Durch die Nacht, weil vor allem die erste Strophe bei mir total hängengeblieben ist. Deswegen würde ich gerne mal hören, wer bei euch besonders zu diesem „Vielleicht kann ich das auch“ beigetragen hat. 

    Lotta: Also der Song ist für uns ja so ein bisschen ein „Danke“ an LaFee und Judith Holofernes. Das waren zum Beispiel zwei Künstlerinnen, die wir gehört haben, als wir zehn Jahre alt waren. Da war schon so der Moment da, dass man dachte irgendwie könnte man das doch auch, da hat man dann auf dem Kinderzimmerbett mit Mikrofon performt und sich das vorgestellt.

    Nina: Ich habe mir im Saturn immer jede LaFee CD geholt. Die hatte ja Alben, EPs, Single-Auskopplungen, dann noch mit einem Instrumental und einem Textblatt drinnen, wo man dann selbst den Text mitsingen konnte und so. Ich war eigentlich nur: LaFee. Ich habe mir sogar die Biografie gekauft, die hat sie geschrieben, als sie 17 war. Alter, das ist wirklich ein Legenden-Move! Später kam auch Missy Elliott oder Gossip dazu. Aber es gab immer wieder diese Momente, auch als wir schon älter waren. Zum Beispiel waren wir zusammen auf dem Peaches Konzert und waren so: „Oh mein Gott, das ist ja das Geilste überhaupt! Wir wollen das auch!“ Also bei Peaches haben wir dann gesehen, dass man über den Song hinaus quasi das gesamte Konzert zu einer einzigen Performance verwandeln kann und dass das voll geil ist. Also es nicht so, man geht auf eine Bühne und spielt ein Lied, sondern alles gehört zusammen. Das haben wir bei ihr das erste Mal gesehen. 

    Dascha (untoldency): Das ist so cool! Durch die Nacht hat mich so richtig gepackt, weil das für mich immer ein richtig großes Thema ist. Auch wenn ich selbst keine Musik mache, sondern Sachen hinter den Kulissen. Aber jedes mal, wenn ich starken weiblichen Personen begegne, vergesse ich diese Begegnungen auch nicht. Da gibt es so viele tolle Vorbilder.

    Nina: Ja, weibliche Vorbilder sind ja in allen Bereichen geil. Es tut einfach gut, dann eine Identifikationsfigur zu haben.

    Dascha (untoldency): Ja, total. Ihr habt auf dem Album auch das erste Mal in eurer Diskografie richtige Features mit drauf. Wie kam es dazu und wie war das für euch?

    Lotta: Wir haben das ja schon so immer über oft gemacht, dass wir uns so auf Festivals gegenseitig auf der Bühne besucht haben mit befreundeten Bands. Wir haben das irgendwie nicht so eingesehen, dass sowas nur im Rap komplett Standard ist. Also, mittlerweile ist es auch im Indie angekommen. Zum Beispiel bei Männer hat das für uns einfach voll Sinn ergeben, da noch eine andere Perspektive aus einer etwas anderen Musikrichtung reinzuholen. AddeN hat früher sehr viel Battlerap gemacht und war da so ein bisschen allein. Deswegen haben wir uns gedacht: Okay, sie kann das wahrscheinlich gut nachvollziehen, vielleicht hat sie ja Bock. Also wir hatten auch übelst Schiss sie anzufragen, weil wir waren so „Als ob die das macht!“ Wir dachten, die sagt safe nein. Aber dann hatte sie übelst Bock und ist ein ganz toller Mensch. Sie war jetzt auch bei unserer Releaseparty mit dabei und hat mit uns live performt und das hat alles voll Sinn ergeben. 

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    Nina: Auch Power Plush, das lag ja auf der Hand, weil wir sowieso immer übelst viel rumhängen und immer so einen kreativen Austausch haben. Bei Ich sage ja hatte das so gut gepasst von der Art her wie Power Plush Musik machen, durch diese harmonischen Gesänge. Die erste Zeile ist ja „Ich bin die Harmonie“ und dann kommen Power Plush mit ihrem harmonischen Wesen da rein. Das ist so geil! 

    Dascha: Finde ich auch. Es war aber auch cool, Power Plush mal auf deutsch zu hören.

    Nina: Genau, wir versuchen natürlich auch, denen so ein bisschen die Tür zu öffnen. Vielleicht machen sie ja auch mal einen Song auf deutsch!

    Dascha: Haha, vielleicht! Um bei Ich sage ja zu bleiben – Als ich den zum ersten Mal gehört habe, musste ich einfach heulen. 

    Nina und Lotta: Ahhh danke, das freut uns wirklich zu hören!

    Dascha: Mega song, einfach richtig schön. 

    Nina: Wir haben den jetzt schon ein paar Mal live gespielt und es gibt ja diese Bridge mit „Fass mich nicht an“ und dann singt das das Publikum immer nach und da kriege ich jedes mal Gänsehaut. Und wir haben ja sehr viel weibliches Publikum, da singen alle immer vor allem übelst laut das „Halt dein scheiß Maul!“ Da krieg ich Gänsehaut! Man merkt, dass die das brauchen, dass einfach mal heraus zu sagen.

    Dascha: Kann ich mir vorstellen. Könnt ihr mal in euren Worten aus eurer Erfahrung kurz sagen, wieso man weibliche Wut braucht? Auf den Song bezogen, also jetzt nicht unbedingt in einem revolutionärem historischen Kontext, sondern auch einfach im Alltag. Und findet ihr dieses Bild von diesem braven Mädchen, was immer ja sagen sollte, ist gerade im Wandel?

    Nina: Ich glaube, das ist wieder was Persönliches. Also ich habe halt viel gelesen, wo es einfach um Weibliche Wut ging und dann bin ich selber meine Sozialisation so ein bisschen durchgegangen und habe mich dann viel im Freund*innenkreis unterhalten. Dass man sich als Frau immer blöd vorkommt, wenn man sauer ist, weil man denkt man übertreibt oder ist hysterisch, weil einem das ja auch so gespiegelt wird, als ob Wut eine Emotion wär, die mir nicht steht. Und dann hab ich aber überlegt, dass das bei Männern nicht so ist. Zum Beispiel bei Politikern oder so, wenn die eine wütende Rede halten, dann sind das die total starken Typen. Wenn eine Politikerin aber eine wütende Rede hält, dann ist die überemotional und so. 

    Dann sind mir total viele solcher Sachen aufgefallen. Auch im Kindergarten zum Beispiel, dass die Jungs sich immer gerauft haben, aber Mädchen sollten sich ja immer sofort vortragen und lieb sein. Man rutscht dann ja selber in so eine Rolle rein, wenn die Gesellschaft die so vorgibt. Das Thema ist also eine persönliche Sache, die aber natürlich trotzdem strukturell bedingt ist. Dann hab ich eben viel dazu gelesen und habe gemerkt, dass es Lektüre dazu gibt und dass das ein Thema ist, was schon mal bearbeitet wurde. Ich habe das Gefühl, das ist wie bei allen möglichen feministischen Themen, dass es gerade schon so ein bisschen popkulturell abgebildet wird. Die Frage ist immer nur, wie sich dann sowas wirklich auch im System verändert. 

    Dascha (untoldency): Ich finde, das habt ihr sehr gut in dem Song auf den Punkt getroffen. Also, dass man es irgendwie einfach persönlich auf sich beziehen kann, aber trotzdem den allumfassenden Kontext versteht.

    Nina: Danke, wirklich! Wenn alle möglichen Leute gemeinsam dann „Halt einen scheiß Maul“ mitsingen und das in dem Moment ein Ventil für die ist, dann ist das geil. Es ist ja auch ungesund, seine Wut runterzuschlucken, das machen ja auch total viele. Ich habe auch gelesen, dass viel mehr Frauen als Männer Zähne knirschen, weil die da irgendwas nicht verarbeiten. Oder ganz viel mehr Frauen melden sich für diese Kurse an, wo man mit Baseball Schlägern Autos und so zerschlägt, um Wut rauszulassen. Das Gefühl ist ja da, aber wird dann einfach nicht ausgelebt. Das ist ungesund.

    Dascha (untoldency): Ja, das stimmt! Apropos Gefühle, ich würde noch gerne auf Immer lustig eingehen, weil ich den Song überraschend fand. Also, vielleicht werdet ihr auch einfach von außen schon ein bisschen in die Schublade der „funny“ Band gesteckt. Den Kontrast von dem Song auf dem Album finde ich super interessant und überraschend, aber andererseits hat es auch total Sinn ergeben. Vielleicht könntet ihr einfach mal ein bisschen zu dem Song erzählen und auch zu dieser Balance zwischen diesen zwei Seiten, um die es geht.

    Nina: Der Song ist der einzige auf dem Album bei dem es jetzt keinen doppelten Boden gibt, sondern der ist einfach das, was man singt ohne zusätzlich etwas zu erklären. Der ist genau so gemeint. 

    Lotta: Ich glaube, da geht’s auch so ein bisschen darum, dass wir gemerkt haben, dass oft Leute schnell so sind wie „Also, das hätte ich nicht gedacht, die ist doch immer so gut gelaunt“ und dass man Leuten auch mal zeigt, dass andere Leute nicht immer so sind, wie du die siehst. Wenn du Leute siehst, die nach außen vielleicht immer total funny wirken, dann kann das vielleicht auch ein Mechanismus sein, um mit Sachen umzugehen, die im Privatleben extrem scheiße sind. Es sollte einfach zeigen, dass es halt nicht so einfach ist, von außen in Leute reinzugucken. Dass es nicht so leicht ist zu sagen „Hey, dir geht’s doch gut, du scheinst doch immer gut gelaunt“ und ich glaube darum war uns das auch wichtig, da einfach mal so ehrlich zu sein, weil halt nicht immer alles schön ist. Auch bei uns nicht. 

    Dascha (untoldency): Ja total, das ist auch wichtig, sich dem bewusst zu sein. Der Song ist wirklich super schön geworden. Ich habe generell den Eindruck, dass ihr so eine Band seid, die irgendwie immer wieder neue Ideen einbringt und sich immer wieder weiterentwickelt und immer versucht, den Rahmen zu sprengen und irgendwas cooles neues einzubringen und damit auch irgendwie die Musikszene aufregender macht. Was treibt euch so dazu an? Also was gibt euch die Motivation, euch immer neues auszudenken? 

    Nina: Ich finde, und das sagen wir auch ganz oft, wir finden es übelst toll, dass wir in einer Band spielen und es könnte keinen besseren Beruf für uns geben. Zu dieser Band gehört ja auch sowas wie Musikvideos, irgendwelche Sessions, wie jetzt unsere Unterwasser Prelistenings und wir haben 100000 Ideen im Kopf, die gar nicht unbedingt in erster Linie nur was mit Musik zu tun haben. Und man kann die ja trotzdem alle umsetzen. Wir haben uns selber jetzt einen Rahmen geschaffen, wo wir einfach alles, was uns so einfällt, was wir geil finden, umsetzen können. 

    Lotta: Man kann sich kreativ so krass ausleben! Uns treibt dann auch an, dass man einfach umgeben ist mit kreativen Leuten. Also unser Freundeskreis ist auch extrem kreativ und so, das treibt uns dann natürlich auch an, wenn die Sachen machen und man sich darüber unterhält. Was einem außerdem so gute Gefühle gibt, ist dann halt, wenn man auf der Bühne steht und merkt, es zahlt sich aus und die Leute wertschätzen voll die künstlerische Arbeit, die man macht. Wenn man merkt, die Leute verstehen das und die Leute haben Spaß damit, dann treibt das natürlich auch wieder an, dass man wieder mit einer neuen Sache um die Ecke kommt. Das ist ein Zusammenspiel aus vielen verschiedenen Dingen, aber wir sind einfach extrem glücklich, so kreativ arbeiten zu können.

    Dascha (untoldency): Das merkt man auch! Was ist für euch die größte Entwicklung, die ihr als Band gemacht habt? Von euren ersten Releases bis jetzt hier hin. 

    Nina: Ich finde, alles mögliche hat sich irgendwie gleich weiterentwickelt. Also, ich habe gestern unsere beiden Albumcover mal nebeneinander gesehen und die sind irgendwie trotzdem in einem Stil. Aber das zweite ist natürlich professioneller, sag ich mal, und ich kann das gar nicht an einer Sache festmachen, aber ich glaube man kann das auf alles beziehen. Musikalisch, aber auch die Ästhetik, das Bühnenbild, dann gibt es ja ein übelst tolles Team, was jetzt unsere Bühnenoutfits näht und solche Sachen. Wir haben halt quasi dadurch, dass wir jetzt ein bisschen größer sind, mehr Möglichkeiten, noch mehr Sachen, die wir uns immer gewünscht haben, umsetzen zu können. Das ist vielleicht nicht wirklich eine Entwicklung, aber einfach eine Möglichkeit.

    Lotta: Man hat sich privat auch so entwickelt, dass man vielleicht ein bisschen selbstbewusster mit dem eigenen Projekt ist und sich so ein bisschen den Raum, der einen ja auch zusteht, noch mehr nimmt. Außerdem arbeiten wir halt jetzt mit Leuten, die wir einfach übelst lieben und die uns mögen, man ist einfach auf einer Wellenlänge. Ich habe das Gefühl, das ist auch so eine persönliche Entwicklung, dass wenn eine Person einfach scheiße ist, man nicht mehr mit der Person zusammen arbeitet oder die Person nicht supported. Also, dass wir uns jetzt dieses Recht nehmen.

    Nina: Genau, das meinte ich auch mit Möglichkeiten. Wir sind jetzt an einem Punkt, wo man auch sagen kann: „Ist mir scheiß egal, du bist kacke, ich hab kein Bock auf dich“ und das ruiniert jetzt nicht die gesamte Karriere. Es ist natürlich immer kompliziert, aber es ruiniert jetzt nichts mehr. 

    Dascha (untoldency): Passend dazu, was fehlt euch persönlich momentan in der deutschen Musiklandschaft, egal in welcher Hinsicht?

    Nina: Um es mal kurz zusagen: in der Musiklandschaft fehlt uns meistens einfach eine Haltung. Einfach mal ein bisschen Rückgrat zeigen.

    Dascha (untoldency): Ja, gut zusammengefasst. Die nächste Frage, die vorletzte, ist sehr wichtig. Was ist euer lieblings Sims Erweiterungspack?

    Lotta: Ich muss dazu sagen, ich musste Sims letztens leider löschen, weil es so viel Speicherplatz eingenommen hat. Das Erweiterungspack mit den Haustieren ist zwar schon lange her, aber das war ein großer Schritt in die richtige Richtung. (lacht) Hauserweiterung fand ich super, aber ich weiß gar nicht mehr, wie das hieß. Irgendwas mit Home Decor? Da hat man so geile Badematten für den Pool bekommen und so. Da gab’s ganz spezielle kleine Sachen wo ich immer dachte „nice“, sowas wie schöne Vasen. Ich glaube, mein liebstes Erweiterungspack ist aber Haustiere. Was ist denn dein lieblings Erweiterungspacks?

    Dascha (untoldency): Ich glaube, auch Haustiere. Und Jahreszeiten ist für mich ein Klassiker. Ich denke manchmal daran zurück, dass es für Sims 2 so ein Pack gab, das hatte ich damals auf der Playstation, das hieß Sims 2 Gestrandet. Das war einfach so unnormal verstörend, da war man alleine auf der wilden Insel und irgendwann wurde man immer von Affen gejagt und getötet, ich hatte so Angst davor.

    Nina: Ich weiß einfach direkt im Kopf, wie diese Verpackung aussah! Das ist aber was, wo ich immer so drum rumgelaufen bin und meine Eltern überreden wollte, mir das zu kaufen. Ich habe es nie gekriegt. Ich kenne deswegen nur diese Verpackung, bei der für mich ein Heiligenschein drum rum war, das war etwas unerreichbares für mich als Kind. (lacht)

    Dascha (untoldency): Ja, das war geil, aber eben auch verstörend. Naja, okay. Die letzte Frage ist bei uns immer eine untold story, also eine Geschichte oder ein kleines Geheimnis, das ihr noch nicht öffentlich erzählt habt.

    Nina: Für alle, die uns letztes Jahr auf unserer Tour besucht haben, die ging einen Monat: Ich habe den gesamten Monat lang gezahnt. Also den gesamten Monat lang sind mir meine Weisheitszähne hinten durchgebrochen und ich konnte eigentlich meinen Mund kaum aufmachen und musste immer Schmerztabletten vorm Auftritt nehmen, damit ich überhaupt ordentlich singen kann. Ich dachte halt, die Martini Sprite Tour wurde drei mal verschoben wegen Corona, wir können jetzt nicht vier mal verschieben, wegen meinen Weisheitszähnen. Das geht ja nicht! Deswegen Shoutout an alle Babys die gerade zahnen, weil ich kann das komplett mitfühlen. Wenn du dich nur noch durch schreien äußern kannst, dann tut’s mir leid. (lacht) Das ist eine Geschichte, die wir noch nicht erzählt haben. Und jetzt ist es raus: Ich habe auf Tour gezahnt.

    Dascha (untoldency): Respekt, du hast es aber geschafft! Sind sie jetzt raus?

    Nina: Ne, die sind noch drinnen, ich habe genug Platz in meinem Mund.

    Lotta: Die leben da einfach rent free!

    Dascha (untoldency): Ich danke euch für eure Zeit und das schöne Interview!

    Ende des Jahres könnt ihr alle Perlen-Hits live auf Tour hören! Hier geht’s zur den Tourdaten.

    Foto Credits: Anja Jurleit

  • untoldency proudly presents: Peat „Weich“ Record Release Show am 17.06.2023 in Berlin (+ Verlosung)

    Am 16.06.2023 veröffentlicht Experimental-Producer und -Artist Peat sein inzwischen drittes Studioalbum „Weich“. Am Abend danach findet im Berliner Prachtwerk eine fette Record Release Show mit Taby Pilgrim, Furk und Prenzlboys statt, präsentiert von untoldency. Die ganz Aufmerksamen unter euch wissen vielleicht, dass die Show schon ausverkauft ist, ABER: Wer kein Ticket mehr bekommen, aber trotzdem Bock hat, mit Peat zu feiern, der sollte untoldency mal auf Instagram abchecken, zwinker zwinker.


    Peat gehört aktuell zweifelsfrei zu den interessantesten Independent-Künstler*innen, die der deutschsprachige Raum gerade so zu bieten an. Mit den Alben „Weit Weit Weg“ (2020) und Das Fest(2021) hat sich Peat in den letzten Jahren einen Namen gemacht. Selbst wenn man die Musik nicht kennt, den Namen haben wir doch aber alle schon mal irgendwo gelesen, oder? Die Musik nicht zu kennen ist übrigens ein Manko, das es spätestens mit dem 16 Track starken neuen Album „Weich“ (VÖ: 16.06.2023) abzuändern gilt. Mit seinem Mix aus Hyper-Pop, Rap, Rock und Industrial spielt Peat nicht nur gekonnt mit Genres, er verbindet sie vielmehr zu einem völlig neuen, nämlich seinem ganz eigenen Genre.

    Auf „Weich“ geht es um die wohl bisher prägendste Zeit in Peats Leben: Eine zunächst unberührte Jugend, die mit düsteren Begegnungen im Internet und starken, aufbrechenden Gefühlen wie Angst, Hass und Wut konfrontiert wird. Parallel zu dem ständigen Kampf zwischen Selbstzweifel und Selbstliebe. Distorted Synthies, psychedelisch angeordnete, verzerrte Stimmen sowie analog eingespielte Drums und E-Gitarren bringen neben den dichten Reimketten und den eingängigen Lines zwischendurch, Depressionen auf der Suche nach der eigenen Identität, furchteinflößende Liebe und unbändige Wut zum Ausdruck.


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    Die Songs des Albums, die bereits veröffentlicht sind – wie zum Beispiel die am letzten Freitag erschienene Doppel-Single „DER SCHRECKEN“/„DAS WILDE VERDERBEN“ – und auch die wirklich krass ästhetischen und fesselnden Musikvideos (checkt mal Peat auf YouTube, lohnt sich sehr doll, versprochen <3) machen so viel Bock auf „Weich“, ich verstehe alle, die sich den 16.06.2023 rot-fett-leuchtend im Kalender eingetragen haben.

    Normalerweise würde hier jetzt wie immer ein süßer grüner Ticketlink-Button erscheinen. Da ihr die Record Release Show aber bereits restlos ausverkauft habt, müssen wir darauf an dieser Stelle leider verzichten. Für alle, die nun in ca. 3,5 Sekunden in untröstliche Traurigkeit verfallen wollten, haben wir aber ein kleines Trostpflaster parat: Wir verlosen auf Instagram nämlich noch 1 x 2 Gästelistenplätze für die Record Release Show am 17.06.2023. Alle Infos zur Verlosung findet ihr in unserem Feedpost. Die Verlosung läuft bis zum 10.06.2023, 18 Uhr. Die Gewinner*innen werden dann per Instagram-DM benachrichtigt. Viel Glück an alle Mitmachenden! 💚

    Wir freuen uns jedenfalls auf jede und jeden, die mit Peat und uns am 17.06.2023 Albumrelease feiern kommt. Bis dahin einfach nochmal bisschen Spotify zum Glühen bringen, auf los geht’s los, LOS:

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    Fotocredit: Till Wilhelm

  • 070 Shake schwebt auf „You Can’t Kill Me“ zwischen klanglichen Welten

    Aus dem New Yorker Künstler*innen-Kollektiv 070 über den Dunstkreis von Kanye West direkt in unsere identitätssuchenden Herzen: 070 Shake führt auf ihren beiden Alben Modus Vivendi (2020) und You Can’t Kill Me (2022) die künstlerische Vision eines Kanye West auf YEEZUS (2013) und ye (2018) fort (in a good way though) und prägt dabei einen neuen Generationensound, der einzigartig ist und trotz allem bodenständig bleibt. Liebe, Identität, Sexualität: 070 Shake erfindet die Themen auf ihrem zuletzt erschienenen Album nicht neu, doch sie verleiht ihnen eine besondere Authentizität und Bedeutung. Jedes Wort aus ihrem Mund wirkt unabhängig der vermeintlichen Banalität so ausgesprochen glaubhaft. Sollte 070 Shake jemals ihre eigene Sekte gründen, werde ich ernsthaft darüber nachdenken müssen, ihr beizutreten. 

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    Auf der Suche nach Identität

    Musikalisch hat für 070 Shake alles Mitte des letzten Jahrzehnts mit einem klassischen Trap-Sound als Teil des Musiker*innen-Kollektivs 070 in New Jersey angefangen. Auch wenn der damalige Hip Hop Sound dem Zeitgeist entsprach, klang er doch relativ austauschbar. Doch eins war schon damals besonders: die Stimme. Der hohe stimmliche Wiedererkennungswert von 070 Shake war Grund genug, um von Kanye West gesigned zu werden.
    Zu einem Zeitpunkt, als Kanye West zwar bereits kontrovers diskutiert wurde, aber noch immer den musikalischen Kanon mitprägte, schaffte die Sängerin es zudem als Mitwirkende bzw. Feature-Artist auf die Hälfte der Songs des Albums ye. Interessanterweise gestaltete sie dabei ein Album mit, dass auf dem Cover den Satz „I hate being Bi-Polar, its awesome“ zu stehen hat und sich intensiv mit der mentalen Gesundheit und der Suche nach der eigenen Identität beschäftigt. Egal welche irritierenden Philosophien Kanye West in den vergangenen Jahren verfolgt, für 070 Shake markiert ye den Anfang einer eigenen Klangästhetik. 

    Klangflächen & Mike Dean

    Der letzte Song auf Kanye Wests Album ye klingt in der Retrospektive wie der erste 070 Shake Song, auf dem sie zu ihrem musikalischen Selbst gefunden hat. Auf „Violent Crimes“ schweben weiche, orgelartige und mit Gospelakkorden angereicherte Klangflächen seicht um die Ohren. Darüber hinweg fliegen die zahlreichen und zu einem Ganzen zusammenwachsenden Stimmen der Sängerin, federleicht und ohne Anstrengung. 070 Shake prägt mit ihrem eigenen Gospel-Chor die Klangästhetik dieses Songs nachhaltig ebenso wie ihren eigenen. 

    Ein Name, der die Klangwelten der beiden Artists verbindet, ist Mike Dean. Der renommierte Hip Hop Produzent ist bekannt für seine unverwechselbaren Synthesizer-Produktionen. Denkt man an die prägenden Synths auf Kanye Wests YEEZUS, denkt man insgeheim an Mike Dean. Mit Dean findet 070 Shake zu ihrer musikalischen Identität.

    What is your favorite flower?

     “What is your favourite flower? I wanna know” Mit diesen Zeilen verwandelt 070 Shake ihre eigene Stimme im Album-Intro zum Synth. Chorisch wiederholen sich die Worte, während sich eine zweite Stimme der Künstlerin sprechend auf den Chor legt. Die Klangwelt baut sich langsam durch einsetzende Synths auf und gewinnt zunehmend an Größe. Alles fließt gleichmäßig, motiviert ein sinnliches Eintauchen und nichts steht dabei im Wege. In diesen Klangraum wirft die Sängerin den Wunsch nach wahrer Intimität, dem Loslassen und dem ungeschützten sich Näherkommen. “What is your favourite flower? I wanna know”

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    Eine Einladung zu lieben

    „Invited“ knüpft an diese Szenerie an. Viel Atmosphäre, viel Pathos und über aller Sinnlichkeit steht der gegenseitige Respekt vor dem sich aufeinander Einlassen: „Ooh, I’m invited. I’m in your world for the night, yeah. Don’t wanna fuck it up, let’s get it right”. Müsste ich eine vertrauensvollere Formulierung über den Umgang zweier Liebenden finden, ich würde aufgeben. 

    In der zweiten Hälfte des Songs trauen sich dann auch die ersten Percussion und Drum Sounds auf das Album und auf dem dritten Song „History“ ist es nur eine gute Minute bis die transzendente Klangwelt mit Drums angereichert wird. Aus dem Wunsch nach Intimität sowie der Bereitschaft zur sinnlichen Annäherung wächst eine Art Besessenheit nach Liebe. Spürbar wird das durch die zahlreichen Beat Changes. Aus dem strahlenden Intro von „History“ und dem Besingen von Eternity erwächst ein drastisches Verlangen nach der Liebe des Anderen in Form von treibenden Drums und bewegten Streichern bis alles wieder heruntergefahren wird. Disney-ähnliche Streicher begleiten die sich wiederholenden Zeilen der Stimme über Mike Deaneske Synths, ehe ein neuer Beat einsetzt. Die emotionale Aufgewühltheit ist kaum nachzuvollziehen. Wer kennt es nicht von der Liebe?

    Lyrische Blumen

    Die Gefühlsstürme, die Auseinadersetzung mit der Liebe und dem Selbst ziehen sich durch das weitere Album. Dabei findet 070 Shake immer wieder wunderschöne lyrische Momente, um ihre Gefühlswelt zu beschreiben, beispielsweise auf „Skin and Bones“:

    „And we spoke in past tense, 
    reminisce ‚bout back when our spirits used to dance with each other”

    „Treat me like I’m more than a pair of skin and bones
    And that really made a difference in my story”

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    Von New Jersey ins Berghain

    Vom Bordstein bis zur Skyline ist outdated, ab sofort heißt es von New Jersey ins Berghain. 070 Shake hat Mitte Oktober ihre zweite Show in Berlin gespielt und hätte dafür keinen besseren Ort auswählen können. Zu dem Mythos, den diesen Ort umgibt, trägt die Aura der Künstlerin bei. Von hinten mit großen Lichtern angestrahlt steht die Silhouette 070 Shakes schemenhaft im wild umherwehenden Nebel allein auf der Bühne und strahlt so viel Präsenz aus, dass jede weitere Person zu viel wäre. Der makellose Sound, die atmosphärische Lichtshow, die zu perfekten, improvisierten Autotune-Gesangseinlagen; alles fühlt sich ein wenig nach dem Glanz eines amerikanischen Popstars an. Dabei befinden wir uns nicht in einer ausverkauften Arena mit durchinszenierter Live-Show, sondern im düsteren Berghain, im Hier und Jetzt, ohne ein leuchtendes Handy-Display. Zum Beweis wie sehr sie das Handy-Verbot genießt, wirft sie ihr eigenes demonstrativ auf die Bühne.  

    Aus dem Traum in den Moshpit

    Der Auftritt beginnt, Überraschung, mit ausschweifenden Synth-Flächen. Die Dramaturgie des Konzerts erlaubt ein langsames Hineinfühlen in die Songs, den Ort und die Atmosphäre bis der Song „Cocoon“ den Moshpit öffnet und die Energie pulsiert. Dabei dauert der Drop des Tracks so lange, dass der Moshpit nicht aufhört zu wachsen und die Spannung unaushaltbar drückend wird. Ab diesem Moment wechseln sich die Momente des träumerischen Genießens und ekstatischen Tanzens regelmäßig ab und egal welche Stimmung 070 Shake fordert, das Publikum zieht mit. Als die Sängerin einen alten Song aus ihren musikalischen Anfangsjahren rauskramt, betont sie wie sehr ihr der Song zum Halse raushängt. Sie spielt ihn trotzdem und schaut Wein trinkend gute zwei Minuten dem eskalierenden Publikum zu wie es jede Zeile mitsingt, ehe sie selbst das erste Wort singt. 

    Dieser Abend fühlte sich an, als wären Zuschauer*innen und Künstlerin in diesem Moment zu etwas ganz Besonderem zusammengewachsen. Egal wie pathetisch das klingen mag und wie oft sich die Stimmung auf den anderen Stationen der Tour womöglich genauso angefühlt haben mag, ich bin mir sicher, alle Besucher*innen behalten dieses Konzert als ein ganz Besonderes in Erinnerung.

    Klingende Emotionen zum Entdecken

    „You Can’t Kill Me“ ist mit Sicherheit kein Pop-Album, das die Mainstream-Charts erobert. Doch die sinnliche Tiefe ist so unfassbar schön, dass es sich lohnt, deren Erkundung Zeit zu geben. Denn sie entfaltet sich erst, wenn wir uns ohne Vorbehalte auf dieses Kunstwerk einlassen. 070 Shake fordert im Eingangstrack das befreite Eintauchen in die Intimität einer Beziehung und beschreibt damit zugleich den Umgang mit ihrem Album. Die Zugänglichkeit mag manchmal erschwerlich sein, aber die zu entdeckenden Schätze im Umgang mit dem Gegenüber sind unendlich. 

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    Fotocredits: Olivia Rose

  • Grim104 und Summertime Sadness im brennenden „Imperium“

    Kein schöner Land in dieser Zeit

    Wenn mir im Sommer die Sonne erbarmungslos auf den Kopf ballert, brauche ich Pommes rot-weiß im Prinzenbad, kaltes Gösser auf der Bank vor meinem Späti und neue Nikes – dann kann Sommer sein und dann bin ich bereit. Natürlich muss das alles auch von einem angemessenen Soundtrack unterlegt werden, denn jeder Sommer ist ja „the summer of my life“. Und ob nun Yaya Bey oder Ravyn Lenae, gute Musik gibt es auch in diesem Jahr für diese Momente. Allerdings halten sich die „The Sun is shining, the weather is sweet“-Yeahs nur solange, bis sich der erste Sonnenbrand auf der eigenen Gefühlswelt zeigt – und der kommt meistens sehr schnell. Spätestens im Juli schon schmecken die Frites pappig, das Radler ist zu süß und die Sneakers riechen irgendwie dann doch nur nach billigem Plastik, dessen Geruch mich an Bilder von brennenden Fabriken in Bangladesch erinnern. Die Summertime Sadness droppt rein – und in der Playlist läuft nur noch „Cruel Summer“ (Bananarama), „Summertime Sadness“ (Lana Del Rey) und „Moments in Love“ (The Art Of Noise) auf endlos Repeat.

    Wobei ich mit dem letzten Song bei Grim104 und seinem 3. Soloalbum angekommen bin. Denn dieser lässt mit dem besagten „Moments of Love“ sein 10-Track starkes „Imperium“ untergehen. Während Testo – die eine Hälfte von Zugezogen Maskulin – sich im Frühjahr mit „Nullerjahre“ durch den deutschen Feuilleton knüppelte und all denen eine Stimme gab, die Kohl und Schröder mundtot machten, arbeitete Grim104 an seiner Dekonstruktion der „Blühenden Landschaften“. Dabei stehen auf „Imperium“ – anders als zuvor – keine wiederbelebten Leichen und „Graue Grafen“ im Mittelpunkt sondern Ü30 Männer und ihre zerfallenden Reiche. Grim104 beleuchtet mittelalte weiße Männer, die dabei zusehen, wie vergessene Limousinen („Honda Legend“) einrosten, veraltete TV-Stars („Bam Margera“) sterben und erarbeitete Statussymbole („Voo Store“) Klassengrenzen dennoch nicht aufbrechen können. Er verhandelt auf „Imperium“ die Frage: Was macht ein „Nischenrap-Überboss“-Star, wenn die Dinge, die ihn prägten, verschwinden und alles, für was sie gestanden haben, bedeutungslos geworden ist? Gibt es für einen mitte-dreißig „Weirdo- Rap CEO“ noch andere, alternative Lebensentwürfe oder bleibt nur die große Midlife- Crisis?

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    Too Sad to Flex

    Potente Selfmade-Storys sind eng mit Rap verbunden. Dieses Genre vereint schillernde „Machertypen“, „Karrierefrauen“ und „Erfolgsmenschen“ und stellt sie im besten Social-Media-Licht dar. An diesen Erzählungen hatten ZM von Beginn an kein Interesse. Konsum-Gehabe diente ihnen immer dazu, aufzuzeigen, dass Menschen bei der Star- bzw. Boss-Transformation auf der Strecke bleiben, arme Fans reiche Stars reicher machen („Fans“) und für Musiker*innen nach dem Rausch nur kalte Asche bleibt („Exit“). Ging es um Status, ging es ihnen dabei auch immer um dessen Reflexion.

    Das ist auf „Imperium“ genau so. Sicherlich hat Grim104 immer noch klassische Flex-Momente: „[…] Ey, das ist AMI Paris, mein Parfüm von Diptyque […]“. Diese werden aber in den meisten Fällen nicht stehengelassen sondern eher lustig gebrochen: „[…] Du trägst […] Fishbone – wieso bist du so beliebt? […]“. Auf diese Weise ist sein Album auch kein verstaubter Vortrag aus dem Rosa-Luxemburg-Haus. Er doziert und moralisiert nicht – oder wie es in „Sonnenuntergang“ heißt: „[…] Was denn für mich links ist? Nicht das Suzie Grime-Links. Moralisch-überlegen-passiv-aggressive Instaslide-Links […]“). Vielmehr entwaffnet er sich selbst ehrlich und schonungslos. In „Voo Store“ schreibt er: „[…] Und vielleicht ist auch mein Ringen nach Klasse ein Zeichen dafür, dass ich doch gefangen bin in meiner Klasse […]“. Der Besitz und das Wissen über Upper Class-Symbole führen also nicht nur nicht zum Glück, sie verdeutlichen auch, dass ein Next-Level-Klassenaufstieg faktisch nicht möglich ist. In „Numb“ heißt es dazu: „[…] Alles tut weh, die Jobs, die wir machen, die Schulden, in den wir stecken seit Jahr’n […]“. Oder man muss schmerzlich erfahren, dass da an anderer Stelle deutlich mehr Kapital vorhanden ist: „[…] Wenn ich Yin Kalles Instagrampage auschecke. Wieso haben die mit zwanzig jetzt Geld für Dior? […] Ich kam mir damals mit Fred Perry wie ein Millionaire vor […]“. Das ist treffender Rap über die soziale Undurchlässigkeit in Deutschland. „[…] Kann da noch so viel Jil Sander gegen ankaufen. Im Voo Store seh‘ ich aus wie grad eben verlaufen. Der Preis, er ist hoch für ein Markenschwein sein. Ich geb‘ die Scheine gerne aus, sie bewahren den Schein […].“ Grim104 lässt auf diese Weise das neoliberale Narrativ „Vom Bordstein bis zur Skyline“ im Sand versinken oder – um es in einem anderen sprachlichen Bild auszudrücken – spült es wie ein heftiges Sommergewitter davon. Das ist für mich ernüchternd aber wohltuend.

    Rave the Summertime Sadness

    Warum „Imperium“ am Ende dann aber doch kein Midlife-Crisis-Totentanz ist, liegt vor allem an der Produktion von Kenji451. Insgesamt bieten die meisten Tracks trappige Hi-Hats und warme Synthie-Sounds, die mal verspielt vor sich hin zwitschern („Numb“), mal euphorisch die Gesangsmelodien begleiten („Abrakadabra“) und mal die ästhetische Chord-Fläche eines Songs bilden („Voo Store“).

    Wenn sich Grim104 zurücknimmt und die Musik ohne Rap-Parts durchläuft, fühle ich mich schnell in Momente versetzt, in denen ich etwas matt aber irgendwie glücklich durch eine warme Berliner Sommernacht fahre. Unterstützt wird dieses Gefühl auch durch Grim104s Entscheidung, weitestgehend auf seinen überschlagenden Wut-Rap („Rap.de“ vom ZM) zu verzichten und zum singenden Erzählen („Imperium“) zu wechseln. Die Teenage-Wut ist bei ihm gewichen und so wandelt er sich zu einem desillusionierten Ü30-Texter, dem man jetzt aber irgendwie lieber zuhört – nicht, weil man sich vor unbequemen Wahrheiten verschließt, sondern um Luft zu holen und nachzudenken, wie man diesen weiterhin begegnet. LGoony, einer der wenigen Gaststars auf dem Album, singt an dieser Stelle treffend: „[…] Ich krieg keine Luft, ich kann nicht mehr laufen. Ich brauch eine Pause, lass mich kurz chillen […].“

    Wie wichtig diese musikalischen Kurztrip-Retreat-Urlaube für mich sind, wird deutlich, wenn Songs wie „Bam Margera“, „Komm und Sieh“ und „Das Versprechen“ mich mit Themen wie Tod und Vergänglichkeit konfrontieren. Der Sensenmann sorgt bei mir nämlich selten für tropical Vibes. Hinzu kommt, dass die angesprochenen Tracks von tiefen Synthie-Bässen musikalisch untermalt werden. Die Bassheads unter den Hörer*innen wird es freuen.

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    Die größte musikalische Überraschung bietet der Track „Ü30 Männer im Club“ (feat. Kaiii). Hier stolpert Grim104 mit seinen Rap-Parts einem housigen Disco-Song hinterher. Gehetzt und aber nie wirklich cool, versucht er in der Musik anzukommen, ohne es wirklich zu schaffen. Das irritiert beim ersten Hördurchgang, macht beim zweiten aber schon wieder Sinn, da es die Deplatziertheit des Lyrischen Ichs im Club exakt musikalisch widerspiegelt. Sicherlich sollte die Tanzkultur grundsätzlich einen freien Raum für jede/ jeden anbieten und frei von Ageshaming sein. Grim104 stellt hier aber eine Figur aus, die weniger unbeholfen als viel mehr unangenehm ist. Das zeigt auch das Ende des Tracks:

    »Ich kann mir ein Taxi leisten und besoffen was zu Essen,
    ihr müsst auf den Nachtbus warten
    und kriegt nachher hoffentlich noch richtig auf die Fresse
    «

    Aus diesem Grund gelingt es Grim104, aus einer untighten House-Nummer ein Statement zu machen. Weißer Rap hat in einem Genre der Black Community so wenig zu suchen, wie ein besoffener, reicher und gehässiger Ü30 Mann auf einer Party.

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    Eine Alternative für Weirdo-Rap CEOs

    Rap-Musik steht in der Regel für Gegenwärtiges. Futuristische Versionen – ob nun textliche oder musikalische – werden eher in anderen Genre verhandelt. Sicherlich gibt es Ausnahmen wie Missy Elliott und Zebra Katz, der Großteil der Künstler*innen arbeitet sich aber am Hier und Jetzt ab.

    Das ist auf „Imperium“ auch nicht anders – fast jedenfalls. Bereits auf dem letzten ZM-Album wurde die Frage aufgemacht, was für einen Musikerbleibt, wenn man „[…] alles schon erzählt […] [und] bei Rock am Ring gespielt [hat]“ („Exit“). Den Strang nimmt Grim104 wieder auf und überrascht mit einem neuen Motiv. Gleich im ersten Song „Abrakadabra“ wird es mit dem Vers eingeführt: „[…] Ich bin ein Blatt, getragen vom Wind, wo trägt’s mich hin? Trägt es mir in meine Arme ein Kind? […]“. Der „Weirdo-Rap CEO“ („Voo Store“) setzt sich zaghaft mit dem möglichen Vatersein auseinander. Das ist für Deutschrap neu.

    Tatsächlich gibt es Musiker wie Sido, die über ihre Vaterschaft rappen. Dabei geht es aber immer schon darum, dass man Verantwortung für ein bereits lebendes Kind hat. Die Möglichkeit Vater zu werden, wird im Rap dagegen nie als Alternative zur Sinnfrage des Lebens aufgemacht. Grim104 versucht sich hieran, ohne dabei aber unglaubwürdig und pathetisch zu werden. Vielmehr spielt er verschiedene Szenarien durch und reflektiert deren Wirkung auf sich. In „Sonnenuntergang“ schreibt er: „[…] Ich bin […] eines Tages sicher Vater eines Kindes, das mich fragen wird, was denn für mich links ist […]?“. Die omnipräsente Summertime Sadness kann er damit auf „Imperium“ auch nicht vertreiben. Er schafft aber einen Grundton, der die Hörer*innen hoffen lässt, dass es nach dem Sommer noch etwas gibt, worauf man sich freuen kann. Der brennende Horizont – so auf dem Cover zum Album zu sehen – wartet vielleicht doch mit etwas Schönem auf.

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    Fotocredits: Ben Schieck

  • Dorothy Bird schwebt auf ihrem Debüt-Album „BELONGING“ in außerirdische Sphären

    Viel Raum für tiefe Gedanken und ganz viel Platz für sinnliche Atmosphären: Dorothy Bird lässt uns auf ihrem Debüt-Album „BELONGING“ durch ihre musikalischen Träume wandern und wir sind uns unsicher, ob wir jemals zurück in die Realität finden, geschweige denn zurückwollen. Das am 24. Juni als Vinyl erschienene Album ist seit gestern (Freitag, den 02. September) endlich auch auf allen Streaming-Plattformen zu finden.

    #Klavier-ASMR

    Ein sanftes akustisches Klavier reicht uns den Schlüssel zum Album und ebnet uns den Weg in die weite „Galaxy“. Das Intro der Platte strahlt so viel Wärme aus, dass uns ganz heiß um die Ohren wird. Wenn es die Rubrik „Klavier-ASMR“ noch nicht gibt, machen wir sie heute auf! Die angenehmen Hintergrundgeräusche des Klaviers, das leichte Atmen des Pedals und das leise Klacken der Tasten geben dem Stück einen besonderen Charakter. Hinzu kommen sphärische Sounds, die dem Klangraum Größe verleihen und uns hypnotisch in den Bann ziehen.

    Dorothy Bird, Belonging, illustrations Jo Pauli, photo Brian Roberts, alternative, indie, music, review, album, album review, untoldency, untold, singer songwriter, berlin
    Vocals aus Seide

    Aus der musikalischen Weite tritt seidenweich die Stimme von Dorothy Bird hervor. Der Titeltrack des Albums gibt der im Intro eingeführten Klangästhetik eine Form und lässt dabei weiterhin abschweifende Gedanken zu. Während die Worte über einen Ort der Heimat sinnieren, nimmt der Song mit Hilfe der einsetzenden Streicher und Drums zunehmend Schwung auf. Die Stimmung von „Belonging“ soll sich von nun an in wandelnden Nuancen über die gesamte LP spannen, stets getragen von der schwebenden Kopfstimme von Dorothy Bird

    Transzendenz

    Der dritte Song „Silent Warrior“ führt neben atmosphärischen Gitarrenmelodien, dramatischen Streichern und trip-hoppigen Schlagzeug-Grooves ein weiteres wiederkehrendes Element der Song-Produktionen ein. Ein knarzender, mechanischer Synth fügt sich in den Beat ein und verleiht der Stimmung Nachdruck ohne abzulenken. Immer wieder tauchen metallische Klänge in den Stücken auf und schenken den transzendenten Momenten noch mehr kosmische Größe.

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    Musikalische Seelsorge

    Das Debütalbum von Dorothy Bird bleibt sich stets treu. Die musikalischen Farben bleiben jederzeit stimmig und konsistent. Was moderne Popalben regelmäßig vermissen lassen, bringt „BELONGING“ auf den Punkt. Viel Gefühl, nachdenklich schwebende Stimmungen mit düsteren Nuancen und ein kleines bisschen Harry Potter Zauber verstecken sich auf diesem wunderbaren Album. Das Einzige, was uns noch fehlt, ist ein passendes Wort, das diese Stimmung zusammenfasst. Das schöne ist, dass die klare musikalische Linie keine Irritationen bei Hörer:innen hervorruft. Entweder man kann sich in diese Musikwelt hineinversetzen oder man geht auf die Suche nach einer anderen Hörerfahrung. Es gibt keine Aussetzer und auch keine Überraschungen. Das ist ein Kompliment an die Homogenität der Songs, die ein sanftes Abtauchen in andere musikalische Dimensionen zulässt.

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    Fotocredits: Brian Roberts

  • The Kooks im Interview: „We wanted to create something where you could hear the anatomy of the songs“

    The Kooks im Interview: „We wanted to create something where you could hear the anatomy of the songs“

    Blickt man retrospektiv auf die großen Indiebands der Nullerjahre, wird einem schnell etwas auffallen. Ein bedeutend großer Teil ist nämlich von der Bildfläche verschwunden. Die wenigsten erleben Jahre bzw. Jahrzehnte nach ihrem Durchbruch immer noch neue Karrierehöhepunkte. Eine Band, die (glücklicherweise) nicht zu diesen verschollenen Bands zählt, sind eindeutig The Kooks

    Kennengelernt und gegründet haben sich The Kooks in den frühen Nullerjahren in Brighton, UK. Mit ihrem damals lang ersehnten Debütalbum Inside In/Inside Out, können sie sich einen ersten Namen in der Branche machen. Auch mit ihrem zweiten Album Konk, benannt nach dem Studio in welchem es aufgenommen wurde, gingen The Kooks 2008 durch die Decke. 
    Ohrwürmer wie Naive, oder She Moves In Her Own Way sind wohl allen Fans des guten Gitarren Pops bekannt. Auch 10 Jahre später, 2018, schaffen sie es mit ihrem Album Lets Go Sunshine erneut in die europäischen Charts.

    Und nein, das war natürlich nicht alles. Über den Werdegang der Kooks könnte man noch mindestens 3 Seiten schreiben, dass erspare ich uns jetzt aber. Viel wichtiger ist nämlich: Ein weiteres Album erwartet unsUnd das schon diesen Freitag. Es trägt den schönen Namen 10 Tracks to Echo in the Dark und ist laut Hugh Harris “more indie than ever”.

    Interview

    Lara: Hey! Im glad this worked out. How are you, shortly before the big albumrelease?

    Hugh: Yeah, I’m doing good. Thank you. It is right before the album release, isn’t it? It’s a big step for us making it to this album as a band. Not many bands get the privilege to last to the seventh record. But, it’s getting on a bit. And I’m immensely excited and appreciative of the fact that we’re still going. I mean, it’s just great. We’re still playing music, you know, 15-20 years on? Like, what? That’s crazy. 

    Lara: As you said, your band have been a part of the music business for almost 20 years. How have the releases changed over time?  Are you still nervous after all this time?

    Hugh: A good question. It’s totally different. It’s not a case of nervous or not nervous, it’s a case of back in the day. I’d say with our first album, you know, you’ve got nothing to lose. So there’s no nerves, it’s just whatever, who cares, just throw it out there, give it a go and see what happens. There’s no nerves, there’s no pressure. And the same with the second, because you’re just kind of fresh and young and excited and impressionable. And the nerves don’t really come into it. But you want to be received well.

    And now, at this stage, we have a really great, amazing, wonderful fan base all over Europe. And that’s really important for us, so we have more experience with releasing records. So there’s a certain nervousness when it comes to inspiring our fans and creating something that they like. But that’s also part of our journey. And also, I mean, at this stage, if we had fallen from grace, if we had just blown up, for whatever reason, it would have been a great time, you know, it would have been a fucking great time. I mean, if the band died on this record, what we’re supposed to recover from, but in a way that also calms the nerves. So it’s a complex answer to a simple question. I’m sorry.

    Berlin, Bauhaus & Bautiful World

    Lara: 10 tracks to echo in the dark is produced by Tobias Kuhn. How did you guys met each other?

    Hugh: It was first a writing session with Luke and Tobias in Berlin. Then we, the band, joined in once. A few songs were kind of structurally born already. I remember the first time I worked with him. First of all, I got along really well with him. He’s a great producer to work with, he’s very receptive, he can see where you’re going with the idea, and he also shows you other doors. And that’s the sign of a really special producer, who can’t stop your progress with the idea you have in the studio, but also reminds you of the other ways.  

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    And I remember after the first day of working with him in the studio, I was riding the bus. I don’t know why, I never ride the bus. But I got on the bus. And I thought in my head that this was a very special session. And I was also thinking that no one has ever called me Rainbow Fox before. So I was flattered and confused and puzzled. But he seemed to have a similar melodic mind to me and a similar attention to detail. He’s very detailed, and there are no frills.

    Lara: Your song „Beautiful World“ features the band Milky Chance. How come you decide to do a song together?

    Hugh: We have the same producer. I think we wanted to work with a contemporary band that we kind of related to and that was part of our group, and it was also a departure from the nineties when bands were pitted against each other and despised each other. It’s nice to work with a band that you respect and that’s in the same league. And that felt kind of fresh, it felt like a new thing. And also, they’re just great. They’re just nice people. They’re just great, great guys. And brilliant musicians, great songwriters. Yeah, why not?

    Say cheese!

    Lara: How do you wanted to sound like on the new album?

    Hugh: There were a few conversations about the sound. The main references were to keep things very simple and strong. We didn’t want to add too much, not too many layers, just strong melodies. And we talked a lot about 80s guitar pop music, which we’re all obsessed with. The Cure came up, Talking Heads. Van Halen at one point, so the reference points were kind of cheesy, but the fun kind of cheese, not the bad kind of stinky cheese. 

    We wanted to create something that was very strong. When I say strong, I mean what I mean. It’s very deconstructed and ergonomic, architecturally. Like a Bauhaus thing where you can see the inner workings of the song, the anatomy of the song. You can hear the synthesizer, you can hear the guitar, you can hear the beat, you can even hear the vocals, you can just see four elements, four or five elements that are really strong together. That’s really important, I think.

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    Lara: I have to admit that I am a really big fan of the very first sound of the album. It’s just a drum, but with such a beautiful sound that it triggers something positive in my head. I really don’t know exactly why, but it’s just great.

    Hugh: I know exactly what you mean. That’s the nature of this rich kind of electronic sound. 

    So beautiful, so pleasing to the ear. And a lot of that is because of Craig Silvey, the mixer. He really gave the record a sonic identity. He really brought everything out. I don’t know what he has in his studio, but it’s damn good stuff. It’s creamy, analog, punchy, all kinds of stuff. I’m not an engineer. But yeah, he changed the direction of the whole record, sonically, because we wanted to go the indie route, but then we decided on kind of, I guess, like the identity of the record.

    I think industrial is a good word to describe the sound. There’s something industrial about it. And that’s what I mean, I think that’s the influence of Berlin, like Bauhaus, coming through. Just very, very natural. 

    Lara: In the press text for the album it says that you have left your old demons behind. And I think you can hear that in the album as well. But can you say how you left them or how they left you? What has changed?

    Hugh: Yes, I think a lot has changed in the band since we started. We work in a very different way. I think with the invention of the laptop. We used to sit in a room together and try 25 different arrangements for one song. And that could take all day. And then you have to decide, we have to try to vote on it. And then that takes another day. And then you change your mind and go back. And then you hear it in the studio and you think, oh, we should have done it differently.

    But now you can just do it all on the computer. And I don’t know if we’ll ever – I’m sure purists will – but I don’t think we’ll ever record like that again. I mean, I’d love to, but I think that’s what we’ve given up on. I don’t think we’ve given up our stride or our ethos as an indie band. I think we’re more indie now than ever. Very independent, very self-sufficient. And we’re not mainstream, but we’re sort of on the cusp of it. We’re not alternative. But as I said, we’re kind of through and through. And that’s actually always been the case. But what’s different. Is there anything that we’ve thrown away?

    I think it’s just evolved away from the difficult, tedious kind of recording that we used to do. But hey, people used to say that was negative. Maybe it’s better to record that way. Maybe we had more success that way. Maybe we should do it again. Maybe that’s why the first album was our best record. And we missed a trick. Fuck.

    Lara: So the big project, the album, is done now. Are you glad that it’s done, or do you want to jump right into the next project? What are your plans for the near future?

    Hugh: Oh, that’s right. I’m going to get a lot of plans. I guess the plan with The Kooks is to talk the album, learn how to play as a first step, and tour with it.

    Then I’m going to write some kind of musical theater piece. That’s going well and I just tackled as many things as I could. I think we’re at a stage now where it’s totally doable to have all kinds of projects. It’s nice to be busy for the brain as well.
    But yeah, for The Kooks, it’s about promoting hard, strong promotional tools and and just hoping that people receive the record. 

    Lara: Do you will have shows in Germany?

    Hugh: Yeah, we’re coming to Germany in February next year. We’ve got a European tour. I think everywhere like Frankfurt, Berlin, Hamburg. Everywhere. You should come!

    Lara: Oh yes, probably! At the end of each interview we asked the artists for an untold story, something they’ve never told in an interview before. It can be something funny, an anecdote, for example, something that happened during the making of the album, or just anything that’s on your mind that you want to share with the world.

    Hugh: This is something like a therapy session. Actually, the mind is very empty. Most of the time it needs some stimulation from a word or a conversation. But I can tell you something about the process of making the album, if that’s okay. Because that’s still fresh in my mind. 

    So there’s one song that didn’t make it onto our record. And it’s a beautiful song. I really love it. But nobody else liked it. So it didn’t make the record. And I especially loved it because it basically has the most awkward solo in the world. And it made me tap my fingers on my guitar. But the reason I started finger tapping is because it was recorded the day Van Halen died. And so it’s kind of a tribute to him. And I really hope we get that song out on a bonus CD or something, because it means a lot to me. It’s not really an anecdote. It’s just a piece of information.

    10 Tracks to Echo in the Dark wird am 22.07.2022 unter dem Label Lonely Cat veröffentlicht.

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    Fotos: Paul Johnson